Ziel dieser Arbeit war es zu untersuchen, ob sich aus der
wissenschaftlichen Hypertextliteratur Anregungen
für das HTML-Publishing gewinnen lassen.
Es ging dabei um den "kleinen HTML-Publisher", der mit einfachen Mitteln
und geringem Aufwand eine Website erstellen möchte. Er muß sich
auf die Möglichkeiten beschränken, die nach dem derzeitigen Stand
der Technik gegeben sind. Er kann weder die HTML-Spezifikation noch das
TCP/IP-Protokoll ändern, um
die Hypertextfunktionalität des
WWW zu erweitern. Er hat auch
keine Zeit, fehlende Funktionen in eigenen
Java-Applets nachzuprogrammieren.
Er kann nur das einsetzen, was bereits vorhanden ist. Ein solcher HTML-Publisher
kann aus der Hypertextliteratur viererlei Nutzen ziehen:
1. Manche Designfragen werden im HTML-Publishing eher selten angesprochen.
Diese Designfragen werden in der Regel intuitiv oder durch Nachahmung
gelöst. Oft hat sich ein bestimmtes Vorgehen eingebürgert, über
das nicht weiter nachgedacht wird. In der Hypertextliteratur werden diese
Fragen aber ausführlich diskutiert. Für den HTML-Publisher kommt
es hier weniger auf die Ergebnisse an, die oft tatsächlich mit dem
übereinstimmen, was in der Praxis üblich ist. Es geht vielmehr
darum, daß er sich die Problematik überhaupt erst bewußt
macht. Dann kann er die entsprechenden Designentscheidungen ganz bewußt
treffen und ist auch in der Lage, diejenigen Fälle zu erkennen, in denen
er von der üblichen Vorgehensweise abweichen sollte.
Es gibt mehrere Beispiele für Designfragen, über die meiner Erfahrung
nach nur selten nachgedacht wird. So wird in nahezu jeder HTML-Anwendung
den Benutzern ein hierarchischer
Zugriff angeboten. Beruht die Anwendung auf einem gedruckten Dokument,
dann wird in fast allen Fällen die Originalstruktur beibehalten.
Verweise werden dort eingefügt, wo
dies sinnvoll erscheint, auf die
Verweisdichte wird vermutlich nicht
geachtet. Dasselbe gilt für
Navigationshilfen: Es wird wohl kaum
überlegt, ob viel oder wenig Navigationshilfen sinnvoll sind. Wahrscheinlich
haben sich auch noch nicht alle HTML-Publisher klargemacht, daß die
Terminologie des WWW auf Metaphern beruht
und daher jeder HTML-Anwendung automatisch Metaphern zugrunde liegen. Ebenso
dürfte den wenigsten bewußt sein, welche
Phasen bei der Entwicklung einer
Hypertextanwendung durchlaufen werden und wie das Design von den technischen
Rahmenbedingungen und den zukünftigen Benutzern
abhängt.
2. Bei der Entwicklung einer Hypertextanwendung gibt es Dinge, die eigentlich
selbstverständlich sind - oder zumindest naheliegend und eindeutig
vorteilhaft -, die aber trotzdem gerne vergessen werden. Der Beitrag der
Hypertextliteratur kann hier darin liegen, an diese Dinge zu erinnern und
zu ihrer Beachtung aufzufordern.
Zum Beispiel gilt:
3. Eine weitere Kategorie von Designfragen sind diejenigen, vor die man auf
jeden Fall gestellt ist, bei denen es aber keine eindeutig richtige und vor
allem keine auf Anhieb als richtig erkennbare Entscheidung gibt. Der
HTML-Publisher muß über diese Designfragen in jedem Fall bewußt
nachdenken. Die Hypertextliteratur kann hier viele Argumente und Ergebnisse
empirischer Untersuchungen beisteuern und daher eine wertvolle Entscheidungshilfe
sein.
Dies betrifft z. B. die Frage, ob
point-to-point links
oder nur point-to-node
links eingefügt werden, woran
Verweisanker zu erkennen sind, ob das
ursprüngliche Papierlayout beibehalten wird, ob die Dokumente
Inline-Graphiken, Thumbnail-Graphiken oder
nur textuelle Hinweise auf Graphiken enthalten und ob die Benutzer auf
ein Suchsystem zurückgreifen
können.
4. Schließlich finden sich in der Hypertextliteratur auch ganz neue
Vorschläge und Ideen für ein Design, das im HTML-Publishing bisher
unüblich war, das aber auch in HTML-Anwendungen realisierbar ist. Allerdings
ist die Realisierung oft außerordentlich aufwendig.
Zum Beispiel könnte als Struktur
des Hypertextes ein DAG oder ein
Hypertorus gewählt werden. Die
Benutzer könnten Informationen über die Art der Verweise erhalten
(labeled links). Dem Hypertext
könnte eine ungewöhnliche, auffällig realisierte
Metapher zugrunde liegen. Ein
Index und eine
Guided Tour könnten die klassischen
Navigationshilfen ergänzen. Die
graphische Übersicht könnte
auf modernen Visualisierungstechniken beruhen. Außerdem könnte
bei der Entwicklung der Hypertextanwendung eine
formale Notation verwendet werden.
Man erkennt, daß sich aus der Hypertextliteratur durchaus Anregungen
für das HTML-Publishing gewinnen lassen. Allerdings darf der Gewinn
nicht unabhängig vom Einsatz betrachtet werden. Und dieser kann aus
zwei Gründen recht hoch werden:
Aus der Sicht des "kleinen HTML-Publishers" ist daher die Informationsdichte
bzw. das Verhältnis von umsetzbaren Anregungen (Gewinn) zum Zeitaufwand
für die Lektüre (Einsatz) recht ungünstig. Es ist daher
verständlich, wenn er eher auf andere Quellen zurückgreift, z. B.
auf verschiedene Style-Guides im Internet. Dennoch ist es wichtig, daß
die alten Ideen aus der Hypertextforschung nicht in Vergessenheit geraten
und die neuen Ideen nicht unbemerkt bleiben. Daher sollten die umsetzbaren
Erkenntnisse der Hypertextforschung den HTML-Publishern in konzentrierter
Form zugänglich gemacht werden. Vielleicht konnte diese Diplomarbeit
einen ersten Beitrag hierzu leisten.