Texte bestehen nicht nur aus alphanumerischen Zeichen, sondern enthalten
oft auch Graphiken, die das Gesagte verdeutlichen
oder zusammenfassend darstellen (Landow 1990, S. 55).
In gedruckten Dokumenten werden Graphiken normalerweise direkt in den verbalen
Text eingebettet und somit in das Layout integriert. Dies ist natürlich
auch bei Hypertext-Dokumenten möglich, wo man in diesem Zusammenhang
von "Inline-Graphiken" spricht (Klute 1994,
S. 190,
Krüger
URL) [53]. Darüber hinaus
bietet Hypertext die Alternative, Graphiken in einem eigenen Fenster
darzustellen. In den laufenden Text werden dann nur Verweise auf diese Graphiken
eingefügt, so daß der Leser selbst entscheiden kann, ob er Zeit
und ggf. Geld investieren möchte, um die jeweilige Graphik zu laden.
Als Verweisanker bietet sich außer einem Hinweis wie "vgl. Abbildung"
insbesondere eine stark verkleinerte Kopie der Graphik an (sog.
"Thumbnail Graphik",
Apple
URL 1).[54]
Es stellt sich nun die Frage, welche der beiden Möglichkeiten (Inline
vs. Thumbnail Graphiken) vorzuziehen ist.
In diesem Zusammenhang lohnt sich zunächst ein Blick auf Ergebnisse
der Leseforschung. Im Rahmen der Leseforschung werden u. a. verschiedene
Lesestrategien untersucht. Ein Aspekt ist dabei der Umgang mit sog.
ancillary materials
[55], d. h. zum Beispiel mit
Fußnoten, Beispielen und eben auch Graphiken.
Relevant für die Gestaltung von HTML-Seiten sind diese Forschungen deshalb,
weil gezeigt werden konnte, daß Leser bei der Entscheidung, ob
ancillary materials berücksichtigt werden oder nicht, von
Designfaktoren beeinflußt werden (vgl. Black 1992, zit. nach
Wright 1990,
S. 140-143)[56].
Daraus schließt Wright (1990, S. 140), daß Leser diese Entscheidung
nicht allein aufgrund von internen Kriterien treffen, d. h. aufgrund
einer Überlegung, ob sie die zusätzlichen Informationen benötigen
oder nicht, sondern daß sie den potentiellen Nutzen dieser Informationen
möglicherweise gegen "kognitive Kosten" beim
Zugriff auf diese Informationen abwägen. Kognitive Kosten könnten
z. B. dadurch entstehen, daß der Lesefluß und damit der
Verstehensvorgang unterbrochen wird, daß sich der Leser auf den
zusätzlichen Informationszugriff konzentrieren muß und daß
ggf. andere Verarbeitungskanäle aktiviert werden müssen (etwa beim
Übergang von visueller zu auditiver Information in Multimedia-Anwendungen
[*]).
Kognitive Kosten führen dazu, daß innerhalb der gleichen Zeit
weniger Informationen aufgenommen werden können. Eine gute Lesestrategie
setzt voraus, daß kognitive Kosten und Nutzen richtig eingeschätzt
werden.
Wright et al. (1990, zit. nach Wright 1993, S. 144) konnten nun
in einer Studie zeigen, daß sich Leser in Bezug auf Graphiken nicht
immer für die richtige Lesestrategie entscheiden: Leser eines Hypertextes,
die jederzeit die Möglichkeit hatten, einem Verweis auf ein Diagramm
zu folgen, die dazu aber nicht gezwungen wurden, schnitten in einem
Verstehenstest deutlich schlechter ab als Leser, denen das Diagramm an einer
bestimmten Stelle automatisch gezeigt wurde. Daraus schließt Wright:
"[...] encouraging hypertext authors to take charge of readers' encounter
with diagrams may be an efficient and effective way by which authors can
supplement an apparent deficit in reading strategy." (Wright 1993,
S. 144f).
Dies bedeutet konkret, daß Inline-Graphiken zu bevorzugen sind, da
sie die Verstehensleistung verbessern.
Allerdings erhöhen Inline-Graphiken die Dateigröße und damit
die Ladezeit. Dies widerspricht einer Forderung, die in der Hypertext-Literatur
immer wieder auftaucht: Die response time eines
Hypertext-Systems sollte gering gehalten werden (vgl. z. B. Rada 1991,
S. 28, Nanard 1996. S. 4, Hofmann 1995, S. 88).
Für Nanard ist dies beinahe ein definierendes Merkmal von Hypertext.
Im Rahmen eines Definitionsversuches betont er: "The role of hypertext is
to be a friendly partner which quickly provides the reader with the most
relevant information according to the reading task context."
(Nanard 1996, S. 4, Hervorhebung im Original). Bei der
Erläuterung des Wortes "quickly" bezeichnet er die response time
als "one of the main qualities for a partner" (S. 5).
Auch Nielsen (1990, S. 4) macht die Entscheidung, ob ein System als
Hypertext-System betrachtet werden kann, indirekt von der response time
abhängig:
Many non-hypertext computer techniques may at least match various aspects of the definition of hypertext, but true hypertext should also make users feel that they can move freely through the information [...]. This feeling is hard to define precisely but certainly implies small overhead with respect to using the computer. This means short response times so that the text is on the screen as soon as the user asks for it." (Nielsen 1990, S. 4).
Begründet wird die Forderung nach kurzen Antwortzeiten damit, daß
die Zufriedenheit der Benutzer zunimmt (Rada 1991, S. 28,
Nielsen
URL 1) und daß mit schnelleren Systemen schneller gearbeitet
werden kann (Patterson und Egido 1987, zit. nach Nielsen 1990,
S. 149). Außerdem wird die Orientierung im Hypertextnetzwerk
erleichtert und die kognitive Überlastung der Leser verringert (Conklin
1991, S. 425f.), da falsche Navigationsentscheidungen schnell korrigiert
werden können. Somit haben kurze Antwortzeiten einen positiven Einfluß
auf die beiden Problembereiche, die im Zusammenhang mit Hypertext am
häufigsten angesprochen werden.
Allerdings ist in der Hypertextliteratur von Antwortzeiten zwischen 0,1 und
0,5 Sekunden die Rede, wobei noch betont wird, daß kürzere
Antwortzeiten keinen Vorteil bringen, da sie für die Benutzer verwirrend
sein können (Rada 1991, S. 28, Shneiderman und
Kearsley 1989, zit. nach Rada 1991, S. 28, Nielsen 1990,
S. 87). Für Web-Anwendungen sind solche Antwortzeiten völlig
utopisch. Insbesondere im Internet sind lange Wartezeiten ein bekanntes
Problem.[57] Während man in der
Software-Ergonomie normalerweise davon ausgeht, daß Benutzer nach
10 Sekunden das Interesse verlieren, liegt diese Grenze im Internet
aufgrund schlechter Erfahrungen vermutlich bei 15 Sekunden
(Nielsen
URL 2).
Trotz oder gerade wegen der sowieso schon schlechten Situation ist es auch
hier wichtig, die response time möglichst gering zu halten und
nicht durch große Inline-Graphiken unnötig zu verlängern.
Aus der wissenschaftlichen Literatur ergeben sich somit zwei gegensätzliche
Argumente:
In der Praxis muß anhand der konkreten Situation entschieden werden,
welches der beiden Argumente ausschlaggebend ist.
Für das QM-Handbuch wurden Inline-Graphiken
gewählt, da bei einer Intranet-Anwendung Ladezeiten keine so große
Rolle spielen wie im World Wide Web. Hinzu kommt, daß im QM-Handbuch
ein Großteil der Navigation über die Inhaltsverzeichnisse
abläuft. Bevor eine Textdatei geladen wird, kann fast immer am
zugehörigen Inhaltsverzeichnis geprüft werden, ob die gesuchten
Informationen tatsächlich in der jeweiligen Datei zu finden sind. Ein
weiteres, praktisches Argument für Inline-Graphiken war, daß auf
diese Weise Graphiken automatisch mit dem Text ausgedruckt werden.
Es wurde natürlich versucht, die Größe der Graphikdateien
zu minimieren. Daher wurde das Graphikformat GIF verwendet, das im Vergleich
zur Alternative JPEG in vielen Fällen weniger Speicherplatz benötigt.
Außerdem wurden die Graphiken verkleinert, sofern die Qualität
dies zuließ.[58]
[53] HTML-Auszeichnung: <IMG
SRC="Bild.gif">
[54] HTML-Auszeichnung: <A
HREF="Bild.gif">vgl. Abbildung</A> bzw. <A
HREF="Bild.gif"><IMG SRC="Bild-klein.gif"></A>
[55] ancillary: engl. untergeordnet,
Hilfs-, Neben-
[56] Beispielsweise wurden in einem Experiment
93% der Glossareinträge gelesen, wenn diese im Text gekennzeichnet waren,
ohne Kennzeichnung waren es dagegen nur 62%.
[*] Dieses Phänomen tritt auch bei der Lektüre
japanischer Texte auf, da es im Japanischen vier Schriften gibt, zwischen
denen innerhalb eines Textes ständig gewechselt wird: Kanji (chinesische
Schriftzeichen), Hiragana (silbische Lautschrift mit eher runden Zeichen),
Katagana (silbische Lautschrift mit eher kantigen Zeichen) und Roman-Kanji
(unsere lateinische Schrift). Durch das Springen zwischen diesen
verschiedenartigen Schriften wird zusätzliche mentale Energie verbraucht.
Dasselbe gilt für die im Internet übliche Verwendung von Emoticons:
Vor allem in E-Mails werden Gefühle oft dadurch zum Ausdruck gebracht,
daß entsprechende Zeichen (sog. Emoticons oder Smileys) in den Text
eingefügt werden. Es wird z. B. geschrieben: Ich bin durch die
Prüfung gefallen :-( " oder Das kommt mir irgendwie bekannt vor
;-) "
[57] vgl. die scherzhafte Interpretation
von "WWW" als "World Wide Waiting".
[58] Ein Schaubild mußte dagegen sogar
um 50 % vergrößert werden, um die Leserlichkeit am Bildschirm
zu gewährleisten. In diesem Fall wurde ausnahmsweise eine Thumbnail-Graphik
eingefügt, da die Verzögerung der Ladezeit sonst nicht mehr zu
rechtfertigen gewesen wäre.