previous next Up Title Contents Index

3.5.6.3 Layout: Wie werden Graphiken dargestellt?


Texte bestehen nicht nur aus alphanumerischen Zeichen, sondern enthalten oft auch Graphiken, die das Gesagte verdeutlichen oder zusammenfassend darstellen (Landow 1990, S. 55).
In gedruckten Dokumenten werden Graphiken normalerweise direkt in den verbalen Text eingebettet und somit in das Layout integriert. Dies ist natürlich auch bei Hypertext-Dokumenten möglich, wo man in diesem Zusammenhang von "Inline-Graphiken" spricht (Klute 1994, S. 190, Krüger URL) [53]. Darüber hinaus bietet Hypertext die Alternative, Graphiken in einem eigenen Fenster darzustellen. In den laufenden Text werden dann nur Verweise auf diese Graphiken eingefügt, so daß der Leser selbst entscheiden kann, ob er Zeit und ggf. Geld investieren möchte, um die jeweilige Graphik zu laden. Als Verweisanker bietet sich außer einem Hinweis wie "vgl. Abbildung" insbesondere eine stark verkleinerte Kopie der Graphik an (sog. "Thumbnail Graphik", Apple URL 1).[54]
Es stellt sich nun die Frage, welche der beiden Möglichkeiten (Inline vs. Thumbnail Graphiken) vorzuziehen ist.


Inline-Graphik
Abbildung 3.5.6-5:
Inline-Graphik


Thumbnail-Graphiken
Abbildung 3.5.6-6:
Thumbnail-Graphiken


in den Text integrierte Verweise auf Graphiken
Abbildung 3.5.6-7: in den
Text integrierte
Verweise auf Graphiken
explizite textuelle Hinweise auf Graphiken
Abbildung 3.5.6-8: explizite
textuelle Hinweise
auf Graphiken


In diesem Zusammenhang lohnt sich zunächst ein Blick auf Ergebnisse der Leseforschung. Im Rahmen der Leseforschung werden u. a. verschiedene Lesestrategien untersucht. Ein Aspekt ist dabei der Umgang mit sog. ancillary materials [55], d. h. zum Beispiel mit Fußnoten, Beispielen und eben auch Graphiken.
Relevant für die Gestaltung von HTML-Seiten sind diese Forschungen deshalb, weil gezeigt werden konnte, daß Leser bei der Entscheidung, ob ancillary materials berücksichtigt werden oder nicht, von Designfaktoren beeinflußt werden (vgl. Black 1992, zit. nach Wright 1990, S. 140-143)[56].
Daraus schließt Wright (1990, S. 140), daß Leser diese Entscheidung nicht allein aufgrund von internen Kriterien treffen, d. h. aufgrund einer Überlegung, ob sie die zusätzlichen Informationen benötigen oder nicht, sondern daß sie den potentiellen Nutzen dieser Informationen möglicherweise gegen "kognitive Kosten" beim Zugriff auf diese Informationen abwägen. Kognitive Kosten könnten z. B. dadurch entstehen, daß der Lesefluß und damit der Verstehensvorgang unterbrochen wird, daß sich der Leser auf den zusätzlichen Informationszugriff konzentrieren muß und daß ggf. andere Verarbeitungskanäle aktiviert werden müssen (etwa beim Übergang von visueller zu auditiver Information in Multimedia-Anwendungen [*]).
Kognitive Kosten führen dazu, daß innerhalb der gleichen Zeit weniger Informationen aufgenommen werden können. Eine gute Lesestrategie setzt voraus, daß kognitive Kosten und Nutzen richtig eingeschätzt werden.
Wright et al. (1990, zit. nach Wright 1993, S. 144) konnten nun in einer Studie zeigen, daß sich Leser in Bezug auf Graphiken nicht immer für die richtige Lesestrategie entscheiden: Leser eines Hypertextes, die jederzeit die Möglichkeit hatten, einem Verweis auf ein Diagramm zu folgen, die dazu aber nicht gezwungen wurden, schnitten in einem Verstehenstest deutlich schlechter ab als Leser, denen das Diagramm an einer bestimmten Stelle automatisch gezeigt wurde. Daraus schließt Wright: "[...] encouraging hypertext authors to take charge of readers' encounter with diagrams may be an efficient and effective way by which authors can supplement an apparent deficit in reading strategy." (Wright 1993, S. 144f).
Dies bedeutet konkret, daß Inline-Graphiken zu bevorzugen sind, da sie die Verstehensleistung verbessern.

Allerdings erhöhen Inline-Graphiken die Dateigröße und damit die Ladezeit. Dies widerspricht einer Forderung, die in der Hypertext-Literatur immer wieder auftaucht: Die response time eines Hypertext-Systems sollte gering gehalten werden (vgl. z. B. Rada 1991, S. 28, Nanard 1996. S. 4, Hofmann 1995, S. 88). Für Nanard ist dies beinahe ein definierendes Merkmal von Hypertext. Im Rahmen eines Definitionsversuches betont er: "The role of hypertext is to be a friendly partner which quickly provides the reader with the most relevant information according to the reading task context." (Nanard 1996, S. 4, Hervorhebung im Original). Bei der Erläuterung des Wortes "quickly" bezeichnet er die response time als "one of the main qualities for a partner" (S. 5).
Auch Nielsen (1990, S. 4) macht die Entscheidung, ob ein System als Hypertext-System betrachtet werden kann, indirekt von der response time abhängig:

Many non-hypertext computer techniques may at least match various aspects of the definition of hypertext, but true hypertext should also make users feel that they can move freely through the information [...]. This feeling is hard to define precisely but certainly implies small overhead with respect to using the computer. This means short response times so that the text is on the screen as soon as the user asks for it." (Nielsen 1990, S. 4).

Begründet wird die Forderung nach kurzen Antwortzeiten damit, daß die Zufriedenheit der Benutzer zunimmt (Rada 1991, S. 28, Nielsen URL 1) und daß mit schnelleren Systemen schneller gearbeitet werden kann (Patterson und Egido 1987, zit. nach Nielsen 1990, S. 149). Außerdem wird die Orientierung im Hypertextnetzwerk erleichtert und die kognitive Überlastung der Leser verringert (Conklin 1991, S. 425f.), da falsche Navigationsentscheidungen schnell korrigiert werden können. Somit haben kurze Antwortzeiten einen positiven Einfluß auf die beiden Problembereiche, die im Zusammenhang mit Hypertext am häufigsten angesprochen werden.
Allerdings ist in der Hypertextliteratur von Antwortzeiten zwischen 0,1 und 0,5 Sekunden die Rede, wobei noch betont wird, daß kürzere Antwortzeiten keinen Vorteil bringen, da sie für die Benutzer verwirrend sein können (Rada 1991, S. 28, Shneiderman und Kearsley 1989, zit. nach Rada 1991, S. 28, Nielsen 1990, S. 87). Für Web-Anwendungen sind solche Antwortzeiten völlig utopisch. Insbesondere im Internet sind lange Wartezeiten ein bekanntes Problem.[57] Während man in der Software-Ergonomie normalerweise davon ausgeht, daß Benutzer nach 10 Sekunden das Interesse verlieren, liegt diese Grenze im Internet aufgrund schlechter Erfahrungen vermutlich bei 15 Sekunden (Nielsen URL 2).
Trotz oder gerade wegen der sowieso schon schlechten Situation ist es auch hier wichtig, die response time möglichst gering zu halten und nicht durch große Inline-Graphiken unnötig zu verlängern.
Aus der wissenschaftlichen Literatur ergeben sich somit zwei gegensätzliche Argumente:


In der Praxis muß anhand der konkreten Situation entschieden werden, welches der beiden Argumente ausschlaggebend ist.

Minicone Für das QM-Handbuch wurden Inline-Graphiken gewählt, da bei einer Intranet-Anwendung Ladezeiten keine so große Rolle spielen wie im World Wide Web. Hinzu kommt, daß im QM-Handbuch ein Großteil der Navigation über die Inhaltsverzeichnisse abläuft. Bevor eine Textdatei geladen wird, kann fast immer am zugehörigen Inhaltsverzeichnis geprüft werden, ob die gesuchten Informationen tatsächlich in der jeweiligen Datei zu finden sind. Ein weiteres, praktisches Argument für Inline-Graphiken war, daß auf diese Weise Graphiken automatisch mit dem Text ausgedruckt werden.
Es wurde natürlich versucht, die Größe der Graphikdateien zu minimieren. Daher wurde das Graphikformat GIF verwendet, das im Vergleich zur Alternative JPEG in vielen Fällen weniger Speicherplatz benötigt. Außerdem wurden die Graphiken verkleinert, sofern die Qualität dies zuließ.[58]

[53] HTML-Auszeichnung: <IMG SRC="Bild.gif">
[54] HTML-Auszeichnung: <A HREF="Bild.gif">vgl. Abbildung</A> bzw. <A HREF="Bild.gif"><IMG SRC="Bild-klein.gif"></A>
[55] ancillary: engl. untergeordnet, Hilfs-, Neben-
[56] Beispielsweise wurden in einem Experiment 93% der Glossareinträge gelesen, wenn diese im Text gekennzeichnet waren, ohne Kennzeichnung waren es dagegen nur 62%.
[*] Dieses Phänomen tritt auch bei der Lektüre japanischer Texte auf, da es im Japanischen vier Schriften gibt, zwischen denen innerhalb eines Textes ständig gewechselt wird: Kanji (chinesische Schriftzeichen), Hiragana (silbische Lautschrift mit eher runden Zeichen), Katagana (silbische Lautschrift mit eher kantigen Zeichen) und Roman-Kanji (unsere lateinische Schrift). Durch das Springen zwischen diesen verschiedenartigen Schriften wird zusätzliche mentale Energie verbraucht. Dasselbe gilt für die im Internet übliche Verwendung von Emoticons: Vor allem in E-Mails werden Gefühle oft dadurch zum Ausdruck gebracht, daß entsprechende Zeichen (sog. Emoticons oder Smileys) in den Text eingefügt werden. Es wird z. B. geschrieben: „Ich bin durch die Prüfung gefallen :-( " oder „Das kommt mir irgendwie bekannt vor ;-) "
[57] vgl. die scherzhafte Interpretation von "WWW" als "World Wide Waiting".
[58] Ein Schaubild mußte dagegen sogar um 50 % vergrößert werden, um die Leserlichkeit am Bildschirm zu gewährleisten. In diesem Fall wurde ausnahmsweise eine Thumbnail-Graphik eingefügt, da die Verzögerung der Ladezeit sonst nicht mehr zu rechtfertigen gewesen wäre.

previous next Up Title Contents Index