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3.5.6.1 Granularität

Ein wichtiger Aspekt bei der Entwicklung einer Hypertextanwendung ist die Knotengranularität, d. h. die Größe der Knoten und die "Menge an Informationen, die der Entwickler in einen Knoten packt" (Hofmann 1995, S. 119). Bei HTML-Anwendungen kann hierüber frei entschieden werden: Sofern genügend Arbeitsspeicher zur Verfügung steht, können die Knoten beliebig groß werden. Es ist aber auch möglich, sich freiwillig auf jeweils eine Bildschirmseite zu beschränken, so daß die Benutzer ohne Scrolling navigieren können. Vor- und Nachteile verschiedener Knotengrößen werden in der Hypertextliteratur intensiv diskutiert [44]. Die meisten Argumente[45] ergeben sich aus der Tatsache, daß Anwendungen mit kleinen Knoten mehr Hypertextcharakter besitzen als Anwendungen mit großen Knoten. Daher kommen bei kleinen Knoten die Vorteile von Hypertext stärker zur Geltung: Die Benutzer können in eigener Verantwortung zwischen vielen verschiedenen Lesepfaden wählen. Der "degree of freedom" (McAleese 1990, S. 101) nimmt zu. Gleichzeitig sind natürlich auch die Nachteile von Hypertext stärker ausgeprägt: Es besteht die Gefahr, daß die Leser durch ständige Entscheidungsprozesse und häufigen "Ortswechsel" überfordert sind. Jeder Übergang zu einem anderen Knoten bedeutet eine Unterbrechung des Leseflusses, da eine Entscheidung getroffen, ein Verweis aktiviert und das Laden eines neuen Knotens abgewartet werden muß. Anschließend müssen die Leser nicht nur die Lektüre wieder aufnehmen, sondern sich auch ihre neue Position im Hypertextnetz bewußt machen und die Beziehung (Kohärenzrelation) des aktuellen Knotens zu den bisherigen Knoten erkennen. Gelingt dies nicht, so entsteht das Gefühl der Desorientierung und der Eindruck einer Informationszersplitterung.
Ein weiterer Nachteil von HTML-Anwendungen mit kleinen Knoten ist, daß das Drucken längerer, auf zahlreiche Knoten verteilter Dokumente sehr aufwendig ist und zu einem hohen Papierverbrauch führt, da alle kleinen Knoten einzeln ausgedruckt werden müssen. Große Knoten erleichtern das Drucken, haben aber den Nachteil, daß es zu längeren Ladezeiten kommen kann. Außerdem wird es notwendig, auch innerhalb von Knoten zu navigieren. Dies geschieht teilweise durch intrahypertextuelle Verweise und teilweise durch Scrollen. Es werden somit zwei unterschiedliche Navigationsmethoden kombiniert, wodurch eine zusätzliche kognitive Belastung entstehen kann. Diesem Nachteil steht der Vorteil gegenüber, daß die Benutzer durch schnelles Scrollen einen Knoten kurz "überfliegen" und sich einen Überblick über den Gesamttext verschaffen können. Allerdings wird die Möglichkeit des Scrollens - zumindest im Internet - nur von 10 % der Besucher einer Seite ausgenutzt (Nielsen URL 3). Dies spricht wiederum für kleinere Knoten, bei denen sich der Inhalt auf einen Blick erfassen läßt.
Zuletzt soll das Argument genannt werden, das bei der Konvertierung des QM-Handbuches die Entscheidung über die Knotengröße am meisten beeinflußt hat: Kleinere Knoten sind in dreifacher Hinsicht mit höherem Aufwand verbunden:

  1. Es müssen mehr Dateien verwaltet werden. Daher kann es z. B. schwierig werden, den Überblick über die Zuordnung zwischen Dateiname und Dateiinhalt zu bewahren.
  2. Bei der Erstellung neuer Dokumente müssen die Autoren darauf achten, daß sich der entstehende Text in kurze selbständige Einheiten teilen läßt. Dies stellt eine zusätzliche Belastung dar und ist nicht immer einfach, da es "höchst artifiziell [sein kann], die Ausgestaltung einer Aussage oder gar einer Argumentationskette von formalen Umfangsvorgaben abhängig zu machen." (Kuhlen 1991, S. 84)[46].
  3. Bereits bestehende Dokumente müssen zerteilt (partitioniert) werden. Hierzu gibt es zwei Möglichkeiten, die beide mit Nachteilen verbunden sind:


In der folgenden Tabelle sind die Vorteile großer und kleiner Knoten zusammenfassend dargestellt.


große Knoten kleine Knoten
aus Sicht der Autoren: flexibler, einfacher (Nielsen 1990a, S. 105, Ansel Suter 1995, S. 135, Jones 1991, S. 164, Kuhlen 1991, S. 84)
die Knoten betreffend:
  • bessere globale Übersicht (Kuhlen 1991, S. 85)
  • leichteres Drucken (Schnupp 1992, S. 65)
  • bessere lokale Übersicht (Luckhardt 1990, S. 4, Conklin 1991, S. 416, Nielsen URL 3)
  • keine zusätzliche kognitive Belastung durch Scrollen (Nielsen 1990a, S. 105, Krüger 1992, S. 1500)
  • kürzere response time (Zugriffszeit) (Nanard 1996, S. 4)
Hypertext-Charakter: weniger Hypertext-Nachteile:
  • weniger Knotenwechsel (Krüger 1990, S. 10, Conklin 1991, S. 416f., Jones 1991, S. 164)
  • weniger Desorientierung & Cognitive Overhead (Luckhardt 1990, S. 4, Shneiderman 1989, S. 126, Krüger 1992, S. 1500)
  • weniger Zersplitterung (Luckhardt 1990, S. 4, Kuhlen 1991, S. 85, Ansel Suter 1995, S. 136)
mehr Hypertext-Vorteile:
  • viele potentielle Lesepfade (McAleese 1990, S. 101, 113, Ansel Suter 1995, S. 135)

Tabelle 3.5.6-1: Vorteile großer und kleiner Knoten

Bei der Entscheidung über die Knotengranularität muß natürlich auch die Art der Anwendung berücksichtigt werden. Beispielsweise eignen sich juristische Texte, Enzyklopädien und Kochbücher gut für kleine Knoten, da hier bereits eine Strukturierung vorgegeben ist (Krüger 92, S. 1500, Jones 1991, S. 164). Für wissenschaftliche Aufsätze hingegen, die eigentlich für die Veröffentlichung in herkömmlichen Zeitschriften konzipiert sind und die eine kohärente Einheit ("coherent entity", McAleese 1990, S. 113) bilden, bieten sich eher ein oder mehrere große Knoten an.

Bisher wurde in diesem Kapitel nur grob zwischen "großen" und "kleinen" Knoten unterschieden. In der Literatur finden sich jedoch auch konkretere Hinweise zur optimalen Knotengröße. So empfiehlt Conklin: "For many applications a good length for nodes is considered to be from one to several paragraphs" (Conklin 1991, S. 415). Ansel Suter befragte die Nutzer eines Lernsystems zum Thema der Knotengröße. Dabei ergab sich, daß jedem Thema genau ein Knoten entsprechen sollte. Die daraus resultierende Knotengröße wurde als unwichtig bezeichnet, ein Knoten sollte jedoch immer "mindestens einen Seiteninhalt an Material" enthalten (Ansel Suter 1995, S. 136).
Kuhlen kommt allerdings zu dem Ergebnis, daß konkrete Empfehlungen zum Umfang von Knoten nicht möglich sind, da die Knotengröße "prinzipiell nur unter pragmatischen Gesichtspunkten" (Kuhlen 1991, S. 88) festgelegt werden kann. In einem Knoten sollte das zusammengefaßt werden, "was mit Blick auf eine kritische Situation eines Informationssuchenden relevant sein könnte" (Kuhlen 1991, S. 88).
Minicone Wie bereits in Kapitel 3.2 erwähnt, war es eine Vorgabe, daß beim QM-Handbuch die Methode der einfachen Konversion (Kuhlen 1991, S. 164) gewählt wurde, d. h. auf eine Partitionierung des eigentlichen Textes verzichtet wurde. Begründet wurde diese Vorgabe damit, daß der Aufwand möglichst gering gehalten und das Ausdrucken der Dokumente erleichtert werden sollte.

[44] Es sind sogar eigene Bezeichnungen für die Vertreter der verschiedenen Positionen entstanden: Befürworter großer Knoten nennt man "holy scrollers", Befürworter kleiner Knoten heißen "card sharks" (Kuhlen 1991, S. 84).
[45] Quellenangaben siehe Tabelle 3.5.6-1
[46] Da bei HTML-Anwendungen eventuelle Beschränkungen der Knotengröße nicht vom System vorgegeben sind, sondern von den Entwicklern selbst festgelegt werden, sind natürlich jederzeit Ausnahmen möglich.
[47] In der Forschung wurden einige Ansätze entwickelt (vgl. z. B. Hammwöhner 1990, S. 71, Coombs 1990, Bernstein 1990).

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