Guided Tour (Sequentialization) |
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Unter einer Guided Tour versteht man einen linearen
Pfad durch einen Hypertext. Der Autor verknüpft besonders wichtige Knoten
in einer von ihm für sinnvoll gehaltenen Reihenfolge und gibt dadurch
dem Leser einen Weg durch das Hypertextnetz vor. Dies ermöglicht es
dem Leser, den Hypertext kennenzulernen, ohne selbst über die Reihenfolge
der Knoten entscheiden zu müssen (Isakowitz 1995, S. 36,
Gerdes
URL 1).
Es gibt verschiedene Arten von Guided Tours: Bei einer
circular guided tour sind der erste und der
letzte Knoten direkt miteinander verknüpft, so daß die Guided
Tour keinen Anfang und kein Ende hat. Bei einer guided
tour with return to main ist zwischen den ersten und den letzten
Knoten ein weiterer Knoten geschaltet, der allgemeine Informationen zur Guided
Tour enthält und der gleichzeitig als Start- und als Endpunkt der Guided
Tour dient. Eine guided tour with entrance and
exit hingegen hat jeweils einen eigenen Start- und Endknoten.
Manche Guided Tours bieten dem Leser auch sogenannte
sub-tours oder
excursions d. h. kleinere Touren innerhalb
der Guided Tour, die automatisch zur Haupttour zurückführen
(Gloor
URL 5).
Eine Guided Tour kann ganz einfach dadurch realisiert werden, daß die
betreffenden Knoten über Links- und Rechtspfeile, die mit Verweisen
hinterlegt sind, verknüpft werden. Es ist aber auch möglich, die
Guided Tour um Annotationen zu erweitern, in denen die Funktion der einzelnen
Knoten innerhalb der Guided Tour erläutert wird
(Bieber
URL, Furuta 1997, S. 172ff.).
Bei der Erstellung einer Guided Tour muß entschieden werden, ob es
den Benutzern erlaubt sein soll, zu anderen, nicht zur Tour gehörenden
Knoten zu verzweigen. In manchen Fällen werden alle Verweise, die aus
der Guided Tour herausführen, deaktiviert. Die eleganteste Lösung
ist es, zwar ein Abzweigen zu erlauben, aber einen
Resume-Button zur Verfügung zu stellen,
der es den Benutzern ermöglicht, jederzeit zur Guided Tour
zurückzukehren (Bernesco 1992, S. 2, Nielsen 1990,
S. 128,
Footsteps URL).
Guided Tours sind vor allem für ungeübte Benutzer geeignet, die
zum ersten Mal mit einem Hypertext konfrontiert sind. Die Navigation durch
komplexe Hypertextnetze wird vereinfacht, Orientierungsprobleme und
Cognitive Overhead werden reduziert (Bernstein 1991, S. 365,
Gloor
URL 6,
Gerdes
URL 1).
Besonders häufig werden Guided Tours in Lernumgebungen oder für
Demonstrationen eingesetzt (Bieber 1995, S. 106, Kuhlen 1991,
S. 150,
Gerdes
URL 1).
Ferner gibt es die Möglichkeit, innerhalb eines Hypertextes verschiedene
Guided Tours für Leser mit verschiedenen Interessen einzurichten
(Nielsen 1990, S. 128,
Gerdes
URL 1).
Während Guided Tours für unsichere Anfänger sehr hilfreich
sind, können es fortgeschrittene Benutzer als Einschränkung empfinden,
nur vorgegebenen Pfaden zu folgen. Daher sollte eine Guided Tour nie die
einzige Navigationshilfe sein, sondern immer nur andere Navigationshilfen
ergänzen (Gloor
URL 5, Bernstein 1991, S. 365, Nielsen 1990,
S. 128). Auch in diesem Fall besteht allerdings noch die Gefahr, daß
sich die Benutzer allzu bereitwillig der Guided Tour anvertrauen und sich
nicht mehr dazu durchringen können, ihre Navigationsentscheidungen selbst
zu treffen: "The most frequently selected button is typically "Next Screen"
(Jonassen 1990b, S. 20).
Guided Tours widersprechen der Hypertextidee, da sie eine Rückkehr zur
Linearität bedeuten ("they really bring us back full circle to the
sequential linear form of information" Nielsen 1990, S. 128). Sie
werden daher teilweise recht negativ bewertet: "Wenn die Lösung des
Orientierungsproblems darin liegt, Linearität zu schaffen, dann liegt
natürlich die Frage nahe, was dann noch vom nicht-linearen Hypertext-Konzept
übrigbleibt"
(Gerdes
URL 1).
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Guided Tours in HTML-Anwendungen
zu realisieren. Eine einfache, aber sehr zeitaufwendige Methode ist die
Erstellung "von Hand". Dabei werden in die betreffenden Seiten Icons mit
Pfeilen eingefügt, die dann mit Verweisen zu den jeweils vorhergehenden
bzw. nachfolgenden Seiten hinterlegt werden. Es gibt aber auch Programme,
die Guided Tours automatisch erstellen. Ein Beispiel hierfür ist
Footsteps 1.4
(Footsteps URL).
Dabei handelt es sich um ein cgi-Skript, dem eine Liste von Seiten
übergeben[35] wird, die zur Guided
Tour gehören sollen. An der Stelle, an der sich aus der Sicht der Benutzer
ein Verweis auf die erste Seite der Guided Tour befinden soll, wird nun ein
Verweis auf das Skript eingefügt. Das Skript liest die einzelnen Seiten
ein, fügt die mit Verweisen hinterlegten Buttons für die Guided
Tour hinzu und übergibt die erweiterten Seiten an den Browser, der sie
am Bildschirm anzeigt. Die Seiten werden also nur temporär für
die aktuelle Bildschirmausgabe bearbeitet, das Original bleibt unverändert.
Daher können auch "fremde" Seiten in die Guided Tour aufgenommen werden,
für die der Ersteller der Tour keine Schreibrechte hat. Außerdem
kann eine Seite zu mehreren Touren gehören, ohne daß Konflikte
entstehen.
Abbildung 3.5.4-8: Footsteps-Banner http://gorgon.eng.cam.ac.uk/footsteps/foot_bar.gif
Abbildung 3.5.4-9: Von Footsteps eingefügte Buttons http://gorgon.eng.cam.ac.uk/cgi-bin/footsteps/footsteps/footsteps/tours/home-pages.tour?page=2&next.x=24&next.y=7()
Mit Footsteps 1.4 vergleichbar ist das Projekt
"Walden's Paths" (Furuta 1997). Der Name des
Projektes geht auf einen Roman von Henry David Thoreau aus dem Jahr 1854
zurück. In diesem Roman beschreibt Thoreau die Zeit, während der
er allein in einer Waldhütte in Walden Pond (Massachusetts) lebte. Er
war in den Wald gezogen, um den vorgefertigten Pfaden der damaligen Gesellschaft
zu entfliehen. Nun mußte er feststellen, daß er selbst durch
seine täglichen Aktivitäten neue Pfade im Wald schuf. Wanderer,
die in Thoreaus Waldstück gelangten, würden vermutlich diesen Pfaden
folgen. "It is this relationship between early trailblazers and later explorers
that motivated our choice of the Walden's Pahts name" (Furuta 1997,
S. 168, s. a.
Walden URL).
Das Programm selbst ist Footsteps sehr ähnlich. Besonderer Wert wird
allerdings auf die Möglichkeit gelegt, Guided Tours mit Annotationen
zu versehen. In der Abbildung sind die Annotationen rechts oben zu
erkennen.
Abbildung 3.5.4-10: Walden's Paths Logo
http://www.csdl.tamu.edu/walden/walden-full2.gif
Abbildung 3.5.4-11: Walden's Paths Screenshot |
Einen anderen Ansatz verfolgen Gloor und Dynes
(Gloor
URL 7). Sie entwickelten ein Java Applet, das in einem eigenen Fenster
eine Liste aller URLs anzeigt, die zu einem bestimmten Pfad gehören
(siehe Abbildung). Die Benutzer können sich die zugehörigen Webseiten
nacheinander ansehen oder auch direkt auf eine der angeführten Seiten
zugreifen.
Abbildung 3.5.4-12: Java Applet von Gloor und Dynes (Path Tool) [*] http://www.birkhauser.com/hypermedia/cyb112.gif
Für das QM-Handbuch standen mir keine Programme
zur automatischen Erstellung einer Guided Tour zur Verfügung. Daher
mußte die Guided Tour von Hand erstellt werden. Das Besondere an der
Guided Tour des QM-Handbuchs ist, daß sie nur die Inhaltsverzeichnisse
einbezieht, nicht aber die Textseiten. Sie dient also nur der
Informationssuche und ermöglicht keine Lektüre der Knoten
in einer vorgegebenen Reihenfolge. Das Argument, eine Guided Tour widerspreche
der Hypertextidee, trifft also auf diese Guided Tour nicht zu. Sie soll es
den Benutzern lediglich ermöglichen, alle Inhaltsverzeichnisse nacheinander
"durchzublättern", bis sie ein Dokument mit den gesuchten Informationen
entdecken. Im QM-Handbuch ist daher nur von "vordefinierten Pfaden durch
die Inhaltsverzeichnisse" die Rede. Eine Guided Tour durch den Text
des QM-Handbuchs schien nicht sinnvoll, da sich kaum jemand alle Dokumente
des QM-Handbuchs ansehen möchte, um einen Gesamteindruck zu erhalten,
sondern die meisten Benutzer gezielt auf ganz bestimmte Informationen zugreifen
wollen. Denkbar wäre allerdings eine Guided Tour für neue Mitarbeiter.
Diese müßte von Fachleuten der verschiedenen Unternehmensbereiche
ausgearbeitet werden und konnte bisher aus Zeitgründen noch nicht realisiert
werden.
Abbildung 3.5.4-13: Pfeile für die Guided Tour in der Navigationsleiste
[35] Die Liste wird als Textdatei abgespeichert.
Der Pfad zu dieser Datei wird an das Ende der URL angehängt, die das
Skript aufruft. Die Pfadangaben werden in der Umgebungsvariable PATH_INFO
gespeichert, auf die das cgi-Skript anschließend zugreifen kann.
[*] Das kleine Fenster im Vordergrund wird von dem
Java-Applet Path Tool generiert und enthält in der unteren
Hälfte eine Liste von Webseiten. Der oberste Listeneintrag ist in der
Abbildung markiert. Die zugehörige Webseite wird im Netscape-Fenster,
das als größeres Fenster im Hintergrund zu erkennen ist, angezeigt.
Der Benutzer kann nun entweder das Netscape-Fenster in der Vordergrund holen,
um die Webseite zu lesen, oder im Path Tool-Fenster einen anderen
Listeneintrag markieren.