Die Informationssuche in einem Hypertext wird oft metaphorisch als "Navigation"
bezeichnet. Der Benutzer "bewegt" sich auf "Pfaden" durch ein "Netzwerk",
wechselt zwischen verschiedenen "Ebenen", "springt" zu "entfernten" Dokumenten
und kehrt dann wieder nach Hause ("Home") zurück. Es liegt nahe, daß
der Benutzer dabei auch die "Orientierung" verlieren
kann: Er "verirrt sich" in dem komplexen "Netz" von "Pfaden" und weiß
nicht mehr, "wo" er sich "befindet" oder wie er zu einem früheren "Standort"
zurückkehren kann. Dieses Phänomen wird in der Hypertextliteratur
als "Problem der Desorientierung" oder
"lost-in-hyperspace-Problem" (Marmann 1993,
S. 30) bezeichnet. Conklin definiert es als "the tendency to lose one's
sense of location and direction in a nonlinear document" (1991, S. 426).
Interessant ist, daß dieses Problem in der Welt der Metapher, d. h.
bei der Navigation durch Hypertext, noch viel stärker ausgeprägt
ist als in der "wirklichen Welt", z. B. bei der Fortbewegung in einer
fremden Stadt (vgl.
De Bra
URL 1). Beiden Fällen gemeinsam ist, daß der Wanderer
an zahlreichen Verzweigungen vorbeikommt und daher zahlreiche Entscheidungen
über seinen weiteren Weg treffen muß: in einem Hypertext bei jedem
Verweis, in einer Stadt an jeder Straßenecke. Um in einer fremden Umgebung
und ohne Hilfsmittel (Karte, Kompaß, Wegweiser) wieder an seinen
Ausgangspunkt zurückfinden zu können, muß sich der Wanderer
alle seine Entscheidungen merken. Damit ist er natürlich schnell
überfordert - und verliert die Orientierung. Die Ursache hierfür
ist die beschränkte Kapazität seines Gedächtnisses.
Bei der Hypertextnavigation kommen noch zusätzliche Schwierigkeiten
dazu. Da die Navigation nicht in einem wirklichen Raum stattfindet, entfallen
viele Faktoren, die das Gedächtnis entlasten könnten: Man kann
sich nicht am Stand der Sonne orientieren oder sich merken, ob man bergauf
oder bergab gegangen ist. Man kann nicht einmal zählen, wie oft man
nach links bzw. rechts abgezweigt ist, da "links und rechts" keine Bedeutung
haben. Es ist auch nicht möglich, an einer Verzweigung in alle Richtungen
zu schauen, um bereits bekannte Orte wiederzuerkennen. Das Ziel eines
Hypertextverweises wird immer erst dann sichtbar, wenn der Verweis bereits
aktiviert wurde, wenn die Entscheidung also schon gefallen ist. Und nicht
in jedem Fall gibt es am Ziel einen Verweis zurück zum Ausgangspunkt.
Dies ist ein weiterer wichtiger Unterschied zur Fortbewegung im realen Raum,
wo Einbahnstraßen die Ausnahme sind und es meistens möglich ist,
an einen Ort auf demselben Weg zurückzukehren, auf dem man sich von
dort entfernt hat. In einem Hypertext mit unidirektionalen (d. h. nur
in einer Richtung funktionierenden) Verweisen ist dies nicht möglich.
Hier entspricht jeder Verweis einer "Einbahnstraße".
Eine weitere Schwierigkeit in Hypertexten ist, daß man sich häufiger
neu orientieren muß als im realen Raum. Wenn man sich im realen Raum
bewegt, geschieht dies kontinuierlich. Man kann zurückblicken und
mitverfolgen, wie man sich immer weiter vom Ausgangspunkt entfernt. Man
weiß ungefähr, welche Strecke man zurückgelegt hat. In einem
streng hierarchischen Hypertext ist dies nicht anders: Man bewegt sich
z. B. kontinuierlich hierarchieabwärts und kann zu jedem Zeitpunkt
sagen, wie weit man von der Wurzel entfernt ist. Schwieriger ist die Situation
in einem Hypertext mit beliebigen Querverweisen. Nach dem Aktivieren eines
Querverweises muß man sich komplett neu orientieren, da man sich
plötzlich an einer ganz anderen Stelle des Hypertextes befinden kann.
Man hat kein Gefühl dafür, wie weit man sich in welche Richtung
bewegt hat. Diese Art der Fortbewegung - sie entspricht dem aus StarTrek
bekannten Beamen - hat den Vorteil,
daß Entfernungen keine Rolle mehr spielen. Sie hat den Nachteil, daß
jeder Schritt zu einem kurzfristigen Orientierungsverlust führt, da
man den Bewegungsablauf nicht bewußt miterlebt, sondern sich
plötzlich an einem neuen Ort befindet. Der Benutzer eines Hypertextes
mit Querverweisen muß sich somit ständig neu orientieren. Da er
sich nicht auf räumliche Anhaltspunkte (z. B. Sonne, Berge...)
stützen kann, ist er dringend darauf angewiesen, daß ihm vom
Entwickler der Hypertextanwendung spezielle
Orientierungshilfen zur Verfügung gestellt werden.
Ohne solche Hilfen ist eine Orientierung nicht möglich. Daher sind
Orientierungshilfen ein notwendiger Bestandteil jeder Hypertextanwendung.
Natürlich darf auch hier nicht übertrieben werden:
Eine vollständige Lösung [des offenbar Hypertext immanenten Problems des Orientierungsverlustes] ist weder in Sicht noch erwünscht - besteht doch bei (über)mächtigen Orientierungskomponenten die Gefahr der kognitiven Überbelastung einerseits und des Verlustes [von] kreativem Chaos ("Serendipity"-Effekte) andererseits. Auch hier muß ein vernünftiger Kompromiß zwischen "laissez faire" und verplanter Gängelei gefunden werden (Kuhlen 1991, S. 135).
Wie mächtig die Orientierungskomponenten sein sollen, hängt
insbesondere von der Art der Anwendung ab: Während z. B. in
Online-Handbüchern (so auch im QM-Handbuch) ein Orientierungsverlust
dringend zu vermeiden ist (Bernstein 1991, S. 36), da die Benutzer
möglichst schnell auf ganz bestimmte Informationen zugreifen möchten,
kann ein "gewisser Grad an `kreativer' Desorientierung" (Ansel Suter 1995,
S. 78) in Lernsystemen sogar wünschenswert sein (Mayes 1990,
S. 236, 245): "In learning systems, disorientation in conceptual
space is required sometimes in order to explore and learn. Thus, users need
to be guided not only by system information but also by discovery."
(Balasubramanian
URL 1).
Orientierungshilfen informieren die Benutzer über ihre aktuelle Position
und führen sie ggf. zu einem vertrauten Knoten zurück. Sie helfen
den Benutzern, die beiden folgenden Fragen zu beantworten: "Wo bin ich? Woher
komme ich?" In der Literatur wird mit diesen beiden Fragen häufig noch
eine dritte genannt (z. B. Thüring 1995, S. 60,
Rittberger 1990, S. 59): "Wohin kann ich gehen?", d. h. "Wie
gelange ich zu einem bestimmten Knoten?". Komponenten, die diese Frage
beantworten, werden in der vorliegenden Arbeit als Navigationshilfen betrachtet
und in Kap. 3.5.4 erläutert.
Navigationshilfen ermöglichen es den Benutzern, den Weg zu einer bestimmten,
noch nicht besuchten Informationseinheit zu finden und dorthin zu
gelangen. Orientierungshilfen ermöglichen es, die aktuelle Position
zu erkennen und zu einem bereits besuchten Knoten zurückzukehren.
Im folgenden wird dargestellt, welche Orientierungshilfen in der Literatur
erwähnt werden und welche Orientierungshilfen für das QM-Handbuch
realisiert wurden.
Die wichtigste Orientierungshilfe, die eine Antwort auf die Frage "Wo bin
ich?" geben kann, ist die graphische Übersicht. Sie ermöglicht
es den Benutzern, sich die Struktur des Hypertextes räumlich vorzustellen.
Damit gleicht sie den oben erläuterten Nachteil der Hypertextnavigation
aus, daß sich diese Navigation nicht im wirklichen Raum abspielt und
den Benutzern daher keine räumlichen Anhaltspunkte zur Verfügung
stehen, die die Orientierung erleichtern könnten. Eine graphische
Übersicht kann den Benutzern solche Anhaltspunkte bieten. Die Benutzer
können erkennen, wie weit sie sich vom Ausgangspunkt entfernt haben
und ob sie nach oben, unten, rechts oder links navigiert sind. Es handelt
sich dabei zwar nicht um reale Distanzen und Richtungen, aber diese Informationen
ermöglichen es den Benutzern dennoch, das Gefühl der Desorientierung
zu vermeiden.
Die verschiedenen Arten von graphischen Übersichten und die Probleme
beim Entwurf einer graphischen Übersicht werden in
Kap. 3.5.5 erläutert.
Eine weitere Orientierungshilfe sind textuelle
Positionsangaben (vgl. z. B. Ansel Suter 1995, S 118).
Sie bieten sich vor allem für hierarchische Hypertexte an. In den meisten
Fällen wird der direkte Pfad vom aktuellen Knoten bis zur Wurzel angezeigt.
Homepage
des FASK *
Übersicht der zentralen
Einrichtungen *
Homepage der
Computeranlagen *
Informationen zur
EDV
Abbildung 3.5.3-1: textueller Fisheye View nullter Ordnung
Man kann dies auch als "textuellen Fisheye View nullter
Ordnung" ansehen. Fisheye Views[27]
sind Übersichten, bei denen jeweils nur die interessantesten Knoten
angezeigt werden. Als interessant gelten diejenigen Knoten, die entweder
in der Nähe des aktuellen Standortes liegen oder die ganz allgemein
sehr wichtig sind (siehe
Kap. 3.5.5). "Nullte Ordnung" bedeutet, daß der Schwellenwert,
ab dem ein Knoten als interessant gilt und angezeigt wird, besonders hoch
liegt. Es werden nur die interessantesten Knoten in die Übersicht
aufgenommen - der direkte Pfad zur Wurzel (Saxer 1990, S. 194).
Für die Darstellung eines derartigen Fisheye Views gibt es verschiedene
Möglichkeiten. Im einfachsten Fall werden die Titel der Knoten in eine
Zeile geschrieben (siehe Abbildung oben). Alternativ dazu können die
Titel untereinander gesetzt und je nach Hierarchieebene eingerückt werden.
Diese Methode wurde für das QM-Handbuch
gewählt (siehe folgende Abbildung).
Abbildung 3.5.3-2: Textueller Fisheye View als Orientierungshilfe im QM-Handbuch
Um die hierarchische Abfolge noch deutlicher zu machen, wurden dabei den
Titeln veschiedene Schriftfarben zugeordnet. Es handelt sich um die
Hintergrundfarben der zugehörigen Knoten. Analog
zum
Hypercone
erhielten die beiden untersten Zeilen dieselbe Farbe und wurden
gleich weit eingerückt. Dies verdeutlicht nochmals die Tatsache, daß
jedem Inhaltsverzeichnis genau eine Textdatei entspricht und damit zwischen
den Inhaltsverzeichnissen und den zugehörigen Textdateien keine
physikalische, sondern nur eine logische Verzweigung möglich ist. Die
Textdateien stellen zwar eine eigene Ebene dar, diese ist jedoch der Ebene
der Inhaltsverzeichnisse nicht im selben Sinn untergeordnet wie dies bei
den anderen Ebenen der Fall ist. Beim Hypercone wurde diese Tatsache durch
den Sockel verdeutlicht, der dieselbe Farbe hat wie die darüber liegende
Ebene. Im textuellen Fisheye View kann dieser Zusammenhang nicht so deutlich
zum Ausdruck gebracht werden, wird aber dadurch angedeutet, daß die
Einrückung und die Farben identisch sind.
Die folgende Abbildung zeigt, wie den Benutzern der Sinn dieser
Orientierungshilfe erläutert wurde. Dabei bestand natürlich keinerlei
Notwendigkeit, den Fachbegriff ("textueller Fisheye View nullter Ordnung")
zu erwähnen. Dies wäre nicht nur für den praktischen Gebrauch
völlig irrelevant gewesen, sondern hätte auch einen äußerst
merkwürdigen Eindruck gemacht. '
Abbildung 3.5.3-3: Erläuterung des textuellen Fisheye Views in der Hilfe des QM-Handbuchs
Bei HTML-Anwendungen steht den Benutzern noch eine zusätzliche
Positionsangabe zur Verfügung: die URL (Adresse,
z. B.
http://www.fb06.uni-mainz.de/user/rapp/papers/disshtml/main/main.html).
Mit etwas Hintergrundwissen kann man daraus interessante Informationen
ableiten.
Eine URL beginnt immer mit dem Namen des Protokolls (http). Nach den beiden
Schrägstrichen folgt der Name des Servers (www) und der Domäne
(fask.uni-mainz). Am Länderkürzel kann man die Herkunft
erkennen (z. B. steht .de für Deutschland, .fi für Finnland,
.jp für Japan, ...). Hinter dem Länderkürzel beginnt der Pfad
zum angezeigten Dokument. Wenn die Verzeichnisse, die diesen Pfad bilden,
sprechende - also aussagekräftige - Namen haben, können daraus
Informationen zur Einordnung dieser Dokumente abgeleitet werden. Im Idealfall
entspricht jeder Rubrik des Hypertextes genau ein Verzeichnis und vielleicht
sogar jeder Hierarchieebene des Hypertextes eine Hierarchieebene im Dateisystem.
Dies gilt z. B. für das QM-Handbuch.
Für jede Rubrik wurde ein Verzeichnis eingerichtet, das einen sprechenden
Namen erhielt (z. B. "Doku", "System", "Projekt"...). Für jedes
Dokument, d. h. jeden Standard und jedes Verfahren, wurde ein
Unterverzeichnis eingerichtet. Darin befindet sich die Textdatei, das
zugehörige Inhaltsverzeichnis sowie Bearbeitungsinformationen,
Bearbeitungsliste und Referenzdokumente. Der Name des Verzeichnisses entspricht
jeweils dem Namen des Dokumentes (z. B. Std0405, Vrf1678). Diese Namen
sind zwar nicht selbsterklärend, sie folgen jedoch festen Regeln, die
vom QM-System vorgegeben sind. Als URL ergibt sich somit z. B.:
http://info.propack-data.de/QM/Qm-hb/Doku/Std0405/Std0405.htm. Der
größte Vorteil dieser Verzeichnisstruktur ist, daß man an
der URL stets erkennen kann, zu welcher Rubrik ein bestimmtes Dokument
gehört.
Abbildung 3.5.3-4: Verzeichnisstruktur des QM-Handbuchs
Man darf sich natürlich nicht darauf verlassen, daß immer eine
exakte Übereinstimmung zwischen Hypertext- und Verzeichnisstruktur besteht.
Nützliche Informationen kann man den Verzeichnisnamen jedoch meistens
entnehmen. Laut Jakob Nielsen wird diese Möglichkeit von den Benutzern
tatsächlich wahrgenommen
(Nielsen
URL 3). Leider ist dies jedoch nur möglich, wenn keine
Frames verwendet werden. Frames sind Bildschirmbereiche,
deren Größe innerhalb einer Website (oder Teilen einer Website)
konstant bleibt. Häufig enthält ein Bereich eine Navigationsleiste,
während in einem zweiten Bereich ein Dokument angezeigt wird.
Abbildung 3.5.3-5: Frames (links die Navigationsleiste, rechts das Dokument)
Die Größe der einzelnen Bereiche wird im sogenannten Frameset
definiert. Wenn dieses Frameset vom Benutzer geladen wird (in der Regel
automatisch durch Aufrufen der Homepage), bleibt es auch dann aktiv, wenn
der Benutzer zu anderen Dokumenten derselben Website verzweigt. Die neuen
Dokumente werden in den hierfür vorgesehenen Frame geladen. Dabei
ändert sich die URL nicht: Es wird stets die URL des Framesets angezeigt.
Die URL kann somit nicht mehr als Orientierungshilfe dienen. Dies war einer
der Gründe dafür, daß beim QM-Handbuch auf Frames verzichtet
wurde.
In der Literatur wird normalerweise nicht erwähnt, daß auch das
Layout der Knoten eine Orientierungshilfe darstellen
kann. Wenn einzelne Bereiche des Hypertextes unterschiedlich gestaltet werden,
können die Benutzer am Layout erkennen, wo sie sich befinden.
So hängt beim QM-Handbuch die Hintergrundfarbe
der Knoten von der Hierarchieebene ab (oberste Ebene blau, mittlere Ebene
violett, unterste Ebene grau). Allerdings ist es wichtig, die Benutzer
ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß die Hintergrundfarben zur
Orientierung herangezogen werden können; denn die Benutzer tendieren
dazu, Bildschirmfarben keine semantische Bedeutung zuzuordnen ("they do not
associate screen colors with semantic importance", Nielsen 1990a,
S. 299). Beim QM-Handbuch ist daher den Hintergrundfarben ein eigenes
Kapitel in den Hilfedateien gewidmet. Außerdem werden die Farben nicht
nur als Hintergrund verwendet, sondern, wie schon erwähnt, auch als
Schriftfarben im textuellen Fisheye View und vor allem als Farben des
Hypercone
. Da der Hypercone und damit auch die Bedeutung der verschiedenen
Farben bereits auf der Homepage erläutert wird, können die Benutzer
den Zusammenhang auch dann erkennen, wenn sie die Hilfedateien nicht lesen.
Bisher wurden diejenigen Orientierungshilfen vorgestellt, die die Frage "Wo
bin ich?" beantworten. Im folgenden werden noch die Orientierungshilfen
erläutert, die den Benutzer darüber informieren, wie er an seine
gegenwärtige Position gelangt ist und wie er an einen früheren
Standort zurückkehren kann. Es handelt sich um die History List sowie
um Backtracking, Bookmarks, und Breadcrumbs. Diese Orientierungshilfen sind
fester Bestandteil des Browsers Netscape und stehen somit für das
QM-Handbuch automatisch zur Verfügung.
[27] Ein Fischauge ist eine Linse mit sehr weitem Blickwinkel, die es ermöglicht, die nahe Umgebung stark vergrößert und damit detailliert zu erfassen und gleichzeitig die weitere Umgebung (ohne Details) in das Bild zu integrieren (Duden 1989, Rada 1991, S. 29, Saxer 1990 S. 191, Furnas 1986, S. 16).