Die Informatik gehört zu den Gebieten, in denen
Metaphern[23] weit
verbreitet sind. Zum einen gibt es sehr viele metaphorische Termini, z. B.
Vererbung, Objekt, Feld, Bibliothek, Architektur, Bug, Tool, Plattform, Shell,
Kernel, Root, Pipeline, Server, Client, Domäne, Netzwerk, Gateway, Plugin
usw. Derartige Termini kommen dadurch zustande, daß es in der Informatik
zahlreiche abstrakte Vorgänge gibt, für die zur Vereinfachung
Bezeichnungen aus anderen, konkreteren Bereichen verwendet werden
(Johnson 1994, S. 97).
Zum anderen werden Metaphern häufig Informationssystemen zugrundegelegt,
um deren Benutzerfreundlichkeit zu erhöhen. Beispiele hierfür finden
sich auch im Internet:
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Abbildung 3.5.2-1: Ringheft-Metapher |
Abbildung 3.5.2-2: Regler-Metapher |
Bei der Entwicklung eines Informationssystems stellt sich somit die Frage,
ob diesem Trend gefolgt werden soll. Metaphern haben den Vorteil, daß
dadurch Wissen aus einem bekannten Gebiet unbewußt auf das System
übertragen wird. So kann das System, insbesondere dessen Struktur und
Navigationshilfen, leichter verstanden, gelernt und benutzt werden (Ansel
Suter 1995, S. 87, McKnight 1991, S. 81-84).
Allerdings besteht die Gefahr, daß Metaphern die Flexibilität
des Systems einschränken, wenn auf bestimmte Eigenschaften nur deshalb
verzichtet wird, weil sie im Rahmen der gewählten Metapher nicht zu
verwirklichen sind (Waterworth 1989, S. 222). Daher werden Metaphern
häufig um sogenannte magic features erweitert.
Ein Beispiel hierfür ist, wenn man die Metapher der Navigation um die
Möglichkeit der Teleportation[25]
erweitert, um zu verdeutlichen, daß auf eine Informationseinheit auch
mit Hilfe eines Suchbefehls direkt zugegriffen werden kann, ohne daß
der Benutzer den "Weg" zu dieser Einheit kennt (Dieberger 1995,
S. 8).
Andererseits können durch Metaphern falsche Erwartungen entstehen, wenn
Systemeigenschaften, die aufgrund der gewählten Metapher zu erwarten
wären, nicht implementiert sind (Hammond 1987, S. 87, Waterworth
1989, S. 223).
Es ist also bei der Wahl der Metapher darauf zu achten, daß weder zu
viele noch zu wenige Funktionen suggeriert werden. Wenn diese beiden
möglichen Nachteile vermieden werden, ist die Verwendung von Metaphern
für Informationssysteme aus psychologischer und softwareergonomischer
Sicht sehr positiv zu bewerten.
Daher wurden auch dem QM-Handbuch Metaphern
zugrundegelegt, allerdings eher vorsichtig. Eine
ungewöhnliche, auffällig realisierte Metapher wäre dem Umfeld
einer Softwarefirma und der Thematik des Qualitätsmanagement sicher
nicht angemessen. Außerdem hätten sich die Anwender vermutlich
unterschätzt gefühlt, da sie bereits sehr gut mit elektronischen
Informationssystemen umgehen können. Eine Realisierung auf der Ebene
des Layout kam auch deshalb nicht in Frage, weil dies zu aufwendig gewesen
wäre und hierfür nicht genügend Zeit zur Verfügung
stand.
Wenn feststeht, daß einem Informationssystem Metaphern zugrunde
liegen sollen, muß noch entschieden werden, welche Metaphern
verwendet werden. Hierzu lassen sich aus der wissenschaftlichen Literatur
zahlreiche Anregungen gewinnen. Die darin erwähnten Metaphern können
in zwei Gruppen eingeteilt werden (siehe auch die nachfolgende Tabelle):
Zur ersten Gruppe gehören Metaphern aus dem Bereich des traditionellen
Büros (z. B. Karteikästen, Ordner usw.). Sie vermitteln den
Nutzern die Vorstellung, das Informationssystem sei ein Behälter, in
dem Informationen aufbewahrt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch
der Gedanke der hierarchischen Klassifikation: Karteikarten werden in die
verschiedenen Rubriken eines Karteikastens eingeordnet, der wiederum Bestandteil
eines Schreibtisches (Desktops) sein kann.
Die zweite Gruppe bilden die Metaphern der Fortbewegung, insbesondere des
Reisens und der Navigation. Variiert wird hier vor allem der Ort, innerhalb
dessen die Fortbewegung stattfindet (Haus, Bibliotheksgebäude, Stadt,
Urlaubsland...). Außerdem kann unterschieden werden, ob der Reisende
auf sich allein gestellt ist (go-it-alone
travel) oder ob er herumgeführt wird (guided
tour).[26]
Tabelle 3.5.2-1: Metaphern in der Hypertextliteratur
Literaturangaben zur Tabelle:
1 Schnupp 1992, S. 39 2 Cunningham 1993, S. 42 3 Kuhlen 1991, S. 212 4 Waterworth 1989, S. 219, Kappe 1991, S. 170 5 Ansel Suter 1995. S. 87, Ventura 1990, S. 222 6 Woodhead 1991, S. 127, 129 7 McKnight 1991, S. 81, Ansel Suter 1995, S. 87 8 Schnupp 1992, S. 79, McKnight 1991, S. 81 9 McKnight 1991, S. 127, Jaynes 1989, S. 151 10Ventura 1990, S. 222, McKnight 1991, S. 82; Woodhead 1991, S. 62f., Kappe 1991, S. 170 |
11 Ansel Suter 1995, S. 88 12 McKnight 1991, S. 67 13 Hammond 1987, S. 84, Gloor 1990a, S. 148 14 Landow 1990. S. 50ff., Kuhlen 1991, S. 212 15 Ansel Suter 1995, S. 88 16 Nielsen 1990, S. 75 17 Dieberger 1994, S. 13 18 Hammond 1987, S. 84 19 Hammond 1987, S. 85, McKnight 1991, S. 82 |
Falls keine dieser klassischen Metaphern verwendet werden soll, müssen
eigene Ideen gefunden werden. Madsen (1994, S. 59) gibt hierzu folgende
Empfehlungen:
Wichtig ist also, auf eine möglichst naheliegende Metapher
zurückzugreifen. Zunächst sollte geprüft werden, ob die Benutzer
von sich aus eine bestimmte Metapher verwenden. Ist dies nicht der Fall,
sollten "klassische Werkzeuge" mit ähnlicher Funktion in Betracht gezogen
werden (z. B. Karteikarten für bibliographische Informationssysteme).
Führt auch dies zu keinem befriedigenden Ergebnis, so muß nach
Analogien in anderen Lebensbereichen gesucht werden.
Wenn mehrere Ideen für Metaphern gefunden wurden, müssen diese
im nächsten Schritt bewertet werden, so daß eine endgültige
Auswahl getroffen werden kann. Dabei ist folgendes zu beachten:
Die folgende Tabelle zeigt, auf welche Informationsebenen sich eine Metapher
beziehen kann (nach Hammond 1987, S. 78). Auf jeder Ebene wird
zusätzlich unterschieden, welchen Nutzen der Autor aus der Metapher
ziehen kann und welche Fragen des Benutzers mit ihrer Hilfe beantwortet
werden können.
| aus Autorensicht | aus Nutzersicht | |
| pragmatische Informationen (task information) | Welche Funktionen könnte ich noch implementieren? | Wozu ist das System gut? |
| Semantische Informationen | Wie könnte ich die notwendigen Systemeigenschaften (z. B. Navigationshilfen) realisieren? | Was ist die Aufgabe dieser Systemeinheit? |
| Lexikalische Informationen | Welche Terminologie verwende ich, um das System
zu beschreiben? Wie rede ich über das System? |
Was bedeutet dieser Ausdruck? |
| Praktische Informationen (physical information) | Wie gestalte ich die Benutzeroberfläche und Mensch-Computer-Interaktion? | Wie muß ich konkret vorgehen? |
Tabelle 3.5.2-2: Nutzen von Metaphern
Zur Bewertung der Metaphern können semantische und pragmatische Kriterien
herangezogen werden.
Madsen nennt folgende semantische Kriterien:
Für die endgültige Entscheidung sind pragmatische Gesichtspunkte
sehr wichtig. Die Wahl der Metapher sollte abhängen, von der Art der
zu vermittelnden Informationen (Krüger 1990, S. 60), von der
Art des Zielpublikums (Ansel Suter 1995, S. 88) und von der Art
der Aufgaben, die die Benutzer mit Hilfe des Informationssystems erledigen
möchten (Waterworth 1989, S. 222).
Beim QM-Handbuch spielten pragmatische
Überlegungen eine besonders wichtige Rolle. Da es sich um eine ernste
Thematik und um erfahrene Nutzer handelt, sollten die Metaphern möglichst
unauffällig sein (s. o.). Daher wurde
beschlossen, keine neuen und damit ungewöhnlichen Metaphern zu verwenden,
sondern auf die erwähnten Standard-Metaphern zurückzugreifen. Der
Schritt des Sammelns neuer Ideen konnte deshalb übersprungen werden.
Die Standard-Metaphern wurden jeweils in ihrer schwächsten Form
realisiert:
Die folgende Tabelle verdeutlicht den Beitrag der beiden Metaphern zu den
verschiedenen Informationsebenen.
| Metapher 1: hierarchische Anordnung von Dokumenten | Metapher 2: Bewegung durch den Hypercone | |
| pragmatische Informationen |
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| semantische Informationen |
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| lexikalische Informationen |
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| praktische Informationen |
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Tabelle 3.5.2-3: Metaphern im entwickelten Informationssystem
[23] "image that represents one thing as
something else in order to explain it better." (Johnson 1984,
S. 97f.)
[24] Orientierungshilfe der Web-Site des
Rasierapparate-Herstellers Braun: Die Abbildung zeigt den Regler eines
Haushaltsgerätes, der ein Wechseln zwischen verschiedenen Leistungsstufen
ermöglicht. Auf einer Website wird zwar nicht zwischen verschiedenen
Leistungsstufen gewechselt, wohl aber zwischen verschiedenen Webseiten (0
- einmal angezeigte Begrüßungsseite, home - Homepage, map - Sitemap
als Orientierungshilfe. Als aktueller Standort ist in der Abbildung die Sitemap
gekennzeichnet.
[25] Fortbewegungsart, auch bekannt aus
der Serie StarTrek als "Beamen", bei der ein weit entferntes Ziel innerhalb
weniger Augenblicke erreicht werden kann (z. B. indem der Körper
des Reisenden in einzelne Atome bzw. noch kleinere Teilchen (Subquarks) zerlegt
und die dabei gewonnenen Informationen über die Struktur sowie ein Teil
der Materie als Signal an den Zielort übertragen wird, so daß
der Reisende dort "rekonstruiert" werden kann).
[26] Quellenangaben zu den einzelnen Metaphern
siehe Tabelle; eigene Einteilung in Gruppen