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3.5.2 Metaphern


Die Informatik gehört zu den Gebieten, in denen Metaphern[23] weit verbreitet sind. Zum einen gibt es sehr viele metaphorische Termini, z. B. Vererbung, Objekt, Feld, Bibliothek, Architektur, Bug, Tool, Plattform, Shell, Kernel, Root, Pipeline, Server, Client, Domäne, Netzwerk, Gateway, Plugin usw. Derartige Termini kommen dadurch zustande, daß es in der Informatik zahlreiche abstrakte Vorgänge gibt, für die zur Vereinfachung Bezeichnungen aus anderen, konkreteren Bereichen verwendet werden (Johnson 1994, S. 97).
Zum anderen werden Metaphern häufig Informationssystemen zugrundegelegt, um deren Benutzerfreundlichkeit zu erhöhen. Beispiele hierfür finden sich auch im Internet:


Ringheft-Metapher


Regler-Metapher

Abbildung 3.5.2-1: Ringheft-Metapher

Abbildung 3.5.2-2: Regler-Metapher
http://www.braun.de/map.htm
[24]



Bei der Entwicklung eines Informationssystems stellt sich somit die Frage, ob diesem Trend gefolgt werden soll. Metaphern haben den Vorteil, daß dadurch Wissen aus einem bekannten Gebiet unbewußt auf das System übertragen wird. So kann das System, insbesondere dessen Struktur und Navigationshilfen, leichter verstanden, gelernt und benutzt werden (Ansel Suter 1995, S. 87, McKnight 1991, S. 81-84).
Allerdings besteht die Gefahr, daß Metaphern die Flexibilität des Systems einschränken, wenn auf bestimmte Eigenschaften nur deshalb verzichtet wird, weil sie im Rahmen der gewählten Metapher nicht zu verwirklichen sind (Waterworth 1989, S. 222). Daher werden Metaphern häufig um sogenannte magic features erweitert. Ein Beispiel hierfür ist, wenn man die Metapher der Navigation um die Möglichkeit der Teleportation[25] erweitert, um zu verdeutlichen, daß auf eine Informationseinheit auch mit Hilfe eines Suchbefehls direkt zugegriffen werden kann, ohne daß der Benutzer den "Weg" zu dieser Einheit kennt (Dieberger 1995, S. 8).
Andererseits können durch Metaphern falsche Erwartungen entstehen, wenn Systemeigenschaften, die aufgrund der gewählten Metapher zu erwarten wären, nicht implementiert sind (Hammond 1987, S. 87, Waterworth 1989, S. 223).
Es ist also bei der Wahl der Metapher darauf zu achten, daß weder zu viele noch zu wenige Funktionen suggeriert werden. Wenn diese beiden möglichen Nachteile vermieden werden, ist die Verwendung von Metaphern für Informationssysteme aus psychologischer und softwareergonomischer Sicht sehr positiv zu bewerten.
Minicone Daher wurden auch dem QM-Handbuch Metaphern zugrundegelegt, allerdings eher vorsichtig. Eine ungewöhnliche, auffällig realisierte Metapher wäre dem Umfeld einer Softwarefirma und der Thematik des Qualitätsmanagement sicher nicht angemessen. Außerdem hätten sich die Anwender vermutlich unterschätzt gefühlt, da sie bereits sehr gut mit elektronischen Informationssystemen umgehen können. Eine Realisierung auf der Ebene des Layout kam auch deshalb nicht in Frage, weil dies zu aufwendig gewesen wäre und hierfür nicht genügend Zeit zur Verfügung stand.

Wenn feststeht, daß einem Informationssystem Metaphern zugrunde liegen sollen, muß noch entschieden werden, welche Metaphern verwendet werden. Hierzu lassen sich aus der wissenschaftlichen Literatur zahlreiche Anregungen gewinnen. Die darin erwähnten Metaphern können in zwei Gruppen eingeteilt werden (siehe auch die nachfolgende Tabelle):
Zur ersten Gruppe gehören Metaphern aus dem Bereich des traditionellen Büros (z. B. Karteikästen, Ordner usw.). Sie vermitteln den Nutzern die Vorstellung, das Informationssystem sei ein Behälter, in dem Informationen aufbewahrt werden. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch der Gedanke der hierarchischen Klassifikation: Karteikarten werden in die verschiedenen Rubriken eines Karteikastens eingeordnet, der wiederum Bestandteil eines Schreibtisches (Desktops) sein kann.
Die zweite Gruppe bilden die Metaphern der Fortbewegung, insbesondere des Reisens und der Navigation. Variiert wird hier vor allem der Ort, innerhalb dessen die Fortbewegung stattfindet (Haus, Bibliotheksgebäude, Stadt, Urlaubsland...). Außerdem kann unterschieden werden, ob der Reisende auf sich allein gestellt ist (go-it-alone travel) oder ob er herumgeführt wird (guided tour).[26]


Metaphern in der Hypertextliteratur

Tabelle 3.5.2-1: Metaphern in der Hypertextliteratur



Literaturangaben zur Tabelle:


1 Schnupp 1992, S. 39
2 Cunningham 1993, S. 42
3 Kuhlen 1991, S. 212
4 Waterworth 1989, S. 219, Kappe 1991, S. 170
5 Ansel Suter 1995. S. 87, Ventura 1990, S. 222
6 Woodhead 1991, S. 127, 129
7 McKnight 1991, S. 81, Ansel Suter 1995, S. 87
8 Schnupp 1992, S. 79, McKnight 1991, S. 81
9 McKnight 1991, S. 127, Jaynes 1989, S. 151
10Ventura 1990, S. 222, McKnight 1991, S. 82; Woodhead 1991, S. 62f., Kappe 1991, S. 170

11 Ansel Suter 1995, S. 88
12 McKnight 1991, S. 67
13 Hammond 1987, S. 84, Gloor 1990a, S. 148
14 Landow 1990. S. 50ff., Kuhlen 1991, S. 212
15 Ansel Suter 1995, S. 88
16 Nielsen 1990, S. 75
17 Dieberger 1994, S. 13
18 Hammond 1987, S. 84
19 Hammond 1987, S. 85, McKnight 1991, S. 82



Falls keine dieser klassischen Metaphern verwendet werden soll, müssen eigene Ideen gefunden werden. Madsen (1994, S. 59) gibt hierzu folgende Empfehlungen:


Wichtig ist also, auf eine möglichst naheliegende Metapher zurückzugreifen. Zunächst sollte geprüft werden, ob die Benutzer von sich aus eine bestimmte Metapher verwenden. Ist dies nicht der Fall, sollten "klassische Werkzeuge" mit ähnlicher Funktion in Betracht gezogen werden (z. B. Karteikarten für bibliographische Informationssysteme). Führt auch dies zu keinem befriedigenden Ergebnis, so muß nach Analogien in anderen Lebensbereichen gesucht werden.
Wenn mehrere Ideen für Metaphern gefunden wurden, müssen diese im nächsten Schritt bewertet werden, so daß eine endgültige Auswahl getroffen werden kann. Dabei ist folgendes zu beachten:


Die folgende Tabelle zeigt, auf welche Informationsebenen sich eine Metapher beziehen kann (nach Hammond 1987, S. 78). Auf jeder Ebene wird zusätzlich unterschieden, welchen Nutzen der Autor aus der Metapher ziehen kann und welche Fragen des Benutzers mit ihrer Hilfe beantwortet werden können.


aus Autorensicht aus Nutzersicht
pragmatische Informationen (task information) Welche Funktionen könnte ich noch implementieren? Wozu ist das System gut?
Semantische Informationen Wie könnte ich die notwendigen Systemeigenschaften (z. B. Navigationshilfen) realisieren? Was ist die Aufgabe dieser Systemeinheit?
Lexikalische Informationen Welche Terminologie verwende ich, um das System zu beschreiben?
Wie rede ich über das System?
Was bedeutet dieser Ausdruck?
Praktische Informationen (physical information) Wie gestalte ich die Benutzeroberfläche und Mensch-Computer-Interaktion? Wie muß ich konkret vorgehen?

Tabelle 3.5.2-2: Nutzen von Metaphern



Zur Bewertung der Metaphern können semantische und pragmatische Kriterien herangezogen werden.
Madsen nennt folgende semantische Kriterien:



Für die endgültige Entscheidung sind pragmatische Gesichtspunkte sehr wichtig. Die Wahl der Metapher sollte abhängen, von der Art der zu vermittelnden Informationen (Krüger 1990, S. 60), von der Art des Zielpublikums (Ansel Suter 1995, S. 88) und von der Art der Aufgaben, die die Benutzer mit Hilfe des Informationssystems erledigen möchten (Waterworth 1989, S. 222).

Minicone Beim QM-Handbuch spielten pragmatische Überlegungen eine besonders wichtige Rolle. Da es sich um eine ernste Thematik und um erfahrene Nutzer handelt, sollten die Metaphern möglichst unauffällig sein (s. o.). Daher wurde beschlossen, keine neuen und damit ungewöhnlichen Metaphern zu verwenden, sondern auf die erwähnten Standard-Metaphern zurückzugreifen. Der Schritt des Sammelns neuer Ideen konnte deshalb übersprungen werden. Die Standard-Metaphern wurden jeweils in ihrer schwächsten Form realisiert:



Die folgende Tabelle verdeutlicht den Beitrag der beiden Metaphern zu den verschiedenen Informationsebenen.


Metapher 1: hierarchische Anordnung von Dokumenten Metapher 2: Bewegung durch den Hypercone
pragmatische Informationen
  • Das System dient der Informationsbeschaffung.
  • Im System kann navigiert werden.
semantische Informationen
  • Inhaltsverzeichnisse
  • Hierarchie, Rubriken
  • alphabetisches Überschriftenverzeichnis (Index) (siehe Kap. 3.5.4)
  • vordefinierte Pfade (siehe Kap. 3.5.4)
  • Angabe des kürzesten Pfades zur Homepage am Ende jeder Seite als Orientierungshilfe (siehe Kap. 3.5.3)
lexikalische Informationen
  • "Inhaltsverzeichnisse"
  • "hierarchischer Zugriff"
  • "Rubriken"
  • "Dokumente"
  • "Blättern durch die Inhaltsverzeichnisse"
  • "Homepage"
  • "vordefinierte Pfade"
  • "Navigations- und Orientierungshilfen"
  • "eine Ebene höher/ tiefer"
praktische Informationen
  • die Texte sind nicht in einzelne Seiten eingeteilt, sondern werden wie auf einer Papyrusrolle kontinuierlich dargestellt; am Ende einer Bildschirmseite kann also zu weiteren Informationen gescrollt werden
  • Nachahmung des Layouts der Papierversion
  • Icon-Gestaltung (siehe Kap. 3.5.6.4):
    • Haus
    • Richtungspfeile
    • Fernglas

    Abbildung des Hypercone auf der Homepage

  • die Hintergrundfarben entsprechen immer der Ebene des Hypercone, auf der man sich befindet (siehe Kap. 3.5.3)

Tabelle 3.5.2-3: Metaphern im entwickelten Informationssystem

[23] "image that represents one thing as something else in order to explain it better." (Johnson 1984, S. 97f.)
[24] Orientierungshilfe der Web-Site des Rasierapparate-Herstellers Braun: Die Abbildung zeigt den Regler eines Haushaltsgerätes, der ein Wechseln zwischen verschiedenen Leistungsstufen ermöglicht. Auf einer Website wird zwar nicht zwischen verschiedenen Leistungsstufen gewechselt, wohl aber zwischen verschiedenen Webseiten (0 - einmal angezeigte Begrüßungsseite, home - Homepage, map - Sitemap als Orientierungshilfe. Als aktueller Standort ist in der Abbildung die Sitemap gekennzeichnet.
[25] Fortbewegungsart, auch bekannt aus der Serie StarTrek als "Beamen", bei der ein weit entferntes Ziel innerhalb weniger Augenblicke erreicht werden kann (z. B. indem der Körper des Reisenden in einzelne Atome bzw. noch kleinere Teilchen (Subquarks) zerlegt und die dabei gewonnenen Informationen über die Struktur sowie ein Teil der Materie als Signal an den Zielort übertragen wird, so daß der Reisende dort "rekonstruiert" werden kann).
[26] Quellenangaben zu den einzelnen Metaphern siehe Tabelle; eigene Einteilung in Gruppen

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