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3.4 Einflußfaktoren


Dieses Kapitel bezieht sich auf die vorhin erwähnte Analysephase. Die Problematik soll anhand einer Analogie zur Textproduktion verdeutlicht werden: Ein Autor stellt sich beim Verfassen eines Textes automatisch auf Kenntnisse und Erwartungen der Zielrezipienten ein. Er orientiert sich außerdem am Zweck (Skopos), den der Text erfüllen soll. Ein Aufsatz für Fachleute wird ganz anders aussehen als ein Schulbuch oder ein Werbetext.
Ähnliches gilt für die Entwicklung von Informationssystemen. Hier müssen sogar noch weitere Einflußfaktoren berücksichtigt werden, da auch Unterschiede in den technischen Randbedingungen und in den Computerkenntnissen der Nutzer eine Rolle spielen. Wenn der Informationskorpus bereits vorgegeben ist, kann auch dieser als Einflußfaktor betrachtet werden. Wird er dagegen speziell für die Hypertextanwendung zusammengestellt, so handelt es sich um eine zusätzliche Entwicklungskomponente.
Ein Überblick über Einflußfaktoren, die bei der Hypertextentwicklung zu berücksichtigen sind, findet sich in Hofmann (1995, S. 102-116):

Faktor Umwelt:
  • Nutzungsprofil
    • Qualifikation der Nutzer
    • Aufgabe der Nutzer
    • Praxisnähe der Anwendung
  • Technische Randbedingungen
    • Hardware
    • Software

(Hofmann 1995, S. 105)

Faktor Informationskorpus


Diese Einflußfaktoren sollen im folgenden näher erläutert werden. Als Beispiel dient dabei jeweils das QM-Handbuch. Wie sich die Einflußfaktoren auf die Gestaltung der Entwicklungskomponenten auswirken, wird an den entsprechenden Stellen in Kapitel 3.5 beschrieben.



Faktor Umwelt:
  • Nutzungsprofil
    • Qualifikation der Nutzer



Es muß sowohl die inhaltliche als auch die technische Qualifikation berücksichtigt werden (Hofmann 1995, S. 106).




  • Aufgabe der Nutzer:


Hier geht es um die Frage, wofür die Hypertextanwendung genutzt werden soll: zum Lernen, zur Unterhaltung, zur Informationssuche... (Hofmann 1995, S. 107f, Ansel Suter 1995, S. 69, Grice 1989, S. 30).
Minicone Das QM-Handbuch dient vor allem letzterem. Meist wird versucht, gezielt auf ganz bestimmte Informationen zuzugreifen (gerichtetes Browsing / Search Browsing (vgl. Ansel Suter 1995, S. 12) oder Navigation über ein Suchsystem). Daß jemand ohne konkretes Informationsziel im QM-Handbuch "blättert" oder "surft" (assoziatives Browsing / Serendipity Browsing), ist wohl eher die Ausnahme. Bei neuen Mitarbeitern, die zum ersten Mal mit dem QM-Handbuch in Kontakt kommen, könnte dies aber durchaus vorkommen. Keine Rolle spielt wahrscheinlich das sogenannte ungerichtete Browsing / General Purpose Browsing, d. h. das regelmäßige Nachsehen, ob neue Informationen zu einem bestimmten Thema hinzugekommen sind. Die Bekanntgabe von Änderungen im QM-Handbuch muß so geregelt sein, daß dies nicht notwendig ist.
Die Informationsaufnahme erfolgt beim QM-Handbuch in der Regel durch Lesen am Bildschirm. Für die eigene Arbeit besonders wichtige oder häufig gebrauchte Dokumente werden auch ausgedruckt, wobei es nicht auf perfekte Formatierung ankommt. Wichtig ist aber, daß auf jeder ausgedruckten Seite das zugehörige Dokument angegeben ist.





  • Praxisnähe der Anwendung


Endprodukte, Pilotsysteme, Prototypen und Machbarkeitsstudien unterscheiden sich im Grad ihrer Praxisnähe. Je geringer die Praxisnähe, desto weiter liegen die eigentlich anvisierten von den tatsächlichen Einsatzbedingungen auseinander. Es ist z. B. denkbar, daß die tatsächlichen Adressaten eines Lernsystems zunächst potentielle Geldgeber sind, die einen Prototyp des Systems auf einer Konferenz oder Messe begutachten, und nicht die Schüler, die später mit dem System arbeiten sollen. In diesem Fall müssen zwei Nutzungsprofile berücksichtigt werden (Geldgeber vs. Schüler).
Die Praxisnähe der Anwendung hat auch Auswirkungen auf den Entwicklungsprozeß. Bei der Entwicklung von praxisfernen Anwendungen (z. B. Prototypen) liegt der Schwerpunkt auf Analyse- und Designfragen. Da nur eine teilweise Implementation erfolgt, kann dabei auf einfache, aber arbeitsintensive Methoden zurückgegriffen werden. Bei praxisnahen Anwendungen hingegen muß auch darauf geachtet werden, daß der Aufwand für die Implementation im Rahmen bleibt. Es sollte geprüft werden, ob zumindest eine teilweise Automatisierung möglich ist (Hofmann 1995, S. 108f).
Minicone Das Informationssystem für das QM-Handbuch wurde als praxisnahe Anwendung entwickelt, da der gesamte Informationskorpus berücksichtigt und alle notwendigen Funktionen zur Verfügung gestellt werden sollten. Die derzeitige Implementierung könnte zwar auch als Prototyp für die zukünftige Programmierung in einem Datenbanksystem dienen, dies hatte jedoch keine Auswirkungen auf den Entwicklungsprozeß.




  • Technische Randbedingungen


Für HTML-Anwendungen gelten hier folgende Besonderheiten:

  1. Die Client-Programme (Browser) sind plattformunabhängig und können auf jedem gängigen Computer[17] installiert werden. Besondere Hardware-Anschaffungen sind höchstens für Server und Netzwerk erforderlich.
    Minicone So war auch für das QM-Handbuch die erforderliche Hardware vorhanden.
  2. Die Darstellung der Seiten kann je nach Software (Browser, Betriebssystem) und Hardware (v. a. Bildschirm) sehr unterschiedlich ausfallen.
    Minicone Dies mußte auch bei der Konvertierung des QM-Handbuchs berücksichtigt werden.
  3. Es kann (vor allem im Internet, seltener im Intranet) zu problematischen Ladezeiten kommen, weil die Daten über ein Netzwerk übertragen werden.
    Minicone Im Fall des QM-Handbuchs war hiermit allerdings nicht zu rechnen, da es sich um eine Intranet-Anwendung handelt und da die Geschwindigkeit der Computer und des Netzes dem üblichen Stand der Technik entsprechen.




Faktor Informationskorpus:


Das Design einer Hypertextanwendung hängt in vielen Punkten von den Merkmalen des Informationskorpus ab. Daher ist es wichtig, diese vor Beginn der eigentlichen Entwicklungsarbeit zu analysieren. Die Analyse kann nach verschiedenen Kriterien erfolgen:

  • Medium:
Sind nur herkömmliche ("statische") Medien wie Fließtext, Tabellen, Graphiken, ... oder auch neuere ("dynamische") Medien wie Audio, Animationen, Video, ... beteiligt (Hofmann 1995, S. 6)? Für moderne Medien ist zusätzliche Software und besonders leistungsfähige Hardware erforderlich.

Minicone Im QM-Handbuch sind nur statische Medien (Fließtext, Tabellen, Graphiken) enthalten.
  • Struktur:
Sind die Dokumente bereits hierarchisch angeordnet? In diesem Fall kann die hierarchische Struktur oft beibehalten werden.
Gibt es Querverweise, so daß ohne großen Aufwand eine vernetzte Hypertextstruktur entstehen kann?

Minicone Für das QM-Handbuch gilt:
  • Die Dokumente sind hierarchisch angeordnet und in neun Rubriken eingeteilt (siehe Kapitel 3.5.1).
  • Es gibt zahlreiche Querverweise (z. B. "wie in Kapitel 5 erläutert wurde"). Alle Dokumente, auf die im Fließtext eines bestimmten Dokumentes verwiesen wird, sind zusätzlich in einer Liste der Referenzdokumente noch einmal zusammenfassend dargestellt.
(Isakowitz 1995, S. 36): Wie häufig sind Änderungen? Davon hängt es ab, wie aufwendig die Erstellung des Hyperdokumentes sein darf. Bei häufigen Änderungen muß von Anfang an darauf geachtet werden, daß diese einfach durchzuführen sind.

Minicone Das QM-Handbuch wird regelmäßig aktualisiert und ständig weiterentwickelt.
  • Funktion:
Geht es vor allem um die Vermittlung von Informationen (informative Anwendung, z. B. Informationssystem), um die Beeinflussung der Nutzer (operative Anwendung, z. B. Werbung) oder um künstlerische Aspekte (expressive Anwendung, z. B Hyperfiction)[*] (in Anlehnung an Reiß 1971). Dieser Aspekt betrifft z. B. das Layout, das in einer expressiven Anwendung verspielter sein darf als bei einem Informationssystem.

Minicone Das QM-Handbuch ist eine informative Anwendung, die dazu dient, Informationen zur Verfügung zu stellen.
  • Sicht der Nutzer:
Die Leser selbst tendieren nach Dillon und McKnight (Dillon 1990, zit. nach McKnight 1991, S. 52) dazu, Texte nach folgenden Kriterien zu klassifizieren: "how they are read, why they are read and what sort of information they contain" (McKnight 1991, S. 53, Hervorhebung im Original). Der Entwickler einer Hypertextanwendung wird sich normalerweise bemühen, die Erwartungen der Leser zu erfüllen.

Minicone Beim QM-Handbuch handelt es sich um sehr spezifische Informationen, die ausschließlich am Arbeitsplatz gelesen werden. Die Dokumente werden teilweise nur kurz überflogen, teilweise jedoch gründlich durchgearbeitet (siehe Abbildung).

Sicht der Nutzer

Abbildung 3.1.2-3: Sicht der Nutzer (nach McKnight 1991, S. 53)[19]



Die Konsequenzen, die sich aus diesen Merkmalen für die Entwicklung der Hypertextanwendung ergaben, werden an den entsprechenden Stellen des Kapitels 3.5 beschrieben.

[16] Hofmann betrachtet den Informationskorpus eher als Entwicklungskomponente und führt an dieser Stelle die Punkte "Erhebung", "Formung" und "Übertragung" an (1995, S. 112). Da das QM-Handbuch als Informationskorpus bereits vorgegeben war, wird es in dieser Arbeit nur als Einflußfaktor betrachtet, dessen Merkmale analysiert und berücksichtigt werden müssen.
[17] Standard-Konfiguration (Sommer 1998): 300-MHz-Prozessor, 64 MB Arbeitsspeicher, 17-Zoll-Bildschirm
[18] volatility: engl. Flüchtigkeit
[*] Natürlich handelt es sich hier nicht um "entweder-oder"-Kategorien, sondern die genannten Anwendungstypen können auch - in unterschiedlicher Gewichtung - kombiniert sein.
[19] Aus der Sicht der Nutzer lassen sich Texte nach drei Kriterien klassifizieren: "how they are read" (y-Achse), "why they are read" (z-Achse) und "what sort of information they contain" (x-Achse). Die Abbildung zeigt, wie das QM-Handbuch, symbolisiert durch die ovale Fläche, in dieses Klassifikationsschema eingeordnet werden kann: Da es spezifische Informationen enthält, die nur zur Arbeit und nicht aus persönlichen Gründen gelesen werden, liegt es auf der WHAT- und WHY-Achse in der Nähe des Nullpunktes. Auf der HOW-Achse hingegen reicht die Bandbreite von einem oberflächlichen Überfliegen (skim) bis zu einem gründlichen Durcharbeiten (study).

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