Dieses Kapitel bezieht sich auf die vorhin erwähnte
Analysephase. Die Problematik soll anhand einer Analogie zur Textproduktion
verdeutlicht werden: Ein Autor stellt sich beim Verfassen eines Textes
automatisch auf Kenntnisse und Erwartungen der Zielrezipienten ein. Er orientiert
sich außerdem am Zweck (Skopos), den der Text erfüllen soll. Ein
Aufsatz für Fachleute wird ganz anders aussehen als ein Schulbuch oder
ein Werbetext.
Ähnliches gilt für die Entwicklung von Informationssystemen. Hier
müssen sogar noch weitere Einflußfaktoren
berücksichtigt werden, da auch Unterschiede in den technischen
Randbedingungen und in den Computerkenntnissen der Nutzer eine Rolle spielen.
Wenn der Informationskorpus bereits vorgegeben ist, kann auch dieser als
Einflußfaktor betrachtet werden. Wird er dagegen speziell für
die Hypertextanwendung zusammengestellt, so handelt es sich um eine
zusätzliche Entwicklungskomponente.
Ein Überblick über Einflußfaktoren, die bei der
Hypertextentwicklung zu berücksichtigen sind, findet sich in Hofmann
(1995, S. 102-116):
Faktor Umwelt: |
Diese Einflußfaktoren sollen im folgenden näher erläutert
werden. Als Beispiel dient dabei jeweils das QM-Handbuch. Wie sich die
Einflußfaktoren auf die Gestaltung der Entwicklungskomponenten auswirken,
wird an den entsprechenden Stellen in Kapitel
3.5 beschrieben.
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Es muß sowohl die inhaltliche als auch die technische Qualifikation
berücksichtigt werden (Hofmann 1995, S. 106).
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Hier geht es um die Frage, wofür die Hypertextanwendung genutzt werden
soll: zum Lernen, zur Unterhaltung, zur Informationssuche... (Hofmann 1995,
S. 107f, Ansel Suter 1995, S. 69, Grice 1989,
S. 30).
Das QM-Handbuch dient vor allem letzterem. Meist
wird versucht, gezielt auf ganz bestimmte Informationen zuzugreifen (gerichtetes
Browsing / Search Browsing (vgl. Ansel Suter 1995, S. 12) oder
Navigation über ein Suchsystem). Daß jemand ohne konkretes
Informationsziel im QM-Handbuch "blättert" oder "surft" (assoziatives
Browsing / Serendipity Browsing), ist wohl eher die Ausnahme. Bei neuen
Mitarbeitern, die zum ersten Mal mit dem QM-Handbuch in Kontakt kommen,
könnte dies aber durchaus vorkommen. Keine Rolle spielt wahrscheinlich
das sogenannte ungerichtete Browsing / General Purpose Browsing, d. h.
das regelmäßige Nachsehen, ob neue Informationen zu einem bestimmten
Thema hinzugekommen sind. Die Bekanntgabe von Änderungen im QM-Handbuch
muß so geregelt sein, daß dies nicht notwendig ist.
Die Informationsaufnahme erfolgt beim QM-Handbuch in der Regel durch Lesen
am Bildschirm. Für die eigene Arbeit besonders wichtige oder häufig
gebrauchte Dokumente werden auch ausgedruckt, wobei es nicht auf perfekte
Formatierung ankommt. Wichtig ist aber, daß auf jeder ausgedruckten
Seite das zugehörige Dokument angegeben ist.
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Endprodukte, Pilotsysteme, Prototypen und Machbarkeitsstudien unterscheiden
sich im Grad ihrer Praxisnähe. Je geringer die Praxisnähe, desto
weiter liegen die eigentlich anvisierten von den tatsächlichen
Einsatzbedingungen auseinander. Es ist z. B. denkbar, daß die
tatsächlichen Adressaten eines Lernsystems zunächst potentielle
Geldgeber sind, die einen Prototyp des Systems auf einer Konferenz oder Messe
begutachten, und nicht die Schüler, die später mit dem System arbeiten
sollen. In diesem Fall müssen zwei Nutzungsprofile berücksichtigt
werden (Geldgeber vs. Schüler).
Die Praxisnähe der Anwendung hat auch Auswirkungen auf den
Entwicklungsprozeß. Bei der Entwicklung von praxisfernen Anwendungen
(z. B. Prototypen) liegt der Schwerpunkt auf Analyse- und Designfragen.
Da nur eine teilweise Implementation erfolgt, kann dabei auf einfache, aber
arbeitsintensive Methoden zurückgegriffen werden. Bei praxisnahen
Anwendungen hingegen muß auch darauf geachtet werden, daß der
Aufwand für die Implementation im Rahmen bleibt. Es sollte geprüft
werden, ob zumindest eine teilweise Automatisierung möglich ist
(Hofmann 1995, S. 108f).
Das Informationssystem für das QM-Handbuch
wurde als praxisnahe Anwendung entwickelt, da der gesamte Informationskorpus
berücksichtigt und alle notwendigen Funktionen zur Verfügung gestellt
werden sollten. Die derzeitige Implementierung könnte zwar auch als
Prototyp für die zukünftige Programmierung in einem Datenbanksystem
dienen, dies hatte jedoch keine Auswirkungen auf den
Entwicklungsprozeß.
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Für HTML-Anwendungen gelten hier folgende Besonderheiten:
Faktor Informationskorpus: |
Das Design einer Hypertextanwendung hängt in vielen Punkten von den
Merkmalen des Informationskorpus ab. Daher ist es wichtig, diese vor Beginn
der eigentlichen Entwicklungsarbeit zu analysieren. Die Analyse kann nach
verschiedenen Kriterien erfolgen:
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Sind nur herkömmliche ("statische") Medien
wie Fließtext, Tabellen, Graphiken, ... oder auch neuere ("dynamische")
Medien wie Audio, Animationen, Video, ... beteiligt (Hofmann 1995,
S. 6)? Für moderne Medien ist zusätzliche Software und besonders
leistungsfähige Hardware erforderlich. |
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Sind die Dokumente bereits hierarchisch angeordnet?
In diesem Fall kann die hierarchische Struktur oft beibehalten werden. Gibt es Querverweise, so daß ohne großen Aufwand eine vernetzte Hypertextstruktur entstehen kann?
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| (Isakowitz 1995, S. 36): Wie häufig
sind Änderungen? Davon hängt es ab, wie aufwendig die Erstellung
des Hyperdokumentes sein darf. Bei häufigen Änderungen muß
von Anfang an darauf geachtet werden, daß diese einfach durchzuführen
sind. |
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Geht es vor allem um die Vermittlung von Informationen
(informative Anwendung, z. B. Informationssystem), um die Beeinflussung
der Nutzer (operative Anwendung, z. B. Werbung) oder um künstlerische
Aspekte (expressive Anwendung, z. B Hyperfiction)[*]
(in Anlehnung an Reiß 1971). Dieser Aspekt betrifft z. B.
das Layout, das in einer expressiven Anwendung verspielter sein darf als
bei einem Informationssystem. |
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Die Leser selbst tendieren nach Dillon und McKnight
(Dillon 1990, zit. nach McKnight 1991, S. 52) dazu, Texte
nach folgenden Kriterien zu klassifizieren: "how they are read,
why they are read and what sort of information they contain"
(McKnight 1991, S. 53, Hervorhebung im Original). Der Entwickler
einer Hypertextanwendung wird sich normalerweise bemühen, die Erwartungen
der Leser zu erfüllen. |

Abbildung 3.1.2-3: Sicht der Nutzer (nach McKnight 1991, S. 53)[19]
Die Konsequenzen, die sich aus diesen Merkmalen für die Entwicklung
der Hypertextanwendung ergaben, werden an den entsprechenden Stellen des
Kapitels 3.5 beschrieben.
[16] Hofmann betrachtet den Informationskorpus
eher als Entwicklungskomponente und führt an dieser Stelle die Punkte
"Erhebung", "Formung" und "Übertragung" an (1995, S. 112). Da das
QM-Handbuch als Informationskorpus bereits vorgegeben war, wird es in dieser
Arbeit nur als Einflußfaktor betrachtet, dessen Merkmale analysiert
und berücksichtigt werden müssen.
[17] Standard-Konfiguration (Sommer 1998):
300-MHz-Prozessor, 64 MB Arbeitsspeicher, 17-Zoll-Bildschirm
[18] volatility: engl.
Flüchtigkeit
[*] Natürlich handelt es sich hier nicht um
"entweder-oder"-Kategorien, sondern die genannten Anwendungstypen können
auch - in unterschiedlicher Gewichtung - kombiniert sein.
[19] Aus der Sicht der Nutzer lassen sich
Texte nach drei Kriterien klassifizieren: "how they are read" (y-Achse),
"why they are read" (z-Achse) und "what sort of information they contain"
(x-Achse). Die Abbildung zeigt, wie das QM-Handbuch, symbolisiert durch die
ovale Fläche, in dieses Klassifikationsschema eingeordnet werden kann:
Da es spezifische Informationen enthält, die nur zur Arbeit und nicht
aus persönlichen Gründen gelesen werden, liegt es auf der WHAT-
und WHY-Achse in der Nähe des Nullpunktes. Auf der HOW-Achse hingegen
reicht die Bandbreite von einem oberflächlichen Überfliegen
(skim) bis zu einem gründlichen Durcharbeiten (study).