Hypertextforschung wird auch im Rahmen weiterer Wissenschaften betrieben.
Dabei geht es meist um die Anwendung von Hypertext in diesen Disziplinen.
So untersucht Wehebrink (1994) in einer betriebswirtschaftlichen Arbeit,
wie sich Hypermedia in der Produktdokumentation einsetzen läßt.
Er betont, daß die Produktdokumentation durch die verschärfte
Konkurrenz auf dem internationalen Markt und durch strengere Vorschriften
auf dem Gebiet der Produkthaftung immer wichtiger und gleichzeitig auch komplexer
wird (S. 1-3, 23-26). Daher sollten auch auf diesem Gebiet die Vorteile
von Hypermedia genutzt werden (S. 4, S. 96-100). Wehebrink beschreibt,
wie eine hypermediale Produktdokumentation aufgebaut und in den
Produktionsprozeß integriert werden könnte (S. 127-208).
Anschließend geht er auf Verfahren zur
Wirtschaftlichkeitsanalyse[8] ein. Dabei
werden die Kosten und Nutzen der Investition einander gegenübergestellt.
Kosten entstehen z. B. für Personal (Arbeitszeit und Ausbildung),
Hard- und Software, Computernetze, Material, Räume, Energie, Versicherungen
und Beratung (Wehebrink 1994, S. 228), sowie für
"Organisationsanpassung" und "Betriebsstörungen in der Anfangsphase"
(Wehebrink 1994, S. 221). Der Nutzen liegt in einer Steigerung
der Leistungen (Wehebrink 1994, S. 228). Teilweise lassen sich
die genannten Faktoren unmittelbar quantitativ (monetär) erfassen, teilweise
muß jedoch der Nutzwert nach qualitativen Kriterien eingeschätzt
werden (Wehebrink 1994, 221, 225).
Ein sehr interessantes Anwendungsgebiet für Hypertext ist das Recht. Es wurde sogar die These aufgestellt: "Law is hypertext by nature." (Müller 1992, S. 1758). Hypertext eignet sich für juristische Informationssysteme aus mehreren Gründen:
Daher empfiehlt z. B. Krüger (1997), das bekannte juristische
Informationssystem IURIS um Hypertextfunktionalität zu erweitern. Er
beschreibt eine mögliche Implementation im WWW, bei der Stichwortsuche
und Hypertextnavigation kombiniert sind (S. 173): Zunächst wird
über ein cgi-Formular nach relevanten Dokumenten gesucht, die dann aufgrund
zahlreicher Hypertextverweise als "Ausgangspunkt für ein exploratives
Erforschen der Rechtslage" (S. 145, Hervorhebung im Original)
dienen können.
Für die Literaturwissenschaft ist Hypertext in
zweierlei Hinsicht relevant:
- Zum einen können in bestehenden literarischen Werken durch
Hypertextverweise Querverbindungen verdeutlicht, Erklärungen gegeben
und Interpretationsvorschläge gemacht werden. Hypertext wird damit zum
"Dechiffrier- und Interpretationsmittel" (Kuhlen 1991, S. 44).
Ein auf diese Weise aufbereiteter Roman ist als Freizeitlektüre sicher
nicht nach jedermanns Geschmack, eignet sich aber hervorragend für
literaturwissenschaftliche Studien (McKnight 1991, S. 54,
Kuhlen 1991, S, 44). Als Beispiel sei die Internetversion von Jane
Austens "Pride and Prejudice" genannt
(Austen URL).
- Zum anderen entstand durch Hypertext eine neue Art der Literatur
(Hyperfiction), die nicht linear gelesen wird, sondern
bei der sich die Leser individuelle Pfade durch das Geschehen konstruieren,
indem sie Hypertextverweisen folgen[9]
(Kuhlen 1991, S. 46): Für jeden Leser entsteht auf diese Weise
eine andere Geschichte. Ein bekanntes Beispiel für Hyperfiction ist
"Afternoon" von Michael Joyce.
Aus literaturwissenschaftlicher Sicht stellt sich die Frage, ob man bei Hyperfiction von einer Handlung im Sinne des Aristoteles sprechen kann. Voraussetzungen hierfür sind ein Anfang, eine Ereignisfolge und ein Ende (Landow 1991, S. 101, 104). Hierzu führt Landow (1993) aus:
Man kann somit von einer Handlung sprechen, wenn man zugesteht: "plot is
a phenomenon created by the reader-author with materials the lexias offers,
rather than a phenomenon belonging solely to the text" (Landow 1993,
S. 116).
Dieser Überblick sollte einen ersten Eindruck von der Hypertextforschung
vermitteln. Weitere Ergebnisse der Hypertextforschung werden im folgenden
jeweils am Anfang der einzelnen Kapitel dargestellt.
[8] Beurteilung der Zweckmäßigkeit
des Systems (Wehebrink 1994, S. 221)
[9] Vorläufer sind Romane wie Tristram
Shandy, In Memoriam, Ulysses und Finnegans Wake (Landow 1993, S. 113).