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2.2.2 Psycholinguistik


Die psycholinguistischen Aspekte der Hypertextforschung betreffen das Denken, Schreiben, Lesen und Lernen. Es wird argumentiert, Hypertext sei "kognitiv plausibel", weil das Wissen in einer Hypertextbasis ebenso vernetzt ist wie im menschlichen Gehirn. Dadurch wird das Schreiben, d. h. die Wissensvermittlung mit Hilfe von Hypertext, und das Lesen und Lernen, d. h. die Wissensaufnahme aus einem Hypertext, stark vereinfacht. Beim Verfassen eines herkömmlichen Textes muß der Autor sein Wissen zunächst strukturieren und dann linearisieren, d. h. in eine bestimmte Reihenfolge bringen. Der Leser nimmt das Wissen in der linearisierten Form auf und muß daraus die vom Autor gewählte Struktur ableiten. Bei Hypertexten entfällt der Zwischenschritt der Linearisierung. Der Autor kann die Struktur, die er im Kopf hat, direkt auf den Hypertext abbilden. Der Leser kann sie direkt in dieser Form aufnehmen. Hier setzt allerdings Kritik an: Hypertext ist nur in dem Sinn nicht-linear, daß verschiedene Lesepfade möglich sind; die einzelnen Lesepfade sind aber durchaus wieder linear. Der Autor muß dem Leser die gewählte Struktur daher auf andere Weise verdeutlichen (Schnupp 1992, S. 33, Ansel Suter 1995, S. 38f., 129f., Hammwöhner 1993, S. 23, Gerdes URL 2 ).


Schreiben und Lesen von Hypertexten und herkömmlichen Texten

Abbildung 2.2.2-1: Schreiben und Lesen von Hypertexten und herkömmlichen Texten


Auf einen der oben genannten psycholinguistischen Aspekte, das Lesen, soll hier noch näher eingegangen werden. Beim Lesen sind vier Stadien zu unterscheiden:
- Der Leseprozeß beginnt nach der Auswahl eines Textes. Die Suche nach Information und eine bestimmte Erwartung gehen voraus und bestimmen die Textauswahl sowohl bei Printmedien als auch bei elektronischen Texten. Daran schließt sich die Entscheidung für eine geeignete Lesestrategie an. Dieser Aspekt spielt bei herkömmlichen print-Texten keine so große Rolle, während er bei Hypertext äußerst wichtig ist. Ein print-Text, also ein materialisierbarer, lokalisierbarer Text, ermöglicht nämlich nur eine sehr begrenzte, im wesentlichen lineare Lesestrategie. Allerdings muß der Leser auch hier entscheiden, ob er den gesamten Text oder nur Teile davon liest, ob bzw. wofür er das Inhaltsverzeichnis und den Index verwendet, wie intensiv er sich mit dem Text befaßt und wie er mit Fußnoten, Graphiken, Tabellen... umgeht. Bei der Lektüre eines Hypertextes sind ähnliche Entscheidungen zu treffen, die hier aus folgendem Grund eine viel größere Rolle spielen: In print-Texten kann der Leser zwar von der linearen Lesefolge abweichen, um Fußnoten zu konsultieren, Text zu überspringen etc., er muß dies jedoch nicht. Hilfsmittel wie Inhaltsverzeichnis und Index stellen daher immer nur ein Angebot dar. Der Leser eines Hypertextes hingegen, der zwischen unzähligen Bewegungsalternativen nicht nur wählen kann, sondern wählen muß, ist auf derartige Hilfsmittel für den Informationszugriff dringend angewiesen. Es stehen ihm daher auch eine Reihe zusätzlicher Hilfsmittel zur Verfügung (Suchsystem, graphische Übersicht...), so daß sich zusätzliche Wahlmöglichkeiten und damit auch zusätzliche potentielle Strategien ergeben. Im Zusammenhang mit Hypertext spricht man allerdings nicht von Lesestrategien, sondern von Navigationsstrategien, siehe Kap. 3.5.4).
- Das zweite Stadium bei der Lektüre ist die visuelle Wahrnehmung des Textes, die durch eine gute typographische Gestaltung erleichtert werden kann. Zur typographischen Gestaltung gehören z. B. die Schriftart und -größe, der Seitenrand, die Anzahl der Spalten sowie der Kontrast zwischen Hintergrund und Schrift. Der Einfluß dieser Faktoren auf die Textrezeption wird im Rahmen der Leserlichkeitsforschung untersucht (Göpferich 1996/97, S. 41). Bei Online-Texten ist eine gute typographische Gestaltung noch wichtiger als bei gedruckten Texten, da die visuelle Wahrnehmung von vornherein erschwert ist: Bildschirme ermöglichen keine so hohe Auflösung wie Papier, außerdem ist jeweils nur ein kleinerer Ausschnitt des Textes sichtbar. Allerdings verbessert sich die Qualität der Bildschirmdarstellung kontinuierlich. Besonders vielversprechend ist in diesem Zusammenhang die bevorstehende Ablösung der Röhrenmonitore durch LCDs (Liquid Crystal Displays, Kuhlemann 1998, S. 100 ff.).
- Das dritte Stadium des Lesens bildet die grammatische Verarbeitung der einzelnen Sätze. Die sprachliche und stilistische Optimierung von Texten im Hinblick auf die grammatische Verarbeitung ist Gegenstand der Lesbarkeitsforschung (Göpferich 1998, S. 199-202). Für Hypertext ergeben sich hier keine Besonderheiten, wenn man als gegeben voraussetzt, daß alle Knoten kohäsiv geschlossen sind.
- Der Leseprozeß ist abgeschlossen, wenn der Leser den Text inhaltlich verstanden hat. Mit den damit zusammenhängenden kognitiven Vorgängen befaßt sich die Verständlichkeitsforschung. In den neueren Ansätzen der Verständlichkeitsforschung ("kognitiver Konstruktivismus") wird die Bedeutung des Vorwissens für das Verstehen betont. Der Leser nimmt nicht nur Informationen aus dem Text auf ("bottom-up-Prozeß"), sondern bringt auch sein Vorwissen aktiv in den Verstehensprozeß ein ("top-down-Prozeß"), um Sinn konstruieren zu können. Der Text ist nur der Ausgangspunkt. Bei der Konstruktion der Bedeutung wird über die sprachliche Information hinausgegangen. Daher ergibt sich aus demselben Text nicht für alle Leser dieselbe Bedeutung. Das Vorwissen ist auch eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis eines Textes. Die Leser benötigen das Vorwissen als "Haken" zum Anknüpfen und "Schubladen" zum Einordnen der neuen Informationen. Ein Autor steht daher immer vor der Aufgabe, die Vorkenntnisse seiner Leser richtig einzuschätzen, und vor dem Problem, Leser mit unterschiedlichen Vorkenntnissen berücksichtigen zu müssen. Hypertext kann dies erleichtern, da sowohl Erläuterungen für Leser mit weniger Vorkenntnissen als auch Zusätze für Leser mit besonders großem Interesse in andere Knoten ausgelagert werden können.

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