Die psycholinguistischen Aspekte der Hypertextforschung betreffen das Denken,
Schreiben, Lesen und Lernen. Es wird argumentiert,
Hypertext sei "kognitiv plausibel", weil das Wissen
in einer Hypertextbasis ebenso vernetzt ist wie im menschlichen Gehirn. Dadurch
wird das Schreiben, d. h. die Wissensvermittlung mit Hilfe von Hypertext,
und das Lesen und Lernen, d. h.
die Wissensaufnahme aus einem Hypertext, stark vereinfacht. Beim Verfassen
eines herkömmlichen Textes muß der Autor sein Wissen zunächst
strukturieren und dann linearisieren, d. h. in eine bestimmte Reihenfolge
bringen. Der Leser nimmt das Wissen in der linearisierten Form auf und muß
daraus die vom Autor gewählte Struktur ableiten. Bei Hypertexten
entfällt der Zwischenschritt der Linearisierung. Der Autor kann die
Struktur, die er im Kopf hat, direkt auf den Hypertext abbilden. Der Leser
kann sie direkt in dieser Form aufnehmen. Hier setzt allerdings Kritik an:
Hypertext ist nur in dem Sinn nicht-linear, daß verschiedene Lesepfade
möglich sind; die einzelnen Lesepfade sind aber durchaus wieder linear.
Der Autor muß dem Leser die gewählte Struktur daher auf andere
Weise verdeutlichen (Schnupp 1992, S. 33, Ansel Suter 1995,
S. 38f., 129f., Hammwöhner 1993, S. 23,
Gerdes
URL 2 ).
Abbildung 2.2.2-1: Schreiben und Lesen von Hypertexten und herkömmlichen Texten
Auf einen der oben genannten psycholinguistischen Aspekte, das Lesen, soll
hier noch näher eingegangen werden. Beim Lesen sind vier Stadien zu
unterscheiden:
- Der Leseprozeß beginnt nach der Auswahl eines Textes. Die Suche nach
Information und eine bestimmte Erwartung gehen voraus und bestimmen die
Textauswahl sowohl bei Printmedien als auch bei elektronischen Texten. Daran
schließt sich die Entscheidung für eine geeignete Lesestrategie
an. Dieser Aspekt spielt bei herkömmlichen print-Texten keine so große
Rolle, während er bei Hypertext äußerst wichtig ist. Ein
print-Text, also ein materialisierbarer, lokalisierbarer Text, ermöglicht
nämlich nur eine sehr begrenzte, im wesentlichen lineare Lesestrategie.
Allerdings muß der Leser auch hier entscheiden, ob er den gesamten
Text oder nur Teile davon liest, ob bzw. wofür er das Inhaltsverzeichnis
und den Index verwendet, wie intensiv er sich mit dem Text befaßt und
wie er mit Fußnoten, Graphiken, Tabellen... umgeht. Bei der Lektüre
eines Hypertextes sind ähnliche Entscheidungen zu treffen, die hier
aus folgendem Grund eine viel größere Rolle spielen: In print-Texten
kann der Leser zwar von der linearen Lesefolge abweichen, um
Fußnoten zu konsultieren, Text zu überspringen etc., er
muß dies jedoch nicht. Hilfsmittel wie Inhaltsverzeichnis und
Index stellen daher immer nur ein Angebot dar. Der Leser eines Hypertextes
hingegen, der zwischen unzähligen Bewegungsalternativen nicht nur
wählen kann, sondern wählen muß, ist auf derartige
Hilfsmittel für den Informationszugriff dringend angewiesen. Es stehen
ihm daher auch eine Reihe zusätzlicher Hilfsmittel zur Verfügung
(Suchsystem, graphische Übersicht...), so daß sich zusätzliche
Wahlmöglichkeiten und damit auch zusätzliche potentielle Strategien
ergeben. Im Zusammenhang mit Hypertext spricht man allerdings nicht von
Lesestrategien, sondern von Navigationsstrategien, siehe
Kap. 3.5.4).
- Das zweite Stadium bei der Lektüre ist die visuelle Wahrnehmung des
Textes, die durch eine gute typographische Gestaltung erleichtert werden
kann. Zur typographischen Gestaltung gehören z. B. die Schriftart
und -größe, der Seitenrand, die Anzahl der Spalten sowie der Kontrast
zwischen Hintergrund und Schrift. Der Einfluß dieser Faktoren auf die
Textrezeption wird im Rahmen der Leserlichkeitsforschung untersucht
(Göpferich 1996/97, S. 41). Bei Online-Texten ist eine gute
typographische Gestaltung noch wichtiger als bei gedruckten Texten, da die
visuelle Wahrnehmung von vornherein erschwert ist: Bildschirme ermöglichen
keine so hohe Auflösung wie Papier, außerdem ist jeweils nur ein
kleinerer Ausschnitt des Textes sichtbar. Allerdings verbessert sich die
Qualität der Bildschirmdarstellung kontinuierlich. Besonders
vielversprechend ist in diesem Zusammenhang die bevorstehende Ablösung
der Röhrenmonitore durch LCDs (Liquid Crystal Displays,
Kuhlemann 1998, S. 100 ff.).
- Das dritte Stadium des Lesens bildet die grammatische Verarbeitung der
einzelnen Sätze. Die sprachliche und stilistische Optimierung von Texten
im Hinblick auf die grammatische Verarbeitung ist Gegenstand der
Lesbarkeitsforschung (Göpferich 1998, S. 199-202). Für
Hypertext ergeben sich hier keine Besonderheiten, wenn man als gegeben
voraussetzt, daß alle Knoten kohäsiv geschlossen sind.
- Der Leseprozeß ist abgeschlossen, wenn der Leser den Text inhaltlich
verstanden hat. Mit den damit zusammenhängenden kognitiven Vorgängen
befaßt sich die Verständlichkeitsforschung. In den neueren
Ansätzen der Verständlichkeitsforschung ("kognitiver Konstruktivismus")
wird die Bedeutung des Vorwissens für das Verstehen betont. Der Leser
nimmt nicht nur Informationen aus dem Text auf ("bottom-up-Prozeß"),
sondern bringt auch sein Vorwissen aktiv in den Verstehensprozeß ein
("top-down-Prozeß"), um Sinn konstruieren zu können. Der Text
ist nur der Ausgangspunkt. Bei der Konstruktion der Bedeutung wird über
die sprachliche Information hinausgegangen. Daher ergibt sich aus demselben
Text nicht für alle Leser dieselbe Bedeutung. Das Vorwissen ist auch
eine wichtige Voraussetzung für das Verständnis eines Textes. Die
Leser benötigen das Vorwissen als "Haken" zum Anknüpfen und
"Schubladen" zum Einordnen der neuen Informationen. Ein Autor steht daher
immer vor der Aufgabe, die Vorkenntnisse seiner Leser richtig
einzuschätzen, und vor dem Problem, Leser mit unterschiedlichen
Vorkenntnissen berücksichtigen zu müssen. Hypertext kann dies
erleichtern, da sowohl Erläuterungen für Leser mit weniger
Vorkenntnissen als auch Zusätze für Leser mit besonders großem
Interesse in andere Knoten ausgelagert werden können.