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2.2.1 Textlinguistik


In der Textlinguistik werden unter anderem Fragen der Kohärenz und der Kohäsion von Texten behandelt.
Ein Text ist dann kohärent, wenn durch einen "roten Faden" auf der Ebene des Inhalts aus einzelnen Sätzen und Abschnitten eine zusammengehörige Einheit entsteht. Die Leser erkennen semantische (bedeutungsmäßige) Bezüge zwischen aufeinanderfolgenden Textbestandteilen (lokale Kohärenz). Sie verstehen, daß alle Textbestandteile "Beiträge zu einer einheitlichen globalen Textfunktion leisten" (Ansel Suter 1995, S. 141) (globale Kohärenz).
Haake, Hannemann und Thüring übertragen den Kohärenzbegriff auf Hypertext:

Lokale Kohärenz liegt vor, wenn zwischen den Inhalten jeweils zweier Knoten eine semantische Beziehung besteht. Globale Kohärenz liegt vor, wenn sich die Inhalte verschiedener Knoten [...] auf ein gemeinsames Thema beziehen (Haake 1991, S. 122).


Es gibt allerdings unterschiedliche Ansichten zu der Frage, ob man auch Hypertexten Kohärenz zuschreiben kann.[6]Die Unterschiedlichkeit der Ansichten läßt sich meiner Meinung nach darauf zurückführen, daß sich die Autoren auf verschiedene Arten von Hypertext beziehen:



Während Kohärenz vom Inhalt eines Textes abhängt, bezieht sich Kohäsion auf die sprachliche Oberfläche. Ein Text ist kohäsiv, wenn seine Bestandteile durch sprachliche Mittel (z. B. Pronomina) verkettet sind[7]. Solche kohäsionsstiftenden sprachlichen Mittel sind an der Grenze zwischen Hypertextknoten nicht erlaubt. Ein Pronomen darf sich nicht auf ein Substantiv in einem anderen Knoten beziehen, da man nicht davon ausgehen kann, daß alle Benutzer diesen Knoten gelesen haben. Hypertextknoten müssen kohäsiv geschlossen sein, damit eine autonome Rezeption möglich ist (Kuhlen 1991, S. 336, 87, Ansel Suter 1995, S. 142, Gerdes URL 2). Kohäsion im eigentlichen Sinn kann es somit zwischen Hypertextknoten nicht geben. Der Kohäsionsbegriff wird in diesem Zusammenhang aber weiter gefaßt und als formale statt sprachliche Verkettung definiert. Verweise werden damit zu einem neuartigen kohäsionsstiftenden Mittel, da sie ebenfalls Verknüpfungen zwischen Textbestandteilen herstellen - wenn auch auf ganz anderem Weg. Man kann sogar sagen, daß durch Verweise Verbindungen explizit gemacht werden (Kuhlen 1991, S. 34, 336), d. h. für alle Benutzer eindeutig und in gleicher Weise zu erkennen sind. Im Unterschied dazu sind bei sprachlichen Kohäsionsmitteln wie Pronomen die Verknüpfungen nur implizit, und es kann vorkommen, daß die Leser falsche Bezüge herstellen.


Kohärenz und Kohäsion

Abbildung 2.2.1-1: Kohärenz und Kohäsion (Linke 1996, S. 226)


[6] Dabei geht es um die Kohärenz eines betrachteten Hypertextnetzes als Ganzes, nicht um die Kohärenz innerhalb einzelner Knoten.
[7] Beispiel für einen Text (selbst verfaßt), der kohäsiv, aber nicht kohärent ist: "An Silvester war er ziemlich blau. Das ist die Farbe, an der man Hardware-Abstürze unter Windows NT erkennt. Dieses Betriebssystem stammt aus Amerika. Dort landete Kolumbus im Jahre 1492."

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