Auf vier Jahre nach der Hypertext-'87-Konferenz, also auf 1991, wird die
Entstehung des World Wide Web datiert, das von Tim
Berners-Lee am CERN (Centre Européen pour la Recherche
Nucléaire) in Genf entwickelt worden war. Auf der Hypertextkonferenz
dieses Jahres war immerhin ein Poster zu finden: "The Hypertext'91 conference
(San Antonio) allows us a "poster" presentation (but does not see any use
of discussing large, networked hypertext systems...)"
(Gromov URL 1).
Heute ist das WWW so populär, daß es oft
fälschlicherweise mit dem Internet gleichgesetzt wird. In diesem
Zusammenhang muß man wissen, daß das Internet Protokoll TCP/IP
nur für den Transport der Daten zuständig ist. Damit die
Benutzer mit diesen Daten etwas anfangen können, muß ihnen noch
ein Dienst zur Verfügung gestellt werden. Es gibt verschiedene
Dienste, für die jeweils ein bestimmtes Protokoll zuständig ist:
E-Mail (SMTP-Protokoll), Newsgroups (NNTP-Protokoll), Dateiübertragung
(FTP-Protokoll), Terminalemulation (Telnet), Chat (IRC-Protokoll) und das
World Wide Web (HTTP-Protokoll). Das WWW ist also nur eine Untermenge des
Internet. Es ist zwar ein sehr wichtiger Dienst, aber keineswegs der einzige.

Abbildung: Protokolle und Dienste des Internet
Das WWW ist ein Dienst, der es ermöglicht, vom eigenen Rechner, dem
Client, auf Dateien zuzugreifen, die von einem anderen Rechner, dem
Server, an einem beliebigen Ort bereitgestellt werden, und den Inhalt
dieser Dateien am eigenen Bildschirm anzuzeigen. Die Besonderheit ist dabei,
daß die Dateien mehr oder weniger mit Hypertextfunktionalität
versehen sind
(Münz URL 1).
Daß Hypertext im WWW eine wichtige Rolle spielt, erkennt man schon
an der Terminologie: Das Protokoll heißt "HyperText Transfer Protocol"
(http), das Dateiformat "HyperText Markup Language" (html) und der Dienst
selbst "World Wide Web" (www). Für die neue Art des Lesens und der
Informationssuche, die aufgrund der Hypertextfunktionalität im WWW
möglich war, entstand bald die Wendung "im Internet
surfen". Sie wurde im Jahr 1992 von Jean Armour Polly
geprägt, als er nach einem Titel für einen Artikel über das
Internet suchte. Was er damit zum Ausdruck bringen wollte, zeigt das folgende
Zitat:
In casting about for a title for the article, I weighed many possible metaphors. I wanted something that expressed the fun I had using the Internet, as well as hit on the skill, and yes, endurance necessary to use it well. I also needed something that would evoke a sense of randomness, chaos, and even danger. I wanted something fishy, net-like, nautical (Polly URL).
Die Software, mit deren Hilfe man Dateien von entfernten Servern abrufen
und lokal am Bildschirm betrachten kann, wird als
"Browser" bezeichnet. Das Wort "Browsing" wird in der
Hypertextforschung verwendet für das "Herumstöbern" (Kuhlen 1991,
S. 126) in einem Hypertext. Die ersten WWW-Browser waren textbasiert
und nicht sehr benutzerfreundlich. An einen Zugriff auf das WWW durch breite
Bevölkerungsschichten war noch nicht zu denken. Doch 1993 entwickelte
Marc Andreessen am NCSA (National Center for Supercomputing Applications,
University of Illinois) einen Browser für graphische
Benutzeroberflächen: Mosaic
(Münz URL 1).
Nun konnten Verweise einfach durch Anklicken blau unterstrichener Wörter
aktiviert werden. Das WWW war jetzt auch Nicht-Experten zugänglich -
der Aufschwung konnte beginnen. Mosaic wurde später von der Firma Netscape
übernommen und in "Navigator" umbenannt. Auch dieser Name ist mit einem
Hypertext-Fachwort verwandt: "Navigation" ist der Oberbegriff für jede
Art der Informationssuche in einem Hypertext (vgl.
Kap. 3.5.4).