Bei der Suche nach Fachliteratur werden zunehmend bibliographische Datenbanken verwendet. Bei dieser Art von Informationssystemen wird jede erfaßte Publikation durch eine sogenannte Dokumentationseinheit repräsentiert. Jede dieser Einheiten besteht aus einer Reihe von standardisierten Felder, die den Autor, den Titel, eine Zusammenfassung, eine Schlagwortliste und verschiedene bibliographische Angaben enthalten. Für die Suche in solchen Datenbanken sind Retrievalsprachen entwickelt worden, mit denen sich die für ein gegebenes Suchproblem relevante Menge von Dokumentationseinheiten eingrenzen und abrufen läßt. Dazu wird das Suchproblem durch eine Anzahl von Wörtern charakterisiert, denen Feldindikatoren zugeordnet und die durch logische Verknüpfungen verbunden werden (Glöckner-Rist, 1993; Salton & McGill, 1983; Saracevic et al., 1988; van Rijsbergen, 1979).
Das Erlernen und die Verwendung solcher Retrievalsprachen bilden für viele potentielle Endnutzer eine Hürde für die selbständige Suche in Datenbanken. Viele Literaturrecherchen werden deshalb von speziell dafür ausgebildeten professionellen Informationsvermittlern , den Rechercheuren , durchgeführt. Eine breitere Verwendung von Literaturdatenbanken setzt voraus, daß die derzeit gängigen Retrievalsprachen durch Systeme ergänzt werden, die in der Lage sind, natürlichsprachige Problembeschreibungen in adäquate Suchfragen einer Retrievalsprache zu übersetzen.
Für das am weitesten verbreitete Boole'sche Retrieval werden
zwei Arten von Informationen benötigt. Zum einen
muß der Rechercheur entscheiden, welche Wörter aus der
Problembeschreibung und welche zusätzlichen Wörter in die
Suchfrage aufgenommen werden sollen. Desweiteren muß
er bestimmen, wie die ausgewählten Wörter in der Suchfrage
verknüpft werden sollen. Im Rahmen dieser Arbeit soll
lediglich der erste dieser beiden Problembereiche behandelt
werden. Es soll gezeigt werden, daß es sich bei der
Auswahl der Wörter um einen assoziativen Prozeß
handelt, der auf die in Kapitel
beschriebene Generierung
von Wortassoziationen zu Mehrfachstimuli zurückgeführt werden
kann. Das hier gezeigte Verfahren ist eine Fortentwicklung
früherer Arbeiten (vergl. Ferber, 1992; Ferber, Wettler & Rapp, im Druck;
Rapp, 1989; Rapp & Wettler, 1990; Wettler & Rapp, 1989;
Wettler & Rapp, 1990).
Die Problemstellung sei am Beispiel der folgenden Anfrage erläutert: ``Besteht ein Zusammenhang zwischen Intelligenz und schulischem Erfolg?'' Bei der Formulierung der Suchfrage wäre es sinnvoll, aus der Problembeschreibung die Funktionswörter und das wenig prägnante Wort ``Zusammenhang'' wegzulassen und dafür den Ausdruck ``schulischer Erfolg'' durch einen synonymen Begriff zu ergänzen. Dieses Vorgehen ist in der folgenden Abfrage realisiert:
FIND intelligence AND ((school AND success) OR grade)
Solche lexikalischen ``Einfälle'' können nicht begründet werden. Ein Rechercheur kann zwar im Nachhinein die Verwendung bestimmter Wörter rechtfertigen. Er kann jedoch nicht angeben, warum ihm ein bestimmtes Wort eingefallen ist und kein anderes. Wie in den vorangehenden Kapiteln behandelt, können solche ``automatischen'' Wortassoziationen auf die Kookkurrenzhäufigkeiten von Wörtern in Texten zurückgeführt werden.