Die assoziative Arbeitsweise des menschlichen Gedächtnisses wurde früh erkannt. Schon Aristoteles formulierte, daß der Lauf unserer Erinnerung bestimmt wird ``... von Ähnlichem oder Gegenteiligem, oder von dem, was nah zusammen ist: durch all das entsteht Erinnerung.'' (Strube, 1984, S. 34). In dem von Galton (1880) eingeführten Assoziationsexperiment wurde erstmals versucht, das Assoziationsverhalten von Menschen systematisch zu erfassen. Hierzu mußten Versuchspersonen auf ein einzelnes vorgegebenes Wort mit demjenigen anderen Wort antworten, das ihnen zuerst einfiel. Auf diese Weise ergaben sich Tabellen der Häufigkeiten, mit denen verschiedene assoziative Antworten auf bestimmte vorgegebene Stimuluswörter gegeben wurden. Solche Tabellen, wie sie später beispielsweise von Russell & Jenkins (Jenkins, 1970), Palermo & Jenkins (1964) sowie Kiss et al. (1973) erfaßt wurden, werden als Assoziationsnormen bezeichnet.
Zur Erklärung des in diesen Assoziationsnormen dokumentierten
Verhaltens werden in der Literatur eine Vielzahl unterschiedlicher
Mechanismen angegeben, die der Speicherung im Gedächtnis
zugrundeliegen sollen (vergl. die Klassifizierung
der Assoziationen nach Jung & Ricklin in Tabelle
).
Ob die von Jung & Ricklin (1906) angeführten sowie weitere in der Literatur
genannte Erklärungen für das beobachtete Assoziationsverhalten
gleichberechtigt nebeneinander stehen sollten,
oder ob sich etwa die eine von der anderen ableiten
läßt, darüber gibt es bis heute keine Übereinstimmung.
| prozentuale | Beispiel | ||
| Häufigkeit | |||
| I. | Innere Assoziationen | ||
| Koordination zwischen | |||
| Reiz und Antwort | 19,6 | ||
| Beiordnung | Kirsche - Apfel | ||
| Unterordnung | Baum - Buche | ||
| Überordnung | Katze - Tier | ||
| Kontrast | süß - sauer | ||
| Prädikative Beziehung | 18,7 | ||
| Substantiv und Adjektiv | Schlange - giftig | ||
| Substantiv und Verb | Harz - klebt | ||
| Bestimmung von Ort, Zeit, | essen - Mittag | ||
| Mittel und Zweck | |||
| Definitionen oder Erklärungen | Türe - Hauptwort | ||
| Kausale Abhängigkeit | 1,0 | Schmerz - Tränen | |
| II. | Äußere Assoziationen | ||
| Koexistenz | 16,0 | Schüler - Lehrer | |
| Identität | 6,3 | großartig - prächtig | |
| Sprachlich-motorische Formen | 26,5 | ||
| eingeübte sprachliche Verbindung | dunkel - hell | ||
| Sprichwörter und Zitate | Glück - Glas | ||
| Wortzusammensetzungen und | Tisch - Bein | ||
| -veränderungen | |||
| vorzeitige Reaktion (die Antwort | dunkelrot - hell | ||
| bezieht sich lediglich auf den | |||
| ersten Teil des Reizwortes) | |||
| Interjektionen | stinken - pfui | ||
| III. | Klangreaktionen | ||
| Wortergänzung | 1,1 | Wunder - bar | |
| Klang | 2,2 | rosten - Roastbeef | |
| Reim | 0,8 | Herz - Schmerz | |
| IV. | Restgruppe | ||
| Mittelbare Assoziationen | 1,2 | weiß - weit | |
| (die Beziehung zwischen Reiz und | |||
| Antwort ist durch ein drittes | |||
| Wort vermittelt) | |||
| sinnlose Reaktion | 0,3 | ||
| fehlende Reaktion | 1,5 | ||
| Wiederholung des Reizwortes | 0,1 | ||
| V. | Egozentrische Reaktion | 1,7 | tanzen - mag ich nicht |
| VI. | Perseveration (die Antwort steht in | 1,2 | Deckel - Kiste |
| Beziehung zu einem früher gegebenen | Ratte - Korb | ||
| Reizwort) | |||
| VII. | Wiederholung einer früher gegebenen | 9,1 | |
| Antwort |
Der Physiologe David Hartley (1749) vertrat bereits Mitte des 18. Jahrhunderts die Ansicht, daß sich eine Vielzahl vermuteter Assoziationsgesetze auf ein einziges reduzieren ließen, nämlich auf das Assoziationsgesetz durch zeitliche Kontiguität. Auch Mill (1869) ist der Auffassung, daß sich die Verknüpfung einander ähnelnder Objekte auf das Kontiguitätsprinzip zurückführen läßt: Ähnliche Objekte würden häufig gleichzeitig oder in unmittelbarer Folge wahrgenommen.
Sehr klar wurde das Kontiguitätsprinzip bereits von William James im Jahre 1890 formuliert: ``Objects once experienced together tend to become associated in the imagination, so that when any one of them is thought of, the others are likely to be thought of also, in the same order of sequence or coexistence as before. This statement we may name the law of mental association by contiguity.'' (James, 1890, S. 561.) Den Kern dieser Aussage findet man auch bei Ebbinghaus (1919, S. 678): ``... wenn beliebige seelische Gebilde einmal gleichzeitig oder in naher Aufeinanderfolge das Bewußtsein erfüllt haben, so ruft hinterher die Wiederkehr einiger Glieder des früheren Erlebnisses Vorstellungen auch der übrigen Glieder hervor, ohne daß für sie die ursprünglichen Ursachen gegeben zu sein brauchen.''
In der heutigen Psychologie wird jedoch überwiegend die Ansicht vertreten, daß das Kontiguitätsgesetz nicht ausreiche, um die im Assoziationsversuch ermittelten Wortassoziationen zu erklären. Wettler (1980, S. 34) interpretiert experimentelle Ergebnisse mit sinnlosen Silben von Foppa (1963) wie folgt: ``Daß die zeitliche Aufeinanderfolge den einzigen Faktor bilde, durch welchen die Verknüpfung von Elementen im Gedächtnis bestimmt wird, gilt inzwischen als widerlegt.'' Matthäus (1980, S. 624) kommt zum Ergebnis, daß die im Assoziationsexperiment gefundenen Beziehungen zwischen Wörtern außerhalb dieser experimentellen Situation nicht beobachtbar seien, und daß der Versuch deshalb kein geeignetes Instrument für die Untersuchung sprachlicher Prozesse sei. Assoziationen seien deshalb ``... als Phänomen uninteressant und als Modelle für anderes Verhalten ungeeignet.'' Jenkins (1974) kommt in seinem Aufsatz ``Remember that old theory of memory? Well, forget it!'' zu der Auffassung, daß die Assoziationstheorie keine brauchbaren Ergebnisse geliefert hätte. Nach Clark (1970) sind freie Assoziationen das Ergebnis von symbolischen informationsverarbeitenden Prozessen. Dabei werde das Stimuluswort zunächst semantisch enkodiert und darauf durch semantische Transformationen die assoziative Antwort abgeleitet.
Demgegenüber soll in diesem Kapitel der Nachweis erbracht werden, daß sich die bei Versuchspersonen gefundenen freien Wortassoziationen allein auf der Grundlage des Assoziationsgesetzes in guter Näherung vorhersagen lassen. Ausgangspunkt sind zwei Annahmen, die sich aus dem Assoziationsgesetz ableiten lassen, wenn dieses auf einzelne Wörter bezogen wird (vergl. Rapp & Wettler, 1992b):
In Umkehrung der zweiten Annahme sollte es möglich sein, freie Wortassoziationen aus der Verteilung von Wörtern in Texten zu erschließen. In der neueren Literatur werden mehrere Algorithmen angegeben, die dies versuchen (Basili et al., 1992; Church et al., 1989; Church & Hanks, 1989; Church & Hanks, 1990; McDonald et al., 1990; Rapp, 1991c; Ruge, 1995; Spence & Owens, 1990; Wettler & Rapp, 1989). Im Unterschied zu dem hier vorgestellten Algorithmus wurden diese jedoch nicht durch systematische Vergleiche mit Assoziationsnormen optimiert und verifiziert.