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Mainz
Zum einen wollen wir ein analytisches Rahmenkonzept für den Verstehens- und Produktionsvorgang aufstellen, zum anderen an zwei Beispielen konkret aufzeigen, wie die Übersetzung zwischen fremdkultureller und eigener gegenwärtiger Erfahrung vermittelt, oder anders gesagt, wie Kulturdifferenz sprachlich konzeptuell verarbeitet wird. Die Einbindung sowohl des AT wie des ZT in die jeweiligen kulturellen Kontexte, Handlungen und Situationen d. h. die Kulturspezifik der Textproduktion, läßt sich besonders in konventionalisierter und institutionenspezifischer Kommunikation nachweisen. Dies soll am Beispiel französischer und deutscher formalisierter juristischer Diskurstypen aufgezeigt werden. Die Beispiele zeigen, wo und wie sprachliche Normen und Konventionen das Verhalten von Menschen bestimmen, wo und wie sie sich niederschlagen und wo und wie kulturelle Setzungen erfolgen.
This paper discusses some aspects of modern hermeneutic and communicative theory with a view to their function in translation strategies. The translation is defined as a specific realisation of interaction. It will be a real trans-cultural communication when it is the result of hermeneutic comprehension processes, based both on non-textual data as well as textual structures, and of a source text production, which is dependent on scopos-based, intercultural and intertextual comparisons.
Übersetzen wird danach verstanden als bikulturelles Ereignis, das umfangreiches Wissen von AS- und ZS-Kultur und der gegenseitigen Einschätzung dieser Kulturen zur Voraussetzung hat. Es wird verstanden als Sondersorte transkultureller Kommunikation, da es ein an das soziale Handeln und die Sprache zweier Kulturen gebundener dynamischer Prozeß ist, der bei gegebenem situationellen Umstand sprachkulturspezifischen Mustern folgt und dessen Ergebnis ein funktionsgerechter Zieltext (ZT) sein soll. Diese Vorüberlegungen zeigen, daß es nicht um die Beschreibung der Übersetzung als Produkt geht, sondern um die Erforschung der interkulturell relevanten Faktoren, die den Verstehensprozeß und den Übersetzungsvorgang beeinflussen und bestimmen.
Der Übersetzer liest den AT mit bestimmten Intentionen und Einstellungen und vergleicht die dort real oder imaginiert dargestellte Lebenswelt mit seiner eigenen, indem er sein sprachliches wie auch sein Weltwissen aus dem Gedächtnis abruft. Auf das Bewußtsein von historisch-kultureller Distanz zwischen Produzenten- und Rezipientensituation folgt das Bewußtsein der unterschiedlichen Voraussetzungen, Hintergründe, SkopoÔ der jeweiligen Textproduktion. Je mehr die Voraussetzungen von AT- und ZT-Produktion, wie z.B.
voneinander abweichen, umso schwieriger ist das Verstehen. Für den Übersetzer bedeutet Verstehen ja immer, Verstehen von etwas und für jemanden, ist also aktives Geschehen. Verstehen impliziert immer schon die Anwendung. Jeder Übersetzer wird also strategisch vorgehen und sich etwa folgende Fragen stellen: Wie ist der AT strukturiert? Was wollte der Text im alten und was will er im neuen Zusammenhang? Was ist sein Sinn in gegebener historischer Situation? Was ist für den deutschen Rezipienten von Belang, welche Themen, welches Wissen, welche Informationen und in welcher Form? Es bringt wenig oder nichts ein, sich Konventionen, die zu gewissen Zeiten gelten, unter veränderten Voraussetzungen zu unterwerfen. Auf Grund der neuen Rezeptionsbedingungen kann als Verstehensstrategie formuliert werden:
Der Verstehensprozeß ist also ein interaktiver Prozeß, da er unter Einbeziehung der bereits vorhandenen sprachlichen wie nichtsprachlichen Wissenstrukturen vor sich geht und in eine neue Sinnkonstruktion mündet.2 Das methodisch-rekonstruierende Verstehen, das die fremdkulturelle Lebenswelt zu begreifen sucht, stellt den Zusammenhang von textimmanenten mit kommunikativen Strukturen, Inhalten etc. und das Zusammenspiel von Sinnzuweisungen zum Text mit dem rezipienteneigenen Voraussetzungssystem bzw. mit der Situation her. Im folgenden wollen wir daher übersetzungsrelevante Verstehensoperationen beschreiben, die sowohl mit Welt- als auch Sprachkenntnis durchgeführt werden. Die aufgelisteten Faktoren, die den Verstehensprozeß steuern, stellen ein analytisches Rahmenkonzept dar; sie greifen ineinander und wirken zusammen.
Außersprachliche Faktoren, die das Verstehen steuern, sind somit:
Unter Situation sind alle natürlichen Bedingungen (Umfeld, sinnliche Wahrnehmung eines Raums etc.) und soziokulturellen Gegebenheiten, wie etwa gesellschaftliche Normen und Konventionen, Wertungen, erworbene Praktiken und entsprechendes Verhalten etc. zu verstehen, denen sich ein Individuum konkret oder in einem Text gegenübersieht.4 Die Situation schließt also die Sprech- und Kommunikationkonstellation wie deren kulturelle Implikationen und Voraussetzungssysteme ein (Produzent/ Empfänger, Interrelation zwischen beiden, Zeit, Ort, Sprachhandeln, Inhalte, Erfahrungen, Intention). Mit der Lektüre erweitert der Leser seine Verstehensvoraussetzungen und steigert die Verstehbarkeit des AT, da der Übersetzer bereits zwischen raum-zeitlich getrennter Produktions- und Rezeptionssituation vermittelt hat. Im günstigsten Fall wird im ZT eine - im AT vorgegebene - Übereinstimmung von situativen Bedingungen und Sprachhandeln erreicht. Häufig erfährt der ZT jedoch eine Veränderung dieser im AT intentional gewünschten Einheit: zum einen, weil situative Gegebenheiten im AT und im ZT jeweils anders oder gar nicht verbalisiert werden, zum andern, weil aufgrund unterschiedlicher Orientierungsrahmen und lebensweltlicher Bezüge der Informationsrückstand bzw. Überschuß von AT- bzw. ZT-Leser (meta)sprachlich kompensiert wird durch Umschreibungen, Paraphrasen, Erklärungen, Fußnotentext, Weglassungen etc. So werden in Berichten und Kommentaren der französischen Tagespresse politisch Handelnde oder das nationale Geschehen häufig durch situationelle Lokalisierung ersetzt. So steht fr. Palais de l'Elysée oder fr. L'Elysée für dt. 'Amtssitz des Präsidenten' oder 'dessen Politik' oder 'FranÁois Mitterrand' etc; fr. Quai d'Orsay' für dt. 'das Außenministerium' bzw. 'die französische Außenpolitik', fr. la Coupole für dt. 'die Académie FranÁaise' oder 'die vierzig Unsterblichen' und fr. Rue d'Ulm meint den 'Sitz einer der vier geisteswissenschaftlichen Elitehochschulen Frankreichs' oder auch den Geist, in dem sie erzieht und ausbildet. Vielleicht weiß jeder deutsche Leser, daß Downing Street 10 der Amtssitz des englischen Premiers ist, dagegen ist HÙtel Matignon als Sitz des französischen Premiers (oder in übertragener Bedeutung auch dessen Politik) wohl eher erklärungsbedürftig wie folgender Satz belegen mag: "Le texte préparé par l'Elysée et par Matignon est simple." (Le Monde, 14 avril 1992: 9), dt. 'Der vom Präsidenten (Präsidialamt) und dem Premier (der Regierung) ausgearbeitete Gesetzestext ist einfach.'
Der gerade erwähnte Fall einer kompensatorischen Übersetzung tritt jedoch weit häufiger bei mangelndem Weltwissen allgemein auf. Dieses enzyklopädische Wissen, das viele Verstehensoperationen erst ermöglicht, umfaßt alle Kenntnis- und Wissensbereiche. Auch im AT nicht explizit formulierte Zusammenhänge ergänzt der Übersetzer und mit ihm der deutsche Leser "konstruktiv" auf Grund bestimmter Extrapolationen eben dieses Weltwissens.5 Gelingt diese Konstruktion nicht, so ist angemessenes Textverständnis unmöglich. Für den Übersetzungsdidaktiker stellt sich daher die Frage: welcher Art ist das Wissen, das ein Übersetzer benötigt, um erfolgreich verstehen und kommunizieren zu können? Zum Sprachwissen im engeren Sinn muß er gerade das Wissen vermitteln, das zum Verständnis z.B. französischer Texte nötig ist, wozu neben dem Kanon der klassischen Literatur profunde Geschichtskenntnisse ebenso wie Titel und Inhalt von Comics, Filmen, moderner Trivialiteratur wie das Wissen um politische Skandale oder das Pressewesen gehören.
Ein Beispiel möge zeigen, wie wichtig die Kenntnis kulturell bedingter Verstehensvoraussetzungen für das Übersetzen ist. Noch in den 60er Jahren konnte fr. un flic mit Anspielung auf die grüne Uniform dt. Verkehrspolizei registergerecht mit 'ein Grüner' übersetzt werden; heute wird ein Grüner als Parteigänger ökologisch-alternativ politischer Gruppierungen bezeichnet; der alte flic heute also mit 'Schupo, Polente, Blaumann' etc. übersetzt. Pikant wird für den deutschen Übersetzer aber fr. les verts, bezeichnet dies doch seit allerjüngster Zeit nicht mehr die Anhänger der Umweltparteien sondern - in Anspielung auf grün als die Farbe des Propheten - die fundamentalistischen Parteien, spez. Algeriens. Wir sehen also, wie lern- und erfahrungsbedingt solche Bedeutungskomplexe sind, die die Verwendungsbedingungen (z.B. die Bezeichnung "Grüner" für "Schupo") sogar von Einzellexemen bestimmen. Bei fehlendem oder vom Übersetzer nicht vermitteltem Weltwissen wird Unverständnis die Folge sein. Auch die Unkenntnis von Wert- und Klischeevorstellungen, von Verhaltenskonventionen etc. beeinträchtigen trotz guter Sprachkenntnisse Verstehen und Kommunikation. Unser Beispiel kann hier weitergeführt werden: Weckt grün besonders positive Assoziationen in arabischen Ländern als Farbe des Islam und in Deutschland als Farbe, die Naturverbundenheit, Gesundheit und Frische signalisiert, so wird grün in Ländern mit dichtem Dschungel oft mit Krankheit in Verbindung gebracht, ist also in Teilen des weitgehend muslimischen Indonesiens verpönt.
Unter Textkohäsion wird das Zusammenwirken aller textkonstitutiven Mittel verstanden, die den Konsistenzbedingungen von Grammatik, Lexik und Syntax genügen, um die Oberfläche eines Textes zu organisieren; sie beschränkt sich auf semantisch-syntaktische Regularitäten wie z.B. die Substitution.6
Referenzhinweise ergeben sich durch das im Text vermittelte Wissen über sprachlich gebundenes Weltwissen. Der Übersetzer als Leser muß davon ausgehen, daß der Gegenstand oder Sachverhalt auf den das Lexem verweist, dem Leser bekannt ist oder bekannt gemacht werden muß. Lexeme können nicht auf eine reine Bezeichnungsfunktion hin eingeengt werden, sagen sie doch etwas über den Benutzer, dessen Herkunft, Alter, Geschlecht etc. aus. Da die gesellschaftliche Praxis in der Zielkultur eine andere ist, bezieht sich die Bedeutung eines übersetzten Wortes auf eine veränderte gesellschaftliche Realität - verändert sich mit der gesellschaftlichen Praxis, ändert seine Bedeutung in Abhängigkeit von neuen sprachlichen Feldern, Kontexten, Situationen, Kontakten mit fremden Kulturen. Nichtsdestoweniger dient der durch AT und ZT im Rahmen verschiedener Wirklichkeitsmodelle erfolgte Referenzakt der Erstellung textueller Bedeutung und der Möglichkeit von Gegenstandserkenntnis.
Das Thema ist das durch Kontext oder Situation Gegebene und Bekannte, worüber etwas ausgesagt wird. Thematische Relationen bilden das Gerüst des Textaufbaus und steuern die Orientierung des Lesers. Dessen Ausmerksamkeit wird natürlich durch seine kulturelle, soziale, individuell-aktuelle Lage bestimmt. Häufig erfolgt die Verstehenssteuerung bereits schon durch Präsignale wie Titel, Untertitel, Gattungs- oder Textsortenangaben wie "Roman, Gesetz, Gebrauchsanweisung", die Angaben über Inhaltsaspekte sind. Im fr. ArrÍté erwartet der fr. Leser, daß Behörde und Behördenleiter explizit als im Sprechakt Handelnde genannt werden, in der dt. behördlichen Verordnung/ dem Erlaß dagegen sind Passiv-Formulierungen die Regel: "Le préfet des Alpes- Maritimes, officier de Légion d'honneur, officier de l'ordre national du Mérite,... arrÍte..." (Nice Matin 4 avril 1977: 16); "(es)... wird...verordnet." Textmerkmal der fr. Textsorte ist zudem die Nennung der Auszeichnungen der Amtsperson, die nach dem Präsignal dt. Erlaß undenkbar ist. Vor dem in Artikel gegliederten fr. Text des ArrÍté werden alle für die Entscheidung herangezogenen Dokumente, die sog. visas, aufgeführt und syntaktisch-parallel durch vu eingeleitet:
"Vu la loi du 19 juillet 1976...;
Vu le décret du 2 avril 1964...;
Vu l'arrÍté en date du 12 septembre 1976...;
Vu l'avis de classement de...." (Nice Matin 4 avril 1977: 16)
Im Dt. wird die gesetzliche Grundlage nur global genannt, z.B. "Auf Grund des ß 80 Abs. 2 Nr. 3 des Hochschulgesetzes in der Fassung vom 9. September 1987..." (Staatsanzeiger Rheinland-Pfalz, 11. November 1991: 1192). Die darauf folgenden Beweggründe werden in französischen Texten durch considérant que oder attendu eingeleitet. Präsignale kündigen also bereits an, wie etwas gesagt wird.
Die Textkohärenz ermöglicht das Verstehen dessen, was mittels sprachlicher Zeichen verbalisiert wurde in einem pragmatischen Kontext. Textkohärenz nennen wir also den organisierten Zusammenhang von semantisch-logischem Netzwerk, thematischer Information, referentiellen Sachverhalten und sozial-kommunikativem Rahmen als Resultat des Leseprozesses. Sie ist das Produkt von Sinnerstellungsoperationen des jeweiligen Lesers sowie den beziehungsstiftenden Bedeutungszuweisungen, z.B. einem Geschichtenzusammenhang. Die kommunikativ-pragmatische Dimension der Kohärenz, die Relation zwischen Text und außertextlichen Bezügen, läßt sich daher nur über die jeweilige Rezipientensituation erfassen. Was für den dt. Leser kohärent ist, braucht es noch lange nicht zu sein für den Franzosen, der den Text aus seiner eigenen Geschichtlichkeit heraus versteht.
Auf Grund gleicher/ ähnlicher kommunikativer Funktion haben Texte spezifische Merkmale und werden als zusammengehörend empfunden: als Gattungen, Typen, Sorten etc. Für den Übersetzer spielt die Texttypologie eine zentrale Rolle, weil die Beziehung zwischen dominanter kommunikativer Funktion, thematischem Aufbau und sprachlicher Strukturierung von Texten sprach- und kulturspezifisch ist.7 So ergibt sich bei Textsortenkontrastierung, daß außersprachliche soziokulturelle Vorgaben gemeinsam mit spezifisch sprachlichen Konventionen und Vertextungsregeln die Textsorte determinieren. Nach unseren bisherigen hermeneutischen Prämissen sollte der Übersetzer sich an zielkulturellen Konventionen und Normen der Vertextung und am Bedeutungs- und Sinnhorizont der Empfängererwartung orientieren. So will der dt. Leser z.B. bei übersetzten literarischen Werken durchaus das Exotische, die "andere" Denkweise, die "andere" Ausdrucksform spüren; und der Übersetzer tut gut daran, die kulturelle Differenz zu markieren, Fremdheit erfahrbar zu machen. Bei einer Gebrauchsanweisung oder einem Handbuch dagegen versteht sich eine zielkulturell orientierte instrumentelle Übersetzung von selbst.
Unter Kommunikation versteht man gemeinhin den sprachlichen Akt, der zielgerichtet zwei- oder mehrseitige Beziehungen herstellt, in deren Rahmen die Modi der Verständigung bestimmt und die pragmatische Funktion der sprachlichen Äußerung an den Sinnintentionen überprüft werden. Sprachliche Kommunikation verläuft also unter bestimmten äußeren Bedingungen, in bestimmten Kontexten und mit bestimmter Intention, wobei die Verknüpfung eines sprachlichen Ereignisses mit seinem Zweck in einer bestimmten Situation in einer gegebenen Gesellschaft meist eine Regularität darstellt. Die kommunikative Interaktion wird noch komplexer, da der eingeführte Terminus Verständigung den sozialen Aspekt der Partner impliziert. Erst die verstehende Anerkennung der anderen/ fremden Identität ermöglicht kommunikatives Handeln, d.h. der von den Partnern geteilten Situations-, Handlungs- und Sprachmuster. Verstehen und Verständigung sind daher nur interaktionell zu bestimmen, auch wenn manche Rahmenbedingungen wie z.B. Textsortenkonventionen diese erleichtern, da die Partner die Regeln der Bedeutungsverwendung von Wörtern in Handlungsmustern und Handlungszusammenhängen kennen.9
Daraus folgert eine für die Übersetzung relevante Bestimmung von Kommunikation als intentionale, situationsbedingte, interlinguale und interkulturelle Interaktion. Entscheidend ist demnach eine zweckgerichtete, auf eine Situationsdeutung gestützte und um Verständigung bemühte sprachliche Äußerung. Der Adressat muß also die Intention und Wirkungsabsicht der sprachlichen Handlung erkennen können. Die hiermit bereits vorgestellten kommunikationstheoretischen Konzepte sind Faktoren10, die in hohem Maße geignet sind, den Übersetzungsvorgang (Wer, wo, warum, wozu, was, wie etc.) zu modellieren:
Nun haben wir Übersetzen als des auf Verständigung angelegten, zweckbestimmten Sprachhandelns, als transkulturelle Kommunikation bestimmt. Daraus ergeben sich wichtige Konsequenzen für den Übersetzungsvorgang, dessen Rahmen und Maßstab die bereits beschriebenen hermeneutischen und kommunikationstheoretischen Konzepte bilden. Nach diesen Konzepten folgt eine Übersetzung bei gegebener Situation historischen sprachkulturspezifischen Mustern, damit eine Mitteilungsabsicht mit bestimmter Thematik überhaupt erst in organisierter Textform erfolgen und verstanden werden kann. Jeder Übersetzer muß also zuerst die Voraussetzungen der Kommunikationssituation - der Partner und der Situation im engeren Sinn - klären. Die nächste Überlegung ist, ob in dieser neuen Situation die vom AT gewollte Kommunikations- und Mitteilungsabsicht zu realisieren ist bzw. welches die Intention des Übersetzers ist; ob er informieren , Wissen übermitteln, Handlungen fordern etc. will. Daraus ergibt sich direkt die Entscheidung über die Textfunktion des Translats, die sich, wenn zielkulturell irgend möglich, aus der des AT ergibt. Der Zweck sollte durch einen angemessenen und präzise formulierten Übersetzungsauftrag festgelegt werden. In der Festlegung der Textfunktion erfolgt dann die Kopplung zwischen Intention und Textsorte und deren einzelsprachlich spezifischen Vertextungsnormen z.B. von Sprechakten oder Handlungsmustern. Gerade um diese konkrete Verwendung einer spezifischen Sprache in Diskurs und Text und die Kulturspezifik der Textproduktion geht es in der Übersetzung.
Eine Einschränkung der transkulturellen Transferproblematik auf außersprachliche kulturelle Realia wie Empfänger, Ort, Zeit, Sender, Intention etc. ist also nicht möglich, da das Gelingen transkultureller Kommunikation die Kenntnis der Regeln ihrer Herstellung voraussetzt. Diese Kenntnis nun umfaßt zweierlei: zum einen die Kenntnis der kulturellen Normalformen, wie z.B. der sozialen Strukturen, der Handlungsmuster, des Sach- und Wissenshintergrunds von Ausgangs- und Zielkultur und zum andern das Sprachhandeln, die sprachkulturspezifische Realisierung von Sprechakten, Verhaltensmustern etc., die Diskursformen und Textsorten in AT und ZT. Die Kenntnis dieser kulturellen Normalformen erlaubt auch, fiktive von realen Texten oder den Tenor Ernst von Ironie unterscheiden zu können.
Weltwissen und Sprachwissen werden in sprachspezifischer Weise kombiniert im Verstehensprozeß. Und so kann auch die kommunikative Funktion einer Übersetzung nur relativ zur Situation im Rahmen soziokultureller Konventionen der Sprachverwendung und den Erwartungen des Rezipienten erschlossen werden. Diese Konventionen enthalten Hinweise, wie die Übersetzung zu deuten ist. Der ZT wird also je nach Sprache für den ZT-Leser andere Mißverständnisse oder gar Nichtverstehen ausräumen müssen und den Zusammenhang von kommunikativen Zwecken und sprachlichen Mitteln neu gestalten. Dazu gehört auch, Nichttextualisiertes für den ZT-Leser explizit zu machen. Aus diesem Grund benötigt der Übersetzer eine hermeneutisch-konstruktive Kompetenz, die die rezeptionsorientierte Ausrichtung seines Translats impliziert, damit eine Applikation auf die Lebenspraxis des ZT-Lesers ermöglicht wird. Was mit einem Text zu verstehen gegeben wird, ist dann eine Verständigungsleistung von Übersetzer und Leser und hängt auch davon ab, ob in bestimmten Handlungszusammenhängen ein Bedarf oder sogar eine kommunikative Notwendigkeit besteht. Der Sinn eines Textes wird somit im Verstehen erfaßt durch seine Einbettung in einen übergreifenden Zusammenhang und ein Mitteilungsgeschehen. Der Übersetzer fügt dem AT, auch wenn dieser interpretationsbedürftig ist, keinen zusätzlichen Sinn bei, der nicht in ihm selbst angelegt wäre. Im Rahmen der neuen Situation sowie der textuellen Wirkungsgeschichte ergibt sich aber ein neues Verstehen, werden neue Sinnbezüge entdeckt. Eine so verstandene kontrollierte Vermittlung zwischen fremdkultureller und eigener gegenwärtiger Erfahrung wird dem Anspruch der Übersetzung als transkulturellem Kommunikationsvorgang gerecht. In einer Ära der Homogenisierung in Gestalt ökonomischer und technischer Vernetzung einerseits und der Fundamentalisierung von Differenz andererseits ist die Übersetzung als Form einer gegenseitigen Wachsamkeit, als besondere Form des transkulturellen Grenzverkehrs geradezu unverzichtbar.
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Letzte Bearbeitung: 10.05.96