
Der Translator erfährt sich häufig als ein unzulängliches Ich, das sich im steten Wunsch nach der Akzeptanz durch den Leser/ Auftraggeber zu behaupten hat. Er reflektiert daher seine Tätigkeit des Übersetzens als Interaktion. Wenn diese Interaktion oder der Diskurs nicht gelingt, stellen zum einen die Sprache, häufig aber außersprachliche, kulturspezifische Kontexte das eigentliche Problem dar. Sprachliches Wissen ist somit eine notwendige, wenn auch keine hinreichende Komponente für das Gelingen einer Kommunikation.
Das pragmatische Credo lautet bekanntlich, dass der Inhalt von Begriffen/
Wörtern durch ihren Gebrauch in der zwischenmenschlichen sprachlichen
Praxis, also in Abhängigkeit von ihrer Applikation bestimmt wird. Diese
Gebrauchstheorie der Bedeutung impliziert, dass die in Situationen eingebetteten
Diskurse folglich erst als Teil von sozialen Prozessen, Handlungen,
Vorgängen, Sitten, Gebräuchen und menschlichen Erfahrungen näher
bestimmbar sind. Translatorische Kompetenz setzt daher eine Verwendungskompetenz
von Diskursen voraus, die alle für die erfolgreiche zweisprachig vermittelte
Kommunikation erforderlichen Kenntnisse umfasst. Sie umfasst damit auch
kulturelle Kompetenz, da sie sowohl Sprach- und Textbildungskompetenz in
zwei Sprachen als auch para- und extralinguistisches Wissen für eben
diese situativ-kommunikativ angemessene Sprachverwendung einschließt.
Translatorische Kompetenz umfasst ebenfalls prognostische Annahmen des
Translators hinsichtlich der ZT (Zieltext)-Lesererwartung und der
Verstehensvoraussetzungen der ZT-Empfänger. Schließlich gilt die
Translation der Vermeidung von Verstehensdefiziten durch Anpassung der Aussage
des AT (Ausgangstext) an den Vorwissensstand des in einer abweichenden Sprach-
wie Kulturgemeinschaft aufgewachsenen ZT-Empfängers. Der Translator
entscheidet somit auch über das Angebot an eventueller kultureller Fremdheit
für die Zielkultur.
Die so gefasste interkulturelle Kompetenz des Translators basiert auf einem weitreichenden Kulturverständnis, das im Idealfall die Gesamtheit des landeskundlich-zivilisatorischen wie soziokulturellen Hintergrundes von AS- und ZS-Gemeinschaft umfasst. Kultur, verstanden als Komplex von sozialen Handlungen (Kunst, Religion, Wissenschaft, Ethik), Bedeutungen und Vorstellungen, verstanden als ein System gemeinsamer Formen und Symbole[1]. Diese interkulturelle Kompetenz umfasst daher drei Komponenten: sprachkulturspezifisches, kommunikativ-prozedurales und textuelles Wissen[2].
Zunächst möchte ich an Hand von Beispielen darlegen, worin sprachkulturspezifisches Wissen besteht. Da ist zunächst einmal das kulturell geprägte Sach-/ Denotatswissen, das Wissen um die sog. Realienlexeme[3]. Hier wären als Beispiele zu nennen: Vogelhochzeit (bei den Sorben eine Art Frühlingsfest), sp. corrida de toros, de. Fasching. Die unterschiedliche Konzeptualisierung sprachlicher Äußerungen belegen folgende Lexeme: der englische Begriff government meint das Kabinett, der US-Terminus dagegen den gesamten Staatsapparat der drei Gewalten. Während es im Deutschen und Spanischen nur fünf Kontinente gibt, erfasst der englische Terminus Nord- und Südamerika als getrennte Kontinente, und kommt daher mit der Antarktis auf sieben. Während im Deutschen ein Gegensatz besteht zwischen 'privaten' und 'staatlichen Schulen', kommt im Französischen école privée vs. école publique ein anderer Gegensatz zum Ausdruck, nämlich einer, der die 'Konfessionsschule' (école privée) der streng laizistischen 'staatlichen Schule' (école publique) antonymisch gegenüberstellt. Entsprechend handelt es sich auch bei fr. enseignement laïque um 'staatliches Schulwesen' oder 'Unterricht/ Lehrpläne an staatlichen Schulen'. Einen in französischen Zeitungsberichten und -kommentaren besonders häufigen Fall möchte ich erwähnen, der ohne kulturhistorisches Wissen Übersetzungsschwierigkeiten bereitet. Im AT verweist eine generische Bezeichnung auf ein einziges Objekt, muss also vom de. Leser erkennbar und identifizierbar sein. Der Satz: La patronne de Paris donna son nom a une des meilleures bibliothèques dürfte erst verständlich und die Bibliothek auffindbar sein, wenn das Referenzobjekt direkt benannt wird. So könnte die Übersetzung etwa lauten: 'Eine der besten Bibliotheken in Paris trägt den Namen der Schutzpatronin der Stadt: Ste-Geneviève'. Auch der folgende fr. Satz: L'oeuvre de Soufflot ... héberge toujours nos grands laïques... muss im De. expliziert werden. Die Übersetzung könnte lauten: 'Das vom Architekten Soufflot erbaute Pantheon in Paris ist immer noch letzte Ruhestätte für die französischen Freidenker/Freigeister...'[4]. Auch antonomastisch gebrauchte Eigennamen literarischer Figuren (z. B. Tartuffe, Othello, Falstaff etc.) bieten ähnliche Schwierigkeiten für das Übersetzen.
Dann ist das Wissen von kulturkreisspezifischen Sachverhalten und
kulturspezifischen Realia zu nennen; all das, was meist als landeskundliche
Spezifika bezeichnet wird. Dabei kann es sich thematisch handeln um:
historisch-geographische Bezeichnungen und Namen, politische Termini,
sozialgeschichtliche Realia, Ausbildungsgänge und Abschlüsse, die
Benennung von Institutionen und Dienstgraden, die Terminologie in Speisekarten
oder die Wortwahl in der Tourismuswerbung und mehrsprachigen Reiseprospekten,
die sich um die Wiedergabe von Lokalkolorit
bemühen[5]. Eine Lösung für
die Übersetzung solcher soziokulturellen Realia bietet eine kompensatorische
zielsprachliche Vertextung, die als Paraphrase, Kommentierung oder
Fußnotenanmerkung möglich ist. So kann die Übersetzung des
fr. collège je nach ZT-Funktion und Vorwissen des deutschen
Lesers lauten: 'Sekundarschule' oder 'weiterführende Schule' oder 'der
nach einer fünfjährigen Grundschule von allen französischen
Schülern besuchte vierjährige 1. Zyklus einer collège
genannten Sekundarschule'. Und während die Namen von Regionen, Städten
und Straßen - majuskuliert als solche erkennbar - in der ZS-Reiseliteratur
meist erhalten bleiben, garantieren sie doch einen Wiedererkennungswert im
fremden Land, steht es anders um die Namen historischer Persönlichkeiten.
So muss aus sp. Carlos primero de. 'Karl der Fünfte' (Karl V.)
werden und aus fr. Frédéric II de. 'Friedrich der
Große' oder 'Friedrich II. von Preußen'. Beispiele zu diesen
kulturspezifischen Realia sind Legion.
Schließlich ist die Kenntnis von Symbolbedeutungen zu erwähnen.
Die andersartige Farbsymbolik z. B. von schwarz oder weiß als
Trauerkleidung, kann nivelliert werden, wenn man de. Sie trug schwarz
in andere Sprachen übersetzt mit 'Sie trug Trauerkleidung'. Das in
französischen politischen Zeitungskommentaren häufig vorkommende
les verts bezeichnet nicht nur die Umweltpartei sondern - in Anspielung
auf grün als die Farbe des Propheten - die fundamentalistischen Parteien
Algeriens. Die Blumen- und Tiersymbolik weichen ebenfalls in den meisten
Ländern voneinander ab (typische Todes- und Hochzeitsblumen etc.). Besonders
ersichtlich wird das bei folgenden Metonymien, in denen eine Übertragung
vom Herkunftsbereich `Tierwelt' auf `Eigenschaften der Menschen' vorliegt:
Vom de. Kamel `Dummkopf, Trottel' unterscheidet sich die
französische Bildsprache, da ein chameau ein `bösartiger,
unangenehmer Mensch' ist, und eher buse bzw. bécasse
den `Trottel' bzw. die `dumme Gans, Schnepfe' bezeichnen. Und die Kosenamen
caille `Wachtel' und biche `Hirschkuh' für Kind und Frau
sind dem Deutschen völlig fremd und wären etwa zu ersetzen durch:
Spatz, Spätzchen, Mäuschen, Mausi, meine Taube. Hier sind
auch die kulturellen Deutungsmuster zu erwähnen, z. B. die positive
oder negative Bewertung in der Werbung von bestimmten Nahrungsmitteln wie
Schnecken, Vögel, Kängurus.
Das kommunikativ-prozedurale Wissen umfasst die Kenntnisse, die der Translator von den spezifischen gesellschaftlichen Normen, Konventionen, Traditionen, Praktiken, sozialen Rollen, Erfahrungen, Umgangsformen sowie den ZT-Lesererwartungen hat. Sie umfassen auch die für die Kommunikation relevanten unterschiedlichen Sprachkonventionen bei vergleichbarer Situation des Alltaglebens (Restaurantszenarien, Arzt-, Bibliotheks-, Geschäftsbesuch, Telefongespräche, etc.)[6]. Im einzelnen kann man unterscheiden das Interaktionswissen und das Wissen um das Verhältnis von Verbalisiertem und Schweigen/ Impliziertem.
Das Interaktionswissen, das Wissen um soziales Verhalten in bestimmten
Situationen, umfasst die Sprech- und Kommunikationskonstellationen von Partnern
und Situationen - Anredeverhalten, Sitten, Gebräuche, , Wert- und
Klischeevorstellungen (z. B. Tschador vs. Oben-Ohne) - und die entsprechenden
Sprachhandlungsmuster. Spechakte wie: bitten, fordern, befehlen,
Erklärungen abgeben, empfehlen, abraten etc. sind konventional üblich
und an soziale Subjekte und Voraussetzungen gebunden. So kann die Vollversammlung
der UNO den Generalsekretär fr. inviter à faire qc. im
Deutschen 'ersuchen', aber nicht 'auffordern'. Und de. Die Europäische
Kommission hat Stellung genommen und das Europäische Parlament
hat Stellung genommen muss, da die Vorrechte der Organe funktional
unterschieden sind, im FR. anders verbalisiert werden: 'La Commission a pris
position' und 'Le Parlement a rendu son avis'. Der Verbalisierung des
Grußes und einer Entschuldigung, der im Fr., auch fremden Personen
gegenüber, immer ein Madame/ Monsieur/Monsieurdame folgt, steht
im De. die alleinige Verbalisierung des jeweiligen Sprechakts gegenüber.
Die in Frankreich üblichen Glückwünsche zum Namenstag bonne
fête (souhaiter à qn. sa fête) erfolgen in
Deutschland üblicherweise zum Geburtstag. Hochgradig differenziert ist
die fr. Briefschlussformel, die eine Unterscheidung der Briefpartner sowohl
nach Geschlecht, Alter, sozialer Stellung als auch nach Vertrautheitsgrad
erlaubt, während im De. aus der Schlussformel meist nur der Bekanntheitsgrad
ersichtlich wird: 'Mit besten, freundlichen, herzlichen
Grüßen'[7].
Dieses letztgenannte Beispiel mit seiner Adressatenspezifik leitet über
zu einem weiteren Fall, der das Verhältnis von Verbalisierung und Implizitem
betrifft. Es kommt häufig vor, dass eine bestimmte Thematik und Absicht
in einer bestimmten Situation, bei bestimmten Partnern, nicht verbalisiert
wird, nicht sinnvoll oder gar tabuisiert ist. So dürfte die Absicht,
Schweine- oder Rindfleisch in Israel oder Südindien vermarkten zu wollen,
auf Unverständnis stoßen. Die einzelsprachlich spezifischen
Vertextungsnormen z. B. von Sprechakten oder Handlungsmustern sind nicht
selten die Ursache für Missverständnisse, sofern sie nicht beachtet
werden. Deutsche werden sich vielleicht noch an die klägliche Blamage
einer unter Bundeskanzler Kohl hochkarätigen Wirtschaftsdelegation in
Japan erinnern. Nach langen Verhandlungen mit japanischen Regierungsmitgliedern
und Wirtschaftsmanagern bat der japanische Außenminister noch vor der
Unterzeichnung wichtiger, bereits ausformulierter Verträge in Termini
voller ergebener Bescheidenheit die Gäste zu einem Essen. Er betonte
mehrfach, wie sehr er bedaure, kein Bankett, nur ein dürftiges Essen
anbieten zu können. Der Dolmetscher lieferte eine wörtliche
Übertragung und die deutsche Delegation, die hungrig war und den Sprechakt
der Einladung wohl gar nicht verstand, stürmte - Kanzler voraus - aus
dem Saal. Direkt danach öffnete sich die Tür zum Nebensaal und
gab den Blick frei auf ein reichhaltiges und höchst raffiniert
zusammengestelltes Buffet. Die brüskierten und vor den Kopf gestoßenen
Japaner, die alleine unter sich blieben, unterzeichneten später nicht
die Verträge. Das Implizite und falsch Verbalisierte führte zu
einem diplomatischen faux pas mit wirtschaftlichen
Folgen[8]. Kommunikativ-prozedurales Handeln
des Translators geht nicht von der Frage aus: "Wie heißt das auf
Französisch oder Japanisch"? sondern: "Mit welchen sprachlichen oder
außersprachlichen Mitteln realisiert der ZT-Empfänger diese Intention
in gegebener Situation"? Daher sind die Kenntnis der konkreten
Äußerungssituation und des Äußerungskontextes sowie
die Annahmen des Translators hinsichtlich der ZT-Lesererwartung und der
Verstehensvoraussetzungen der ZT-Empfänger Grundlage für einen
erfolgreichen Transferprozess.
Das textuelle Wissen erfasst kulturspezifische Textmuster und Textsorten, d. s. einzelsprachliche spezifische Vertextungsnormen und -konventionen sowie die unterschiedlichen Gebrauchsnormen.
Die Kenntnis von Textsorten und Dirkursformen ist Voraussetzung dafür,
dass der Translator bei vorgegebenem, möglichst vergleichbarem,
kommunikativen Zweck von AT und ZT die Konventionen auf Text-, Satz- und
Lexemebene einhalten kann[9]. Schon seit den
70er Jahren gibt es zahlreiche, auch vergleichende, Untersuchungen der Textsorten
in den Einzelsprachen, die kulturell geprägte Konventionen in Makro-
und Mikrostruktur untersuchen. Ein besonderes - interkulturelles - Problem
stellen Anspielungen auf geflügelte Worte, Zitate, Slogans, Namens-
und Titelübersetzungen bzw. die Referenz auf bereits übersetzte
Titel in Musik, Literatur und Film dar. In der Übersetzung werden heute
Eigennamen im Spanischen hispanisiert, im Deutschen und Russischen fremd
belassen[10]. Häufig werden Namen und
Titel aus kommerziellen, exotischen, sprachlichen und interkulturellen
Gründen stark verändert. So vermutet man hinter L'opéra
de quatsous nicht gleich 'Die Dreigroschenoper', und hinter 'Sitte und
Sexus der Frau' nicht gleich die als 'Das andere Geschlecht' vertraute
Übersetzung von Simone de Beauvoirs Le deuxième
sexe[11]. Und wie soll man Liszts
Präludium und Fuge auf B-A-C-H ins Englische übersetzen, wo das
de. B ein en. 'B flat' und das de. H ein 'B' ist? Hier wird
wohl eine metasprachliche Erklärung notwendig.
Unterschiedliche Gebrauchsnormen manifestieren sich in der Verwendung von
Soziolekten (im Fr.) und Dialekten (De.), von Phraseologismen und
Sprichwörtern, von Nominalisierungen und Aktiv- oder Passivformen (z.
B. Aktivformen mit namentlich genanntem Handlungssubjekt in der fr. Textsorte
arrêté vs. Passivformen in der de. Verordnung/ Erlass)
etc. So werden im Russischen die Adressen in anderer Reihenfolge geschrieben
als im Deutschen, und die im Chinesischen übliche Benutzung von
Sprichwörtern in Fachtexten ist im De. unangemessen. In Berichten und
Kommentaren der französischen Tagespresse werden politisch Handelnde
häufig durch situationelle Lokalisierung ersetzt. So steht fr. Palais
de l'Elysée oder L'Elysée für de. 'Amtssitz
des Präsidenten' oder 'dessen Politik'; fr. Quai d'Orsay für
de. 'das Außenministerium' bzw. 'die französische Außenpolitik',
fr. la Coupole für de. 'die Académie Française'
oder 'die vierzig Unsterblichen' und fr. Rue d'Ulm meint den 'Sitz
einer der vier geisteswissenschaftlichen Elitehochschulen Frankreichs' oder
auch 'den Geist, in dem sie erzieht und ausbildet'. Vielleicht weiß
jeder deutsche Leser, dass Downing Street 10 der Amtssitz des englischen
Premiers ist, dagegen ist Hôtel Matignon als Sitz des
französischen Premiers (oder in übertragener Bedeutung auch dessen
Politik) wohl eher
erklärungsbedürftig[12]. In den
meisten Fällen erfolgt daher eine kommentierende Übersetzung, um
mangelndes Kulturwissen zu kompensieren und ein angemessenes
Textverständnis zu ermöglichen. Die Relation zwischen Text und
außertextlichen Bezügen lässt sich daher nur über die
jeweilige Rezipientensituation erfassen. Was für den französischen
Leser kohärent ist, braucht es noch lange nicht zu sein für den
deutschen, der den Text aus seiner eigenen Geschichtlichkeit heraus versteht.
Ich möchte die interkulturelle Kompetenz des Translators näher bestimmen, indem ich von drei elementaren, für den Sinn von Texten konstitutiven Faktoren ausgehe[13]:
Diese Unterscheidung kann vom Translator textanalytisch angewendet werden. Es geht darum, wie der konkrete Kulturkontext im AT vorhanden ist und ob und wie er suppletiv im ZT aufgebaut, also sprachlich artikuliert werden muss. Der interkulturell kompetente Translator beherrscht die differenten Weisen, in denen die verbale Suppletion geschieht, die von der konkreten Situation, den soziokulturellen Konventionen der Sprachverwendung sowie von den Präsuppositionen und Erwartungen des Rezipienten (subjektive Wissenskontexte) abhängt.
Ein letztes Beispiel möge das Zusammenspiel der drei Faktoren, das
Zusammenspiel von sprachlichem und außersprachlichem Wissen in AT und
ZT zeigen. Es ist auch ein Beispiel für die Vermittlung zwischen eigener
und fremdkultureller gegenwärtiger Erfahrung, die dem Anspruch der
Übersetzung als transkultureller Kommunikation gerecht
wird[14]. Als 1983 ein hoher EG-Beamter
bedauerte, dass man Illusionen dem konkreten Handeln für eine
europäische Erweiterung (gemeint war Spanien) vorziehe, sagte er: "Was
sollen wir tun? Luftschlösser bauen ist sicherlich nicht die angezeigte
Lösung". Die erste Übersetzung in das FR. war sehr wörtlich
und sprachlich korrekt: Que devons-nous faire? Bâtir des chateaux en
Espagne n'est certainement pas la meilleure
solution[15]. Zu einem Zeitpunkt, wo Spanien
an der europäischen Haustür anklopfte, wäre eine solche
Übersetzung pragmatisch falsch, ja ein diplomatischer faux pas, wenn
nicht gar eine Katastrophe. Sie wurde schnell korrigiert und ersetzt durch
eine situationell angemessene Übersetzung: Tirer des plans sur la
comète... n'est certainement pas la meilleure solution . Übersetzen
heißt folglich dialogisch Denken, heißt Inbeziehungsetzen und
Auswählen, heißt, sich am Bedeutungs- und Sinnhorizont der
Empfängererwartung orientieren. Der Translator muss infolgedessen über
ein kulturelles Wissen verfügen, das im Idealfall die Gesamtheit der
sozialen Handlungen in der AS- und ZS-Gemeinschaft, die Gesamtheit des kulturell
geprägten Sach-/Denotatswissens sowie der ausgangs- und zielkulturellen
Normen und Konventionen der Vertextung umfasst...Wir alle wissen, dass es
weiße Elephanten gibt!
[1] Zur näheren Bestimmung eines so
verstandenen Kulturbegriffs vgl. Clifford Geerts (1983), pp. 7-43.
[2] So auch Wotjak (1993), pp. 189-191.
[3] Dazu gehören auch spezifische
Wissensrepräsentation im Sinne von Scenes.
[4] Vgl. die Beispiele in Kupsch-Losereit
(1997), pp. 217-221.
[5] Fachtermini aus Kunst und Kultur - hier
sei das Fachvokabular der Musik erwähnt - sind häufig
internationalisiert und lexikalisch-semantisch deckungsgleich.
[6] Zu Beispielen aus dem Alltagsleben vgl.
Elisabeth Markstein (1992).
[7] Fr. Veuillez agréer, Madame (Monsieur),
(l'expression de) mes sentiments les plus distingués/ les meilleurs/
les plus amicaux de. 'Mit besten/ freundlichen/ herzlichen Grüßen'.
[8] Die Dolmetschfehlleistung, die sehr
wahrscheinlich zum Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki führte,
ist nachzulesen bei Marthe Robert: La vérité littéraire.
Paris: Grasset (1981), pp. 113-116.
[9] In der Textsorte wird der Zusammenhang
von kommunikativen Zwecken sowie sprachlichen Mitteln und Strukturen gestaltet.
Zu Textsortenkonventionen vgl. Kapitel D im Handbuch Translation (1998),
pp. 205-300.
[10] Vgl. Markstein (1992), p. 33.
[11] Zu Titelübersetzungen allgemein:
Christiane Nord (1993) und Fritz Nies (1986), pp. 154-158.
[12] Vgl. Kupsch-Losereit (1995), pp. 5
und 6.
[13] Textsinn und Textverständnis beziehen
sich dabei auf das kulturspezifische Handeln und Wissen über die
betreffenden Wirklichkeiten und Welten, die durch die Texte expliziert oder
implizit aktualisiert werden und Auslöser für
Übersetzungsprobleme sind.
[14] Der Bestimmung der Übersetzung
als transkultureller Kommunikation sind die im Erich Schmidt Verlag in Berlin
erschienen Bände der "Göttinger Beiträge zur Internationalen
Übersetzungsforschung" gewidmet.
[15] Vgl. Kupsch-Losereit (1999), p. 23.
Literaturverzeichnis
Geertz, Clifford (1987) Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt: Suhrkamp.
Kupsch-Losereit, Sigrid (1995) Übersetzen als transkultureller Verstehens- und Kommunikationsvorgang: andere Kulturen, andere Äußerungen. In Salnikow, Nicolai (ed.) Sprachtransfer - Kulturtransfer. Text, Kontext und Translation. Frankfurt: Lang, pp. 1-15.
Kupsch-Losereit, Sigrid (1997) Übersetzen: ein integrativ-konstruktiver Verstehens- und Produktionsprozess. In Drescher, Horst W. (ed.) Transfer. Übersetzen - Dolmetschen - Interkulturalität. 50 Jahre Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim. Frankfurt: Lang, pp. 209-223.
Kupsch-Losereit, Sigrid (1999) Vom Ausgangstext zum Zieltext oder: Dokumentarisches vs. Instrumentelles Übersetzen. In Bernecker, Roland/ Umlauf, Joachim (eds.) Die Übersetzung in der Unterrichtspraxis. Akten eines DAAD-Fachseminars in Nantes. Münster: Nodus Publikationen, pp. 11-25.
Markstein, Elisabeth (1992) Die kulturelle Kompetenz des Übersetzers und Dolmetschers. In: Folia Translatologica 1, pp. 30-36.
Nies, Fritz (1986) Titel-Verschandelung, oder Ist es auch Unsinn, hat es doch Methode. In Kortländer, Bernd/ Nies, Fritz (eds.) Französische Literatur in deutscher Sprache - eine kritische Bilanz. Düsseldorf: Droste, pp. 154-158.
Nord, Christiane (1993) Einführung in das funktionale Übersetzen. Am Beispiel von Titeln und Überschriften. Tübingen: Francke.
Snell-Hornby, Mary/ Hönig, Hans/ Kußmaul, Paul/ Schmitt, Peter A. (eds.) (1998) Handbuch Translation. Tübingen: Stauffenburg.
Wotjak, Gerd (1993) Interkulturelles Wissen und zweisprachig vermittelte Kommunikation. In Revista de Filología Alemana 1, pp. 181-196.
Letzte
Bearbeitung: 8. November 2000
Erstellt
und bearbeitet nach der Vorlage von
Frau Dr.
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