
Unter den Begriff "Interkulturelle Kommunikation" wird häufig
undifferenziert eine Vielzahl von sprachlichen und außersprachlichen
Faktoren subsumiert, die jegliche Kommunikation zwischen Mitgliedern
unterschiedlicher Sprach- und Kulturgemeinschaften
bestimmen[1]. Auch Übersetzen wird heute
allgemein als interkultureller Kommunikationsprozess verstanden, wobei der
Translator seine Tätigkeit reflektiert als Interaktion, die der Vermeidung
von Verstehens- und Verständigungsproblemen dient. Das pragmatische
Credo von Translatoren lautet bekanntlich, dass der Inhalt und die Bedeutung
von Wörtern und Texten durch ihren Gebrauch in der zwischenmenschlichen
sprachlichen Praxis bestimmt wird und die in Situationen eingebetteten Diskurse
folglich erst als Teil von sozialen Prozessen, Handlungen, Vorgängen,
Sitten, Gebräuchen und menschlichen Erfahrungen näher bestimmbar
sind. Translatorische Kompetenz setzt daher neben der Verwendungskompetenz
von Diskursen auch kulturelle Kompetenz voraus. Diese kulturelle Kompetenz
nun umfasst sowohl die Kenntnis zweier bzw. mehrerer unterschiedlicher Kulturen,
da Sprache und Kultur in der Kommunikation
zusammenfallen[2], als auch die Fähigkeit
zu translatorischen Entscheidungen, die den kulturspezifischen Wissens- und
Erfahrungsvoraussetzungen von AT- und ZT-Lesern Rechnung tragen.
Die kulturelle Kompetenz des Translators basiert auf einem
Kulturverständnis, das im Idealfall die Gesamtheit des
landeskundlich-zivilisatorischen wie soziokulturellen Hintergrundes von AS-
und ZS-Gemeinschaft, die Gesamtheit der für die Kommunikation relevanten
sozialen Handlungen und Vorstellungen, der kulturellen Divergenzen in den
Bereichen des Alltaglebens, der sozialen Interaktion sowie des kulturell
geprägten Sach- und Denotatswissens umfasst. Kultur wird also verstanden
als Komplex von sozialen Handlungen (Kunst, Religion, Wissenschaft, Ethik),
Bedeutungen und Vorstellungen, verstanden als ein System gemeinsamer Formen
und Symbole[3]. Und da missglückte
Kommunikation meist mit der Übertragung eigenkultureller Interaktionsstile,
Muster, Schemata und Deutungen zusammenhängt, basiert die kulturelle
Kompetenz des Translators zudem auf der Reflexion der eigenen kulturellen
Bedingungen und Kommunikationsstrukturen: Schließlich gilt die Translation
doch dem Abbau von Verständnisbarrieren und der Vermeidung von
Verständnisschwierigkeiten des in einer abweichenden Sprach- wie
Kulturgemeinschaft aufgewachsenen ZT-Empfängers.
In das bestehende Curriculum der translatorischen Ausbildung sollte daher ein eigenes Modul "kulturelle Kompetenz" integriert werden. Dieses Modul soll hier aus einem ganzheitlichen Ansatz heraus entwickelt werden, das sich nährt aus verschiedenen Forschungsrichtungen wie der cenes-and-frames Semantik, der Diskursanalyse, der Handlungstheorie und kontrastiven Pragmatik, der Hermeneutik, Psycholinguistik, Kognitionswissenschaft und notwendigerweise der Translationswissenschaft. Es enthält methodologisch differenziert ausschließlich die Komponenten, die kulturkreisgebunden und für translatorisches Handeln relevant sind: sprachkulturspezifisches, kommunikativ-prozedurales und textuelles Wissen (vgl. Wotjak 1993: 189-191), prognostische Annahmen des Translators hinsichtlich der Verstehensvoraussetzungen und Erwartungen der ZT-Leser sowie die Projektion und Konstruktion des Fremden. Ich möchte diese fünf Komponenten der kulturellen Kompetenz im Einzelnen vorstellen und konkretisieren.
Zum sprachkulturspezifischen Wissen gehört zunächst das kulturell
geprägte Sach-/ Denotatswissen, das Wissen um die sog. Realienlexeme,
wozu auch spezifische Wissensrepräsentation im Sinne von Scenes
gehören. Die unterschiedliche Konzeptualisierung und der unterschiedliche
Referenzbezug sprachlicher Äußerungen in zwei Kulturen belegen
viele Lexeme: der englische Begriff government meint das Kabinett,
der US-Terminus dagegen den gesamten Staatsapparat der drei Gewalten.
Während es im Deutschen und Spanischen nur fünf Kontinente gibt,
erfasst der englische Terminus Nord- und Südamerika als getrennte
Kontinente, und kommt daher mit der Antarktis auf sieben. Auch in der Lexik
von Fachtexten finden sich häufig Termini, die sich auf unterschiedliche
Realitäten oder Fachgebiete beziehen bzw. unterschiedlichen
Begriffshierarchien zugehören (vgl. Schmitt 1999: 213 f. ). Ein Beispiel
möge dies verdeutlichen: de. Mord und ndl. moord sowie
de. und ndl. doodslag werden unterschiedlich definiert, insofern,
als de. Mord bestimmte Motive und die Art und Weise des Tötens
(§ 211, Abs. 2 StGB), ndl. moord weder Motive noch die Weise
sondern allein den Vorsatz und die vorherige Planung (Art. 287 StGB d. Niederl.)
implizieren. So können also verschiedene de. Mörder in den Niederlanden
lediglich wegen doodslag, bzw. niederländische moordenaars nach de.
Recht nur wegen Totschlag verurteilt werden. Eine Sensibilisierung der
Fachübersetzer für kulturspezifische Spezialterminologie ist daher
besonders wichtig.
Auch antonomastisch gebrauchte Eigennamen literarischer Figuren (z. B. Artaban,
Tartuffe, Falstaff etc.) bieten ähnliche Schwierigkeiten für das
Übersetzen, wenn die Zielkultur diese nicht kennt. Eine Übersetzung
von fr. fier comme Artaban ist dabei erst mit kognitivem, landeskundlich-
oder literarhistorisch fundiertem Wissen möglich und wird im De. dann
eventuell zu `stolz wie ein Spanier' oder weniger klischeehaft zu `sehr stolz,
stolz wie ein Pfau'.
Bei kulturspezifischen Realia und kulturkreisspezifischen Sachverhalten, meist als landeskundliche Spezifika bezeichnet, handelt es sich thematisch um historisch-geographische Bezeichnungen und Namen (z.B. Abendland, Morgenland), politische Termini (Rote Armee/ Sowjetarmee), sozialgeschichtliche Realia (Wendehals, Seilschaften, Mauerspecht, Rote Socken), Ausbildungsgänge und Abschlüsse, die Benennung von Institutionen und Dienstgraden, die Terminologie in Speisekarten oder die Wortwahl in der Tourismuswerbung und mehrsprachigen Reiseprospekten, die sich um die Wiedergabe von Lokalkolorit bemühen[4]. Eine Lösung für die Übersetzung solcher soziokulturellen Realia bietet eine kompensatorische zielsprachliche Vertextung, die - je nach Transferauftrag, Textfunktion, Textsorte, Adressat - als Zitatwort, Lehnübersetzung, Apposition, Paraphrase, Kommentierung, Fußnotenanmerkung möglich ist. So kann die Übersetzung des fr. collège je nach ZT-Funktion und Vorwissen des deutschen Lesers lauten: `Sekundarschule' oder `weiterführende Schule' oder `Gesamtschule für die 6. bis 9. Klasse' oder `der nach einer fünfjährigen Grundschule von allen französischen Schülern besuchte vierjährige 1. Zyklus einer collège genannten Sekundarschule'. Für literarische Texte, in denen solche Realia Thema sind oder gehäuft vorkommen, werden sogar Glossare angeboten. Und während die Namen von Regionen, Städten und Straßen - majuskuliert als solche erkennbar - in der ZS-Reiseliteratur meist erhalten bleiben, garantieren sie doch einen Wiedererkennungswert im fremden Land, steht es anders um die Namen historischer Persönlichkeiten. So muss aus sp. Carlos primero de. `Karl der Fünfte' (Karl V.) werden. Beispiele zu diesen kulturspezifischen Realia sind Legion.
Die Kenntnis von Symbolbedeutungen, symbolischen Ausdrucksformen und Wertvorstellungen bedarf besonderer Erwähnung, gerade auch im Hinblick auf globale Märkte und auf die Wirtschaftskommunikation (Werbetext, Produktbeschreibung). Die andersartige Farbsymbolik z. B. von schwarz oder weiß als Trauerkleidung, kann nivelliert werden, wenn man de. Sie trug schwarz in andere Sprachen übersetzt mit `Sie trug Trauerkleidung'. Die Blumen- und Tiersymbolik weichen ebenfalls in den meisten Ländern voneinander ab (typische Todes- und Hochzeitsblumen etc.)[5]. Hier sind auch die kulturellen Deutungsmuster zu erwähnen, z. B. die emotionale Wirkung von "Reizwörtern", die positive oder negative Bewertung von bestimmten Nahrungsmitteln, desgleichen die unterschiedlichen Kodes von Produkten wie z.B. der Suppe, die in den USA und im englischsprachigen Kanada ein Kinderessen, in Frankreich und dem französischsprachigen Kanada eine Speise für die ganze Familie ist. Hierzu gehören ebenfalls visuelle Signale und Bildelemente , die v.a. in Hypertexten eine immer wichtigere Rolle spielen (Zur interkulturellen Bildsemiotik s. Aderkas 2000).
Das kommunikativ-prozedurale Wissen umfasst die Kenntnisse, die der Translator von den spezifischen gesellschaftlichen Normen, Konventionen, Traditionen, sozialen Rollen, Erfahrungen, Wertvorstellungen sowie den Umgangsformen hat. Sie umfassen auch die für die Kommunikation relevanten unterschiedlichen Sprachkonventionen bei vergleichbarer Situation des Alltaglebens (Höflichkeitsformeln vgl. Raible 1987: 145), Gesprächsführung, Restaurantszenarien, Arzt-, Bibliotheks-, Geschäftsbesuch, Telefongespräche, etc.)[6]. Im einzelnen kann man unterscheiden das Interaktionswissen und das Wissen um das Verhältnis von Verbalisierung und Implizitem/ Schweigen.
Das Interaktionswissen, das Wissen um soziales Verhalten in bestimmten
Situationen, umfasst die Verhaltens- und Kommunikationskonstellationen von
Partnern und Situationen und die entsprechenden Sprachhandlungsmuster. Sprechakte
wie: bitten, fordern, befehlen, entschuldigen, Erklärungen abgeben,
empfehlen, abraten, grüßen, argumentieren oder verhandeln sind
konventional üblich und an soziale Subjekte und Voraussetzungen
gebunden[7]. Es ist daher wichtig,
kulturspezifische Kontraste einzelner diskurspragmatischer Aspekte, z.B.
Anredeverhalten[8], Sprecherwechsel,
Gesprächsführung,
Verhandlungsstil[9], Begrüßungs-
und Abschiedsrituale herauszuarbeiten. Über "faktische" landeskundliche
Kenntnisse hinaus sind also Verhaltens- und Kommunikationsmuster,
Alltagspraktiken etc. wichtig.
Unterschiedliche Handlungsmuster sprachlicher wie "stiller" Art werden v.a.
in der Wirtschaftskommunikation untersucht, wozu es eine Fülle neuerer
Literatur gibt (s. Fußn. 10); diese Publikationen bewegen sich jedoch
meist nur im Bereich kontrastiver Darstellungen und bleiben in Bezug auf
Aussagen interkultureller Kommunikation spekulativ, denn die beschriebenen
Kulturkontraste brauchen nicht zu Verständigungsproblemen führen,
wenngleich sie Probleme der Verständnissicherung diskutieren. Solche
Trainingsprogramme zur Erhöhung einer intercultural awareness sind nur
eine notwendige und keine hinreichende Bedingung für kultursensitives
Übersetzen. Zum Übersetzen gehört neben dem Wissen um die
spezifische kulturelle Prägung solcher diskurspragmatischer Aspekte
das Wissen um die Herstellung von Kontexten. Kontext soll hier verstanden
werden als strukturierter Raum, in dem die Akteure ihre kulturellen Produkte
erzeugen. Die typisch übersetzerische Arbeit beruht vornehmlich darin,
einen solchen Kontext, z.B. situative Vorgaben, und sozial-pragmatische
Kontextfaktoren wie Rollenverständnis, soziale Beziehungen,
Partnereinschätzung, Wertsysteme etc. in der Kommunikation der
Interagierenden erst herzustellen; einen Kontext, in dem eine sprachliche
Äußerung zu interpretieren bzw. das Gesagte zu verstehen ist.
Dabei darf der Einsatz der Mittel nicht nur AS-kulturabhängig sein;
diese werden vielmehr Absichten und Ziele der Beteiligten wiederspiegeln,
damit der propositionale wie illokutiv-pragmatische Gehalt des Textes
möglichst erhalten bleibt.
Die einzelsprachlich spezifischen Vertextungskonventionen z. B. von Sprechakten oder Handlungsmustern betreffen auch das Verhältnis von Verbalisierung und Implizitem. Häufig wird nämlich eine bestimmte Thematik und Absicht in einer bestimmten Situation, bei bestimmten Partnern, nicht verbalisiert, ist gar tabuisiert. Und die Direktheit von Deutschen, die alles verbalisiert, wird z.B. in Indien, China oder Brasilien nicht sonderlich geschätzt. Kommunikativ-prozedurales Handeln des Translators geht nicht von der Frage aus: "Wie heißt das auf Französisch oder Japanisch"? sondern: "Mit welchen sprachlichen oder außersprachlichen Mitteln realisiert der ZT-Empfänger diese Intention in gegebener Situation"? Aus Höflichkeit bedient sich ein japanischer Geschäftsmann eher subtiler Gesten, unpersönlicher Konstruktionen und vager Halbsätze, während der nordamerikanische oder deutsche Partner auf Fakten, konkreten Informationen, klaren Absprachen und Ergebnisprotokollen besteht. Daher sind die Kenntnis der konkreten Äußerungssituation und des Äußerungskontextes sowie die Annahmen des Translators hinsichtlich der kulturell geprägten Vorstellungen von Kommunikationsformen Grundlage für einen erfolgreichen Transferprozess.
Das textuelle Wissen schließt Kenntnisse ein von kulturspezifischen Textmustern und Textsorten, d.s. einzelsprachliche spezifische Vertextungsnormen und -konventionen sowie die unterschiedlichen Gebrauchsnormen.
Schon seit den 70er Jahren des 20. Jh.s gibt es in der translatologischen Forschung Studien, die belegen, dass und wie Texte mit vergleichbarem, kommunikativen Zweck in den Einzelsprachen sozialen und kulturellen Konventionen unterworfen sind und unterschiedliche Textbildung in Makro- und Mikrostruktur sowie unterschiedliche Bildverarbeitung erfahren[10]. In neuerer Zeit werden die Kulturdeterminiertheit von wissenschaftlichen Diskursen[11] und v.a. von Fachtexten (Verträge, Patentschriften, Gerichtsurteile, Betriebsanleitungen etc.) gut belegt (vgl. Poeckl 1995 und Trumpp 1998). Peter Schmitt widmet in seiner Habilitationsschrift ein dickes Kapitel den "Kulturspezifika in Technik-Texten" (Schmitt 1999: 156-256). Darin behandelt er das gesamte Spektrum, angefangen von der Morphologie, über nonverbale Textelemente, Layout und Typographie, Normungsfragen, Metaphernwahl, bis hin zu Begriffshierarchien und unterschiedlichen Textformen bei gleicher Textsorte. Ein besonderes Problem stellen Anspielungen auf geflügelte Worte, Zitate, Slogans, Namens- und Titelübersetzungen bzw. die Referenz auf bereits übersetzte Titel in Musik, Literatur und Film dar[12].
Unterschiedliche Gebrauchsnormen, zu denen auch kommunikativ-angemessene Formeln gehören (vgl. fr. craint la pluie vs. ne pas exposer à l'humidité), manifestieren sich in der Verwendung von Soziolekten (im Fr.) und Dialekten (De.), von Phraseologismen und Sprichwörtern, von Nominalisierungen und Aktiv- oder Passivformen. Die Aktivformen mit namentlich genanntem Handlungssubjekt in der fr. Textsorte arrêté stehen den Passivformen in der de. Verordnung/ Erlass gegenüber, und die im Chinesischen übliche Benutzung von Sprichwörtern in Fachtexten ist im Deutschen unangemessen. Hier entscheidet die jeweilige Rezipientensituation über die Formulierung des ZT. Was für den französischen/ chinesischen Leser kohärent ist, braucht es noch lange nicht zu sein für den deutschen, der den Text aus seiner eigenen Geschichtlichkeit heraus versteht.
Nach hermeneutischer Vorstellung ist Textverstehen ein kontinuierlicher Prozess, der von geschichtlich bedingten gesellschaftlichen Prozessen, individuellen Kommunikationsformen abhängt und immer von einem Vorverständnis und einer Fragestellung, z.B.? Translationsauftrag und Textfunktion, geleitet ist. Der Text wird also unter Einbeziehung vorhandener sprachlicher wie nichtsprachlicher Wissensbestände, normativer Vorstellungen, kulturspezifischer Konventionen und Traditionen gelesen. Verstehen ist somit das Resultat kognitiver Prozesse, meist von Inferenzen. Diese Inferenzen verbinden die Textinhalte mit dem Wissen über sprachliches Handeln, dem Erfahrungs- und Weltwissen. Das in den je eigenkulturellen kommunikativen Kontexten erworbene und konventionalisierte Sprachhandeln sollte nun bei der Übersetzung einer bewussten Steuerung unterliegen und dazu bedarf es kognitiver Strategien[13].
Das Verstehen des Translators und seine kognitiven Strategien bei der Formulierung des ZT sind zum einen abhängig von seinem Vorwissen, seinen Absichten und Zielsetzungen und zum anderen von fremdkulturellen Aspekten wie dem angenommenen Vorverständnis und den Erwartungen des Lesers. Der springende Punkt ist nun, dass in verschiedenen kulturellen Kontexten unterschiedliche Erwartungen bestehen können in Hinsicht auf den Handlungsablauf und das Rollenverhalten der Beteiligten und unterschiedliche kulturgebundene Inferenzen, also kulturgebundene Schlussfolgerungen, Annahmen und Interpretationen der Kommunikationspartner gemacht werden. Der Translator muss solche eventuell falschen Inferenzen steuern, indem er Missverständnisse und Fehlkommunikation ausschließt, die beruhen auf:
(Eigenperspektive und Projektionen, Selbst- und Fremdbilder, kulturelle
Stereotype)
Der Translator versucht, Verstehensdefizite durch Anpassung der Aussage des
AT an den Vorwissensstand des in einer abweichenden Kulturgemeinschaft
aufgewachsenen ZT-Empfängers zu kompensieren. Dazu bedarf es
"artifiziell-professioneller Kompetenz"[15],
die den Anteil der Projektion der eigenen Kultur auf die andere reflektiert,
insbesondere die Projektion kultureller Stereotype. Solche Stereotype, die
in bewusst und rekurrent geäußerten Grundüberzeugungen und
Wertvorstellungen einer Kulturgemeinschaft ihren Ausdruck finden, und welche
die Wahrnehmung, Erwartung und Einschätzung der Kommunikationsteilnehmer
sowie die Verhaltensstrukturen bestimmen, müssen bekannt sein, um die
Kommunikation bewusst zu steuern. Steuerung kann der Sicherung der eigenen
Identität dienen oder auch zur Übernahme neuer Kommunikationsformen
führen. So übernimmt man in der lettischen Werbung z.B. Normen
und Stereotype der deutschen oder amerikanischen Werbung, während deutsche
und brasilianische Werbung die jeweiligen Stereotype
beibehalten[16]. Der Translator weiß
um die eigenkulturellen Sprach-, Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster, Normen
und Konventionen bei der Rezeption des AT und verfügt über ein
ausreichendes Fremdkulturwissen, um eigenkulturelle Projektion zu vermeiden.
Der Translator besitzt also ein Wissen über Selbst- und Fremdbilder
der jeweiligen Arbeitskulturen, weiß um unterschiedliche situative
Interpretationen ein und desselben Textes, ein und desselben Bildes, ein
und derselben Geste. Er richtet seine Entscheidungen nach dem "Vergleich"
der Arbeitskulturen dann an translatorischen Zielsetzungen aus. Er aktualisiert
"Diskurse" unter bestimmten kulturellen Bedingungen; er stellt dem
propositionalen Gehalt des AS-Diskurses kontextuelle, mediale, funktionale
oder interaktionale Bedingungen dieses Diskurses zur Seite. Dahinter steht
die Einsicht, dass es weder eine neutrale fremde Kultur noch die neutrale
Kompetenz einer fremden Kultur gibt, sondern diese sich ergibt als eine
Konstruktion der Wahrnehmungs-, Denk-, Verhaltens- und Kommunikationsformen,
als eine Konstruktion von kultureller Differenz in der jeweiligen Interaktion.
In diesem Zusammenhang muss auch hingewiesen werden auf zwei weitere
Problembereiche. Zum einen ist da das heikle Problem der Zensur und der
politischen Rolle von Übersetzungen in Diktaturen oder kolonialen Kontexten.
In dem Themenheft "Traduction comme moyen de communication interculturelle"
behandeln mehrere Aufsätze ausführlich solche politisch/ ideologisch
bedingten Zensurierungen, welche Übersetzungen auf lexikalischer und
textueller Ebene vorgenommen haben. Ein Beispiel zu Kolonialtexten macht
ersichtlich, wie Übersetzen eine Kultur konstituiert: die französische
Tradition bewertete um 1800 die ethischen und nationalen Besonderheiten so
hoch, dass diese in Übersetzungen erhalten blieben und so ein Bild von
einer AT-Kulturorientiertheit entstand. Zum anderen muss hingewiesen werden
auf unterschiedliche Übersetzungstheorien und -praktiken, die jeweils
andere Methoden anwenden, um Kulturen zu
konstruieren[17].
Die kulturelle Kompetenz des Translators beruht also auf einer Vielzahl von
Komponenten, die im Einzelnen in den Punkten 2 bis 5 behandelt wurden. Diese
Komponenten, die Kenntnisse und Entscheidungen umfassen, stellen eine Art
Matrix der Kulturkompetenz dar. Sie sind - strategisch eingesetzt - ein
deduktives Raster, das zur Bewältigung von kulturell bedingten Problemen
dient. Welche dieser Komponenten im jeweiligen Transfervorgang - sowohl
konzeptuell als auch praktisch - eine Rolle spielen, hängt ab von den
Arbeitskulturen, von translatorischen Zielsetzungen und von dem cognitive
environment des ZT-Lesers, von dem individuell als Situation und Kontext
Wahrgenommenen. Deduktive und induktive, auf den konkreten Einzeltext bezogene
Vorgehensweise greifen beim Übersetzen folglich ineinander.
Abschließend seien drei elementare und unverzichtbare Faktoren
angeführt, deren Beachtung die Kulturkompetenz des Translators ausmacht
und eine Vermittlung nicht von sondern zwischen den Kulturen ermöglicht.
Diese Faktoren sind auch konstitutiv für den Sinn von Texten und
können daher im Unterricht bzw. vom Translator textanalytisch angewendet
werden:
Textsinn bezieht sich dabei auf das kulturspezifische Handeln und Wissen
über die betreffenden Wirklichkeiten und Welten, die durch die Texte
expliziert oder implizit aktualisiert werden und Auslöser für
Übersetzungsprobleme sind. Es geht darum, wie der konkrete Kulturkontext
im AT vorhanden ist und ob und wie er sprachlich im ZT artikuliert werden
muss für einen bestimmten Empfänger. Die Vermittlung translatorisch
prozessorientierter Kulturkompetenz unterstreicht daher, dass Kulturspezifik
keine statische Entität einer Kultur A und einer Kultur B meint wie
in der traditionellen Landeskunde oder in kontrastiven Gegenüberstellungen,
sondern kulturpaarspezifische Phänomene, die zielorientiert in Beziehung
gesetzt werden (vgl. Witte 2000: 184ff.). Welche Aspekte in Kultur A
"kulturspezifisch" relevant werden, darüber entscheidet Kultur B, C
oder D. Der kulturell kompetente Translator weiß, welche Muster und
Schemata abgerufen und in konkreten Situationen angewandt werden. Er beherrscht
die differenten Weisen der Texterstellung, die sich an der konkreten Situation,
den soziokulturellen Konventionen der Sprachverwendung sowie an den
Präsuppositionen und Erwartungen des Rezipienten (subjektive
Wissenskontexte) orientiert. Ein Beispiel möge das Zusammenspiel der
drei Faktoren, das Zusammenspiel von sprachlichem und außersprachlichem
Wissen in AT und ZT zeigen (vgl. Kupsch-Losereit 1999: 23). Als 1983 ein
hoher EG-Beamter bedauerte, dass man Illusionen dem konkreten Handeln für
eine europäische Erweiterung (gemeint war Spanien) vorziehe, sagte er:
"Was sollen wir tun? Luftschlösser bauen ist sicherlich nicht die angezeigte
Lösung". Die erste Übersetzung in das FR. war sehr wörtlich
und sprachlich korrekt: 'Que devons-nous faire? Bâtir des chateaux
en Espagne n'est certainement pas la meilleure solution'. Zu einem Zeitpunkt,
wo Spanien an der europäischen Haustür anklopfte, wäre eine
solche Übersetzung pragmatisch falsch, ja ein diplomatischer faux pas.
Sie wurde schnell korrigiert und ersetzt durch eine situationell angemessene
Übersetzung: 'Tirer des plans sur la comète... n'est certainement
pas la meilleure solution'. Dieses Beispiel belegt die Vermittlung zwischen
eigener und fremdkultureller gegenwärtiger Erfahrung, die dem Anspruch
der Übersetzung als transkultureller Kommunikation gerecht wird.
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Fußnoten
1 Zur Begriffsgeschichte von IK und zur Polemik gegen eine
"Interkulturelle Übersetzung" s. Zojer 2001: 52-53.
[2] Das Adjektiv "interkulturell" eignet sich
daher nicht, um eine Unterscheidung für ein Sprach- und
Kommunikationsverständnis zu bezeichnen, das Kultur bereits impliziert
und auch von der Verträglichkeit verschiedener Kommunikationssysteme
(Sprachen) ausgeht.
[3] Zur näheren Bestimmung eines so
verstandenen Kulturbegriffs vgl. Clifford Geertz 1983: 7-43.
[4] Fachtermini aus Kunst und Kultur - hier sei das Fachvokabular der Musik erwähnt - sind häufig internationalisiert und lexikalisch-semantisch deckungsgleich.
[5] Besonders ersichtlich wird das bei folgenden
Metonymien, in denen eine Übertragung vom Herkunftsbereich `Tierwelt'
auf `Eigenschaften der Menschen' vorliegt: Vom de. Kamel `Dummkopf,
Trottel' unterscheidet sich die französische Bildsprache, da ein
chameau ein `bösartiger, unangenehmer Mensch' ist, und eher
buse bzw. bécasse den `Trottel' bzw. die `dumme Gans,
Schnepfe' bezeichnen.
[6] Zu Beispielen aus dem Alltagsleben vgl.
Elisabeth Markstein 1992.
[7] So kann z. B. die formale Beibehaltung
von chinesischen Argumentationsschemata, in denen das Argument der
Begründung folgt, vom deutschen Leser als nicht kohärent empfunden
oder falsch interpretiert werden. Die in Frankreich üblichen
Glückwünsche zum Namenstag bonne fête (souhaiter
à qn. sa fête) erfolgen in Deutschland üblicherweise
zum Geburtstag. Hochgradig differenziert ist die fr. Briefschlussformel,
die eine Unterscheidung der Briefpartner sowohl nach Geschlecht, Alter, sozialer
Stellung als auch nach Vertrautheitsgrad erlaubt, während im De. aus
der Schlussformel meist nur der Bekanntheitsgrad ersichtlich wird: `Mit besten,
freundlichen, herzlichen Grüßen'.
[8] Ein Beispiel zur Verdeutlichung: Die Anrede
mit "Du" ist im Sp. üblicher als im De.
[9] Zu kooperativem vs. kompetitivem
Verhandlungsstil oder Sprecherwechsel vgl. Keim 1994: 121, 177ff. und 258ff.
Allgemein zur Interaktion in der internationalen Wirtschaftskommunikation
Andersen 1997 und Niemeier et al. 1998.
[10] Zu Textsortenkonventionen vgl. Kapitel
D im Handbuch Translation 21999: 205-300. Zu kulturell
geprägten Textsortenkonventionen Hatim 1997 und Fix et. al. (HG.) 2001.
Die Übersetzung multimedialer Texte und ihrer Kulturgebundenheit behandeln
mehrere Aufsätze in Kadriè et al. (HG.) 2000: 105-193. Aderkas
2000 untersucht Kultureme und kognitive Bildverarbeitung in span. und de.
Fachtexten.
[11] Vgl. Rey 2000 und Clyne 1991 zu den Denk-
und Vertextungsmustern in en. und de. Wissenschaftstexten.
[12]. Zu Titelübersetzungen allgemein:
Christiane Nord 1993 und Fritz Nies 1986: 154-158. In der Übersetzung
werden heute Eigennamen im Spanischen hispanisiert, im Deutschen und Russischen
fremd belassen, vgl. Markstein 1992: 33. Und wie soll man Liszts Präludium
und Fuge auf B-A-C-H ins Englische übersetzen, wo das de. B ein
en. `B flat' und das de. H ein `B' ist? Hier wird wohl eine
metasprachliche Erklärung notwendig.
[13] Vgl. Kupsch-Losereit 1997. Ursache
für interkulturelle Missverständnisse können auch unterschiedliche
Kontextualisierungshinweise sein wie z. B. Proxemik, Prosodie (Tonhöhe,
Lautstärke, Geschwindigkeit, Akzent etc.), Blickkontakt,
Varietäten-Sprachwahl, lexikalische Variation, spezielle Formulierungen.
Diese Phänomene, die in den je eigenkulturellen Kontexten erworben und
konventionalisiert worden sind, entziehen sich der bewussten Steuerung, vgl.
Kupsch-Losereit 1995.
[14] Das Themenheft "Interkulturelle
Kommunikation", LiLi 1994, behandelt hierzu die Kommunikation in
Institutionen.
[15] Witte 2000: 54, die damit auf die
Notwendigkeit des Wissens über Selbst- und Fremdbilder der jeweiligen
Arbeitskulturen hinweist.
[16] Vgl. Stolze 1999. Zu negativen Auswirkungen
solcher Stereotype auf Geschäftsbeziehungen vgl. Andersen 1997: 99-103
[17] Bspe. dazu in Bassnett et al. (HG.)1998.
Zur Konstruktion des Fremden in der Übersetzung vgl. Hammerschmid et
al. (HG.) 1998.
Letzte
Bearbeitung: 8. Januar 2003
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und bearbeitet nach der Vorlage von
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