
1. Geschichte und Prozeß Das Thema "Vom Ausgangstext zum Zieltext
oder : Dokumentarisches vs. Instrumentelles Übersetzen" enthält
ein ganzes Programm. Dieses Programm läßt sich als Weg beschreiben
- zum einen historisch, zum anderen prozedural -, umfaßt also sowohl
die Geschichte der Übersetzung als auch den Übersetzungsprozess.
So ergibt sich die Zweiteilung meines Vortrags wie von selbst. Nach einem
kurzen Überblick über Geschichte und Stand der
übersetzungswissenschaftlichen Forschung werde ich neue Perspektiven
aufzeigen, die insbesondere den Übersetzungsprozeß, die
übersetzerischen Strategien und ihre Didaktisierbarkeit betreffen. In
dem ersten Teil sollen die Hauptgedanken der Leipziger Schule, die frühen
Schriften von Wolfram Wilss und Katharina Reiß, die Skopostheorie von
Hans Vermeer und handlungsorientierte Ansätze (Holz-Mänttäri,
Nord, Snell-Hornby) sowie deren Präzisierung durch die Germersheimer
Funktionalisten (Hönig, Kupsch-Losereit, Kußmaul) dargestellt
werden.
1.1. Die Leipziger Schule Methodisch ist die Leipziger Schule (Kade1971,
Neubert 1973) der kontrastiven Linguistik und der stylistique comparée
verpflichtet, wie sie etwa Vinay/ Darbelnet und Malblanc ausgearbeitet haben.
Typisch für die Benennung des Übersetzungsvorgangs sind zum einen
die von Kade 1971 gebrauchten Termini: interlingualer Transfer, Um- bzw.
Neukodierung, oder Termini wie Substitution (wörtliche Transferprozedur),
Transposition (bedeutungsgleiche Struktur) und Modulation (semantische
Ausdrucksverschiebung; vgl. Malblanc 1989: 27-29). Während sich bei
der Substitution die Übersetzung mit Hilfe formaler Kriterien auf der
reinen Grammatikebene vollzieht, geschieht dies bei der Transposition auf
der semantischen Ebene (bedeutungsgleiche aber syntagmatisch, syntaktisch
andere Strukturen) und bei der Modulation als paraphrasierende
Textumwandlungsprozedur. Bei der Modulation wird nicht umkodiert sondern
neukodiert (vgl. Wilss 1977: 127), wie z. B. danger de mort >
'Lebensgefahr', Connu comme le loup blanc > 'bekannt wie ein bunter
Hund' etc. Übersetzen wird unabhängig vom spezifischen Text, dem
Adressaten und der vorgegebenen außersprachlichen Situation rein
linguistisch als satzsemantische Operation beschrieben, die Inhaltsinvarianz
fordert. Eine Erweiterung dieser Beschreibung von Übersetzen nahm Wilss
vor. Er unterschied zwischen einer situationsunabhängigen und einer
situationsabhängigen Gebrauchsnorm, die kommunikativ standardisierte
Sprachmuster und sozial genormte Phraseologien umfaßt, also etwa: Les
voyageurs pour Paris, en voiture s'il vous plaît > 'Reisende
nach Paris bitte einsteigen' (Vorsicht bei der Abfahrt des Zuges). Er führt
damit die Kommunikationssituation und den Adressatenbezug als Faktoren ein,
die eine Übersetzung beachten muß. Aber die Übersetzungseinheit
bleibt immer noch auf ein satzinhaltliches Textsegment beschränkt, wobei
translatorische Strategien kontrastlinguistisch beschreibbar sind.
1.2. Texttypologie und Textsorten Katharina Reiß hat 1972 als
erste ein funktionales Modell des Übersetzens aufgestellt, das als Rahmen
für übersetzerische Entscheidungen auf allen Sprachebenen dienen
kann. Nach Bühlers Organon-Modell hat jedes sprachliche Zeichen drei
Funktionen: darstellende, expressive und appellative Funktion, ist also sach-,
sender- und empfängerbezogen. K. Reiß nun teilt danach drei Texttypen
ein: inhalts- (Sachbuch, wissenschaftlicher Artikel), form- (Lyrik,
Belletristik)) und appellbetonte Typen (Werbung, Predigt, politische Rede).
Natürlich kommen die meisten Texte als Mischtypen vor, für das
Übersetzen aber ist die dominante Funktion entscheidend. Die
übersetzerische Maxime für K. Reiß lautete also, die dominierende
Textfunktion des AT soll erhalten bleiben. Ihr Fokus ist also weiterhin auf
den AT gerichtet. Sie sehen, noch treten wir auf der Stelle "Vom Ausgangstext...
" , aber immerhin sind wir schon auf Textebene, die übersetzerische
Entscheidungen determiniert, angelangt. Ein Beispiel möge dies
verdeutlichen. Das Gide Zitat Son être se défait et se refait
sans cesse übersetzte Wilss (1977: 56) inhaltlich korrekt mit
'Unaufhörlich zersetzt sich und entsteht aufs neue in ihm, was er ist'.
Hier wäre nach Reiß nicht eine semantische sondern eine funktionale
Äquivalenz im Deutschen wichtiger, also eher die Expressivität
des Wortspiels als der Inhalt zu erhalten. Man könnte etwa denken an:
'Das einzig Unveränderliche/ Beständige seines Wesens ist das
Veränderliche/ Unbeständige'. Oder vielleicht besser: 'Sein Wesen
unterliegt stetem Wechsel/ Wandel: vergeht und entsteht'.
1.3. Skopos-Theorie In neueren übersetzungstheoretischen
Publikationen (Nord, Reiß, v.a. Vermeer) rücken kommunikative
Gesichtspunkte in den Vordergrund, da auch übersetzte Texte der
Kommunikation dienen, also eine mehr oder weniger definierbare Funktionen
haben und in einer bestimmten Situation für bestimmte oder potentielle
Leser einer bestimmten Kultur geschrieben werden. Diese Skopostheorie besagt,
daß die Funktion einer Übersetzung und damit auch der intendierte
Leser alle übersetzerischen Entscheidungen bestimmt, die aus einem AT
(Ausgangstext) einen ZT (Zieltext) für eine ZK (Zielkultur)machen. Damit
steht die Textfunktion und der Textadressat im Vordergrund. Diese
Textfunktion nun steuern mehrere Faktoren. So kann ein bestimmter kommunikativer
Zweck nur unter bestimmten situationellen Bedingungen erreicht werden; Und
die Vollversammlung der UNO kann den Generalsekretär nur inviter
à faire qc. 'ersuchen', nicht 'auffordern etw. Zu tun' etc. Jedes
Sprechereignis und jeder Text sind eingebettet in eine Situation,
die sowohl raum-zeitlich als auch durch Interaktionssysteme und Institutionen
definiert ist. Sprachliche Äußerungen können nicht
losgelöst von ihrem gesellschaftlichen Kontext, in dem die kommunizierenden
Subjekte stehen, analysiert bzw. verstanden werden. Sie werden in
Abhängigkeit von der jeweiligen Kommunikationssituation verstanden und
interpretiert (vgl. Kupsch-Losereit 1995). Zu dieser Kommunikationssituation
gehören die aktuellen Umstände, Ort und Zeit der Textabfassung,
vom Translator angenommenes gemeinsames/ unterschiedliches Bezugssystem von
Erfahrungen, die Voraussetzungssituation, z. B. historische und geographische
Sachverhalte, und v. a. der gesamte sozio-kulturelle Bezugsrahmen wie
Gebrauchsnormen, Wertesysteme, Konventionen, Traditionen, alltägliches/
ritualisiertes Verhalten etc. Die Referenz auf Gegenstände und Sachverhalte,
d. i. die thematische Struktur des Textes muß funktional und
adressatenspezifisch erfolgen. In den zwei folgenden Sätzen: 'Die Europ.
Kommission hat Stellung genommen' und 'Das Parlament hat Stellung genommen'
muß 'Stellung nehmen' jeweils unterschiedlich übersetzt werden,
da die Vorrechte der Organe nicht dieselben sind. Also: La Commission
a pris position und Le Parlement a rendu son avis. Die Adressatenspezifik
ist deswegen so wichtig, weil es ja durchaus vorkommen kann, daß die
Dinge, über die man sprechen möchte, z. B. Schweine- oder Rindfleisch,
verbunden mit der Sprecherintention, z. B. solches zu vermarkten bzw. zu
verkaufen, im Rahmen einer bestimmten Kommunikationssituation, z. B. Israel
und Südindien, gar nicht sinnvoll, buchstäblich kein Thema sind,
weil zielkulturbedingt nicht akzeptabel. So schlug die Werbung für
gekühlte Coca-Cola, die wortgetreu aus dem American English für
Eskimos in Alaska übernommen wurde, natürlich total fehl. Manche
Themen/ Intentionen können also in kulturspezifischen Situationen nicht
oder nur teilweise verbalisiert werden. Text, Thema und situationelle
Gegebenheiten formen ein Ganzes, denn kulturspezifische Themen werden eben
in unterschiedlichen Formen und unterschiedlicher Verbalisierung in spezifischen
Situationen geäußert.
Nach diesem funktional-kommunikationstheoretischen Modell folgt die
Textproduktion bei gegebenem situationellem Umstand historischen,
sprachkulturspezifischen Mustern. Zur Analyse des Übersetzungsvorgangs
gehört also die Analyse der Bedingungen der Kommunikationssituation,
die die objektiven Gegebenheiten zweier Kulturen wie auch die Annahme des
Translators von den Rezipienten umfassen. Diese Bedingungen beeinflussen
den Translator, seine Wirkungsabsicht, die Behandlung des Themas und damit
die Wahl der sprachlichen Mittel. Jetzt sind wir beim ZT angelangt, denn
der AT wird entsprechend den zielkulturellen Gegebenheiten neu formuliert.
Der AT ist nicht mehr das heilige Original, und der Zweck der Übersetzung
kann nicht aus ihm hergeleitet werden sondern aus den Bedürfnissen und
Erwartungen des Rezipienten[1]. Der AT stellt
- nach Vermeer (Vermeer 1990) - ein Informationsangebot dar. Danach muß
der Übersetzungszweck durch einen angemessenen und präzise formulierten
Übersetzungsauftrag festgelegt werden. Mit dieser Festlegung erfolgt
die Kopplung von Intention, Textsorte und deren kultur- und sprachspezifischen
Vertextungsnormen. Der Translator wählt also für seine kommunikativen
Ziele zweckmäßige Äußerungsformen. Oder anders
ausgedrückt: er produziert funktionsorientierte und situationsadäquate
sachbezogene Texte im Rahmen von sozialen Handlungen. So kann je nach
Übersetzungsauftrag und Textfunktion - also bei Skoposwechsel - ein
Satz recht verschiedene Übersetzungen erfahren. Als Beispiel mag folgender
Satz dienen:
(1) Les étudiants allemands immatriculés dans les
établissements universitaires en République fédérale
d'Allemagne seront autorisés à bénéficier, aux
mêmes conditions que les étudiants français, des prestations
assurées par les C.R.O.U.S.
(1a) Die immatrikulierten deutschen Studenten der Hochschulen in der
Bundesrepublik Deutschland sind berechtigt, die Leistungen der CROUS unter
den gleichen Bedingungen wie die französischen Studenten in Anspruch
zu nehmen[2].
(1b) Die an deutschen Universitäten eingeschriebenen deutschen Studierenden
können die französischen CROUS-Leistungen unter den gleichen
Bedingungen wie die französischen Studierenden in Anspruch nehmen.
(1c) Wenn Du als Deutscher einen gültigen Studentenausweis hast, dann
hast Du dasselbe Anrecht auf die Leistungen des französischen Studentenwerks
wie die französischen Studierenden.
Während Satz (1a) die rechtsverbindliche Übersetzung bietet, weicht
(1b) von dieser Funktion insofern ab, als die Übersetzung unjuristische
und unpräzise Wörter und Formulierungen enthält: 'deutsche
Universitäten, können in Anspruch nehmen, CROUS-Leistungen'. Diese
Formulierungen sind eher in einer Pressemitteilung zu finden. Wenn die Bedeutung
dieser Verordnung einem deutschen Studierenden erklärt werden soll,
ist eine Formulierung wie (1c) wahrscheinlich.
2. Übersetzungsprozeß und Übersetzungsstrategien Der
Prozeß des Übersetzens erscheint so als Reaktion auf Vorgaben,
Anforderungen und strukturelle Zwänge, als Problemlösen. Er wird
aber auch als kreative, strategische Leistung eines Translators ausgewiesen,
der in unterschiedlichen Situationen und Handlungszusammenhängen und
für unterschiedliche kommunikative Situationen Texte erstellt. Welche
strategischen Vorgehensweisen eignen sich zur Erreichung der Ziele? Die bereits
skizzierte Skopos-Theorie und der Germersheimer Funktionalismus bieten die
Grundlage für eine Lösung. Danach lassen sich die Analyseschritte
für den Übersetzungsprozeß in folgende Fragen fassen: Warum,
wozu, wer, wo, was, wie schreibt. In dieser Reihenfolge sollten die aufgelisteten
Fragen vor jeder Übersetzung zunächst beantwortet werden. Also
die Fragen nach (vgl. Kupsch-Losereit 1995):
- Übersetzungsauftrag, Transferfunktion
- Mitteilungs- und Wirkungsabsicht, d. i. der kommunikativer Zweck (Text-
und Diskurstypen, Illokutionen etc.)
- Kommunikationspartner (Produzent des AT und Empfängerkreis:
historisch-gesellschaftliche Zuordnung, Beziehungen zueinander, Status, Rolle,
Vorwissen, Erfahrung, Kulturwissen etc.)
- Kommunikationssituation (Kommunikationsart:
mündlich/schriftlich/öffentlich etc., aktuelle Umstände, Orts-
und Zeitindikatoren, Bezugsrahmen, Wertesystem, Publikationsorgan etc.)
- Thematik, Inhalt, Darstellungsweise etc.
- Kommunikationsakte, Stil (Organisationsstruktur von Texten mit
sozio-kommunikativer Funktion und thematischer Entwicklung: situationell
erlaubt/ erfordert etc.)
Bei einem strategischen Vorgehen des Translators erhalten wir also folgende
Abfolge von Schritten: Der Translator nimmt den AT und den
Übersetzungsauftrag zur Kenntnis, präzisiert ihn eventuell noch.
Er legt die kommunikative Funktion des ZT fest, wobei er sich an den
pragmatischen Erwartungen seiner Rezipienten orientiert. Aus dieser
kommunikativen Funktion leitet er die übersetzerischen Entscheidungen
ab (vgl. Hönig/ Kußmaul 41996). Gerade bei
kulturspezifischen Termini, zu deren Verständnis weitreichende
Allgemeinkenntnisse nötig sind, hilft diese funktionale Textbestimmung.
Die Funktion des Wortes in seinem spezifischen Kontext bestimmt, inwieweit
und welche Bedeutung explizit gemacht werden sollte/ muß. Zwei kurze
Sätze, einer aus dem Gebiet der Physik, einer aus dem Bereich der
Philosophie mögen dies verdeutlichen: 'Nach dem Standardmodell der
Elementarteilchentheorie sind Quarks neben den Leptonen die fundamentalen
Bausteine der Materie' und 'Sie [die Philosophie] setzt sich mit jeder
Größenordnung - von den Quarks bis hin zur unendlichen Weite -
auseinander'. Natürlich stößt der Studierende in einem
zweisprachigen Wörterbuch auf den technischen Terminus Quark.
Jedoch ergibt sich für Quark im zweiten Satz eher die Bedeutung 'die
kleinste mögliche Realität' im Gegensatz zur 'größten
möglichen Realität', dem Universum. Die Übersetzung des 1.
Satzes liest sich also so: Le modèle standard de la théorie
des particules élémentaires considère les quarks comme
les constituants ultimes de la matière, die des 2. Satzes eher
so: Le champ d'investigation de la philosophie ignore les limites. La
philosophie s'adresse à l'infiniment petit comme à l'infiniment
grand. Aber nicht nur für Einzellexeme, auf allen Texträngen
- vgl. Bsp. Satz (1a,b,c) - hängt der Grad der übersetzerischen
Präzisierung von der kommunikativen Funktion des Textes ab.
Diese Schritte wollen wir an einem nur leicht gekürzten Text demonstrieren
(s. Anhang: C'est qui, le monsieur sur la croix?), zunächst jedoch
die aufgeführten Faktoren noch einmal kurz erläutern.
2.1. Übersetzungsauftrag und Transferfunktion Im wesentlichen
sind zwei Transferfunktionen zu unterscheiden: die eine bestimmt die
Übersetzung als Dokument einer bereits vollzogenen
Kommunikationshandlung, die andere bestimmt sie als Instrument in
einer zielsprachlichen Kommunikationshandlung. In der dokumentarischen
Übersetzung wird die A-Intention, A-Situation, ja vielleicht
sogar die A-Sprache (auf Wort-, Satz-, Textebene) aufgezeigt. Beispiele
dafür sind Interlinearversionen, wörtliche Übersetzungen,
philologische Übersetzungen (Abbildung von Form und Inhalt des AT +
Kommentare) oder auch exotisierende Übersetzungen (Abbildung von Form,
Inhalt + Situation + Kultur des AT). Der häufigste Fall einer
dokumentarischen Übersetzung sind Rechtsdokumente, z. B. Urkunden jeglicher
Art. In der instrumentellen Übersetzung wird der Adressat,
die Situation, die Normen und Werte der Z-Kultur in die Übersetzung
mit einbezogen, so daß kommunikative Zwecke und sprachliche Mittel
wieder übereinstimmen. In unserem Beispiel (s. Anhang) hat die
Übersetzung einen von Auftraggeber (d.i. der Dozent) und Translatoren
(d. s. die Studierenden) festgelegten Zweck zu erfüllen, nämlich
Informationen zu französischen Schulen zu geben und frankreichkundliches
Wissen zu übermitteln. Der Transferzweck ist also instrumenteller Art.
Es folgt der präzise formulierte Übersetzungsauftrag, der die konkrete
Situationseinbettung, konkrete Bedürfnisschilderung des Auftraggebers
und des Adressaten festlegt.
2.2. Mitteilungs- und Wirkungsabsicht Diese Absicht ist die Funktion,
die eine Übersetzung in einem vorgegebenen konkreten Situations-,
Produktions- und Rezeptionsvorgang hat, vorrangig im Hinblick auf den
Z-Empfänger. In der Festlegung der Textfunktion erfolgt die Kopplung
zwischen Intention und Textsorte. Diese beiden Bestimmungen implizieren u.
U. auch eine von der ursprünglichen Senderintention abweichende
empfängerbestimmte Textfunktion; nämlich dann, wenn das Translat
in der neuen zielkulturellen Kommunikationshandlung zur Erreichung eines
kommunikativen Ziels nicht wirksam werden kann. Aufgabe des Translators bleibt
es aber letztendlich, dem zielsprachlichen Adressaten eine der
ursprünglichen vom AT-Sender intendierten Funktion maximal ähnliche
kommunikative Funktion nahezubringen. Die hierarchisch übergeordnete
Frage, die sich der Translator stellen muß, lautet: Bleibt die Funktion
des Originals erhalten oder wird sie verändert? Ihre Beantwortung hat
weitreichende Konsequenz für das Übersetzen, da der Mitteilungszweck
und die Kommunikationssituation des Adressaten über die Selektion
sprachlicher Zeichen auf Text-, Satz- und Wortebene entscheiden. Wir sahen
bereits, daß sogar die Übersetzung von Einzellexemen von der
Textfunktion abhängt, daß also nicht die Entsprechungen zwischen
Bedeutungen (wie in den meisten Wörterbüchern), sondern die
Entsprechungen zwischen Bedeutungsverwendungen, also die Diskursebene
entscheidend sind. Der ZT liest sich nur dann ohne Befremdlichkeit, wenn
der Translator auf allen Texträngen "Unbekanntes" durch "Bekanntes"
verstehbar macht.
Wir formulierten im Unterricht zunächst die Mitteilungs- und Wirkungsabsicht
sowie die situativen und soziokulturellen Handlungsbedingungen (d.s. die
Präsuppositionen des ZT-Lesers). Zu welchem Zweck, für welchen
Leserkreis, in welcher Situation wird dieser Text übersetzt? Für
deutsche, frankreichkundlich interessierte Bildungsbürger von heute,
die aus Zeitungsberichten bzw. -kommentaren aktuelle Informationen über
das Schulwesen und die Beziehung zwischen Schule, Kirche und Staat in Frankreich
erfahren wollen. Damit sind Skopos, Thema (Frankreich als laizistische Republik
mit entsprechendem Schulwesen), Rezipientenkreis, Textsorte und deren
Konventionen auf Text-, Satz- und Wortebene festgelegt.
2.3. Weitere Übersetzungsstrategien In geordneten Arbeitschritten
werden danach die Faktoren abgearbeitet, d. h. wir sind mit unserem Fragekatalog:
Warum, wozu, wer, wo, was, wie bereits bei dem "wie" angelangt. Die Art des
"wie" ist hier mit dem "was" stark verknüpft, denn es tauchten
Verstehensschwierigkeiten des AT auf zwei unterschiedlichen Ebenen auf. Diese
Verstehensschwierigkeiten waren zweierlei Natur, nämlich sprachlicher
und außersprachlicher (enzyklopädischer, pragmatischer,
interaktioneller) Art.
Zunächst zu den sprachlichen Verstehensschwierigkeiten. Hier sind zu
nennen: Abkürzungen, Namen, Titel, Probleme unterschiedlicher Kollokationen
in AS und ZS (besonders bei Adjektiven), sprachspezifische Konventionen bzw.
Gebrauchsnorm, unterschiedliche Konzeptualisierung sprachlicher
Äußerungen.
Abkürzungen:
Zeile 5: CE 2 steht für Cours élémentaire 2 und
entspricht der `3. Grundschulklasse'(s. u.).
Titel:
Zeile 18: Athalie bleibt erhalten, da alle deutschen
Racine-Übersetzungen den Titel ebenfalls beibehalten, er also
bibliographisch identifiziert werden kann; und Zeile 19: Booz endormi
bleibt in Klammer hinter der deutschen Version `Der schlafende Boas'
stehen[3].
Adjektiv-Nomen bzw. Nomen-Adjektiv-Verbindungen:
Diese Verbindungen lösen bei französisch-deutschen Übersetzungen
sofort übersetzerische Verstehensstrategien aus, da die Bedeutung
französischer Adjektive sich aus der jeweiligen syntaktisch-semantischen
Stellung/ Beziehung zum Nomen ergibt. Einige Beispiele mögen dies
verdeutlichen:
Zeile 20/21: institutions confessionelles wurde mit `kirchliche bzw.
konfessionell gebundene Institutionen' übersetzt. Eine Reihe von
Adjektiv-Nomen-Verbindungen war auf Grund der unterschiedlichen Kollokationen
besonders ergiebig. Es handelt sich um das Adjektiv religieux, das
jeweils anders verstanden werden muß:
| Zeile 2: histoire religieuse | `biblische Geschichte, die Bibel' |
| Zeile 4, 39: culture religieuse | `religiöse Bildung, religiöse Lebensweise' |
| Zeile 23: enseignement religieux | `Religionsunterricht' |
| Zeile 25: phénomène religieux | `Phänomen des Glaubens' |
| Zeile 27/28: traditions religieuses | `christlich-religiöse Traditionen, Gebräuche' |
| Zeile 45/46: cultures et civilisations religieuses | `Religionen und Glaubensformen/ religiöse Lebensformen/ religiöse Lebensweisen' |
Zeile 24: Das Adjektiv musulmanes wird durch das ideologieneutrale
`muslimisch' wiedergegeben.
Unterschiedliche Konzeptualisierung sprachlicher
Äußerungen:
Die Bedeutung des Wortes dinde (Zeile 8) erschließt sich im
Deutschen zwar als `Truthahn', doch ist nicht automatisch mit der Bedeutung
`Weihnachten' gekoppelt. Dies lernt der Leser durch den Kontext. Etwas
schwieriger wird es in unserem Text mit laïcité (Zeile
2), la notion de laïcité (Zeile 28) und in einem konkreten
Sinn la laïque (Zeile 26) als Ellipse für
école laïque. Mit diesen Termini konnten die Studierenden
begrifflich nichts anfangen und erkannten daher laïcité
und la laïque zwar als Kennzeichnung, quasi als Thema, aber nicht
- was hier in diesem Text besonders interessant ist - als Aufforderung, das
entsprechende kulturelle Wissen oder gar Identifikationswissen zu aktivieren.
Dies gelang erst, nachdem wir einen anderen Terminus geklärt hatten,
die école publique (Zeile 2). Der école publique
steht im Französischen antonymisch die école privée
gegenüber, ja, sie wird quasi implizit mitgedacht. Der Gegensatz im
Französischen ist aber nicht `staatlich - privat' wie im Deutschen,
sondern `laizistisch staatlich - konfessionell gebunden'. Um Verstehen zu
ermöglichen, lautet die Strategie des Translators daher: `Staatliche
Schule' bzw. `die von kirchlichen Einflüssen freie staatliche Schule'
für la laïque bzw. école publique vs.
`Konfessionsschule' für le privé (Zeile 26) bzw.
école privée. Und laïcité meint den
Grundsatz der `weltanschaulichen Neutralität des Staats', `die strenge
Trennung von Staat und Kirche'. Die Studierenden schlugen daher als
Übersetzung für den Untertitel Laïcité oblige,
l'école publique...vor: `Und so weiß die laizistische staatliche
Schule - der strengen Trennung von Staat und Kirche verpflichtet - nicht,...'
oder: `...schließlich sind sie [die Lehrer] strikt dem bekenntnisneutralen/
laizistischen Schul-/ Bildungswesen verpflichtet...'. Nachdem die
Radikalität des laizistischen Denkens begrifflich erfaßt war,
wurden dann aus den syndicats d'enseignants (Zeile 38) nicht nur
`Lehrergewerkschaften', sondern `radikal-laizistische Lehrergewerkschaften'
und sogar `antiklerikale/ atheistische Lehrergewerkschaften'. Um also keine
Verständnis- und damit Kommunikationsprobleme entstehen zu lassen -
hier durch eigenkulturell geprägte Wahrnehmungs- und Deutungsmuster
in der Übersetzung, z. B. öffentliche und private Schulen, wurden
in der Übersetzung Verstehenshilfen formuliert. Das AT- und ZT-Leser
gemeinsame Vorverständnis bzw. die Herstellung dieses
Vorverständnisses war für eine erfolgreiche Referenz
unerläßlich.
Sprachspezifische Gebrauchsnorm liegt in folgenden Fällen vor:
| Zeile 16: 8 Français sur 10 | `80% aller Franzosen ` |
| Zeile 5: avant et après Jésus-Christ | `Zeiteinteilung vor und nach Christus/ Christi Geburt' |
Noch eine Bemerkung zu Textsortenkonventionen: Die französischen Deklarativa
in Zeitungstexten, sei es Bericht oder Kommentar, haben keine semantisch
distinktive Funktion, sie sind als Verba Dicendi rein stilistische
Varianten[4]. Die französischen Verben
s'étonne, raconte, dit, affirme, ajoute, insiste, commente, nuance
etc. sind folglich der ZT-Norm anzupassen und können fast
ausschließlich mit `sagen, mitteilen' übersetzt werden, oder auch
eventuell noch mit `berichten, versichern' oder: `so...', `nach den
Worten...'.
Die Strategien des semiprofessionellen Translators zielten in den genannten
Fällen darauf ab, den erwähnten Verständnisschwierigkeiten
vorzubeugen und der Textfunktion und -semantik entsprechend zielkulturelle
sprachliche Mittel vorzuschlagen. Meistens jedoch konnten die Studierenden
den Text nicht verstehen, weil außersprachliche Kenntnisse fehlten.
Außersprachliche Kenntnisse:
Sehr schnell stellt sich die Frage, wieviel an unbekanntem Hintergrundwissen,
also Realia, Geschichte, Geographie, Präsuppositionen gesellschaftlicher
und religiöser Art durch Bekanntes verstehbar gemacht werden muß
und mit welchen Mitteln. Wieviel an Erklärung, Kommentar oder Paraphrase
ist für den deutschen Leser notwendig? Schauen wir uns den Text an.
Zeile 5: en classe de CE2 ` (die 3. der 5. Grundschulklassen) `in
der 3. Klasse'
Zeile 46: Die sixième, seconde werden entsprechend umgerechnet:
`die 6., und 10. Klasse'.
Institutionen wie Arrondissement (Zeile 7 und 34) bleiben als bekannt
vorausgesetzt stehen. Dagegen wird die Education nationale (Zeile
37) paraphrasiert als `Ministerium für Erziehung und Unterricht'. Und
der Schultyp collège (Zeile 33), den alle Kinder von der 6.
bis zur 9. Klasse besuchen, der also in Deutschland Hauptschule, Realschule
und Gymnasium umfaßt, wird wohl am besten mit `weiterführende
Schule' oder 'Sekundarstufe 1' übersetzt. Schwieriger gestaltet sich
das Verständnis des Satzes am Ende des ersten Absatzes. Um la galette
des Rois (Zeile 8/9) zu verstehen, wurde das notwendige textrelevante
Weltwissen quasi inferiert, etwa `daß der üblicherweise zum 6.
Januar gebackene Kuchen mit dem katholischen Fest Epiphanias zusammenhängt,
an dem die Ankunft der Hl. Dreikönige in Bethlehem gefeiert
wird'[5].
Pragmatische und interaktionelle Kenntnisse:
Zu den durch pragmatische und interaktionelle Information des AT
ausgelösten Verstehensschwierigkeiten gehören v. a. der implizierte
Rezipientenkreis, die Bildungs- und Wissensvoraussetzungen, der
Informationsstand, die Fachsprachlichkeit des Textes, Register (Argot,
Schülersprache, Ellipsen) und Tenor. Natürlich fallen in unserem
Text die umgangssprachlichen, elliptischen Wendungen der Schülersprache
auf, die zur Sprecherkennzeichnung auch noch meist in Anführungszeichen
gesetzt sind. Meine Studierenden entschieden sich für folgende
Verstehenshilfen: les profs de lettres (Zeile 17), les instits
de la 1aïque (Zeile 26), les curés du privé
(Zeile 26) und aller au caté (Zeile 22/23) wiederzugeben
mit `Französischpauker', `Pauker, Lehrer der konfessionslosen
(radikal-laizistischen) Volksschulen', `Priester bzw. Pfaffen der
Konfessionsschulen' und `außerschulischer Reliunterricht' (Besuch
normalerweise vom 8. - 12.
Lebensjahr)[6].
3. Textproduktion und Textverständnis Aus allen Beispielen ergibt
sich, daß Textverstehen und Textproduktion eine strategische Rekonstruktion
sind. Der Translator versteht den AT auf der Basis seiner Erwartungen und
Ziele, seiner Lebens- und Erfahrungswelt und versucht, den häufig nur
indirekt erschließbaren Sinn des AT in einem anderen Welt- und
Lebenszusammenhang fortzuspinnen und begreifbar zu machen, fremdkulturspezifische
Sprech- und Interaktionsweise einer eigenkulturspezifischen Verständigung
zuzuführen. Der Translator macht Implizites explizit, macht Textaussagen
dadurch erst sinnvoll und überprüfbar. Sprachliche und
enzyklopädische Wissensbestände werden stetig neu organisiert und
verbunden. Wie formuliere ich im Deutschen bei dieser kommunikativen Funktion
dieses Thema in dieser Textsorte [7]? Eventuelle
kulturspezifische Unterschiede werden auffallen, z. B. bei der galette
des Rois, beim Begriff der laïcité, dem Schulsystem
allgemein etc. Im Unterricht machte ich die Erfahrung, daß ohne eine
solche bewußte Vorstellung entweder eine wörtliche Übersetzung
gemacht wurde, oder die eigenkulturelle Vorstellung auch für das
Fremdkulturelle, quasi als Projektion, übernommen wurde. Besonders lehrreich
dafür war das Beispiel mit der galette des Rois, die einige
Studierende - wörtlich und unverständlich im Deutschen - mit
`Blätterteigkuchen der Hl. Dreikönige' bzw. - als Projektion -
mit `Sternsingen' übersetzt wurde.
Übersetzungen sind also keine autonomen Träger intendierter Bedeutungen
sondern orientieren sich an den Erwartungen, bzw. antizipieren die Erwartungen
von Lesern und deren Wissenshintergründe. Immer erneut wird der AT unter
translationsspezifischen Annahmen mit Hilfe übersetzerischer Strategien
in einen ZT verwandelt. Zunächst trifft der Translator folgende
Entscheidungen:
Danach imaginiert der Translator einen ZT, der ein Verständnis ermöglicht. Textverständnis bezieht sich dabei auf die "Textwelten", d. i. das kulturspezifische Handeln und Wissen über die betreffenden Wirklichkeiten und Welten, die durch die Texte explizit oder implizit aktualisiert werden. Anlaß für Divergenzen von AT- und ZT-Rezipient, gerade auch auf Wort- und Begriffsebene sind:
Alle kognitiven und übersetzerischen Strategien des Translators zielen
also darauf ab, ein zielkulturell kohärentes Textverständnis zu
ermöglichen. Wie schwierig das häufig ist, möchte ich an einem
recht lustigen Beispiel illustrieren. In einem Zeitungstext zur Geschichte
Elsaß-Lothringens (L'Express 13. Juli 1995, zu übersetzen
für das Zeit-Magazin, um die unterschiedliche Sicht der Franzosen
zu diesem Thema zu illustrieren) heißt es: L'Alsace fut d'abord
celtique comme il était le reste de la "Gaule chevelue" au temps des
Gaulois indépendants. Keiner der Studierenden im 7. Semester konnte
mit seinem historischen Wissen oder auf Grund des Kontextes den Ausdruck
La Gaule chevelue im Deutschen benennen und wir lachten alle herzlich
über die z. T. grotesken Übersetzungen wie 'das restliche langhaarige
Gallien' oder 'das übrige behaarte Gallien'. Erst die strategische
Rekonstruktion, die die Funktion des Syntagma im Kontext untersuchte und
mit der Klärung der Bedeutung von Gaulois indépendants
'Gallier vor der römischen Invasion' begann, führte dann zu
Vorschlägen wie: 'Das Elsaß war zunächst wie das gesamte
Gallien vor der römischen Invasion keltisch' oder 'Das Elsaß war
vor der römischen Invasion keltisch wie das gesamte Gallien, dessen
Bewohner langes Haar trugen'.
Nun hoffe ich, daß Ihnen eine funktionale Integration der dargelegten
neueren übersetzungswissenschaftlichen Theorien in Ihre tägliche
Übersetzungsübungen möglich sein wird. Wir sind beim Zieltext
angekommen. Wie schwer der Weg dahin ist, erfährt der Dozierende jeden
Tag, wenn Studierende immer wieder denselben Einwand formulieren: Das steht
aber nicht im Ausgangstext! Immer noch das sakrosankte Original! Ihre Frage
lautet meist: Wie heißt das auf Französisch/ Deutsch? Sie fassen
die Übersetzung als Kontrolle ihrer Sprachkenntnisse auf, blieben quasi
auf der Spracherwerbsstufe stehen. Eine skoposgeleitete Frage lautet dagegen:
Mit welchen sprachlichen Mitteln realisiert der Franzose bzw. der Deutsche
diese oder jene Intention, diesen oder jenen kommunikativen Zweck in einer
bestimmten Situation. Folgendes Beispiel überzeugt dann - manchmal -
die Studierenden. Als 1983 ein hoher EG-Beamter bedauerte, daß man
Illusionen dem konkreten Handeln für eine europäische Erweiterung
vorziehe, sagte er: 'Was sollen wir tun? Luftschlösser bauen ist sicherlich
nicht die angezeigte Lösung'. Natürlich wurde erst einmal sehr
wörtlich und korrekt übersetzt: Que devons-nous faire? Bâtir
des chateaux en Espagne n'est certainement pas la meilleure solution.
Zu einem Zeitpunkt, wo Spanien an der europäischen Haustür anklopfte,
wäre eine solche Übersetzung pragmatisch falsch, ja ein diplomatischer
faux pas, wenn nicht gar eine Katastrophe. Hier empfiehlt sich
situationell vorgegeben eher folgende Übersetzung: Se bercer
d'illusions... oder: tirer des plans sur la comète n'est
certainement pas la meilleure solution.
In der übersetzerischen Praxis geht es konkret darum, unter welchen
Bedingungen und mit welchen sprachlichen Mitteln bestimmte kommunikative
Zwecke realisierbar sind. Übersetzen heißt dialogisch Denken,
heißt Inbeziehungsetzen und Auswählen, um ein zielkulturell
kohärentes Textverständnis zu ermöglichen.
Le constat des enseignants est unanime: en matière de culture
religieuse, les enfant sont ignares. «En classe de CE 2, lorsque nous
étudions la division du temps entre avant et après
Jésus-Christ, sur 25 gamins, deux ou trois ont entendu parler de
Jésus», s'étonne Jacques Trief, directeur d'une école
primaire dans le XIIIe arrondissement de Paris. Noël? Une réjouissance
païenne, avec ses sapins, ses guirlandes, sa dinde et ses cadeaux. Qui
sait encore que la galette des Rois a un rapport avec l'Epiphanie, fête
catholique célébrant l'arrivée des Rois mages à
Bethléem ?
Plus tard dans le cursus scolaire, les lycéens connaissent mieux
la mythologie grecque que les personnages de la Bible ou du christianisme.
«Lorsque des élèves ayant choisi l'option arts plastiques
ont dû commenter un tableau représentant saint Sébastien
percé de flèches, certains ont affirmé qu'il s'agissait
d'un Indien victime de la conquête de l'Ouest par les
Américains», raconte le proviseur d'un grand lycée parisien,
à peine remis de sa surprise. Les symboles du catholicisme - religion
dont se réclament encore 8 Français sur 10 - sont, peu à
peu, devenus impénétrables. Les profs de lettres éprouvent
de plus en plus de difficultés pour expliquer «Athalie»,
de Racine, ou certains poèmes de Victor Hugo pétris de
références bibliques, comme «Booz endormi».
Car - c'est une évidence - la société française
se sécularise, tandis que les institutions confessionnelles perdent
de leur influence. Ainsi, parmi ceux qui se disent catholiques, les pratiquants
réguliers sont, désormais, à peine 10 %. Et les enfants
sont de moins en moins nombreux à aller au «caté».
Le recul de la pratique et de l'enseignement religieux s'observe de la même
manière au sein des familles juives et musulmanes. Quant à
l'école publique, elle a du mal - laïcité oblige - à
aborder sereinement le phénomène religieux. Pendant des
années, en effet, les «instits de la laïque» ont
ferraillé contre les «curés du privé», en
s'efforçant d'apporter les lumières de la modernité
à des enfants qu'ils jugeaient trop marqués par leurs traditions
religieuses et régionales. Sur cette guerre des idées
franco-française s'est édifiée la notion de
laïcité, que l'on ne connaît ni en Belgique ni en Allemagne,
où des enseignements religieux sont dispensés, de manière
facultative, dans les écoles publiques.
APPRENDRE LA TOLÉRANCE
Rien d'étonnant donc à ce que les enseignants français
demeurent encore parfois traumatisés par ce conflit idéologique.
Pour certains d'entre eux, laïcité égale silence. [...]
Dans un collège du IXe arrondissement de Paris, Marie-France Galland,
enseignante en histoire-géographie, encourage, si la situation se
présente, des discussions entre élèves sur leurs croyances
respectives. [...]
Ces dernières années, les esprits ont grandement
évolué au sein de l'Education nationale et même parmi
les syndicats d'enseignants. Au diable l'athéisme militant et
l'éradication de la culture religieuse! Le problème de
l'enseignement de l'histoire des religions a été posé,
pour la première fois officiellement, lors d'un congrès à
Besançon en 1991. Aujourd'hui, la puissante Ligue française
de l'enseignement et de l'éducation permanente - qui regroupe 34 000
associations laïques - est favorable à ce principe. «Pourquoi
ne pas porter sur la Bible et le Coran un regard humaniste?» interroge
Anne-Marie Franchi, membre de la Ligue. [...]
En tout cas, sous l'impulsion de François Bayrou et sous la houlette
du philosophe Luc Ferry, président du Conseil national des programmes,
I'accent sera mis désormais sur les cultures et les civilisations
religieuses, en particulier en sixième et en seconde. Ainsi, les nouveaux
programmes d'histoire de seconde, qui seront appliqués en 1996,
comprennent la naissance et la diffusion du christianisme, l'Islam et
l'orthodoxie, l'humanisme et la Renaissance, la Révolution
française. [...]
Marie-Laure de Léotard (L'Express, 22 décembre
1994)
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[1] Den Einwand gegen diese Theorie, sie
mißachte den literarischen Text, widerlegt Vermeer mit dem Hinweis
auf die literarische Tradition westlicher Kulturen, in denen ein literarischer
Text in die A-Kultur eingebettet bleibt (vgl. Reiß/ Vermeer 1984: 89ff.).
Toury 1995 gibt jedoch Beispiele aus dt. und englischer Literatur, deren
Übersetzungen ins Hebräische starke formale und inhaltliche
Änderungen erfuhren.
[2] Accord entre le Gouvernement de la
République française et le Gouvernement de la Rèpublique
fédérale d'Allemagne relatif à la création d'une
carte franco-allemande autorisant les étudiants françcais et
allemands à utiliser les institutions des oeuvres universitaires des
deux pays. In: BGBl, Teil II, S. 39 vom 21. 01.1983.
[3] Im romantischen Hugo-Gedicht träumt
der alte, unverheiratete Boas (Bibel: Rut 2-4; Mt 1,5) das Unmögliche:
Rut legt sich zu seinen Füßen, sein Traum erfüllt sich, sie
wird seine Frau.
[4] Zu fr. Deklarativa und ihrer deutschen
Übersetzung vgl. Kupsch-Losereit 1991:93-96.
[5] Hier liegt eine Anspielung auf den am
6. Januar in Frankreich üblichen Brauch vor, tirer les Rois,
bei dem derjenige, der beim Verzehr des Dreikönigkuchens auf die
eingebackene Bohne oder das eingebackene Figürchen stößt,
König wird.
[6 ]Die wahrlich neutral-höfliche, und
gerade dadurch provozierende Frage nach einer männlichen Person in der
Titelüberschrift: C'est qui, le monsieur sur la croix? kommt
in ihrem distanzierten Tenor mit `Wer ist der Mann / der Herr dort am Kreuz?'
nicht so ganz zum Tragen, da `der Mann' im Tenor nicht ganz stimmt, und `der
Herr' ja bereits auch `der Heiland', fr. le Seigneur, bedeuten kann.
[7] Zur Notwendigkeit der
scene-Erstellung für das Übersetzen vgl. Kußmaul 1995:67
und 94-96. Eine schwierigere Frage schließt sich an: Selbst wenn im
Deutschen dieselbe scene verbalisiert werden kann, so ist die Bewertung
dieser scene häufig eine andere. So ist das z. B. das Ansehen
und die Macht der französischen Gewerkschaften für Erziehung und
Wissenschaft wesentlich größer und stärker als etwa die von
GEW oder ÖTV in Deutschland.
Letzte
Bearbeitung: 16. April 1999
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