Alternative Bewertungsmethoden

 

Wer kennt das nicht? Das Semesterende naht und der Prüfungsstress beginnt: eine Prüfung jagt die andere, man sucht verzweifelt seine Unterrichtsmaterialien aus den vergangenen Monaten zusammen und kommt, hat man sie endlich gefunden, mit dem Auswendiglernen nicht mehr hinterher und zu allem Überfluss stehen auch noch Übersetzungsklausuren an...Klingt das nicht vertraut? Gott sei Dank gibt es aber inzwischen neue, geradezu revolutionär erscheinende Methoden, um die Leistungen der Studenten zu bewerten.

Einige davon wollen wir Euch auf dieser Seite vorstellen.

In ihrem Buch „Cooperative learning in the classroom“ beschreiben die Autoren D.W.Johnson, R.T. Johnson und E.J. Holubec eine Möglichkeit, Studenten für eigene Fehler und die Fehler anderer zu sensibilisieren.
Bei einer Übersetzungsklausur werden die Übersetzungen zweifach kopiert, so dass sowohl der Lehrer als auch der Student ein Exemplar des übersetzten Textes hat. Während der Lehrer die Klausur korrigiert, besprechen auch die Studenten die einzelnen Klausuren in kleinen Gruppen. So hat jeder Student am Ende eine vom Lehrer korrigierte Version und eine in der Gruppe überarbeitete Übersetzung. Dieses Verfahren dient ausschließlich der Verbesserung der Fähigkeit Fehler zu erkennen und zu korrigieren, die Benotung bleibt in der Hand des Lehrers.

Einen Schritt weiter ging Maria Julia Sainz der Universität von Uruguay, die einen Ansatz entwickelte, der die Studenten sogar bei der Bewertung mit einbezieht. Ihre Korrekturmethode beschränkt sich nicht nur auf eine Klausur am Ende des Semesters, sondern erstreckt sich über das gesamte Semester.
Die Studenten reichen ihr im Laufe des Semesters immer wieder Übersetzungen ein. Diese müssen mit einem breiten Rand versehen werden, der in zwei Spalten unterteilt wird. Eine Spalte erhält die Überschrift „schwerwiegender Fehler“, die andere „leichter Fehler“.
Beim Korrigieren markiert M.J. Sainz dann Wörter, Sätze oder Passagen, die ihrer Meinung nach verbesserungsbedürftig sind und gibt in der entsprechenden Spalte an, ob es sich um einen leichten oder schwerwiegenden Fehler handelt. Sie gibt aber keine eigenen Lösungsvorschläge sondern die Korrektur erfolgt mit Hilfe der folgenden Tabelle:

 

Fehler
Mögliche Korrektur
Quelle
Art des Fehlers
       

 


Die markierten Textstellen werden von den Studenten in die Spalte Fehler eingetragen. Dann versuchen sie, die Fehler selbst zu korrigieren und tragen den Lösungsvorschlag in die zweite Spalte ein. Kommen die Studenten selbst auf keine Lösung, sollten sie andere Kursteilnehmer fragen. Haben auch diese keinen zufriedenstellenden Lösungsvorschlag, können sie auf Wörterbücher, eigene Unterlagen und schließlich auch den Lehrer zurückgreifen. In der dritten Spalte wird dann die Quelle des Lösungsvorschlags angegeben und in der vierten die Fehlerart (Grammatik, Rechtschreibung, Auslassung etc.). Wird diese Tabelle wirklich regelmäßig weitergeführt, zeichnen sich schnell die Schwächen des jeweiligen Studenten ab. Mit Hilfe dieser Tabelle erhalten also sowohl Lehrer als auch Studenten einen Überblick über die Leistung. Wird als Quelle oft „Ich“ angegeben, verfügt die Person über das nötige Können, arbeitet aber zu nachlässig. Bei ständiger Angabe von „anderen Kursteilnehmern“ als Quelle wird deutlich, dass die Person unter dem Kursdurchschnitt liegt. Geben alle Kursteilnehmer hauptsächlich „Lehrer“ als Quelle an, entsprach die Aufgabe nicht dem derzeitigen Niveau des Kurses. Diese Informationen geben dem Lehrer die Möglichkeit, seinen Unterricht besser auf die Studenten abzustimmen. Gleichzeitig können die Studenten gezielt an ihren Schwächen arbeiten.
Anhand der Tabelle bewertet sich jeder Student selbst auf einer Skala von +3 bis –3. Die eigene Bewertung wird dann mit der des Lehrers abgestimmt.

Um die Fehlerzahl von vornherein so gering wie möglich zu halten, wäre es sinnvoll, wenn von Anfang an gelehrt würde, wie man seine Texte selber Korrektur liest. Leider wird dies sehr vernachlässigt und das einfache Durchlesen einer eigenen Übersetzung reicht daher oft nicht aus. Meist lesen wir viel zu schnell und unser Gehirn korrigiert dabei Auslassungen oder Fehler automatisch, so dass wir Fehler dabei übersehen. Außerdem kann unser Kurzzeitgedächtnis nur sieben Sachen auf einmal berücksichtigen, was zur Folge hat, dass z.B. Subjekt und Verb oft nicht mehr zusammen passen, wenn sie durch mehr als sieben Wörter getrennt werden.

Jan Madraso hat daher ein Schema entwickelt, um seinen Schülern die Selbstkorrektur zu vermitteln.

1) lautes Vorlesen des Textes, weil dadurch die Lesegeschwindigkeit verlangsamt wird und Fehler offensichtlicher werden

2) jedes einzelne Wort mit dem Finger oder einem Stift „mitlesen“

3) den Text so lange wie möglich liegen lassen, um ihn später mit größerer Distanz nochmals auf Fehler zu überprüfen

4) eventuell, falls Text nicht zu lang, rückwärts lesen

 

Bei stilistischen Problemen kann beispielsweise darauf geachtet werden,

1) das Passiv im Englischen zu vermeiden

2) den Nominalstil vermeiden, wenn möglich Substantiv durch Verb ersetzen

Madraso hält es ebenfalls für hilfreich eine Tabelle zu erstellen, in der die Fehler eingetragen werden, um so zu erkennen, wo die eigenen Schwächen liegen und sie so gut wie möglich verbessern. Wichtig ist dabei auch der aktive Lernprozess, da Schüler/Studenten besser in der Praxis lernen und über eine größere Motivation verfügen, wenn sie ihre eigenen Fehler finden müssen.
Außerdem vergibt Madraso Noten für das Korrekturlesen, die die Motivation noch vergrößern sollen. Bei Übersetzungsklausuren markiert er lediglich die Zeile, in der ein Fehler zu finden ist. Der Schüler/Student muss nicht nur herausfinden, was falsch ist, sondern auch einen eigenen Korrekturvorschlag machen. Die Note wird entsprechend der Anzahl der eigenständig korrigierten Fehler vergeben.

Mit Hilfe dieser neuen Methoden können die Studenten besser auf die spätere Berufswelt vorbereitet werden. Hier gilt schließlich das Motto : „Zeit ist Geld“ und Aufträge müssen schnellstmöglich übersetzt und korrigiert werden. Dabei bleibt oft keine Zeit für die verschiedenen Formen der Korrektur, sondern nur die Möglichkeit, den Text selbst auf Fehler zu überprüfen. Daher ist es wichtig, schon während des Studiums die Fähigkeit zur Selbstkritik gegenüber der eigenen Übersetzung zu entwickeln.
Eine weitere Möglichkeit sich auf die Berufswelt vorzubereiten sind auch Real Life Projects. Hier wird ein echter Auftrag in das Klassenzimmer geholt, so dass sich die Studenten real mit ihrem zukünftigen Aufgabengebiet konfrontiert sehen. Die Verbindung dieser beiden Methoden bietet den Studenten eine weit bessere Chance, sich auf ihre berufliche Zukunft einzustellen, als die herkömmlichen Lehrmethoden.