Ziel des hier folgenden Artikels ist es, sich etwas näher mit dem zu befassen, gegen das sich der Konstruktivismus wendet. In diesem Zusammenhang fallen oft Worte wie objektivistisch und Objektivismus.
Die Philosophie des Objektivismus hat mit der des Konstruktivismus lediglich die Überzeugung gemein, dass es eine außerhalb des Subjekts existierende Realität gibt. Sie liefern jedoch unvereinbare Antworten auf die Frage der Epistemologie nach der Erkenntnisfähigkeit des Menschen.
Eine Definition dieser epistemologischen Denkrichtung besagt, dass es "vom erkennenden und wertenden Subjekt unabhängige Wahrheiten und Werte gibt" (Meyers enzyklopädisches Lexikon). Während also der Mensch im Konstruktivismus sich seine eigene Realität konstruiert, spielt für den Objektivisten die menschliche Erfahrung bei der Strukturierung der Welt nur eine untergeordnete Rolle. "... meaning is something that exists in the world quite aside from experience" (Duffe/Jonassen 2). Wissen wird also als etwas angesehen, das extern und unabhängig vom Lernenden existiert und entspricht demnach der korrekten Spiegelung oder Repräsentation dieser objektiven Realität (Bernstein 9). Ziel des Lernens ist es also, "Kenntnis der existierenden Objekte, ihrer Eigenschaften und Beziehungen, zu erlangen".
Spielarten des Objektivismus sind beispielsweise die symboltheoretische Abbildtheorie, der naive Realismus und die Philosophie des Common Sense. Sie alle gründen auf der Existenz einer objektiven Realität, die es wahrzunehmen - anstatt, wie die Konstruktivisten behaupten, zu schaffen - gilt.
Dieser Überzeugung ist auch die russisch-amerikanische Schriftstellerin und Philosophin Ayn Rand. Sie scheint die einzige zu sein, die sich selbst als Objektivistin bezeichnet. Die von ihr begründete Philosophie des Objektivismus gründet sich auf fundamentale Aussagen über die Bereiche der Metaphysik, der Epistemologie, der Ethik und der Politik. Folgende ihrer Aussagen sind für uns von Nutzen:
Auf epistemologischer bzw. philosophischer Ebene kann der Konstruktivismus als ein Gegenpol zum Objektivismus verstanden werden. Auf didaktischer Ebene grenzt sich der Konstruktivismus jedoch nicht nur gegen Formen der Wissensvermittlung ab, die sich bewusst auf den Objektivismus beziehen, sondern auch gegen die traditionelle Form des Unterrichts. Letztere kann, obwohl sie häufig von Konstruktivisten als Negativbeispiel verwendet wird, nicht ohne weiteres auf bewusste objektivistische Denkansätze zurückgeführt werden. Konstruktivistisch begründete Unterrichtsformen mögen auf Basis einer konstruktivistischen Epistemologie entwickelt worden sein und aus Überzeugung eingesetzt werden; die traditionelle Methode des Unterrichts jedoch wird meist nicht aus objektivistischer Überzeugung gewählt, sondern vielmehr weil es sich bei ihr um die am weitesten verbreitete handelt.
Die Anwendung der traditionellen Unterrichtsmethode lässt also keine eindeutigen Rückschlüsse auf eine objektivistische Überzeugung zu; genausowenig wie eine objektivistische Überzeugung notwendigerweise zu einer traditionellen Form des Unterrichts führen muss.
So vertritt beispielsweise Ayn Rand die Philosophie des Objektivismus, ohne dass ihre Überlegungen zu Wissensvermittlung zur traditionellen Unterrichtsmethode führen. Statt dessen distanziert sich der langjährige Leiter des Ayn Rand Instituts klar sowohl von den traditionellen Formen des Unterrichts als auch von der progressiven und vertritt die Position von Montessori ("Ayn Rand And Education").
Die im traditionellen Unterricht verwendeten Methoden lassen jedoch Raum für Rückschlüsse auf eine solche objektivistische Grundlage. Da Konstruktivisten häufig ihre eigenen Lehransätze vor diesem Hintergrund darstellen und abgrenzen, wird im folgenden gerade auf diesen traditionellen Lehransatz näher eingegangen. Es handelt sich bei dieser vereinfachten Beschreibung jedoch nicht um eine an einer Bildungseinrichtung vertretende Philosophie bzw. Vorgehensweise.
In einer traditionellen Lehr-Lern-Situation vermittelt der Lehrer als Experte sein Fachwissen (bzw. von ihm als relevant erachtetes Wissen) einer weniger gebildeten Gruppe von Schülern. Hierbei ist primär der Lehrer aktiv; die Schüler eignen sich das dargebotene Wissen an, ohne untereinander zu kommunizieren. Ihr Lernerfolg wird in regelmäßigen Abständen mittels vom Lehrer konzipierter Tests überprüft.
Diese Vorgehensweise gründet in der Annahme, dass es dem Lehrer möglich ist, zu bestimmen, was seine Schüler wissen müssen. Er geht davon aus, dass diese von ihm festgelegten Lernziele erreicht werden können. Zu diesem Zweck wird der zu vermittelnde Stoff analysiert und in Einheiten unterteilt, die den Schülern dann nacheinander vermittelt werden (vgl. Gagnés Instructional Design-Theorie). Hierbei wird die Komplexität des Stoffes schrittweise gesteigert und gleichzeitig dem Lernniveau eines durchschnittlichen Lerners angepasst.
Rein hypothetisch wäre es also möglich, diese althergebrachte Form des Unterrichts aufgrund ihrer hier beschriebenen Eigenschaften und Merkmale der Philosophie des Objektivismus zuzuordnen. Meines Wissens findet sich jedoch keine Literatur, in der sich jemand aus objektivistischer Überzeugung für die traditionelle Form des Unterrichts ausspricht. Es ließe sich also lediglich argumentieren, dass, wer einen solchen Unterrichtsaufbau bevorzugt, aufgrund der Wahl der Mittel und Wege dem Objektivismus zugeordnet werden könnte.
Wie bereits angedeutet existieren jedoch durchaus Lehransätze, die sich auf objektivistische Überzeugungen gründen. Hierzu gehören unter anderem Gagnés Instructional Design Theory und behavioristische Lernsysteme.
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Diese Seite wurde erstellt von Karen Hoehnke, Veronika Koch und Ulrike Lutz.
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Zuletzt aktualisiert am 30.01.2003
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