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7.4. Digenische RP

Neben den drei erwähnten Vererbungsformen existiert auch noch die digenische RP, d.h., es muß an zwei verschiedenen Genorten gleichzeitig, jedoch nur in jeweils einem Allel (heterozygot) ein Defekt vorliegen, damit die Krankheit zum Ausbruch kommt. Diese Kombination wurde in bezug auf Peripherin/RDS und ROM-1 (11p13) gefunden, die beide am Aufbau der Photorezeptoraußensegmente beteiligt sind. Alleinige TrägerInnen der Leu185Pro, der Cys118del oder der Gly167Asp Mutation im Peripherin/RDS-Gen erkranken nicht. Wer zusätzlich eines der Nullallele des ROM-1-Genes trägt, das durch zwei unterschiedliche Mutationen jeweils zu einer Verschiebung des Leserahmens und somit zu einem frühzeitigen Stop im Codon 131 führt[89], bei dem bricht die Krankheit aus.[90] Defekte am Peripherin/RDS-Gen werden bei Mutationen an anderen Stellen des Gens auch dominant vererbt (s.o.). Somit wird die genetische Klassifikation von RP mit ihren ohnehin schon zahlreichen Unterformen noch komplizierter. "These findings indicate that the allelic and non-allelic heterogeneity known to be a feature of monogenic RP is complicated further by interactions between unlinked mutations causing digenic RP."[91] Es wird vermutet, daß Polygenität für den unterschiedlichen Verlauf und die unterschiedliche Ausprägung innerhalb mancher Familien verantwortlich sein kö nnte.[92]

Man hat aber auch bereits RP-Betroffene mit derselben heterozygot vorhandenen Null-Mutation im ROM-1-Gen gefunden, ohne daß eine Mutation im Peripherin/RDS-Gen vorliegt. Der Schweregrad der Erkrankung variiert, so daß vermutet wird, daß dieser von der Menge an noch exprimiertem ROM-1 abhängt. Es kö nnte aber auch sein, daß die ROM-1-Mutation in Kombination mit einer Mutation an einem anderen Genort vorliegt, der nur noch nicht entdeckt worden ist.[93]

Ein ähnliches Problem liegt bei der Retinitis punctata albescens vor, einer Unterform der RP, bei der weiße Punkte im Augenhintergrund gefunden werden. Sie wird in Zusammenhang mit dem RDS/Peripherin-Gen gebracht. Allerdings wurden bei einigen Personen, die diese Unterform der RP aufweisen, auch Mutationen in Codon 135 des Rhodopsin-Gens (Arg135Trp) gefunden. Da diese Mutation allein zu einer gewö hnlichen Form der RP führt, ist die Frage, ob diese Mutation allein in manchen Fällen auch zu Retinitis punctata albescens führen kann, oder ob weitere Faktoren wie z.B. zusätzliche Gendefekte in anderen Proteinen vorliegen müssen, damit eine Retinitis punctata albescens entsteht. Es wird vermutet, daß die weißen Punkte auf der Netzhaut bei Retinitis punctata albescens unter anderem durch Lipideinlagerungen entstehen.[94] Da einige dieser Betroffenen das E4-Allel des Apolipoproteins E aufwiesen, besteht die Vermutung, daß die Rhodopsinmutation Arg135Trp zusammen mit dem Polymorphismus E4 vorliegen muß, damit eine Retinitis punctata albescens auftritt.[95]

[89] Science vol. 264 (1994): 1604-1608, S 1605.

[90] Science vol. 264 (6/1994): 1604-1608, S 1604.

92 Science vol. 264 (6/1994): 1604-1608, S 1607.

[91] Science vol. 264 (6/1994): 1604-1608, S 1604.

[92] ebd.

[93] Genetics vol. 27 (1995): 384-386.

[94] Am. J. Ophthalmol. vol. 121.1 (1996):
19-25, S 20.

[95] Am. J. Ophthalmol. vol. 121.1 (1996):
19- 25, S 24.


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