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4. Aufbau der Netzhaut

Um die mö glichen Ursachen des Degenerationsprozesses zu verstehen, muß erst der Aufbau der Retina und der ihr anliegenden Schichten erklärt werden.

Ganz außen, hinter der Netzhaut befindet sich die Sklera, die Lederhaut. Daran anliegend befindet sich die Choroidea, die Aderhaut, die die äußeren Schichten der Netzhaut, der Retina, mit Blut versorgt.[11] Die innere Schicht der Aderhaut bildet die Bruch'sche Membran. An dieser liegt die äußerste Schicht der Netzhhaut, das retinale Pigmentepithel (RPE) an.

Abb. 1 Retina

Es gibt drei verschiedene Pigmentsorten auf dem RPE. Das Melanin wird nur während der Entstehung des Embryo gebildet und bleibt das ganze Leben erhalten. Lipofuscin entsteht durch unvollständigen Abbau von Photorezeptoraußensegmenten. Melanolipofuscine sind eine Verschmelzung von Melanosomen und Lipofuscinen.[12]

Das RPE stellt die äußere Blut-Netzhaut-Schranke zwischen der Aderhaut und den Photorezeptoraußensegmenten dar. Es transportiert Nährstoffe, u.a. Vitamin A, aus dem Blut zur Retina und Stoffwechselabbauprodukte von der Retina zum Blut. Es sorgt außerdem für den Transport von Flüssigkeit und Elektrolyten zwischen den Blutgefäßen und der Retina. Ferner phagozytiert es Zellschutt, der dadurch entsteht, daß alte Membranfragmente und alte Membranscheibchen, Disks, die sich im Photorezeptoraußensegment befinden, abgeschilfert werden.[13]

Die übrigen Schichten der Netzhaut, ohne das RPE, bilden die Neuroretina. Die Schichten der Neuroretina unterscheiden sich jeweils durch unterschiedliche Zelltypen mit jeweils unterschiedlichen Funktionen.

Das 1. Neuron ist das Sinnesepithel. Dessen Sinneszellen bzw. Photorezeptoren setzen sich aus 6 Mio. Zapfen und 120 Mio. Stäbchen zusammen.[14] Diese tauchen mit ihren Außensegmenten in das dahinterliegende RPE ein und werden von der Chorioidea, die hinter dem RPE liegt, mit Blut versorgt. Zapfen und Stäbchen unterscheiden sich in Aufbau und Funktion. Die Stäbchen liegen in der Peripherie und sind für das Dämmerungssehen und bei Helligkeit für die Wahrnehmung von Bewegungen in der Peripherie verantwortlich, während sich die Zapfen in der Netzhautmitte befinden und für das Sehen bei Tage und das Farbsehen zuständig sind. Im Zentrum befindet sich die Stelle des schärfsten Sehens, die als Makula lutea, "gelber Fleck", bezeichnet wird. Die Fovea centralis, die sich in der Makula befindet, besteht nur aus Zapfen.[15] Im Zentrum der Fovea centralis, der Foveola mit einem Durchmesser von 100 Mikrometern ist die Sehschärfe am stärksten. Dort sind nur Rot- und Grünzapfen.[16]

Zwischen dem ersten und dem zweiten Neuron liegen die Horizontalzellen, die mit ihren Enden quer zu den übrigen Zellschichten liegen, sowie die Amakrinzellen.[17] Das 2. Neuron bilden die bipolaren Zellen. Ihre Fortsätze sind mit dem 3. Neuron verbunden, der Ganglienzellschicht. Die Neuriten der Ganglienzellschicht bündeln sich und bilden auf der Papille, dem sogenannten "blinden Fleck", den Sehnerv. Der Sehnerv reicht bis in die Sehrinde im Gehirn. Das 2. und 3. Neuron nennt man die Gehirnschicht der Retina.[18]

Zum Zusammenhalt der Zellschichten dienen die Gliazellen bzw. Müller-Stützzellen. Sie wandern während der Embryonalzeit aus dem peripheren Blut in die Netzhaut und dienen dort zur Phagozytose von Zellmaterial.[19]

In der Makula findet die hö chste Auflö sung statt, da hier jede einzelne Photorezeptorzelle mit einer eigenen bipolaren Zelle verbunden ist und jede bipolare Zelle wiederum mit einer eigenen Ganglienzelle. In der Peripherie (ab 15[infinity]) hingegen sind viele Sinneszellen über viele bipolare Zellen mit einer Ganglienzelle verbunden, so daß der Seheindruck weniger deutlich ist. Auf insgesamt 126 Mio. Rezeptorzellen kommen etwas mehr als 1 Mio. Ganglienzellen.[20] Da nur die Stäbchen für das Sehen in der Dämmerung zuständig sind, kann man bei normal funktionierender Netzhaut in der Dunkelheit nur in der Peripherie sehen, während in der Region der Zapfen bei Dämmerung ein Zentralskotom besteht. Deshalb ist bei Nacht auch kein Farbsehen mö glich.[21]

Die weiter innen liegenden Schichten werden durch ein Netzhautgefäßsystem ohne Kollateralen (= Seitenäste) durchblutet. Dieses bildet die innere Blut-Netzhaut-Schranke. Die Netzhautgefäße sind an der Gesamtversorgung des Auges nur mit 3-5% beteiligt.[22] Arterie und Vene bilden auf der Papille ein Endgefäßsystem. Die Durchblutung der Netzhaut erfolgt durch hohen Kapillardruck, der hö her sein muß als der Augeninnendruck, um die "Windkesselfunktion" der Arterie zu erfüllen, die einen gleichmäßigen Blutfluß ermö glicht.[23]

[11] Leydhecker, 1985, S 120.

[12] Journal of the Royal Society of Medicine 82 (6/1989): 355-358.

[13] Straufl. O. et al, 1993, S 67.

[14] Leydhecker, 1985, S 117.

[15] Leydhecker, 1985, S 120.

[16] Annu. Rev. Genet. vol. 26.403-424 (1992): 412.

[17] Leydhecker, 118.

[18] Leydhecker, 1985, S 118.

[19] Thanos, 1993, S 62.

[20] Leydhecker, 1985, S 118.

[21] Leydhecker, 1985, S 120.

[22] Ulrich, 1993, S 79.

[23] Leydhecker, 1985, S 120.


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