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4.2. Latente Anglizismen


Latente Anglizismen, auch "Lehnprägungen" genannt[445] sind auf den ersten Blick nicht sichtbare Einflüsse aus dem Englischen. Es gibt viele verschiedene Formen von latenten Anglizismen, von denen einige anhand von Textbeispielen dargestellt werden.

4.2.1. Lehnbersetzung

Zu den latenten Anglizismen gehö rt die Lehnübersetzung als Übernahme der Struktur des Lehnwortes in die entlehnende Sprache.[446] Ein Beispiel hierfür ist der deutsche Terminus "Standardblitz", der zur Ableitung eines ERGs eingesetzt wird. Im Englischen wird hierfür der Terminus "standard flash" verwendet. Da es sich hier um festgelegte Untersuchungsstandards handelt, wird der Terminus eins zu eins aus dem Englischen übernommen.

Auch Termini, die aus mehreren Elementen bestehen, sind oft Lehnübersetzungen. Sie werden oft durch die englische Abkürzung motiviert. "Arm-Retina Zeit" ist eine Lehnübersetzung von "arm-retina time", die zum einen aufgrund der Kürze und Prägnanz des Terminus übernommen wird, zum anderen, um die englische Abkürzung (ART) einzuführen. Dies ist auch der Fall bei vielen neu gefundenen Proteinen wie z.B. "Retinitis-pigmentosa-GTPase-Regulator", wobei die deutsche Benennung der englischen Benennung "retinitis pigmentosa-GTPase regulator" nachvollzogen und dann die englische Abkürzung "RPGR" verwendet wird. Die englische Abkürzung wird aber häufig auch dann verwendet, wenn die Lehnübersetzung nicht dieselben Anfangsbuchstaben hat, wie bei "Fibroblastenwachstumsfaktor (FGF)" oder "Standardblitz (SF)".

4.2.2. Lehnbertragung

Die Benennung "Fluoreszein-Angiographie" kann zum einen als unnö tiges Luxuslehnwort verstanden werden, da es im Deutschen die Entsprechung "Fluoreszenzangiographie" gibt. Im Englischen wird von "fluorescein angiography" gesprochen. Fluoreszein ist der Farbstoff, der bei dieser Untersuchung gespritzt wird. Somit besteht der Anglizismus nicht in der Übernahme des Fachwortes aus dem Englischen, zumal der zweite Teil des Terminus "-angiographie" im Deutschen ohnehin bereits existiert, sondern darin, daß bei "Fluorescein-Angiographie", wie im Englischen, für die Benennungsbildung der Farbstoff herangezogen wird. Somit kann hier von einer Lehnübertragung gesprochen werden, bei der eine Teil-Lehnübersetzung vorliegt.[447] Statt "Fluoreszenzangiographie" wird der erste Teil der Benennung dem Englischen Ä quivalent "flourescein angiography" nachgebildet.

4.2.3. Lehnsch pfung

Bei der Lehnschö pfung dient die Benennung der Gebersprache als ein inhaltliches Vorbild, wobei die Benennung in der entlehnenden Sprache formal unabhängig ist.[448] Im Englischen werden z.B. durch elektromagnetische Stö rfelder hervorgerufene Artefakte bei ERG-Untersuchungen als "noise" oder "ringing" bezeichnet. Im Deutschen wird dieses Phänomen ebenfalls mit einer Metapher aus dem Bereich Akustik wiedergegeben und als "Rauschen" bezeichnet. Es ist jedoch schwierig zu entscheiden, ob es sich in solchen Fällen um Anglizismen handelt, denn es ist nicht nachweisbar, wer von wem entlehnt hat, und ob beide Sprachsysteme nicht unabhängig voneinander durch metaphorische Übertragung zu derselben Wortschö pfung gekommen sind.

4.2.4. Lehnbedeutung

Die Lehnbedeutung ist die Übernahme der Bedeutung eines Wortes aus der Gebersprache, die das entsprechende Wort in der entlehnenden Sprache ursprünglich nicht hat.[449] Ein Beispiel hierfür ist der Terminus "arterio-venö se Passagezeit". Sie wird definiert als

"die Zeit, die zwischen dem ersten Einstrom des Fluoreszeins in eine Netzhautarteriole und dem Erscheinen in der korrespondierenden Netzhautvenole vergeht."[450]

Im Wahrig Deutsches Wö rterbuch wird "Passage" so definiert:

"Durchgang; Durchfahrt, Meerenge; Abschnitt (im Buch, Brief); überdachte Ladenstraße; Reise mit Schiff od. Flugzeug. bes. übers Meer, Überfahrt; (Astr.) Durchgang; (Mus) Lauf, schnelle Tonfolge; (Hohe Schule) Gangart, bei der die Vorderbeine schwungvoll gehoben werden [frz.]"[451]
Im Advanced Learner's Dictionary wird das englische Wort "passage" definiert als:
"1. passing; act of going past, through or across; right to go through. [...] 2. voyage, journey from point to point by sea or air. [...] 3. way through. [...] 4. corridor in a house. [...] 5. short extract from a speech or piece of writing, quoted or considered separately. [...] 6. passing of a Bill so that it becomes law. [...] 7. (pl) what passes between two persons in conversation. [...] 8. passage of arms: combat, dispute. [...]"[452]

Bei dem Terminus "arterio-venö se Passagezeit" wurde die Bedeutung "passing; act of going past, through or across" aus dem Englischen übernommen. Der Terminus "arterio-venö se Passagezeit" ist somit ein Anglizismus.

4.2.5. Lehnsyntax

Bei der Lehnsyntax handelt es sich um die Übernahme der Syntax aus der Gebersprache.[453] Im Englischen werden z.B. Prozentzahlen zweier verschiedener Gruppen mit z.B. "male : female n% : n% respectively" wiedergegeben. Dies wird dem Anspruch von Fachtexten auf Präzision mit Hilfe mö glichst weniger Worte eher gerecht als ein umständlich formulierter Satz. In deutschen Fachtexten wird dies nachvollzogen, indem die entsprechende Gruppe der entsprechenden Prozentzahl zugeordnet wird, wobei, wie im Englischen die Formulierung "entsprechend" als Bindeglied eingefügt wird.

"Das Geschlechtsverhältnis (sic) des Basiskollektives wies mit 323 : 280 (männlich : weiblich, entsprechend 53,6 : 46,4%) einen Überhang männlicher Personen von 7,2% auf."[454]

Das Wort "entsprechend" erscheint zwar im Deutschen zwischen den beiden Gruppen und den beiden Prozentzahlen, doch entspricht dies trotzdem nicht der normalen deutschen Syntax sondern ist der englischen Zitierweise von statistischen Angaben nachvollzogen.

4.2.6. Lehnwendung

Das Deutsche wird auch durch Lehnwendungen beeinflußt, die aus dem Englischen übernommen werden.[455] In vielen deutschen Texten ist z.B. wie im Englischen "In 1996" anstatt "1996" zu lesen. Im vorliegenden Material konnte jedoch kein Beispiel für eine Lehnwendung gefunden werden.

4.2.7. Bindestrich als Anglizismus

Auch die unterschiedliche Verwendung des Bindestriches wird häufig aus dem Englischen übernommen. Die unterschiedliche Rolle, die er in den beiden Sprachsystemen spielt, wurde weiter oben bereits erö rtert. Hier sollen noch einige Beispiele angeführt werden, in denen bei der Übernahme von englischen Lehnwö rtern die Verwendung des Bindestriches mit übernommen wird.

deutsch: Arm-Retina Zeit : englisch: arm-retina time

Da der Bindestrich im Englischen die Funktion hat, die Elemente von Mehrwortbenennungen enger miteinander zu verbinden, wird zwischen "arm" und "retina" der Bindestrich eingefügt, da "time" sich auf beide bezieht. Denn die Arm-Retina Zeit ist die Zeit, die zwischen dem Einspritzen des Fluoresceins und dessen Einstrom in die Retina vergeht. Im Deutschen müßte zwischen "Retina" und "Zeit" ebenfalls ein Bindestrich eingfügt werden. Es handelt sich hier aber um eine Lehnübersetzung, bei der die ersten beiden Elemente im Deutschen und Englischen sogar fast identisch sind, und nur das dritte Element "Zeit" nur noch in seiner Bedeutung dem Englischen nachvollzogen ist. Somit liegt es auch schon aufgrund der fast identischen Formen der beiden ersten Teile der Mehrwortbenennung im Deutschen und Englischen sehr nahe, die englische Schreibweise des Bindestriches nachzuvollziehen und sich somit so nah wie mö glich an das Englische, aus dem auch die Abkürzung ART entlehnt ist, anzulehnen.

Deutsch: Laser Flare-Cell Meter = englisch: laser flare-cell photometer LFCM[456]

Auch hier wird die Verwendung des Bindestriches aus dem Englischen übernommen. Wie bereits weiter oben erö rtert, wird mit der Technologie aus den USA auch häufig die Schreibweise derselben eingeführt.

4.2.8. Verbindung Adjektiv + Adjektiv

Bei der Verbindung Adjektiv + Adjektiv handelt es sich ebenfalls um einen Anglizismus[457], wobei häufig Verbindungen mit "-orientiert" nachgeahmt werden, wie z.B. im Englischen bei "money-oriented", "food-oriented"[458], oder Verbindungen mit "-spezifisch" wie bei dem Beispiel "Coats-spezifische Befunde"[459]. Bei solchen Verbindungen werden häufig englische Fugenzeichen übernommen. Im Beispiel "opto-elektronisch" wird das englische Fugenzeichen -o- eingefügt.[460]

4.2.9. Englische Namensgebung

Namen von wissenschaftlichen Projekten, die häufig auf internationaler Zusammenarbeit beruhen, werden auch in der RP-Forschung aus dem Englischen übernommen, wie z.B. der Fall beim Retina-Implant-Projekt[461], in dem ein epiretinal eingepflanzter Microchip entwickelt wird[462].

4.2.10. Englisches Vorbild beim Aufbau von Fachartikeln

Auch der Aufbau von Fachtexten in deutschen Fachzeitschriften orientiert sich am englischen Vorbild. Der Aufbau "Summary/Abstract, Key-words, Background, Material/Patients and Methods, Results, Discussion" wird in deutschen Fachtexten meistens mit "Zusammenfassung", einem englischen "Summary", "Schlüsselwö rter, Material/Patienten und Methode(n), Ergebnisse, Diskussion" nachvollzogen.

Alle diese Beispiele zeigen, daß die deutsche Fachliteratur auf dem Gebiet der RP-Forschung in ihrer Sprache und Form vom Englischen beeinflußt wird, sei es durch sichtbare Anglizismen wie Lehnwö rter oder durch latente Anglizismen.

Bei populärwissenschaftlichen Texten hängt die Häufigkeit von Anglizismen mehr vom Autor als von der Textsorte ab.[463]

[445] Schmitt 1985, S 175.

[446] Arntz, Picht 1991, S 115.

[447] Schmitt 1985, S 177.

[448] Schmitt 1985, S 177.

[449] Schmitt 1985, S 177.

[450] Klin. Mbl. Augenheilk. vol. 199 (1991): 325-329, S 326.

[451] Wahrig Deutsches W^rterbuch.

[452] ALD.

[453] Schmitt 1985, S 177.

[454] Ophthalmologe vol. 91 (1994): 322-328, S 324.

[455] Schmitt 1985, S 177.

[456] Klin. Mbl. Augenheilk. vol. 204 (1994): 211-216, S 211.

[457] Schmitt 1985, S 177.

[458] Schmitt 1985, S 148.

[459] Ophthalmologe vol. 91 (1994): 329-332, S 330.

[460] Schmitt 1985, S 149.

[461] RP Aktuell Nr 61 (III/96): S 23.

[462] siehe Sachteil: Retina-Implantate

[463] Schmitt 1985, S 186.


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