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3.2. Wortbildungsm glichkeiten


Da sich ein Fachgebiet kontinuierlich weiterentwickelt, müssen immer wieder neue Termini geschaffen werden. Dies geschieht sehr selten durch eine komplette Neuschö pfung.[420] Es gibt verschiedene Mö glichkeiten, mit Hilfe des bereits vorhandenen Wortschatzes einer Sprache und dem anderer Sprachen, Benennungen für neu entstandene Begriffe zu finden und somit Fachwö rter zu schaffen.

3.2.1. Terminologisierung

Bei der Terminologisierung werden Wö rter aus der Gemeinsprache zu Termini eines Fachgebietes gemacht[421], d.h. es wird ihnen ein neuer Begriffsinhalt zugeordnet. Der Begriffsinhalt ist die Summe aller Merkmale eines Begriffes.[422] Das Wort aus der Gemeinsprache wird zur Metapher für einen Begriff aus dem Fachgebiet.

deutsch: Rauschen = engl.: ringing, noise; (Artefakt bei ERG-Untersuchungen durch z.B. elektromagnetische Felder);

deutsch: Einwandern des RPE in die Netzhaut = engl.: migration of the RPE into the retina;

3.2.2. Wortzusammensetzungen (Komposita)

Die Zusammensetzung von bereits vorhandenen Termini oder von Wö rtern aus der Gemeinsprache, die dann zu Termini werden, ist ein sehr produktives Mittel, um Fachwö rter zu erhalten. Hierbei sind alle Mö glichkeiten der Kombination verschiedener Wortklassen gegeben.

3.2.2.1. Substantiv + Substantiv

Im Deutschen werden (Fach-)Wö rter direkt zusammengesetzt, während im Englischen oft (Fach-)Wortgruppen gebildet werden.

deutsch: Stäbchenaußensegment =

englisch: rod outer segment;

Bei Zusammensetzungen spielt der Bindestrich in den beiden Sprachsystemen eine unterschiedliche Rolle. Während der Bindestrich im Deutschen eingesetzt wird, um zu lange Wortketten oder ungünstige Buchstabenkombinationen voneinander zu trennen, wird er im Englischen eingesetzt, um die einzelnen Wö rter einer Wortgruppe deutlicher miteinander zu verknüpfen.[423]

deutsch: Ruhe-Bestandspotential = englisch: standing potential;

englisch: cut off filters

aber: cut-off filter glasses und:

short-wave cut-off filter glasses[424]

3.2.2.2. Substantiv + Partizip

deutsch: wasserstoffgebunden = englisch: hydrogen-bonded;

deutsch: altersbedingt = englisch: age-related;

Im Deutschen werden die beiden Wortklassen entweder mit dem Fugenzeichen "s" für den Genitiv wie bei "altersbedingt" oder direkt zusammengesetzt, während im Englischen ein Bindestrich eingefügt wird.

3.2.2.3. Substantiv + Adjektiv

deutsch: argininarm = englisch: arginin-poor;

3.2.2.4. Adjektiv + Substantiv

deutsch: Wildtyp = englisch: wild-type;

3.2.2.5. Verb + Substantiv

deutsch: Sehpigment;

englisch: splice site;

3.2.2.6. Abkrzungen + Substantiv

deutsch: cGMP-Phosphodiesterase =

englisch: cGMP-phosphodiesterase;

Zusammensetzung mit nichtsprachl. Elementen

deutsch: [alpha]-Transducin = englisch: [alpha]-transducin;

deutsch: 3'5'-cGMP = englisch 3'5'-cGMP;

3.2.3. Konversion

Die Konversion ist der Übergang eines Wortes von einer Wortklasse in die andere. Solche konvertierten Wö rter lassen sich ebenfalls mit anderen zusammensetzen, wobei wieder neue Fachwö rter entstehen.

englisch: to shift a shift a frameshift (Genmutation durch Verschiebung des Leserahmens);

deutsch: erlö schen das Erlö schen des ERGs;

deutsch: sehen das räumliche Sehen, das Farbsehen;

3.2.4. Ableitung

Die Ableitung ist die Verbindung eines Stammwortes mit einem Suffix bzw. Präfix. Diese Verbindungen sind besonders produktiv, da jedes Suffix bzw. Präfix in Verbindung mit einem Stammwort, das auf diese Weise auch konvertiert ist (retina subst. retinal, adj.) einen neuen Terminus ergibt.

So werden z.B. die Namen von Proteinen gebildet, von denen ständig neue entdeckt werden. Das Stammwort leitet sich vom Entdeckungsort oder von der Funktion des Proteins ab. Das Suffix bzw. Präfix läßt auf de Zugehö rigkeit zu einer bestimmten Gruppe schließen wie z.B. bei "Recover-in", "Peripher-in". Die Verbindung eines Stammwortes mit einem Suffix bzw. Präfix, das dann wiederum mit anderen Suffixen bzw. Präfixen kombiniert werden kann, ist eine produktive Methode, um neue Fachwö rter zu bilden, deren Bedeutung aufgrund der regelmäßigen Bildung leicht zu erschließe ist. Dies ist z.B. der Fall bei anatomischen Angaben wie "sub-retinal", "epi-retinal", "peri-foveal" etc.

In diesen Fällen kann von morphologischer Motivation zur Bildung eines Fachwortes gesprochen werden, d.h., der Begriffsinhalt läßt sich aus der Form des Fachwortes ableiten.[425]

3.2.4.1. Prfigierung

deutsch: homozygot = englisch: homozygous;

deutsch: heterozygot = englisch: heterozygous;

3.2.4.2. Suffigierung

deutsch: Phosphodiester-ase = englisch: phosphodiester-ase;

deutsch: Syndrom, n syndromisch bzw. syndromal, adj

englisch: syndrome, n syndromic, adj

3.2.5. Krzungen

3.2.5.1. Mechanische Krzungen

Bei mechanischen Kürzungen werden Elemente des Fachwortes weggelassen, ohne daß für die Bedeutung des Wortes wichtige Elemente fehlen. Eine Einwort- bzw. Mehrwortbenennung kann auf verschiedene Arten mechanisch gekürzt werden. Sie lassen sich in zwei Gruppen unterteilen.

Zum einen gibt es echte Initialwö rter, Akronyme, bei denen jeweils nur die Anfangsbuchstaben verwendet werden.[426] Es gibt hierbei die Sprechkürzungen wie z.B.:

POVES: Portable Optoelectronic Vision Enhancement System [poves]

LVES: Low Vision Enhancement System [elvis]

Und es gibt die Buchstabierkürzungen wie z.B.:

RP: Retinitis pigmentosa

PDE: Phosphodiesterase

Neben den echten Initialkürzungen existiert auch die Lesekürzung, wobei die Kürzung nicht auf die Anfangsbuchstaben beschränkt ist.

Rab-Geranyl-Geranyl-Transferase Rab-GG-Tase

Kürzungen lassen sich beliebig mit anderen Kürzungen oder (Fach-)Wö rtern kombinieren. Es finden sich häufig Kombinationen von Kürzungen mit ausgeschriebenen Wö rtern oder Wortteilen. Somit werden wieder neue Termini gebildet.[427]

Retinitis-pigmentosa-Guanosintriphosphatase-Regulator
Retinitis-pigmentosa-GTPase-Regulator (RPGR);

Kürzungen werden meist nicht flektiert.[428]

3.2.5.2. Semantische Krzungen

Bei semantischen Kürzungen werden benennungskonstituierende Elemente aus dem Fachwort weggekürzt, d.h. Elemente, die für die Bedeutung des Terminus entscheidend sind, wobei die verbleibenden Elemente die Bedeutung des weggelassenen mit übernehmen.

deutsch: Kantenfiltergläser Kantenfilter

englisch: short-wave cut-off filter glasses cut off filters;

deutsch: Augenfundus Fundus

englisch: ocular fundus fundus

Beispiel: "... changes in the ocular fundus are limited to the central fundus." [429]

Anstatt "central ocular fundus" zu schreiben, wird das Element "ocular" weggelassen, da aus dem Kontext und auch aus dem Fachgebiet, aus dem der Artikel stammt, hervorgeht, daß es sich hier nicht z.B. um den Magenfundus handelt.

3.2.6. Umterminologisierung

Die Umterminologisierung, auch interne Entlehnung genannt[430], ist die Übernahme eines Fachwortes aus einem anderen Fachgebiet.

Das deutsche Wort "spleißen" stammt ursprünglich aus der Seemannssprache und wird laut Wahrig Deutsches Wö rterbuch definiert als "(tech.: Mar.) miteinander verflechten; zwei aufgedrehte Tauenden, Kabel;"[431]

Das englische Wort "to splice" wird im Advanced Learner's Dictionary of Current English so definiert:

"join (two ends of rope) be (sic) weaving the strands of one into the strands of the other; join (two pieces of wood, magnetic tape, film) by fastening them at the ends"[432]

In der Genetik bedeutet spleißen:

"Splicing: genet. (engl.) Entfernung der den Introns entsprechenden Abschnitten aus dem RNS-Strang der heterogenen nuklearen RNS von Eukaryonten, worauf durch Zusammenfügen der Exon-Sequenzen die messenger-RNS entsteht."[433]

In diesem Beispiel kann von semantischer Motivation der Benennung gesprochen werden. Die Benennung entsteht dadurch, daß ein Wort aus einem anderen Bereich herangezogen wird, wobei die ursprüngliche Bedeutung nur noch metaphorisch in der Benennung enthalten ist.[434] Die Bedeutung der Benennung kann somit nicht aus der Form des Wortes, sondern aus der ursprünglichen Bedeutung seiner Elemente abgeleitet werden.

3.2.7. Entlehnungen

Die Entlehnung ist die Übernahme eines Wortes oder einer Wendung aus einer Sprache in die andere. Das Lateinische sowie das Griechische bot sich bisher als Reservoir für die Bildung von Termini in der Fachsprache der Medizin sowohl im Englischen als auch im Deutschen. Bei der Entlehnung aus dem Lateinischen oder Griechischen gibt es mehrere Mö glichkeiten.

Das Wort wird in seiner Schreibweise dem jeweiligen Sprachsystem angepaßt. Dies geschieht im Deutschen zum einen durch die Großschreibung, zum anderen durch orthographische Ä nderungen, z.B. des Buchstaben "c" zu "k" oder "z".

deutsch: Makula = englisch: macula;

deutsch Fovea = englisch: fovea;

Oft wird das lateinische oder griechische Wort hybridisiert. Es bekommt eine deutsche bzw. eine englische Endung.

deutsch: heterozygot = englisch: heterozygous;

Das Fachwort kann somit flektiert werden, und es kö nnen durch Ableitung und Konversion neue Fachwö rter gebildet werden.

deutsch: heterozygot, adj. Heterozygoten, pl.

englisch: heterozygous, adj. heterozygotes, pl

Bei der Entlehnung aus dem Lateinischen und Griechischen werden oft Hybriden aus diesen beiden Gebersprachen gebildet. Ein Teil des Wortes ist aus dem Griechischen, ein anderer aus dem Lateinischen entlehnt.

deutsch: Photorezeptor = englisch: photoreceptor;

deutsch: heterogen = engl: heterogenous;

deutsch: Genom = englisch: genome;

Im Deutschen werden häufig Termini unverändert aus dem Lateinischen übernommen, wobei sie oft in Kursivschreibweise im laufenden Text verwendet werden. Wenn der Terminus aus einer Wortgruppe besteht, wird die lateinische Wortstellung beibehalten. Im Englischen konnten im vorliegenden Material fast keine Termini gefunden werden, die vollständig übernommen wurden. Die Wö rter werden gemäß der englischen Syntax umgestellt und morphologisch-phonologisch an das englische Sprachsystem angepaßt.

deutsch: Visus cum correctione (V.c.c.) =

englisch: best corrected vision;

deutsch: fovea centralis = englisch: central fovea;

deutsch: nervus opticus = englisch: optic nerve;

Lediglich eine lateinische Abkürzung konnte im Englischen gefunden werden.

OS = left eye = LE

OD = right eye = RE

Diese beiden Abkürzungen werden wahlweise verwendet.

Zwei der Unterformen der RP werden sowohl im Deutschen als auch im Englischen mit einem lateinischen Namen benannt.

deutsch: RP sine pigmento = englisch: RP sine pigmento;

deutsch: Retinitis punctata albescens =

englisch: retinitis punctata albescens

Dies kö nnte daran liegen, daß der Name für diese Unterformen sich international durchgesetzt hat, und somit diese Benennungen unverändert verwendet werden.

Im Deutschen existieren häufig mehrere synonyme Benennungen nebeneinander. Es wird die deutsche Benennung und das Lehnwort gleichermaßen verwendet. Im Englischen existiert jedoch häufig nur eine Benennung, die meistens aus dem Lateinischen oder Griechischen entlehnt ist.

deutsch: Kornea, Hornhaut, Englisch: cornea;

deutsch: Retina, Netzhaut = englisch: retina;

deutsch: Choriokapillaris, Chorioidea, Choroidea, Aderhaut =

englisch: choriocapillaris, choroid, choroidea;

deutsch: Papille, Sehnervkopf, "blinder Fleck" =

englisch: optic disk;

deutsch: macula lutea, Makula, "gelber Fleck" =

englisch: macula;

Heute hat das Englische so stark an Einfluß gewonnen, daß anstatt der Entlehnung aus dem Lateinischen und Griechischen viele neue Fachwö rter aus dem Englischen übernommen werden. Neue technische sowie medizinische Entwicklungen kommen oft aus den USA, wobei die englische Terminologie von den Importländern mit übernommen wird[435], da Wortschö pfungen in der jeweiligen Landessprache oft zu sperrig sind.

"Das Bedürfnis, lieber das englische Fachwort zu wählen, ist nicht etwa in einem Unvermö gen des Deutschen begründet, dem fremdsprachlichen Wort eine eigensprachliche Entsprechung entgegenzusetzen, sondern entspringt dem für Fachsprachen charakteristischen Streben nach sprachlicher Ökonomie, d.h., dem Wunsch, mit einem Minimum an Aufwand die bestmö gliche Verständigung zu erzielen. [Dieses Kriterium] (...) läßt sich (...) mit dem englischen Lehnwort meist besser erfüllen."[436]

Somit wird auch wieder die Beziehung zwischen dem Adressatenkreis und der Entstehung von Terminologie deutlich. Ein Publikum von Fachleuten erwartet einen Text mit mö glichst viel Inhalt in mö glichst kurzer und prägnanter Form. Dies wird durch die Einführung bereits existierender englischer Termini oft besser und schneller erfüllt als durch die Bildung von häufig langen deutschen Komposita. Das englische Lehnwort wird in Fachtexten auch oft deshalb verwendet, um eine Variation des Stils zu erzielen.[437]

Da das Englische stark vom Lateinischen und Griechischen beeinflußt ist, eignet es sich besonders gut als die Sprache für die internationale Kommunikation. Der Wissenstransfer erfolgt daher heute in der englischen Sprache.[438] Neben dem Lehnwort gibt es noch viele Arten von Anglizismen, die im Folgenden näher betrachtet werden sollen.

[420] Arntz, Picht 1991, 117.

[421] Schmitt,1985, S 23.

[422] Arntz, Picht 1991, S 47.

[423] Nitsche, 1990, S 100.

[424] Advances in the Biosciences vol. 62 (1987): 130-135, S 130.

[425] Arntz, Picht 1991, S 121.

[426] Schmitt 1985, S 133.

[427] Arntz, Picht 1991, 116.

[428] Schmitt 1985, S 133.

[429] Nature Genetics vol. 3 (3/1993): 213-217, S 213.

[430] Arntz, Picht 1991, 115.

[431] Wahrig Deutsches W^rterbuch

[432] ALD, S 832.

[433] Roche Lexikon Medizin.

[434] Arntz, Picht 1991, S 119.

[435] Schmitt 1985, S 51.

[436] Schmitt 1985, S 169.

[437] Schmitt 1985, S 42.

[438] Schmitt 1985, S 211.


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