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2.2. Entstehung von Textsorten

Das o.g. Modell kann auf die Textebene übertragen werden. Ein Text ist eine Form der Kommunikation. Er kann in schriftlicher Form oder in gesprochener Form als Rede vorliegen. Entsprechend der Situation, in der die Kommunikation stattfindet, wird Sprache gewählt. Ein Text wird durch außertextliche sowie innertextliche situative Faktoren determiniert. Dazu gehö rt die Funktion des Autors, sein Vertrautheitsgrad mit dem angesprochenen Publikum, die soziale Relation zwischen beiden, die soziale Schicht, eventuell das Geschlecht, das Medium (gesprochene Sprache oder Schrift), Ort und Zeit der Entstehung des Textes, Anzahl der Kommunikationspartner (z.B. nur einer oder eine Gruppe), der Verwendungsbereich und der Erscheinungsort. Dies wird als "situative Einbettung" eines Textes bezeichnet.[412]

Bei vorliegendem Textmaterial handelt es sich um zwei verschiedene Textsorten. Bei der einen Textsorte schreibt eine fachkundige Person (Fachmann/-frau/-journalistIn) für ein Laienpublikum. Die soziale Relation ist hö her zu tiefer. Der Vertrautheitsgrad ist gering. Der Erscheinungsort sind Tages- oder Wochenzeitungen bzw. Zeitschriften, die in entsprechend unterschiedlichen Abständen erscheinen und ein mehr oder weniger vorgebildetes Publikum ansprechen. Der Bereich, in dem der Text Verwendung findet, ist Information unter der Rubrik Medizin.

Bei der anderen Textsorte schreibt eine fachkundige Person für ein Publikum von Fachleuten. Die soziale Relation ist gleich zu gleich. Der Vertrautheitsgrad ist gering. Der Erscheinungsort sind medizinische Fachbücher, Fachzeitschriften etc. Der Verwendungsbereich ist z.B. eine Abhandlung auf dem Gebiet der Augenheilkunde.

Ä ndert sich einer der situativen Faktoren, entsteht eine neue Textsorte. Ä ndert sich die soziale Relation im zweiten Fall in hö her zu tiefer, entsteht die Textsorte Lehrbuch. Ä ndert sich die

Anzahl der angesprochenen Personen, so daß nur noch eine Person angesprochen wird, so entsteht die Textsorte Brief.

Bei der erstgenannten Textsorte wird der Wortschatz des mittleren Kreises und der der Kreismitte des Modells nach Baldinger verwendet, wobei auf der Textebene ein populärwissenschaftlicher Text entsteht.

Bei der zweitgenannten Textsorte wird vorwiegend der Wortschatz aus dem äußeren Kreis des Modells verwendet.[413] Aufgrund des Verwendungsbereiches Medizin, der noch enger in den Verwendungsbereich Augenheilkunde eingegrenzt wird, wird gemäß der horizontalen Einteilung die Fachsprache der Ophthalmologie verwendet.

Die situativen Faktoren, die die Entstehung eines Textes bestimmen, hängen wiederum von der jeweiligen Soziokultur ab, in der und für die ein Text produziert wird. Entsprechend der Soziokultur kommen einige situative Faktoren mehr oder weniger zum Tragen, oder ihre Berücksichtigung wird im entsprechenden Text anders umgesetzt als in einer anderen Soziokultur. Textsorten sind die "Realisationen von soziokulturell determinierten, konventionell geregelten Bündelungen von situativen Faktoren".[414]

Um einen Text übersetzen zu kö nnen, ist es wichtig, den Adressatenkreis des Textes sowie die jeweiligen Konventionen der entsprechenden Soziokultur zu kennen.

Textsorten unterscheiden sich sowohl innerhalb einer Sprache als auch im Vergleich zu anderen Sprachen bezüglich Aufbau, Anrede, Syntax, Verwendung von Metaphern, Tempusgebrauch, Verwendung von Wortklassen (z.B. Nominalstil, häufige Verwendung von Funktionsverben etc.)[415] und durch weitere Merkmale. Da es sich bei vorliegender Arbeit um eine Terminologiearbeit handelt, beschränkt sie sich hierbei auf die Untersuchung der Verwendung von Fachwö rtern in Fachtexten und populärwissenschaftlichen Texten im Deutschen und Englischen und auf den Gebrauch von Anglizismen in deutschen Fachtexten und populärwissenschaftlichen Texten.

[412] H^nig, Kuflmaul 1991, S 70.

[413] Arntz, Picht 1991, S 20.

[414] H^nig, Kuflmaul 1991, S 71.

[415] Arntz, Picht 1991, S 26.


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