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17.5. Optoelektronische Sehhilfen

Eine ganz neue Richtung zeichnet sich mit der Entwicklung von optoelektronischen Hilfsmitteln ab. In Amerika wurde eine optoelektronische Brille namens LVES an der Johns Hopkins University School of Medicine in Zusammenarbeit mit der NASA und dem Department of Veterans Affairs entwickelt. Bereits 1965 wurden die ersten Versuche mit auf dem Kopf zu tragenden Videosystemen gemacht. Solche Displaysysteme sind ursprünglich für die Raumfahrt und für Verteidigungszwecke konzipiert worden, wo sie heute Anwendung finden.[394] Als Nebenprodukt dieser Technologie ist das optoelektronische Hilfsmittel für hochgradig Sehbehinderte erst vor wenigen Jahren hervorgegangen.

In Deutschland wird LVES (ausgesprochen: "Elvis")[395] seit Ende 1995 von der Hilfsmittelfirma BAUM elektronik GmbH vertrieben. LVES steht für "Low Vision Enhancement System".[396] Diese elektronische Videobrille für Sehbehinderte ist ein tragbares System, das aus zwei Komponenten besteht: der Videobrille selbst und einer Steuereinheit von "der Grö ße eines Taschenbuches"[397], die an einem Gürtel um die Taille getragen wird. An der Videobrille befindet sich an jeder Seite eine Videokamera. Das von ihnen aufgenommene Bild wird von den Bildschirmen an den Schläfenseiten der Brille über Spiegel zur vorderen Innenseite gelenkt. Die Kameras liefern zusammen ein Schwarz-Weiß-Bild mit einem Weitwinkel bis zu 60[infinity]. In der Mitte der Brille, etwas oberhalb zwischen den beiden Kameras ist eine kippbare Zoom-Kamera angebracht, die das Bild 3-10fach vergrö ßern kann. Die Videobrille ist über ein Kabel mit der Steuereinheit verbunden. Mit ihr werden Vergrö ßerung, Kontrast, Helligkeit oder die Negativdarstellung (weiß auf schwarzem Grund) eingestellt. Durch eine automatische Helligkeitsanpassung wird dem besonders bei RP auftretenden Problem der Blendungsempfindlichkeit mit gleichzeitig bestehender Nachtblindheit entgegengewirkt. Trotz sich verändernder Lichtverhältnisse bleibt die Helligkeit in der Brille die gleiche.

Das Gerät kann auch an einen Video- oder Computerbildschirm angeschlossen werden. Das Fernsehbild wird auf das Display direkt vor das Auge projiziert. Die Brille eignet sich somit für Arbeiten am Computer sowie auch zum Fernsehen.

Das Bild ist allerdings nicht vollständig scharf. Von der Videobrille kö nnen aufgrund der starken Vergrö ßerungsmö glichkeiten somit Betroffene mit einem Sehrest zwischen 0,01 und 0,125 am meisten profitieren.[398] Die Brille muß individuell angepaßt werden, was in Deutschland bis jetzt nur in speziell dafür eingerichteten Zentren an einigen Augenkliniken mö glich ist.

Die Brille kann zwar Dinge entsprechend den Bedürfnissen von Sehgeschädigten vergrö ßern oder den Kontrast verschärfen, sie kann aber kein schärferes Sehen bewirken. Sie kann in einem gewissen Rahmen ein grö ßeres Gesichtsfeld bieten, d.h., bei ruhiger Kopfhaltung kann durch Augenbewegungen über das Display der Weitwinkel von 60[infinity], den die Kameras erfassen, überblickt werden. Die Steuerung der einzelnen Funktionen muß trainiert werden. Kopfbewegungen verursachen anfangs durch ein verwackeltes Bild ein gewisses Schwindelgefühl, das etwas gewö hnungsbedürftig ist. Die Brille ist ein portables Hilfsmittel, das man "überall mitnehmen" (sic)[399] kann. Allerdings reicht die Betriebsdauer der aufladbaren Batterien nur für 90 Minuten[400], wonach die Akkus gewechselt werden müssen. Die Brille selbst kann wahlweise mit Akkus oder am Stromnetz betrieben werden.

LVES hat ein Gewicht von 900g[401], kann aber für eine gewisse Zeit ohne grö ßere Belastung durch das Gewicht getragen werden. Allerdings ist diese Brille mit ihrem klobigen und recht futuristischen Aussehen sozial sehr unverträglich.

In Amerika hat diese Brille eine grö ßere Akzeptanz gefunden als in Deutschland, wo die oben genannten Funktionen durch die Versorgung mit anderen Hilfsmitteln erfüllt werden.

"Im Gegensatz zu den USA scheint hierzulande die Versorgung mit herkö mmlichen Sehhilfen wesentlich vollständiger zu sein. Daher wiegen für viele Patienten die besonderen Vorzüge dieser neuen Sehhilfe, wie das sehr große Sehfeld bei einer bis zu 10fachen Vergrö ßerung und die Kontraststeigerung bei reduzierter Blendung die Nachteile der äußeren Erscheinung und des Gewichtes des Kopfteiles nicht genügend auf."[402]

In Ländern mit noch gut funktionierendem Gesundheitswesen haben hochgradig Sehbehinderte mit der Entwicklung von LVES somit die Wahl zwischen Einzelhilfsmitteln, die sie abwechselnd zu unterschiedlichen Anlässen einsetzen oder einem relativ teuren System, in das alle diese Funktionen integriert sind. Diese Technik, die in bezug auf die Anwendung als Hilfsmittel für Sehgeschädigte noch in den Anfängen steht, muß noch um einiges verfeinert und vor allem verkleinert werden, um sie für die Gruppe der hochgradig Sehbehinderten auf breiterer Basis anwendbar zu machen.

Auch in Europa wird derzeit an der Entwicklung einer optoelektronischen Brille gearbeitet. Das Projekt, an dem mehrere Länder beteiligt sind, nennt sich POVES. Die Abkürzung steht für "Portable Optoelectronic Vision Enhancement System"[403]. Der Aufbau ist ähnlich dem der LVES-Brille konzipiert, jedoch soll sich der für Ende 1996 erwartete erste Prototyp zunächst auf das Modul einer Nachtsichtbrille beschränken. Es wurde im Rahmen des POVES-Projektes bereits eine Studie zur Entwicklung des Nachtsichtmoduls mit einer Gruppe von 19 Versuchspersonen durchgeführt. Das verwendete System bestand aus einem Kopfteil mit CCD-Kameras und LCD-Display mit einer Auflö sung von 520 x 520 Pixel und aus einer Steuereinheit mit Helligkeits- und Kontrasteinstellung. Mit diesem System konnten bereits Verbesserungen der Orientierung und Mobilität bei Dunkelheit bemerkt werden.[404]

Das Gerät soll noch weiter zu einer vollständigen Videobrille ausgebaut werden. Auf einem LCD-Display in Farbe sollen die Mö glichkeit der Vergrö ßerung, Verkleinerung sowie Negativdarstellung gegeben sein. Auflö sung, Helligkeit und Kontrast sollen entsprechend den Bedürfnissen regelbar sein. Auch Schwierigkeiten beim Farbsehen, die bei fortgeschrittener RP durch die Beteiligung der Zapfen auftreten, sollen gelö st werden, indem eine nicht mehr wahrgenommene Farbe durch eine andere, besser unterscheidbare Farbe ersetzt, oder indem für je eine bestimmte Farbe ein bestimmtes Muster eingesetzt wird. Die Verwendung von Mustern für bestimmte Farben wäre jedoch wiederum problematisch, da Muster an bestimmten Stellen im Bild zu Verwirrungen führen würden, da sie sich eventuell mit bestehenden Konturen in der Umwelt verwechseln lassen. Ein grüner Apfel wäre dann von einer gleich gemusterten Tischdecke nicht mehr zu unterscheiden.

Die Verkleinerung des Bildes ermö glicht eine bessere Nutzung des gebliebenen Gesichtsfeldes. Je kleiner die einzelnen Elemente sind, um so mehr "paßt" in das verbliebene Gesichtsfeld. Hierbei ist jedoch wiederum zu beachten, daß eine Verkleinerung des Bildes eine Verringerung des Visus bedeutet. Diese Problematik ist bereits an anderer Stelle erläutert worden.

Die elektronische Steuerung kö nnte fernerhin mit der Mö glichkeit ausgestattet werden, die in der Peripherie befindlichen Seheindrücke ins zentrale Gesichtsfeld zu integrieren, so daß auch die sonst verlorengegangene Information zur Verfügung stünde. Die Wiedergabe entspräche allerdings dann nicht der Realität, die durch die Verschiebung nicht in ihren tatsächlichen Koordinaten abgebildet wäre, so daß die Lokalisierung von Gegenständen oder Personen oder gar die Orientierung im Raum, wenn überhaupt, nur sehr schwer mö glich wäre. Diese Funktion würde sich dann eventuell nur zur kurzen Überblickung des Raumes oder z.B. zum Verfolgen eines Theaterstückes auf einer für das Gesichtsfeld sonst zu breiten Bühne oder zur Betrachtung einer weitläufigen Landschaft eignen.[405]

Die Herausforderung wird jedoch auch darin bestehen, die Technik auf kleinstem Raum unterzubringen, um die Brille so klein wie mö glich zu halten. Eine zu große, zu schwere Vorrichtung, die das Gesicht fast verdecken würde, wäre optisch extrem unvorteilhaft und kö nnte außerdem nicht ständig getragen werden. Falls die technische Realisierung eines solchen Vorhabens funktioniert, wäre dieses Hilfsmittel für viele hochgradig Sehbehinderte im wahrsten Sinne des Wortes ein Lichtblick. Es wird allerdings noch eine gewisse Zeit dauern, bis ein für alle hochgradig Sehbehinderten mit seinen technischen Mö glichkeiten leicht bedienbares und im Alltag leicht handhabbares Gerät in angemessener Grö ße auf den Markt kommt.

Auch bei Abzug der optoelektronischen Sehhilfen ist die Entwicklung auf dem Hilfsmittelsektor für hochgradig Sehbehinderte bereits relativ vielversprechend. Aufgrund der Tatsache, daß Therapiemö glichkeiten für diese extrem heterogene Erkrankung noch in weiter Ferne liegen, ist es zwingend notwendig, sich auf die jetzige Situation zu konzentrieren und alle im Moment vorhandenen (technischen) Mö glichkeiten auszunutzen. Eine dazu parallel laufende Forschung, die vermutlich in unbestimmter Zukunft eine Therapie bringen wird, macht die Nutzung und Optimierung von Hilfsmitteln weder jetzt noch zukünftig unnö tig, denn auch eine Therapie für RP mag den an der Netzhaut bereits entstandenen Schaden nicht unbedingt rückgängig machen. Somit ergänzen sich diese beiden Sektoren, und keiner von beiden darf vernachlässigt werden.

[394] BAUM Elektronik GmbH: LVES. Wiesenbach: BAUM Elektronik GmbH, o.J.

[395] ebd.

[396] ebd.

[397] ebd.

[398] RP-Aktuell Nr 60 (II/96): S. 37.

[399] BAUM Elektronik GmbH, o.J.

[400] ebd.

[401] ebd.

[402] RP-Aktuell Nr 60 (II/96): 37.

[403] TIDE Project TP-1211: POVES

[404] Investigative Ophthalmology & Visual Science vol. 37.3 (2/1996): 722.

[405] Das Konsortium f[cedilla]r die Entwicklung dieses Projekts: JURCA Optoelectronik GmbH, Rodgau, CAE Electronics GmbH, Stolberg, empirica Delasasse GmbH, K^ln, Laboratoire de GÈnie de la RÈhabilitation Neurale, Br[cedilla]ssel, Laboratoire de microÈlectronique Louvain-la-Neuve, Belgien fortec/Technische Universit%t Wien


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