Isotopie


1. Konzept von A.J. Greimas, in seiner Sémantique Structurale, 1966 ausgearbeitet


2. Zwischenstufe zwischen kohäsions- und kohärenzorientierter Textanalyse


3. baut auf der Semtheorie / Merkmalssematik / aristotelischen Semantik auf (d.h. Bündel von Semen = Semem = Bedeutung des Wortes, losgelöst vom materiellen Ausdruck eines Zeichens)

<Bach>
+ Gewässer
+ fließend
- groß
+ natürlich
<See>
+ Gewässer
- fließend
+ groß
+ natürlich
<Kanal>
+ Gewässer
+ fließend
0 groß
- natürlich

"Versuch, Textverknüpfung ganz unter semantischem Gesichtspunkt anzugehen. Dabei greift das Isotopiekonzept zunächst einmal sowohl auf das Prinzip der Rekurrenz als auch auf das Prinzip der Substitution zurück. Allerdings geht es nun nicht mehr um die (materielle) Rekurrenz sprachlicher Elemente an der Textoberfläche und auch nicht mehr um Referenzidentität zwischen Bezugswort und Substituens. Das Isotopiekonzept arbeitet 'unterhalb' der Wortebene, indem es auf die Semanalyse zurückgreift, also auf die Annahme der Zerlegbarkeit von Wortbedeutung in eine Menge einzelner semantischer Merkmale. Die textverknüpfende Wirkung der Rekurrenz (der Wiederaufnahme) wird also nicht an ganzen Wortbedeutungen festgemacht, sondern an einzelnen rekurrenten semantischen Merkmalen." (Linke 1996, S. 230)


4. Isotopie = semantische Kohäsion


5. Wortbedeutungen können sich über Wort- und Satzgrenzen verteilen; so entstehen Isotopieketten

Beispiel:

<der Schimmel> Er ritt gemächlich auf seinem
Wallach
zwischen den Deichen
in Richtung auf das Dorf zu...
Der Weiße schnaubte
verächtlich einmal kurz aus den
Nüstern
, wandte sich auf den
Hinterbeinen
und galoppierte
davon...
(aus Theodor Storm, Der Schimmelreiter)
[ + Lebewesen]
[ + Tier]
[ + Pferd]
[ + weiß]
[ + männlich]
[ + Gangarten]


"Die Grundannahme dieses Konzeptes ist die, dass sich Wortbedeutungen über die Satzgrenzen hinweg (und ohne Berücksichtigung der Wortklassenzugehörigkeit) zu Komplexen verbinden auf der Grundlage teilweiser semantischer Übereinstimmung und Differenz." (Linke 1996, S. 230)



6. "Die Steine feinden. Fenster grinst Verrat".


"Die Tatsache, dass durch den Rückgriff auf semantische Merkmale versucht wird, den Textzusammenhang weitgehend unabhängig von Textoberflächenkohäsion zu erklären, mach tdas Isotopiekonzept speziell geeignet für eine Beschäftigung mit Texten, bei denen eine (bewusste) Zerstörung syntaktischer und wortsemantischer Bezüge und die Durchbrechung von Textmustern das Textverstehen erschweren.

Das semantische Merkmal FEINDLICH wirkt in dieser Textpassage als Textverknüpfungsmittel, und so können wir auf semantischer Basis einen Zusammenhalt konstruieren, der vom selben Text an anderer Stelle durch semantische Inkompatibilitäten (unbelebten Objekten werden menschliche Handlungsweisen zugeschrieben) und grammatische Normverstösse (feinden ist keine existierende Verbform des Deutschen) erschwert wird." (Linke 1996, S. 230f.)


(7. Luigi Nida: nicht Wörter werden übersetzt, sondern Bündelungen semantischer Merkmale. Man muß nicht alle Merkmale übersetzen)


Isotopie in der Chemie
zurück zur Kohärenz




Letzte Bearbeitung: 20. Mai 1999
Erstellt und bearbeitet von Dora Warth (nach einer Vorlesung von Prof. Dr. Huber)
Homepage des FASK * Institute * IASPK * Einführung in die Sprachwissenschaft