Abteilung für Anglophonie

Interkulturelle Anglophonie

Karl-Heinz Stoll

 

Lebende Sprachen 1 (1999), 14-20.

 

1. Anglophonie

"English [...] has gained the unprece­dented status of a universal language." (Braj B. Kachru)[1]

         Zum größten Geschäft der deutschen Industrie mit der ehemaligen Sowjetunion, der 10 Milliarden DM Erdgas-Röhren-Lieferung, gab es nur eine englische, keine russische oder deutsche Vertragsversion. Entsprechendes gilt z.B. auch für Hunderte von Pro­jekten der GTZ mit Saudi-Arabien. Englisch ist weltweit die Lingua franca von Wirtschaft, Politik, Wis­senschaft, Tourismus und Kommunikationsindustrien. Es wird in 75 Län­dern täglich von rund 375 Millionen native speakers sowie von 375 Millionen Zweitsprachlern benutzt. Insgesamt "können" etwa anderthalb Milliarden Menschen Englisch.[2] "[T]oday there are more non-native users of English than there are native users, and more and more frequently international interactions in English take place between non-nativ­e speakers." [3]

         Hieraus ergibt sich als Themafrage: Ersetzen die Wordburgers eines "worldwide bad English" polyglotte Welt- und Wortgewandtheit? Trocknet Terranglia den Translationsmarkt aus? Und verschütten Versatzstücke westlichen Zivilisationsschrotts kulturelle Freiheit und Vielfalt?

       

Für die Globalisierung des Englischen gibt es folgende Ursachen:

         1. Das Empire: Die frühere Verbreitung war natürlich eine Folge des britischen Kolonialismus. In den 54 heute dem Commonwealth angehörenden Ländern lebt ein Viertel der Weltbevölkerung.

         2. Die Cocacolonisierung[4]: d.h. die gegenwärtige Dominanz der USA in Politik, Technologie, Wirtschaft, Wissenschaft, life-style und Medien.

         3. Die ethnische Neutralität des Englischen: In vielsprachigen Ländern wie Nigeria oder Indien würde die Entscheidung für eine oder mehrere der eingeborenen Sprachen und damit gegen zahlreiche andere als offizielle Nationalsprache zu virulenten Konflikten führen.

         4. Das Sozialprestige der englischen Sprache: Sie fungiert als Status­symbol, als "in-group language, uniting elite speakers across ethnic, religious and linguistic boun­daries"[5]. Für viele Länder gilt in Analogie: "Having money in Kenya means you also speak English."[6]

         5. Neben solchen politisch-wirtschaftlich-sozialen Gründen für die globale Anglophonie gibt es auch sprach­liche: Die dem Englischen inhärenten Möglichkeiten morphologischer Vereinfachung, semantischer Ausweitung und lexikalischer Übernahmen aus anderen Sprachen haben seine Internationalisierung begün­stigt.

         Die drei Genera, je ein Dutzend komplizierter Deklinations- und Konjugationsklassen, acht Arten, den Plural zu bilden, sowie 85% der Lexeme des Altenglischen gingen verloren. Die verbliebenen germanischen Wörter bilden aber den Grundstock des englischen Wortschatzes, werden häufiger verwendet als etwa die entsprechenden deutschen und haben daher eine enorme Bedeutungserweiterung erfahren. So muss das polyseme Allerweltswort take je nach Kotext mit ca. 40 verschiedenen deutschen Verben und einem halben Dutzend Substantiven wiedergeben werden.

      Andererseits hat das Englische immer schon bereitwillig Wörter aus anderen Sprachen übernommen; Standard English ist heute lexikalisch eine Mischsprache[7] mit einem kosmopolitischen Vokabu­lar, dessen germanischer Anteil nur noch ein Viertel beträgt. Man kann immer take sagen oder aber zwis­chen den mehr als hundert Synonymen wählen, die etwa das COD dafür anbietet. In allen Varietäten akkommodiert das Englische weitere lexikalische Entlehnungen aus den Substratsprachen, vor allem in den Bereichen geographischer und kul­tureller Besonderheiten.

         6. Welche sprachlichen Schwierigkeiten es bei der Verwendung einheimischer Sprachen zu überwinden gilt, mag das Beispiel erhellen, dass der indische Board of Scientific Terminology sich bei seiner Gründung im Jahr 1950 vor der Aufgabe sah, allein aus dem Bereich der Naturwissenschaft für 350.000 Begriffe Übersetzungen ins Hindi zu schaffen.

         Aus all diesen Gründen liegt das global village in einer anglophonen Welt, in Terranglia.

 

2. Common Core

"Such diversity of form and function within what is nevertheless still thought of as a single language [...]" (Jenny Cheshire) [8]

         Obgleich die englische Sprache infolge ihrer geographischen Verbreitung enorme Veränderungen durchläuft, existiert nach wie vor ein gemeinsamer Kern, der allgemeine Verständigung ermöglicht. Im internationalen Dialog erfahrene Gesprächspartner suchen lokale Eigenarten zu vermeiden. "Their English would be closest to an ‘international’ type of English"[9], einem "World Standard English."

         Schon der Kolonialismus hatte Rückwirkungen auch auf das British English, indem diesem "aus allen Teilen der Welt Lexeme zuflossen, die [...] in den ‘common core’ des Wortschatzes eingingen"[10]: z.B. squaws aus Nordamerika, mounties aus Kanada, zombies aus der Karibik, Abos aus Australien, been-tos aus Westafrika und coolies aus Indien. Die Zahl allein der südasiatischen Wörter im OED beläuft sich auf über 900, mit Tausenden von Ableitungen.[11]

         Das British English verliert allmählich "seine historisch begründete Vorrangstellung als ‘Grundform’ der englischen Sprache und damit generell für sie gültige Bezugsnorm", es nimmt "seinerseits Züge einer nationalen Variante, eines spezifisch ‘englischen’ Englisch" an, wenngleich "es nach wie vor auch über seinen eigentlichen Geltungsbereich hinaus als Leitnorm für den Standardgebrauch fungiert."[12]

         Heute ist der Einfluss des Amerikanischen als vereinheitlichender Faktor nicht zu unterschätzen. Auf den Philippinen, Puerto Rico, Hawaii und den Fidschis, zunehmend auch in Australien, versteht sich dies von selbst. Auch etwa bei den Teenagern der westlich orientierten kenianischen Elite hinterlässt die amerikanische Popkultur unüberhörbare Spuren.[13] Und das British English wird in noch viel stärkerem Umfang als das Deutsche oder Französische von einer Flut von Amerikanismen überschwemmt, nicht nur im auffälligen Bereich des modernen life style, sondern auch und vor allem in den Fachsprachen. Während sich in den getrennt entwickelten "alten" Technologien Eisenbahn und Automo­bil im British English und American English zahlreiche verschiedene Lexeme heraus­bildeten, übernehmen die Briten bei Neuheiten in Medizin, Wirtschaft, Kommunikation, Medien, Raumfahrt und Computern nicht nur das know-how (zusammen mit eben diesem Wort), sondern auch die in Amerika geprägte Terminologie. In der Gemeinsprache sterben etablierte Britizismen z.T. zugunsten der amerikanischen Varianten aus: Als ich in den Sechzigern in England studierte, tönten die Beatles aus einem wireless-set, heute hört man Britpop on the radio. Briten verlangen zwar immer noch eher a tin als a can of beans, aber ausschließlich a can of beer.

         Zusammenfassend lässt sich feststellen: "There are more similarities than differences between the various varieties of English [...]."[14]

 

3. Varietäten

"‘Mi laikim Tok Englis i kamap na nasenel tok ples bilong PNG.’" (Michael Somare)

         Das Motto dieses Kapitels lautet in Standard English übersetzt: "‘I want the English language to become the national language of Papua New Guinea.’" Dass diese Forderung des früheren Premierministers eben nicht auf Englisch, sondern auf Tok Pisin vorgetragen wurde, entbehrt natürlich nicht der Komik.[15]

         Trotz der Existenz des gemeinsamen Kerns gilt: "[T]he immense amount of variation that exists in English around the world presents difficulties of codification and standardisation, as well as problems in the choice of a teaching model [...]."[16] Eigene Wörterbücher für Varietäten gibt es - außerhalb von GB und den USA - für Kanada, Neufundland, Südafrika, Indien, Australien, Jamaika und Sierra Leone; eines für Westafrika ist - seit langem - in Vorbereitung.[17]

         In seiner 300jährigen Geschichte in Indien wurde das Englische durch zahlreiche Interferenzen einheimischer Sprachen und durch kulturelle Besonderheiten angereichert: "Both attitudinally and linguis­tically, there is a growing awareness of the Indianness of English and a gradual distancing of Indian English from the native norms."[18]

- Grußformeln sind etwa: I bow my forehead, I fall at your feet,

- zu den gängigen Beleidigungen gehören: you eater of dung and drinker of´urine, you incestuous sister sleeper[19],

- und Dank kann ausgedrückt werden durch: I wish to express my overflowing devotion to you.[20]

- Analysen von indisch-englischen Sprechakten der höflichen Bitte brachten zutage, dass viele der befragten College-Studenten diese in einen direkten Imperativ (ohne please) kleiden: Give me a glass of water. Get me some water. oder in eine Will you...?-Frage.[21]

         Die indische Verfassung von 1950 sah vor, dass binnen 15 Jahren Hindi das Englische ablösen sollte: "However, this did not happen, for various social and political reasons, and English has flourished even more after independence."[22] Staatspräsident Narayanan schwor den Amtseid auf Hindi, seine Rede vor beiden Kammern des Parlaments hielt er aber auf Englisch. Hindi ist für den südindischen Drawiden Narayanan eine Fremdsprache.[23] Nur 4% der Bevölkerung beherrschen ein überregional verständliches Englisch[24] (also ein viel geringerer Prozentsatz als etwa in Deutschland), aber diese wenigen Prozent sind die Elite: In Indien werden mehr Bücher auf Englisch publiziert als in jeder anderen Sprache, nämlich 45 %, wobei die englischen höhere Auflagen erreichen. Bei nichtwissenschaftlichen Magazinen liegt der Prozentsatz sogar bei 83.[25] Anglophone indische Literatur gibt es seit 1830[26], seit den 1930ern gewann sie mit Autoren wie Anand, Narajan und Rao auch internationale Bedeutung.

         Pidgins und Kreols wie Nige­rian Pidgin, Jamaica Talk, Hawaiian Creole, Krio in Sierra Leone oder Tok Pisin haben stark abweichende Normen und Differenzierungen des Sprachgebrauchs entwickelt. In der Karibik sind die Kreolsprachen allgemeines Kommunikationsmedium im Alltag. Nigerian Pidgin breitet sich als inter-ethnische Sprache insbesondere in städtischen Bereichen dynamisch aus und ist heute bereits für ein Drittel der Bevölkerung Erst- oder Zweitsprache.

         Gebildete Sprecher in allen erwähnten Ländern beherrschen gewöhnlich ein Kontinuum von Standard über Zwischenstufen bis Pidgin. Alle Register finden sich in Wole Soyinkas Dramen. In Chinua Achebes Romanen schlägt Pidgin sich bei der Wiedergabe von Dialogen nieder, in auktorialen Passagen wird meist Standard vorgezogen. Ken Saro-Wiwa hat den Biafrakriegsroman Sozaboy (Pidgin für "soldier boy") ganz auf - wie er sagt – "rotten English" geschrieben. Von Westindern wie Samuel Selvon gibt es Romane auf Kreol.

         Für Krio und Tok Pisin existieren eigene Orthographiesysteme. U.a. wurden Shakespeare, Max und Moritz sowie die Bibel in beide Kreolsprachen übersetzt. Tok Pisin ist - trotz der eben zitierten Forderung des ehemaligen Premierministers - seit der Unabhängigkeit Papua-Neuguineas im Jahre 1975 mehr und mehr die vorherrschende Nationalsprache für Alltagskommunikation, Politik und Literatur geworden. Für Nigerian Pidgin wird gefordert: "A standardised scientific orthography should be adopted to facilitate its use in written communication."[27]

         Die auffälligsten Eigenarten vieler Varietäten finden sich im Bereich der Aussprache. Vergleicht man britische Radio- und Fernsehsendungen von heute mit solchen vor 30 Jahren, fällt die Zunahme von Sprechern und Sängern auf, die von der RP, der "Received Pronunciation", abweichen. Auf den Bühnen in London sind Dialekte nicht mehr wie früher nur Quelle von Heiterkeit, sondern transportieren ernsthafte Probleme. Importierte Varietäten des Englischen sind in GB unter den mehreren Millionen Einwanderern aus der Karibik und Indien/Pakistan zu hören, schwarze Musik ist erfolgreich, und es gibt heute "an indigenous black literary tradition in the UK."[28]

         So unterschiedlich die Aussprachen in den Varietäten auch sind, finden sich doch in vielen einige gemeinsame Abweichungen von der britischen RP und dem GA ("General American"), etwa in der Vermeidung des th-Lautes, der Vereinfachung von Konsonantengruppen und der Vernachlässigung der Unterscheidung von langen und kurzen Vokalen. (Letzteres etwa bei der jungen Dame an der Rezeption eines Hotels in Westafrika, die mich fragte How many kiss you want? und dabei - zwecks deiktischer Disambiguierung ihrer Frage - zwei Schlüssel hochhob.)

         Der indische Linguist Kachru legt (mit Hinweis ausgerechnet auf einen deutsch-amerikanischen Akzent) seinen Landsleuten nicht die sklavische Nachahmung einer amerikanischen oder britischen Aussprache, sondern die internationale Verständlichkeit ans Herz: "The result will be a desirable variety of English with the distinctiveness of Kissingerian English, intel­ligible, acceptable and at the same time enjoyable."[29] Er fordert sprachliche Toleranz auch für "the Third World varieties of English"[30] analog zu der Toleranz, die sich in GB in den letzten Jahren z.B. gegenüber dem Scots herausgebildet hat.

         Auch in Bezug auf Grammatik und Lexik zeigen die "New Englishes" bei ihren Abweichungen vom Standard einige vergleichbare Eigenarten, insofern

         1. sie die Tendenz des Englischen zu grammatikalischer Vereinfachung weiterführen:

- Pidgins und Kreols verzichten z.B. meist auf das Tempus: Harry Belafonte sang: Mathilda, she take me money and run Venezuela.

- Präpositionen und Konjunktionen fallen weg (run Venezuela statt to Venezuela).

- Das Verb to be oder das Genus von Pronomina erweisen s. als redundant: My sister, he    nice girl. oder eben Bob Marley: Them    bellyful, but we    hungry.

- Auch das Pronomen it wird als impliziert behandelt, wenn es in Hongkong heißt Here    is not allowed to stop the car. oder in Uganda    Is very nice food.

- Die Subjekt-Prädikat-Objekt-Folge wird auch auf Fragesätze und Imperative ausgedehnt: What you would like to eat? You come tomorrow![31]

- Statt der komplizierten Fragefloskeln didn’t he, would she, won’t I beschränkt man sich (ähnlich wie beim Deutschen "nicht wahr") in Indien auf: He love you, isn’t it?, in Westafrika und der Karibik: He love you, no?, in Malaysia: He love you, not so? und in Singapur auf ein: Not bad what? Cheap what?[32]

         Gemeinsamkeit Nr. 2: Die Bedeutungserweiterung einfacher Wörter wird weitergeführt, wenn man das Ein- und Ausschalten von Elektrizität mit open the radio, close the light bezeichnet.[33] In Westafrika ist Wonderful! zu einem generellen Ausruf des Erstaunens erweitert, wenn A sagt: He die yesterday. und B antwortet: Wonderful!

         Lücken in der im Englischen sehr weit fortgeschrittenen Konversion zwischen Wortarten (to / the hand oder sharp / sharps "schneidende, spitzige Gegenstände") werden von den "New Englishes" kreativ und effizienzsteigernd aufgefüllt: In Singapur kann man sagen: The gentleman naked himself. "To be friends with" heißt in Singapur, Malaysia und Jamaica to friend s.o. In Nigeria wird die Tätigkeit des "barber" als to barb bezeichnet, bush kann auch als Adjektiv in der Bedeutung "ungehobelt" verwendet werden. Auch mit deutschen Elementen kann übrigens eine Konversion durchgeführt werden: Im Tok Pisin findet sich z.B. masta raus mi - "der Europäer hat mich rausgeworfen" oder mi raus - "ich wurde entlassen".[34]

         3. Gemeinsamkeit: Die Übernahme einheimischer Wörter findet sich z.B. überall in der anglophonen afrikanischen Literatur: chi (persönlicher Schutzgott), agbada (ein Gewand), matatu (Buschtaxi), uhuru (Freiheit), kola (Kolanuss, v.a. aber Bestechungsgeld) oder nyam nyam (essen). Verbreitete afrikanische Neologismen auf engl. Basis sind: chewing stick (eine Art Zahnbürste), known faces (Bekannte), day clean (Morgendämmerung) oder national cake (der gemeins. Besitz einer Nation).

         Phänomene wie die Vereinfachung von Aussprache und Grammatik, Bedeutungserweiterung oder Übernahme von Fremdwörtern sind "universals of pidginization"[35], die wir auch aus dem "Ausländerdeutsch" kennen. Die New Englishes dürfen aber keineswegs abgetan werden als - "kollektiv-fossilisierte Lernervarietäten"[36], wie es der Düsseldorfer Anglist Karlfried Knapp im Handbuch Fremdsprachenunterricht von 1989 tut. Denn: "[T]he importance of foreigner talk in pidgin formation appears to be restricted to relatively early stages of development."[37] Im kreolischen, d.h. stabilisierten, regrammatisierten und relexifizierten Stadium haben die Einflüsse von Substratsprachen, aber auch kreative Neuerungen, eigenständige Sprachen entstehen lassen. Vom offensichtlichen lexikalischen Bereich abgesehen besitzen zahlreiche Kreols z.B. ein elaboriertes Aspekt-System, unterscheiden bei Artikeln oder Pronomina zwischen belebten und unbelebten Objekten oder benutzen serielle Verbkonstruktionen ("Look how I bin run come work" sagt eine junge Dame in Soyinkas Komödie The Beatfication of Area Boy[38]).

         Daher ist generell für die New Englishes festzustellen: "[W]e find not a reduced, or partial, or corrupt form of the grammar of English but a new system, related to the contact languages but possessing unique features."[39]

 

4. Interkulturalität

"Translation is the performative nature of cultural communication." (Homi K. Bhabha)[40]

         Gerade die internationale Verbreitung des Englischen demonstriert, dass Qualifikation zu professionellem Übersetzen und Dolmetschen mehr beinhaltet als Sprachkenntnisse. Kommunikative Kompetenz erfordert auch Hintergrund-wissen über Kulturen: "[O]ne language is not always inextricably tied to one culture. English already represents many cultures and it can be used by anyone as a means to express any cultural heritage and any value system."[41] Englisch ist die mul­tikulturelle Sprache par excellence.

         In Bezug auf Terranglia bietet es sich an, Kulturwissenschaft nicht - zumindest nicht für alle Studierenden - auf einen geographischen Raum zu beschränken. Ich habe hervorragende Erfahrungen mit Examina gemacht, in denen als Spezialgebiete Shakespeare, Selvon und Südafrika oder Huxley, Hemingway und Hongkong gewählt wurden. Texte aus verschiedenen Kulturen vermitteln verschiedenartige Konzepte und Werthaltungen. Aus einer integrativen Außenseiterperspektive betrachtet, relativiert sich Eigenes und Fremdes; traditionelle Vorstellungen von geographisch und national lokalisierbarer Kultur erweisen sich vielfach als überholt. Das Anerkennen der Gleichberechtigung einer Pluralität, oft einer Unvereinbarkeit, von Denkweisen, Lebensformen und Sprachen bewirkt das Heraustreten aus einem eurozentristischen Verständnis auch der eigenen Identität, die Einnahme einer "Dazwischen"-Position:

The sociolinguistic model of identity typically represents society as orderly, well structured, in which individ. people have an uncontested, and unproblematic ‘place’, determined by socio-economic indicators, social group membership, and territory-affiliation. But the postmodern account of postmodern identity suggests it is fluid, negotiable, contested, and ambiguous.[42]

         Terranglia bereichert unsere Identität und stellt sie in Frage.

 

5. Englisch und andere Sprachen

"The information explosion brought in its wake a translation explosion." (Vilen N. Komissarov) [43]

         Der Translationsmarkt ist differenzierter geworden: Kaum ein deutscher Chemiker oder Mediziner wird sich mehr zu Informationszwecken einen englischen Fachtext übersetzen lassen; Geschäftsbeziehungen zwischen Italienern und Polen laufen - ohne Dolmetscher - auf Englisch. Andererseits beharrt z.B. die EU mit ihren derzeit 11 und in absehbarer Zeit 20-25 Amtssprachen darauf, dass jeder Politiker bei Reden oder Verhandlungen seine Landessprache benutzen darf und dass alle Bürger und Bürgerinnen die Möglichkeit haben, Gebrauchsanweisungen, Erlasse und Dokumente in ihrer Muttersprache zu lesen. Eduard Brackeniers, der Generaldirektor des Übersetzungsdienstes der Kommission meint: "Je größer die Zahl der Mitglieder der Union, umso schwieriger wird es, zentralistische Tendenzen - auch auf dem Gebiet der Sprachen - zu verfolgen."[44] Im Jahr 1995 gab die EU 4 Milliarden Mark für den Sprachendienst aus. Es sind fast 4000 beamtete Translator­en, darunter etwa 900 Dolmetscherinnen und Dolmetscher (plus ein Mehrfaches an Freiberuflern), bei der Union beschäftigt, mit jeder neu hinzukommenden Sprache erhöht sich der Bedarf um 250 bis 300 "Linguisten", wie man dort sagt.[45]

         Nach der Umfrage des FASK bei über 30.000 deutschen Unternehmen jeder Größe haben 80% Bedarf an Translationsleistungen. Ob Arzneimittel oder Airbus, Landmaschine oder Laserdrucker, Ferrari oder Fahrrad - hinter jedem Produkt steht ein Vielfaches der Dokumentation, die der Kunde wahrnimmt. Wenn - nach Englisch geführten Verhandlungen - Mannesmann-Demag in Duisburg zusammen mit einer italienischen Spezialfirma eine Tunnelbohrmaschine für Kolumbien baut, John Deere Mannheim Traktoren in die VRC verkauft oder Knoll Ludwigshafen die Zulassung von Pharmaka in Ungarn beantragt, ist es notwendig, Konstruktionsunterlagen, Gebrauchsan­weisungen, Reparaturhandbücher bzw. die Tausende von Seiten umfassende Dokumentation der klinischen Versuchsphase in der jeweiligen Landessprache vorzulegen. Wenn nach China oder Ungarn geliefert wird, impliziert dies auch die Heranziehung von native speakers und Probleme von Überprüfbarkeit und Qualitätssicherung.

         Bei dem alljährlichen Kongress der Soft­ware­firma SAP mit 2.000 Teil­nehmern aus 40 Ländern wird nur ins Englische gedolmetscht. Die Dokumentation zu dem mit Hilfe der Veranstaltung verkauften Softwaresystem R/3 im Umfang zum Äquivalent von 250 dicken Büchern wird allerdings in 24 Sprachen angeboten; die SAP ist die deutsche Firma mit dem größten Übersetzungsdienst und beschäftigt zudem zahlreiche freelancers in vielen Ländern. Die Sprache des Internet ist überwiegend Englisch, aber wenn, wie kürzlich in einem TV-Magazin zu erfahren war, eine Firma aus Mecklenburg-Vorpommern ihre Marmelade per Internet auf dem brasilianischen Markt platziert hat, war dies natürlich nur auf Portugiesisch möglich.)

         Die deutsche Wirtschaft gibt jährlich über 30 Mio. Seiten Übersetzungen in Auftrag. Der Umsatz der Übersetzungsbranche wächst seit über 10 Jahren nahezu konstant um 14 % pro Jahr. In den Mitgliedsstaaten der EU werden jährlich 100 Millionen Seiten mit Übersetzungen bedruckt.[46]

         Die anglophone Globalisierung der Märkte erhöht den Translationsbedarf in vielen Sprachen.

 

6. Die Ausbildung von Translatoren

"[...] the language teacher not only as the impresario of a certain linguistic performance, but as the catalyst for an ever-widening critical cultural competence." (Claire Kramsch) [47]

Zum Schluss will ich nicht auf die zahlreichen Diplom- und Doktorarbeiten über die Anglophonie eingehen, die in Germersheim entstanden sind oder sich für die Zukunft anbieten, sondern auf einige praktische Folgerungen für Lehre und Beruf:

         1. Das global village ist anglophon: Wenn für deutsche Auftraggeber übersetzt oder gedol­metscht wird, verste­hen diese meist auch weitgehend den englischen Text und monieren bisweilen "mangelnde Genauigkeit". Übersetzer bedürfen hier übersetzungswissenschaftlich fundierter Argumentationsfähigkeit, um ihre Entscheidungen zu verteidigen. Dolmetscher sollten Missverständnisse und Nachfragen von vornherein zu vermeiden suchen, indem sie etwa statt des (völlig korrekten) englischen Satzes "North Sea oil was found by accident" mit Rücksicht auf deutsche Zuhörer, die accident als "Unfall" zu iden­tifizieren gelernt haben, lieber "by chance" sagen.

         2. Translatoren sollten möglichst oft regionale Besonderheiten erkennen und verstehen, sich selbst aber in ihrem aktiven Sprachgebrauch auf den "common core" beschränken. (Britizismen wie to take the biscuit - "alle/s übertreffen", to take silk - "Kronanwalt werden", Amerikanismen wie to take after sb. - "jemandem nachsetzen" und to eat crow - "zu Kreuze kriechen" oder ein Australianismus wie Stone the crows! - "Du lieber Himmel! / Ich wird’ verrückt!" mögen "quaint" klingen, sind aber einer internationalen Verstän­digung hinderlich.) Die Übernahme von regionalen Eigenarten könnte zudem als Anbiederung oder Spott verstanden werden.

         In der Phonetik ist sicherlich nach wie vor die Nachahmung eines britischen oder amerikanischen Akzents empfehlenswert, deren dialektale Ausformungen aber sollte man sich tunlichst nicht aneignen. Oberstes phonologisches Gebot sollte die internationale Verständlichkeit sein.

         3. Es ist unmöglich, unsere Studierenden in alle Varietäten des Englischen einzuführen. Offensichtlich haben das Britische wegen seines traditionell normativen Gewichts und das Amerikanische wegen seines heutigen Einflusses besondere Bedeutung. Die Existenz der New Englishes sollte aber in Überblicksvorlesungen und exemplarisch vertiefend in Seminaren bewusst gemacht werden. Mary Snell-Hornby fordert in der Festschrift zum 50. Geburtstag unseres Fachbereichs: "[A]ny training institute specializing in English Studies should be in a position to offer courses on the less familiar varieties from overseas, which in the outgoing 20th century can be heard at any international conference."[48] Dass wir im Alltag mit Non-standard Englishes umzugehen gewohnt sind, haben Calypso und Reggae vor Beginn dieses Vortrags angedeutet.

         Der erste Auftrag einer Dolmetscherin wird eher nicht darin bestehen, den englischen Außenminister zu dolmetschen, als vielleicht den nigerianischen UN-Offizier, der kürzlich in der Tagesschau erklärte: Town destroy. Everybody live. und keineswegs "Die Stadt ist zerstört, aber alle Bewohner haben überlebt." meinte, sondern drei Sätze später erklärte: When dey live, many dead. - also: "Viele wurden auf der Flucht umgebracht."

         Abgesehen von den praktischen Nutzanwendungen einer Beschäftigung mit den New Englishes lässt sich aber vor allem ein tieferes theoretisches Verständnis von Sprache und Kultur daraus ableiten: Vertrauten Lexemen sind ungewöhnliche Sememe zugewachsen, alten "frames" neue "scenes" - dies erhöht die Skepsis gegenüber der naiven Vorstellung, Wörter hätten feste Bedeutungen. "The post-colonial text [...] does not ‘create mean­ing’ through the mere act of in­scribing it, but rather in­dicates a potential and shifting horizon of possible mean­ings."[49] Bedeutung wird, um den Theoretiker der Postmodernen Jacques Derrida zu zitieren, "emanzipiert".[50] Die Auflösung sprachlicher Gewissheiten und Normen aber ist wiederum ein Spiegel kultureller Phänomene.

         4. Aufgabe der kul­turwissenschaftlichen Kom­ponente des Studiums scheint mir die exemplarische Vermittlung einer pluralen, interkulturellen Orientierungsfähigkeit. Diese erwächst aus einer Relativierung und Dezentrierung überkom­mener Konzepte und bezieht ihre Bewertungsmaßstäbe aus einer kosmopolitischen Humanität. "Each melody sings of the unknowable differences between ways of life; yet the music still calls up this ghost of a universal humanity."[51] Zivilisat­orische Errungenschaften sind schon globalisiert, kulturelle kaum.

         5. Die nicht zuletzt durch die Universalität des Englischen erleichterte und intensivierte internationale Kom­munikation fördert einen weltweiten Anstieg des Bedarfs an Translation sowohl im Englischen als auch in anderen Sprachen. Die Differenzierung des Translationsmarkts und die zunehmende Durchsetzung des Muttersprachlerprinzips spie­geln sich nicht zuletzt in den zahlreichen Kontakten des FASK mit neu entstandenen Ausbildungsstätten überall auf der Welt und in der drastischen Zunahme von ausländischen Studier­enden in Ger.

         Es bleibt mir noch, die Themafrage zu beantworten: Terranglia trägt tendenziell zu mehr Translation bei. Im Worldwide English wachsen nicht nur Wordburgers, sondern auch wegweisendes Weltwissen, kommunikative Kompetenz und kosmopolitische Kulturwissenschaft.


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[1] Kachru 1986, 20.

[2] Vgl. Crystal 1987, 359.

[3] Smith 1987, XII.

[4] Vgl. Mühlhäusler 1986, 145.

[5] Kachru 1986, 2.

[6] Platt / Weber / Lian 1984, 28.

[7] Vgl. Leisi 1983, 65.

[8] Cheshire 1991, 1.

[9] Platt / Weber / Lian 1984, 164.

[10] Hansen 1996, 35.

[11] Vgl. Kachru 1982, 379.

[12] Hansen 1996, 33.

[13] Abdulaziz 1991, 398.

[14] Kachru 1981, 25.

[15] Vgl. Romaine 1991, 629.

[16] Cheshire 1991, 7.

[17] Vgl. Görlach 1991, 36-68.

[18] Sahgal 1991, 300 und 305.

[19] Vgl. Kachru 1982, 371; Baugh / Cable 1978.

[20] Vgl. Platt / Weber / Lian 1984, 150.

[21] Vgl. Sridhar 1991.

[22] Saghal 1991, 299. DasGupta / Gumperz 1968, 163: "At one point even Nehru exclaimed in Parliament that the Hindi broadcasts of his own speeches were incomprehensible to him."

[23] Vgl. Der Spiegel 32 / 1997, 128.

[24] Hansen  / Carls / Lucko1996, 219. Nach Vermeer 1969, 4, waren es 1-2 %, nach Kachru 1986, 8, weniger als 3 %. Übrigens beherrschen auch in Nigeria "nicht sehr viel mehr als 10%" (Hansen / Carls / Lucko1996, 181.) der Bevölkerung eine Standardversion des Englischen.

[25] Vgl. Kachru 1986, 36. Die Zahlen beziehen sich auf 1971 und 1973 und dürften heute noch höher liegen.

[26] Vgl. Kachru 1982, 367.

[27] Faraclas 1991, 511.

[28] Worpole 1995, 190.

[29] Kachru 1986, 112.

[30] Kachru 1986, 113. Ergebnis wäre die "rejection of a native monomodel concept and acceptance of a polymodel concept." (ibid. 115)

[31] Beispiele aus Platt / Weber / Lian 1984, 127 f..

[32] Vgl. Platt / Weber / Lian 1984, 160.

[33] In Afrika, Honkong, Singapur, Malaysia, auf Hawaii und den Philippinen.

[34] Beispiele aus Mühlhäusler 1986, 126.

[35] Johnson 1974, 128.

[36] Knapp 1989,  307.

[37] Mühlhäusler 1986, 106.

[38] Soyinka, Beatification, 11.

[39] Todd 1990,  9.

[40] Bhabha 1994, 228.

[41] Smith 1987, 3.

[42] Graddol 1997, 8.

[43] Komissarov 1998, 339.

[44] Brackeniers 1996, 11 f.

[45] Vgl. ebda. 12 f.

[46] Heynold 1966, 51.

[47] Kramsch 1997, 7.

[48] Snell-Hornby 1997, 286.

[49] Ashcroft / Griffiths / Tiffin 1989, 187.

[50] Derrida  1978, 12.

[51] Inglis 1993,  28.


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