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    Dokumente

    zur Geschichte der Dolmetscherhochschule
    Germersheim
    aus den Jahren 1946 - 1949
    ausgewählt, übersetzt und eingeleitet von

    Peter Schunck

    Inhalt

  1. Einleitung
  2. Zum Text


Einleitung

Als Mitte März 1945 die ersten französischen Truppen bei Scheibenhardt in der Südpfalz deutschen Boden betraten, konnte kaum jemand ahnen, daß sie bis zum Ende des Jahrhunderts bleiben und daß viele Deutsche ihren Abzug bedauern würden. Wenn es zwischen der deutschen Bevölkerung und den französischen Besatzern anfangs eine Affinität gab, so war es das gemeinsame Bewußtsein, aus diesem Krieg unendlich geschwächt hervorgegangen zu sein. Dementsprechend gering war das Ansehen, das die Besatzungsmacht in ihrer Zone genoß. Für die deutsche Bevölkerung waren die Verhältnisse noch um einiges schlechter als in der englischen oder der amerikanischen Zone, die gleich auf der anderen Seite des Rheins eine für die meisten unerreichbare Fata Morgana darstellte. Aber trotz aller Not, die in Frankreich selbst nicht viel geringer war als in der französischen Zone, hat die Besatzungsmacht hier Spuren hinterlassen, die von ihr am wenigsten zu erwarten waren und mit großer Wahrscheinlichkeit von den Besiegten auch nicht erwartet wurden: vier Hochschulgründungen, von denen die jenige von Mainz eine Neueröffnung nach langer Latenzzeit war.

Von diesen vier Hochschulen wurden Mainz schon 1946, Speyer und Germersheim am selben Tag 1947 und Saarbrücken 1948 eröffnet, eine kaum glaubliche Leistung, wenn man die Verhältnisse in der unmittelbaren Nachkriegszeit bedenkt. Da in dem Nordteil der französischen Zone, den heutigen Ländern Rheinland-Pfalz und Saarland, keine Hochschuleinrichtungen vorhanden waren, die französische Politik aber darauf hinauslief, diese Gebiete von Restdeutschand und auch voneinander streng zu trennen, stellte die Gründung der "Landesuniversitäten" Mainz, auch wenn es das Land noch nicht gab, und Saarbrücken im wesentlichen einen politischen Akt dar, obgleich der Gedanke einer "Umerziehung" der Jugend zu westlichen Wertvorstellungen ebenfalls keine geringe Rolle gespielt hat.

Den mit den Verfügungen Nr. 194 und 195 der französischen Militärregierung ins Leben gerufenen Hochschulen von Speyer und Germersheim kam eine andere Aufgabe zu. Entgegen den erwähnten politischen Zielen, die deutschen Gebiete, auch innerhalb der Zone selbst, voneinander zu trennen, erhielten sie die Aufgabe, für die gesamte Zone Verwaltungsbeamte auszubilden, die höheren Ränge in Speyer, die mittleren und unteren in Germersheim. Es ist bekannt, daß die Gründungsväter in der französischen Militärregierung wegen dieses Verstoßes gegen die politischen Richtlinien mit ihre Zentrale in Paris erhebliche Schwierigkeiten bekamen. Aber sie konnten sich mit dem Argument durchsetzen, daß es notwendig sei, mit der in Deutschland üblicherweise den Juristen vorbehaltenen Verwaltungslaufbahn zu brechen und neue, "demokratischere" Wege zu beschreiten. Der Wunsch nach einer gesellschaftlichen Veränderung Deutschlands stand also Pate bei der Gründung dieser beiden Hochschulen.

Über die französische Kulturpolitik links des Rheins ist viel gearbeitet und veröffentlicht worden. Es genügt, auf die Werke von Corinne Defrance, La politique culturelle de la France sur la rive gauche dur Rhin, 1945-1955, Strasbourg 1994, auf die Arbeit von Stefan Zauner, Erziehung und Kulturmission, Frankreichs Bildungspolitik in Deutschland 1945-1949, München 1994 und auf die allgemein der französischen Besatzungspolitik gewidmete breite Untersuchung von Dietmar Hüser, Frankreichs "doppelte Deutschlandpolitik", Berlin 1996 hinzuweisen. Die Geschichte der einzelnen Hochschulgründungen Mainz, Speyer und Saarbrücken ist gerade in den letzten Jahren ausführlich behandelt und dargestellt worden, wie die Bibliographie am Ende unseres Aufsatzes "Französische Hochschulgründungen links des Rheins in der unmittelbaren Nachkriegszeit: Warum kam die Hochschule nach Germersheim"[1] deutlich macht.

Die seinerzeit durch Erlaß vom 11. Januar 1947, veröffentlicht im "Journal officiel du Commandement en Chef Français en Allemagne" vom 17. Januar, unter der Verfügung Nr. 195 (23)[2] gegründete Dolmetscherhochschule Germersheim fand in den bisher angestellten Untersuchungen nicht die gleiche Beachtung wie die anderen Hochschulgründungen der französischen Zone. Dies mag zum Teil daher kommen, daß sie nur drei Jahre (1947 - 1949) selbständig als Körperschaft des öffentlichen Rechts bestanden hat und dann in die Universität Mainz eingegliedert wurde, zunächst als direkt dem Rektor unterstelltes Institut, seit 1976 als Fachbereich 23 Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft.

Der gewichtigere Grund für die geringe Beachtung, die die Geschichte der Dolmetscherhochschule Germersheim gefunden hat, wird aber in dem Mangel an ausführlicher Dokumentation zu suchen sein. Auf der deutschen Seite geben nur sehr wenige Dokumente im Universitätsarchiv der Universität Mainz aus dem Jahr 1946 Aufschluß, das Landesarchiv Speyer, in das die Unterlagen der damaligen Regierung Rheinhessen-Pfalz eingegangen sind, enthält ebenfalls nur wenige Papiere aus der gleichen Zeit. Erstaunlicherweise ist in dem Fachbereich in Germersheim fast nichts aufbewahrt oder, besser gesagt, gefunden worden, denn es besteht immer noch die Hoffnung, daß sich in einem verborgenen Winkel des weitläufigen Gebäudes eines Tages die Papiere der ersten Jahre aus der Zeit nach der Gründung finden lassen.

Seitdem aber auf französischer Seite zum Ende der achtziger Jahre die Nebenstelle des Außenministeriums in Colmar mit den Archives de l'occupation française en Allemagne et Autriche geöffnet wurde, stehen wenigstens deren große Bestände für die Erforschung der französischen Besatzungspolitik den Interessenten zur Verfügung. Aus ihnen wurden im wesentlichen die hier vorgelegten Dokumente gewonnen. Sie sind nach dem subjektiven Interesse des Herausgebers und dem von ihm vorausgesetzten der Leser ausgewählt und zusammengestellt worden. Mit anderen Worten: Die hier vorgelegte Dokumentation zur Geschichte der Hochschule Germersheim stellt keine im strikten Sinn wissenschaftliche Ausgabe dar, es sollte vielmehr eine breitere Leserschaft angesprochen werden, die ein spezifisches Interesse an der Entstehung, dem Aufbau und den Ereignissen der Hochschule in Germersheim besitzt. Davon kann die hier vorgelegte kleine Auswahl ein anschauliches Bild geben. Die Masse des in Colmar aufbewahrten Archivmaterials zu Germersheim harrt aber immer noch der Erlösung aus ihrem Dornröschenschlaf durch eine wissenschaftliche Aufarbeitung.

Die Idee, für ihre Besatzungszone eine eigene Ausbildungsstätte für Dolmetscher zu schaffen, ist in der französischen Militärregierung offenbar schon im Sommer 1946 entwickelt worden. Im ersten Semester der von ihnen gerade gegründeten Universität Mainz forderte die Division de l'Education Publique, also vermutlich Raymond Schmittlein, deren Leiter selbst, von dem Mainzer Gründungsrektor Schmid eine Vorlage über den "Aufbau eines Dolmetscherinstituts der Universität Mainz" an. Schmid lieferte die schon sehr ausführlichen Unterlagen in einem Schreiben vom 16. Juli 1946. (1) Es enthält zusammengefaßt ein ganzes Programm, bis hin zu den notwendigen Lehrpersonen, der Verwaltung, den Räumen usw. Wie aus dem hier nicht wiedergegebenen Anhang mit der Abschrift des Heidelberger Diploms zu ersehen ist, diente ganz offenbar das Dolmetscherinstitut der Universität Heidelberg als Vorbild.

Einige von Heidelberg mehr oder weniger abweichende Punkte sind aber zu erwähnen: So weist Rektor Schmid darauf hin, daß ein solches Institut nicht nur Dolmetscher ausbildet, sondern auch "für die sprachliche Ausbildung von Journalisten, Verwaltungsbeamten usw. wichtig ist". Die Vorstellung, Verwaltungsbeamte an einem Dolmetscherinstitut auszubilden, wird in der Gründung von Germersheim immer wieder eine Rolle spielen; daß sie hier bereits erscheint, zeigt, wie früh sich die Education Publique bereits in ihrem Konzept festgelegt hatte. Ein zweiter Gesichtspunkt, der mehrfach auftaucht, war die Forderung nach einer breiten Allgemeinbildung, die durch die Kenntnis des fremden Landes und durch Vorlesungen in Philosophie, Psychologie, Geschichte, Länder- und Völkerkunde usw., gehalten von Professoren der Mainzer Universität, gewährleistet werden sollte, wobei auch einmal Professoren von Strasbourg in diesem Sinn als eventuell mögliche Zuarbeiter erwähnt werden. Als drittes ist die Orientierung auf die westeuropäischen Sprachen und ganz besonders das Französische hervorzuheben, das "eine entschiedene und eindeutige Sonderstellung" einnehmen sollte. Von dem Heidelberger Modell hob sich das geplante Dolmetscherinstitut also durch die Sonderstellung des Französischen, die ungewöhnlich breite Allgemeinbildung und das Berufsziel des Journalismus und der Verwaltung ab.

Rektor Schmid hatte offenbar die Befugnis, schon sehr früh die ihm geeignet erscheinenden Lehrpersonen auszuwählen. Am 2. August 1946 sandte er den Mainzer Romanisten Edmund Schramm nach Heidelberg, damit er sich über den Studiengang des dortigen Dolmetscherinstituts informiere. (2) Wenig später bat er drei der bekanntesten deutschen Romanisten, Hugo Friedrich in Freiburg, Hänel in Würzburg und Neubert in Leipzig in gleichlautenden Schreiben um ein Gutachten über Schramm, weil dieser "an einer Mitwirkung innerhalb des Lehrkörpers des neu zu gründenden Dolmetscherinstituts interessiert" sei. (5) Es darf aber wohl davon ausgegangen werden, daß Schramm bereits als Leiter dieses Instituts ausersehen war.

Daß der Rektor von Mainz und der vorgesehene Rektor von Germersheim bei der Personalauswahl ziemlich freie Hand hatten, macht die Beantwortung der Nachfrage von Prof. Jeschke (14) deutlich, der denn auch, schon 1947 zunächst als Lektor eingestellt, von 1955 bis 1970 als Leiter der spanischen Abteilung und in der schwierigen Zeit 1968 - 1970 als Direktor dem gesamten Institut vorstand.

Bei der Wahl des Ortes gab es Schwierigkeiten. Die beiden Briefe vom 28. August 1946 an den Regierungspräsidenten Dr. Eichenlaub in Neustadt (3-4) geben zu erkennen, daß zu diesem Zeitpunkt als Standort des Dolmetscherinstituts nicht mehr Mainz, sondern Speyer vorgesehen war, wo das Gebäude des Lehrerseminars, das später die Verwaltungshochschule beherbergen sollte, zur Verfügung stand. Diese "Verwaltungsakademie" war in dem zweiten Schreiben als Institut der Universität Mainz dortselbst geplant und sollte schon am 15. Oktober ihre Arbeit aufnehmen. Aus einem Schreiben des obersten Verwaltungschefs der Zone, General Laffon, vom1. Oktober 1946 (10) ist aber zu ersehen, daß die beiden Anstalten nicht mehr, wie ursprünglich geplant, der Universität Mainz angeschlossen werden, sondern selbständig bleiben sollten.

Die Gründe für diese räumliche und rechtliche Trennung von der ursprünglich geplanten Integration in die Universität Mainz hat Schmittlein in einem Schreiben an den Leiter der Finanzen in der Zone dargelegt. (16) Einmal machte die Raumnot in der sehr zerstörten Stadt Schwierigkeiten, dann aber sollten diese beiden Anstalten nicht von einer Landesuniversität abhängen, da sie für die gesamte Zone, also auch für deren beide südlichen Länder arbeiten sollten. Eine solche die ganze Zone umfassende Hochschuleinrichtung stand an sich im Gegensatz zu der französischen Deutschlandpolitik dieser Zeit, die auf eine strikte Trennung der einzelnen Länder voneinander und von den anderen Zonen hinzielte. Selbst die Ministerpräsidenten der 1947 gegründeten Länder der französischen Besatzungszone hatten nicht die Erlaubnis, miteinander zu konferieren. Schmittlein geriet deshalb wegen seines Konzeptes einer zentralen Ausbildung der Verwaltungsbeamten für die gesamte Zone in Konflikt mit den politischen Instanzen in Paris, konnte sich aber durchsetzen.

Die Wahl der beiden pfälzer Städte Speyer und Germersheim geschah vermutlich auch aus geographische-politischen Gründen. Die Pfalz sollte Hochschulen erhalten, um hier in unmittelbarer Grenznähe den französischen Einfluß zu verstärken. Germersheim als Standort der geplanten Dolmetscherhochschule taucht zum ersten Mal in einem Bericht vom 25. September 1946 auf, den der Chef der Architekturabteilung bei der Militärregierung Hessen-Pfalz in Neustadt über die Tauglichkeit der Seysselkaserne als Schul- und Internatsgebäude erstellt hat. (8) In der knappen und sachlichen Form des Fachmanns wird das Gebäude beschrieben, werden seine Vorzüge und Nachteile und die erforderlichen Baumaßnahmenaufgeführt und schließlich die Folgerung gezogen, daß die alte Kaserne für den erwünschten Zweck sehr wohl dienen könne. Der Berichterstatter hat bereits als einen - noch immer bestehenden und angesichts der gewaltigen Außenwandstärke nicht zu behebenden - Nachteil erkannt, daß die Räume wegen der geringen Fenstermaße nicht genügend Licht von außen erhalten.

Die Seysselkaserne war zu diesem Zeitpunkt Eigentum der Stadt Germersheim; einfache Wohnungen und die Berufsschule waren in ihr untergebracht, wie aus in Colmar liegenden Bauplänen zu ersehen ist. Wann und wie die in dem Architektenbericht nicht erwähnten Bewohner der Kaserne diese räumen mußten, findet in den Akten keine Erwähnung. Der Plan, die Hochschule in diesem Gebäude einzurichten, fand, wie aus dem Antwortschreiben des obersten Verwaltungschefs der Zone Laffon an Gouverneur Brozen-Favereau vom 1. Oktober hervorgeht (10), die Billigung der höchsten Stellen in Baden-Baden. Erstaunlich bleibt bei dieser Gelegenheit, wie schon zuvor bei der Gründung der Universität Mainz, wie kurzfristig die französischen Verantwortlichen ihre Entscheidungen faßten und die Beschlüsse umsetzten. Das ist zu einem nicht geringen Teil auf die vertrauensvolle Zusammenarbeit der beiden Haudegen Koenig und Schmittlein zurückzuführen, die weitggehend unabhängig von den Pariser Stellen vorgehen konnten. Beide Generäle, überzeugte Anhänger de Gaulles, haben in der Anfangszeit der Besatzung eine nur wenig eingeschränkte Macht ausgeübt. So griffen sie in der Ausbauzeit immer wieder ein und beschleunigten die Arbeiten.

Von besonderem Interesse ist daher die von Schmittlein ohne erkennbaren Adressaten unter dem Datum des 5. Oktober 1946 erstellte Darlegung der Motive, die zu der Gründung der beiden Hochschulen führten. (11) Dieses Dokument gibt grundsätzliche Gedanken wieder und zeigt an, daß diese Teile eines Gesamtkonzeptes waren. Schmittlein geht davon aus, daß durch die Kriegsfolgen und die Entnazifizierung die "Mehrheit der fähigen Beamten aus den Verwaltungen verschwunden sind" und daß sich das dadurch entstandene Defizit nur durch eine grundsätzliche Änderung der Ausbildung der Verwaltungsbeamten beseitigen ließe.

An anderer Stelle wurde er noch deutlicher. Es ging ihm darum, das Monopol der rein juristischen Ausbildung für die Verwaltung durch Universität und Referendarsausbildung zu brechen und einen neuen, weltoffeneren, gebildeteren Beamtenstand zu schaffen. Gegenüber den deutschen Universitäten und insbesondere den juristischen Fakultäten war Schmittlein, der beide aus seiner Berliner Zeit und seinen Erfahrungen nach 1945 mit den Universitäten Tübingen und Freiburg kannte, sehr voreingenommen. Er sah in ihnen seit der Romantik Horte des Nationalismus, dann des Nationalsozialismus, und erwartete von ihnen keine Erneuerung. "Die traditionelle deutsche Universität ist ein Anachronismus in der modernen Welt geworden."[3] Nur unter diesem ideologischen Aspekt wird verständlich, warum er mit solcher Energie und gegen den Widerstand der Pariser Zentrale für seinen gesamten Machtbereich die Hochschulen Speyer und Germersheim durchsetzte. Er wollte die Mentalität der deutschen Staatsdiener verändern!

Beide Hochschulen waren daher sehr auf eine Verstärkung der Allgemeinbildung ausgerichtet und sollten, wie es in Germersheim ab dem zweiten Jahrgang im Herbst 1947 der Fall war, durch Auswahlwettbewerbe nach Art der concours für den Eintritt in die französischen grandes écoles ihre Studenten rekrutieren. Die Verwaltungsakademie Speyer war nach dem Vorbild der 1945 von Michel Debré gegründeten ENA in Paris gedacht.

Für die Dolmetscherhochschule Germersheim hatte Schmittlein eine Ausbildung für den Handel und eine für die untere Verwaltung vorgesehen. Neben dem sprachlichen Unterricht räumte er der der "vertieften Kenntnis des Landes " (12) hohen Stellenwert ein und betonte wiederum den "erzieherischen Wert" der Allgemeinbildung.speziell für die Abkehr vom Nationalismus. In dem Organisationsplan des Dolmetscherinstituts[4] wird eindeutig das Statut als Hochschule festgelegt, unter der Aufsicht der Universitäten Mainz, Tübingen und Freiburg. Die Zulassung zum Studium war vorgesehen für junge Leute zwischen 17 und 20 Jahren, wobei später für ältere Kriegsteilnehmer auch Ausnahmen gemacht wurden. Schmittlein hatte nicht die Hoffnung, die ältere Generation der Deutschen noch für die Demokratie zu gewinnen, und meinte, die ehemaligen Hitlerjungen seien gerade noch formbar.

Obwohl die Seysselkaserne in einem für die damalige Zeit gutem Zustand war, mußten für den neuen Verwendungszweck doch viele Veränderungen vorgenommen und Material beigeschafft werden. Das machte in der damaligen Notzeit heute nicht mehr vorstellbare Schwierigkeiten, da statt der einfachen auf Geldwert beruhenden Wirtschaft eine Zwangswirtschaft getreten war, in der jede Ware, sei sie auch noch so unbedeutend, gesperrt (bloqué) war und erst durch ein kompliziertes Verfahren in der Militärregierung freigegeben werden konnte - falls diese zustimmte mit einem avis favorable. Aber selbst innerhalb der obersten Instanzen der Militärregierung war es für den Direktor der Kulturabteilung nicht immer leicht, das Erwünschte von der Direction du Ravitaillement oder dem Directeur de la Production Industrielle zu erlangen.

Wie groß die Not war, macht eine hier nicht wiedergegebene Aufstellung lange Aufstellung von benötigten Gebrauchsgegenständen für die Küche, für die Reinigung, für den Garten und die elektrischen Anlagen der Hochschule deutlich, in der bis zu den Besen (20 Stück), den Handbesen (21 Stück) und den Scheuerlappen (20 Stück) detailliert alles aufgeführt wird, was in einer derartigen Institution gebraucht wird. Selbst diese nun wirklich dringend notwendigen Materialien mußten von dem Directeur de l'Education Publique über den Obersten Chef der Verwaltung Laffon an den Directeur Général de l'Economie et des Finances mit der Bitte um Freigabe geleitet werden, wobei mehrmals der Ausdruck der äußersten Vordringlichkeit (priorité absolue) erscheint. Es ist heute kaum noch nachzuvollziehen, wie es möglich war, dennoch in unverhältnismäßig kurzer Zeit zur Eröffnung der Hochschule zu gelangen.

Am 18. September 1946 hatte Schmittlein beispielsweise bei dem Directeur de l'Agriculture et du Ravitaillement, also etwa dem Ernährungsminister der Zone um eine bessere Lebensmittelversorgung der Hochschulinternate gebeten (7) und erhielt am 30. Oktober den Bescheid, daß die Studierenden, also auch die von Germersheim, die für Kranke in Krankenhäusern vorgesehenen Rationen erhalten sollten, fast 1800 Kalorien täglich. Eine Aufstellung der Lebensmittelrationen des Februars 1948 (56) macht die große Differenz zwischen dem der "Sonderverpflegung für Studierende" und den Zuteilungen für den Normalverbraucher deutlich. Da die Sltudenten zunächst, wie vorgesehen, alle in dem Internat im Hause untergebracht waren, mußten sie sich an ihrem Heimatort zur "Gemeinschaftsverpflegung G" abmelden. Sie erhielten dann keine Lebensmittelkarten, wurden aber an der Hochschule zu allen Mahlzeiten versorgt, auch an den Wochenenden.

Bevor es aber soweit war, mußte erst noch das Gebäude hergerichtet und möbliert werden. Zahlreiche Dokumente zeigen die Mühe, die sich die DEP (Direction de l'Education Publique) machte, um Holz für das Parkett und für Schreinerarbeiten (13), Sanitärinstallationen und Fliesen (17), Mobiliar und Matratzen (18), Heizmaterial (19) usw. zu beschaffen. In der vorliegenden Sammlung wird nur eine knappe und exemplarische Auswahl des viel reichhaltigeren Dokumentenmaterials vorgelegt, aus dem die Menge des benütigten Mobiliars hervorgeht: 1.000 Stühle, 300 Betten, 30 Tische, 150 Schränke, 73 Waschbecken usw.

Ein Dokument verdient es aber, besonders hervorgehoben zu werden: Da es in der Zone offenbar nicht möglich war, Schreibmaschinen für die Hochschule zu beschaffen, sandte Frau Giron, die Stellvertreterin und engste Mitarbeiterin von Raymond Schmittlein, Ende 1946 den für die Leitung der Französischen Abteilung vorgesehenen Professor Eugène Kuentz, einen Elsässer, der als Deutschlehrer an einem Pariser Gymnasium gearbeitet hatte, nach Berlin, wo Frankreich einen Sektor besaß und wo sich mehr Möglichkeiten boten, auf dem Schwarzmarkt sonst nicht erhältliche Dinge zu beschaffen. Es gelang Kuentz, einige Maschinen für jeweils zwischen 3.5oo,- und 5.ooo,- RM zu kaufen oder reservieren zu lassen. (21) Wie weit das Geld entwertet war, zeigt gleichzeitig die Gehaltsabrechnung des ordentlichen Professors Kuentz aus dem Jahr 1947, (25) aus der zu ersehen ist, daß dieser netto etwa 7.000 RM im Jahr erhielt, also ein Jahr lang für den Gegenwert von zwei gebrauchten Schreibmaschinen arbeitete.

Am 2. Januar 1947 war das Mobiliar für die Einrichtung der Hochschule noch immer nicht geliefert, und Schmittlein wandte sich unter Umgehung des Dienstwegs direkt an den Oberkommandierenden General Koenig, der seinen Chef der Verwaltung Laffon in höflicher, aber deutlicher Weise rüffelte. (22) Laffon hat den Tadel nach guter Verwaltungsmanier weitergegeben und Schmittlein in einer handschriftlichen Randnotiz zu verstehen gegeben, daß er "diese Vorgehensweise, ehrlich gesagt, für schlecht" halte. Aber das Machtwort des Oberkommandierenden scheint doch zum Erfolg geführt zu haben.

Schmittlein war sich bewußt, daß er mit seinem Hochschulprojekt allen Schweirigkeiten zum Trotz Erfolg haben werde, denn er verlangte schon am 10. Dezember 1946 von einer Agentur in Baden-Baden (20), daß eine für Germersheim werbende Meldung in allen Zeitungen der französischen Zone (handschriftlich angefügt: "außer der Saar") verbreitet werden solle. Bei der Beschreibung der Ausbildung in Germersheim verdient besonderes Interesse der Hinweis auf das enge Zusammenleben von Professoren und Studenten nach der Art des englischen Colleges. Der erzieherische Grundgedanke bei der Schaffung der Hochschule ist hier zu greifen, der auch von dem Rektor in der Hausordnung (45) betont wird.

Die eigentliche Geburtsstunde der Hochschule schlug am 17. Januar 1947, als die am 11. Januar von Laffon unterzeichnete Verfügung Nr. 195 im Journal Officiel, dem Amtsblatt des französischen Oberkommandos in Deutschland, veröffentlicht wurde (23) , gleichzeitig mit der Verfügung 194 über die "Errichtung einer Höheren Verwaltungsakademie" in Speyer. Daß beide Hochschulen in einem engen Zusammenhang gedacht waren, ergibt sich aus Artikel 2 der Verfügung 195: "Die gesetzliche Vertretung und die Geschäftsführung der Hochschule <Germersheim> liegen in der Hand des Leiters der Höheren Verwaltungsakademie." In der Wirklichkeit hat der Rektor von Germersheim immer die Geschäfte geführt und direkt mit der französischen Militärregierung verhandelt, aber die Sitzungen des Verwaltungsrates der Hochschule fanden unter dem Vorsitz des Speyerer Leiters der Verwaltungsakademie statt. (49)

Die Kosten für die Hochschule sollten von den Ländern der französischen Besatzungszone, die es allerdings noch nicht gab, anteilig nach Bevölkerungszahl getragen werden. (Art. 7) Bei der 1949 erfolgten Übernahme der Hochschule durch das Land Rheinland-Pfalz machte diese Bestimmung Schwierigkeiten, da sich das Land als alleiniger Träger überfordert sah.

Die in den Statuten festgelegten "Richtlinien für die Ausbildung und Arbeitsplan" enthalten im Kern eine Studien- und Prüfungsordnung. Nach Heidelberger Vorbild war das Studium auf 4 Semester bis zum Übersetzer- bzw. Handelskorrespondentendiplom beschränkt, auf das dann zwei weitere Semester zum Dolmetscherdiplom "nur für die besten Studenten" führten. Auch hier schaffte die Wirklichkeit sich Fakten, denn als im Herbst 1948 die ersten Absolventen nach vier Semestern die Hochschule hätten verlassen können, zogen es die meisten doch vor, noch das Dolmetscherdiplom zu erwerben. (69)

Eindeutig festgelegt wurde der "Internatscharakter" der Hochschule, der sich aber wegen der ansteigenden Studentenzahlen nur in den Anfangsjahren halten ließ. Ab dem zweiten Studentenjahrgang im Herbst 1947 sollte nach französischem Vorbild die Zulassung zum Studium von einer vorhergehenden Prüfung abhängig gemacht werden. In der Tat konnte im Herbst 1947 unter 5oo-600 Bewerbern eine strenge Auswahl getroffen werden (43).

In seiner Forderung nach breiter Allgemeinbildung war Schmittlein über das Ziel hinausgeschossen; die in Titel III, c angeführten Fächer, in denen die Studierenden die Vorlesungen der aus Mainz angereisten Professoren zu hören hatten, konnten nicht ernsthaft neben der eigentlichen sprachlichen Ausbildung betrieben werden. Schon ein Jahr später kritisierte der französische Lektor Gilbert diese Anforderungen mit den Worten: "In jedem Fall erscheint es unwahrscheinlich, daß unsere augenblicklichen Studenten fähig sind, in vier oder auch sechs Semestern über den Erwerb wenigstens einer Fremdsprache hinaus ernsthafte Kenntnisse in Geschichte, Geographie, Recht, Volkswirtschaft und Philosophie zu gewinnen. Wenn man zuviel verlangt, läuft man Gefahr, oberflächliche Geister herauszubilden, die über alles glauben urteilen zu können, die aber nichts wissen." (55)

Aus dem Text der Verfügung 195 und den angefügten Statuten geht hervor, was für ein hohes Maß an Einflußnahme die Militärregierung sich vorbehielt. Das führte naturgemäß zu einer schwierigen Situation für den Rektor, der mit den Franzosen in Germersheim und Baden-Baden zu verhandeln hatte, aber auch vor den Studierenden die angeordneten Maßnahmen vertreten mußte. Edmund Schramm, dessen Ansprachen zur Eröffnung der Hochschule (24), zum ersten Jahrestag der Eröffnung (52 als Fragment) und zum 3. Jahrestag der Eröffnung (69) erhalten sind und dessen Briefe die Archive in Colmar füllen, hat mit großem Einsatz und Geschick seine Aufgabe wahrgenommen und das kleine Schiff der Hochschule durch alle Klippen gesteuert. Als es wegen eines unvorbereitet eingeführten Abschlußexamens nach dem zweiten Semester im Sommer 1947 zu Unruhe unter den Studenten kam (37), konnte er offenbar schlichten. (51) Er sah es aber als notwendig an, den Leiter der Französischen Abteilung, Prof. Kuentz, bei "allen wichtigen Entscheidungen" zu befragen! (51) Heute mag manche Formulierung von Rektor Schramm als übertrieben erscheinen, wenn er beispielsweise am Ende seiner Rede zum ersten Ferienkurs 1947 den Gouverneur der Pfalz um den Schutz seines "starken Armes" (39) bat; aber die Vermutung ist erlaubt, daß manche der Militärherrscher und insbesondere die nicht hoch genug gestiegenen derartige Demutsgesten erwarteten.

Die Hochschule begann wegen der nicht geplant späten Eröffnung am 20. Januar 1947 zunächst mit einem Kurzsemester Januar-März und gelangte im Sommersemester zur Normalität, von der auch das erste Personal- und Vorlesungsverzeichnis zeugt. (32) Allein das Fach Französisch war schon von Anbeginn an voll ausgebaut, während im Englischen noch nicht einmal ein Fachvertreter tätig war, obwohl die erste Studentenstatistik deutlich machte, daß beide Fächer fast die gleiche Studentenzahl besaßen. (38)

Die Militärregierung war immer sehr darauf bedacht, daß dem Französischen der vorgesehene Rang erhalten blieb, und es gehörte zu den Aufgaben der vergleichsweise zahlreichen französischen Dozenten, der Education Publique, also Frau Giron, regelmäßig Bericht zu erstatten. Anfangs geschah dies anscheinend monatlich (rapport mensuel), dann nach jedem Semester (rapport semestriel) und schließlich in besonderer Ausführlichkeit zum Jahresende (rapport annuel). (51-55-57) Es sind hier nur drei Beispiele für eine große Zahl weiterer in Colmar lagernder derartiger Berichte angeführt, die nicht ganz zeigen, mit welcher Sorgfalt selbst über den Unterricht und die einzelnen Studierenden berichtet wurde. Heute erscheinen die persönlichen Eindrücke der Lektoren und des Abteilungsleiters Kuentz von besonderem Interesse, da sie die Denkweise der damaligen Studentengeneration beleuchten. Gelegentlich gingen die Informanten aber auch über den engeren Kreis der Hochschule hinaus, wenn beispielsweise in einem - hier nicht aufgenommenen - Bericht der Lektor T. nach Baden-Baden meldete: "Es besteht also jeder Anlaß zu der Vermutung, daß die russische Militärregierung unter den Studenten oder den Dozenten Agenten hat."

Auch nach der Eröffnung der Hochschule mußten die französischen Behörden immer wieder um Freigabescheine für bestimmte notwendige Dinge angegangen werden. Zu ihrem Glück hatten die deutschen Bittsteller in Irène Giron einen über die Maßen verständnisvollen Partner, der alles, was in seiner Macht stand, für die Hochschule unternahm. Es fehlten ja selbst die einfachsten Unterrichtsgeräte, und der Antrag auf Zuteilung jeweils eines Diaprojektors, eines Radioapparats und eines Plattenspielers (27-28-29), den Frau Giron entgegengenommen hatte, lief über Schmittlein zum Directeur de la Production Industrielle, der ihn ablehnte, und landete schließlich bei dem Obersten Verwaltungschef Laffon, der seinerseits ausführlich und eindringlich auf Lieferung bestand. Zuweilen konnte Schmittlein nur einen Teilerfolg erzielen wie beispielsweise mit dem Antrag von je einer Normaluhr für die Hochschulen Speyer und Germersheim. Da nur eine einzige lieferbar war, riet er den Rektoren, selbst zu sehen, wie sie gemeinsam die Uhr benutzen könnten. (30-31)

Die Militärregierung, aber auch britische und amerikanische Behörden statteten die Hochschule großzügig mit Büchern aus. Im März 1948 sandte Rektor Schramm auf Anforderung eine Liste von 40 eng beschriebenen Seiten dieser damals etwa 2.500 Werke an die DEP. Darunter befanden sich auch zahlreiche englischsprachige Werke, die Irène Giron zum Teil persönlich in der Buchhandlung Smith & Son in der rue de Rivoli in Paris ausgewählt hatte. In den älteren Buchbeständen des Fachbereichs zeugt heute noch der Stempel "Don du Gouvernement français" von diesen Buchgeschenken, zu denen auch die große Ausgabe der Encyclopédie Diderots gehört.

Größere Käufe waren nur auf der Basis von Tauschgeschäften möglich, wobei als Vergleichswert ein fiktiver Geldwert auf Basis der alten Reichsmarkpreise angesetzt wurde. So verlangte der Verkäufer einer Kühlanlage, im Sommer 1947 dringend notwendig, sogenannte Metallschecks über große Mengen Eisen und Nichteisenmetalle. (33-34) Da keine Zentralheizung in der Seysselkaserne eingebaut war, mußten die einzelnen Räume, wenn überhaupt, mit Einzelöfen beheizt werden. Im September 1947 versuchte daher die DEP, die letzten 13 der insgesamt 36 Kachelöfen bauen zu lassen, benötigte aber zur Kompensation nicht weniger als 75 t keramischen Tons, der zwar vorhanden, aber nicht freigegeben war. (44)

Die Bauarbeiten an der Seysselkaserne waren mit der Aufnahme des Lehrbetreibs am 20.1.1947 noch keinewegs abgeschlossen. (26) Die Dokumente lassen nicht erkennen, wann das frühere Offizierskasino, das heutige Stadthaus von Germersheim, der Hochschule zur Verfügung gestellt wurde. Hier befanden sich ein Teil der Verwaltung, das Auditorium maximum und einige Dozentenwohnungen. Über die Finanzierung der Bauarbeiten durch die DEP geben zwei Dokumente Auskunft. (35-36) Sie verraten zugleich, daß die französische Militärregierung bestrebt war, die Finanzierung möglichst bald der deutschen Seite zu übergeben, da sie es kommen sah, daß die Deutschen, wenn erst einmal ihre Staatlichkeit mit der Schaffung des Landes Rheinland-Pfalz gestärkt wäre, den neu geschaffenen Hochschulen Speyer und Germersheim ablehnend gegenüberstehen würden Die weitere Entwicklung sollte ihnen recht geben

Schon bald nach der Konstituierung des Landes im Mai 1947 erschien nämlich eine Delegation unter Leitung eines Oberverwaltungsgerichtsrates Dr. Schunck in Germersheim, die eine Art Bestandsaufnahme der neuen Hochschule vornahm, die auf das Land zukommenden Kosten überprüfte und Vorschläge machte, die Eigentumsfrage des Gebäudes zu lösen. (40) Der Militärgouverneur des Landes, Hettier die Boislambert, schlug seinerseits dem frisch gewählten Ministerpräsidenten Peter Altmeier vor, die Hochschulen von Speyer und Germersheim in den Haushalt des Landes zu übernehmen. (42)

Die Hochschule selbst scheint von dieser Diskussion zunächst nicht berührt worden zu sein. Schon im August 1947 veranstaltete sie einen ersten Ferienkurs, um französische und deutsche Studenten zusammenzubringen. (43) Derartige Ferienkurse wurden auch in den beiden folgenden Sommern veranstaltet.

Die von Rektor Schramm am 1. Oktober erlassene Hausordnung gibt Zeugnis von der geradezu klösterlichen Strenge, die damals in der Hochschule herrschte oder herrschen sollte. (45) In den Wohnräumen wurde das Licht um 23 Uhr gelöscht. Wer bis 24 Uhr noch arbeiten wollte, mußte sich "ohne Lärm und ohne Benutzung des Lichtes zur Ruhe begeben". In den Wohnräumen waren keine Festlichkeiten gestattet und Besucher wurden in eigenen Räumen empfangen. "Lärmen und Pfeifen auf den Gängen entspricht nicht den gesellschaftlichen Gepflogenheiten, die in der Dolmetscherhochschule Geltung haben." Der erste Satz dieser Hausordnung gibt schon zu verstehen, daß die Hochschule nicht nur Kenntnisse zu vermitteln hatte, sondern auch "eine Erziehungsgemeinschaft" sein wollte. Nach den Aussagen von ehemaligen Studenten jener Zeit wurden die Zwänge des Hochschullebens in Gemeinschaft nach den viel größeren der vorangegangenen Jahre einerseits nicht also so belastend empfunden, wie es heute der Fall wäre, und andererseits auch in einem für das Wohlbefinden ausreichendem Maße umgangen.

Die materielle Lage der Studierenden war, auch wenn ihnen Verpflegung, Unterkunft und Heizung - in einem heutigen Ansprüchen nicht genügendem Maße - gestellt wurden, keineswegs rosig. Die Versorgungslage wurde im Winter 1947/48 so schlecht, daß Rektor Schramm sich an Klosterpfarrer Dr. Müller in Baden-Baden wandte, um für seine Studenten, die in einer "verzweifelten Lage" seien, um Spenden zu bitten. (50) Diese mußten obendrein, wie aus dem "Merkblatt" der Hochschule (46) hervorgeht, für Verpflegung und Unterkunft 75.- RM im Monat aufbringen und hatten im Semester Einschreibgebühren, Studiengebühren, Hörgelder, Sportgebühr und einen sogenannten Wohlfahrtsbeitrag zu zahlen. Solange es noch die "leichte" Reichsmark gab, mochte das zu tragen gewesen sein, mit dem Geldschnitt der Währungsreform am 20. Juni 1948 bekamen die Studenten die ganze Härte der Situation zu spüren.

Zunächst ging die Hochschule einigermaßen konsolidiert in das zweite Studienjahr. Ein Wochenschautext aus dieser Zeit (47) konnte auf das Erreichte hinweisen und für Germersheim werben. Eine Aufforderung an männliche Interessenten, sich um einen der noch freien Studienplätze zu bewerben (48), hatte offenbar großen Erfolg, denn zum Wintersemester 1947/48 bewarben sich nicht weniger als 500-600 Personen zur Zulassung zu dem erstmals durchgeführten Aufnahmewettbewerb, von denen dann 324 teilnehmen durften. (43) Von diesen wurden wiederum statt der ursprünglich geplanten 150 schließlich 183 tatsächlich aufgenommen. (51) Die Gesamtzahl der Studierenden erhöhte sich im Wintersemester auf 352 Personen. Prof. Kuentz konnte einen im ganzen genommenen sehr positiven Bericht nach Baden-Baden senden, der in dem Bekenntnis gipfelte, "daß das von den französischen Behörden hier unternommene Werk in jeder Hinsicht geglückt und daß unser Institut auf einem sehr guten Weg ist." (51) Seine den Bericht abschließenden Einschränkungen sind, wie er es formuliert hat, geringfügig. Auch die leider nicht vollständig erhaltene Ansprache des Rektors Schramm zum ersten Jahrestag der Eröffnung am 20.Januar 1948 war, soweit sich sehen läßt, in einem positiven Tenor gehalten, wenn er von der Hochschule als einer "kleinen Oase der positiven menschlichen und geistigen Bemühung" sprach. (52)

Doch in eben dieser Zeit zogen drohende Wolken über der Hochschule auf. Bei der Sitzung des Verwaltungsrates am 15. Oktober 1947 (49) berichtete Rektor Schramm über die Finanzlage und erbat eine Vorauszahlung von 300.000 RM von dem Land Rheinland-Pfalz für die Bezahlung der an der Herrichtung des Gebäudes beteiligten Handwerker. Bei den Vertretern des Landes aber stieß er ebenso wie bei Minister Renner von Südwürttemberg auf massiven Widerstand, da sich die Regierungen einfach vor vollendete Tatsachen gestellt sahen. In der ganzen Angelegenheit benötige man für die beantragte Mittel die Zustimmung des Parlamentes, und schon jetzt könne man sagen, daß die weiteren Mittel für die Garten- und Sportanlage und die Einfassung des Geländes "in keinem Fall gewährt werden könnten". Dem Vorschlag, der Rektor möge einen zusätzlichen außerordentlichen Haushalt vorlegen, konnte dieser, der bislang nichts mit den Bauarbeiten zu tun gehabt hatte, nicht folgen. Als besonders brisant sollte sich eine kurze Bemerkung am Ende der Zusammenkunft erweisen, in der "die Zusammensetzung und Besoldung der Mitglieder des Lehrkörpers" angesprochen, aber zunächst aufgeschoben wurde. Sicherlich mußten die gerade erst wieder entstandenen deutschen Stellen sparsam mit ihren Mitteln umgehen, aber der Eindruck, daß die von der Besatzungsmacht geschaffenen Hochschulen Speyer und Germersheim, die zwar für die gesamte Zone gegründet worden waren, aber nun allein dem - zugegeben armen - Land Rheinland-Pfalz zuzufallen schienen, von diesem nicht gerade freundlich angesehen wurden, ist nicht von der Hand zu weisen.

Daß dies der Fall war, macht der Brief von vier Zeilen des Finanzministers Dr. Hoffmann deutlich (53), der der Hochschule unter dem 5. Februar 1948 in dürren Worten mitteilte, daß die "an der Dolmetscherhochschule angestellten Personen mit Beamtenstatus Beamte auf Widerruf " (révocables) seien und daß das gesamte Personal überprüft würde. Das klang bedrohlich und zeugte von einer tiefen Skepsis gegenüber dem, was von den Franzosen in Germersheim geschaffen worden war. Rektor Schramm wird sich vermutlich wieder an den Schutzpatron Schmittlein gewandt haben, der seinerseits umgehend den Obersten Verwaltungschef der Zone Laffon anschrieb und diesem zu verstehen gab, daß die Verwirklichung des Vorhabens des Finanzministers einer "Schließung der beiden Anstalten" gleichkäme. (60) Obendrein verlangte Schmittlein, daß "Herr Hoffmann energisch zur Ordnung gerufen wird."

Das waren klare Worte und sie hatten auch den erwünschten Erfolg. Die französische Militärregierung besaß trotz der Kulturautonomie des Landes noch genügend Autorität, um sich nicht von den gerade erst wieder aufgetauchten deutschen Landesbehörden ausgerechnet ihre liebsten Kinder, die beiden Hochschulen Speyer und Germersheim, zerstören zu lassen. Die Frage des Status der Beamten und Angestellten blieb für Germersheim zunächst in der Schwebe und und wurde erst mit der Einbindung der Hochschule in die Universität Mainz zur Zufriedenheit der Betroffenen gelöst.

Die Germersheimer Hochschule wurde auch insofern von dem mangelnden Verständnis der deutschen Behörden getroffen, als es sich zur gleichen Zeit, im Jahr 1948, herausstellte, daß diese Neugründung im In- und Ausland beachtet wurde und Anerkennung fand. Die französischen Kulturbehörden von Rheinland-Pfalz fanden jedenfalls ein Gespräch eines ihrer Mitglieder mit Prof. Montaner, der in Germersheim und Mainz lehrte und zudem die unverfänglich spanische Staatsbürgerschaft besaß, so bemerkenswert, daß sie der DEP in Baden-Baden davon berichteten. Montaner zog in dem Gespräch einen Vergleich seiner Germersheimer mit seinen Mainzer Studenten, der alles in allem sehr schmeichelhaft für erstere ausfiel. (58) Besondere Zufriedenheit wird bei den Franzosen die Bemerkung ausgelöst haben, daß sich damit die Überlegenheit des französischen Systems der Grandes Ecoles ( = Germersheim) über die deutschen Universitäten ( = Mainz) klar erweise.

Die französischen Befürworter von Germersheim traten in der von ihnen selbst in Konstanz herausgegebenen Zeitung Nouvelles de France für ihr Ziehkind ein. Der Artikel vom 7. April 1948 wurde hier nicht aufgenommen, da er in eigener Sache verfaßt wurde. Bedeutsamer erscheint sicherlich die Aussage Anthony Edens, des britischen Außen- und späteren Premierministers (82), der am 16. Juli 1948 Germersheim besucht hatte. Eden war so angetan von dem, was er an der Hochschule zu sehen bekam, daß er wenig später einen längeren Artikel jeweils im Daily Telegraph und in Le Figaro (62) veröffentlichte, in denen er sich höchst lobend über dieses Ergebnis der französischen Kulturpolitik aussprach. Er sah sehr richtig, daß es sich um eine "Verwandlung des Geistes von Deutschland" selbst handelte und daß sich bei den jungen Deutschen "Verständnis für das, was uns unsere freie Art zu leben bedeutete", entwickelt hatte. Er erkannte auch, daß es sich bei der Hochschule um weit mehr als eine rein auf das technische Können orientierte Dolmetscherausbildung handelte, nämlich um eine Ausbildung, die einen freien Blick auf andere Kulturen eröffnete.

Aus einer Sitzung des Verwaltungsrats der Hochschule berichtete der Mainzer Professor Schätzel seinem Rektor (63) positiv über Germersheim, mit dem die Regierung - im Gegensatz zu ihrer Haltung Speyer gegenüber - grundsätzlich einverstanden sei, zumal auch die Aussichten für die Absolventen gut zu sein schienen. Aber trotz dieses erfreulichen Aspekts kamen zu den schon bestehenden neue Schwierigkeiten hinzu.

Noch am 16. Juni hatte Rektor Schramm in einem dringlichen Brief an Irène Giron auf die Notwendigkeit hingewiesen, für Germersheim zu werben, da im Landtag versucht worden sei, "die Einrichtung der Dolmetscherhochschule als überflüssig zu erklären" (61), da trat ein Ereignis ein, daß alle bisherigen Berechnungen und Erwartungen über den Haufen warf: die Währungsreform vom 20. Juni 1948, das Ereignis also, mit dem sich bei denen, die es erlebt haben, noch mehr als mit der Gründung der Bundesrepublik selbst der Beginn des Wiederaufstiegs aus dem Elend verband.

Aber der brutale Währungsschnitt mit der Reduzierung des verfügbaren Geldes auf 40 und später 60 DM brachte für die Studierenden und die Studienwilligen des Winters 1948/49 die größten Schwierigkeiten mit sich. Viele Studierende des ersten Jahrgangs, die noch die beiden Semester bis zum eigentlichen Dolmetscherdiplom absolvieren wollten, hatten nicht mehr die Mittel für ihr Studium. Wie immer wandte sich Rektor Schramm um Hilfe an Irène Giron, die ihm auch prompt 10.000,- DM, eine für die damaligen Geldverhältnisse gewaltige Summe, zusagte, unter der Voraussetzung, daß die Hochschule bei den so Geförderten ihrerseits auf Einschreibgebühren verzichtete. (64) Da der Geldverkehr noch nicht organisiert war oder auch, weil einfach der Transfer diskret abgewickelt werden mußte, bat Frau Giron darum, das Geld bei ihr im Amt abzuholen, also in bar. Als dann das Land nicht auf sämtliche Gebühren verzichten wollte, mußte Schramm um einen Nachschuß von 7.000,- DM bitten (67), den er ebenfalls erhielt und wiederum abholen lassen mußte. (68)

Bei dem Aufnahmewettbewerb zum Wintersemester 1948/49 wurden die Folgen der Währungsreform offenkundig. Von 221 anfänglichen Bewerbern erschienen nur 122, also weniger, als im Jahr zuvor zugelassen worden waren. In der Französischen Abteilung, die der Adressatin besonders am Herzen lag, wurden trotz mehr als großzügiger Bewertung nur 23 Bewerber, insgesamt etwa 80 zugelassen. Im Lehrkörper entstand daraufhin eine Diskussion, ob überhaupt an dem Auswahlwettbewerb festgehalten werden solle. (65) Schramm sah mancherlei Gründe für den Rückgang der Erstsemester und bat vor allem um Unterstützung bei der Werbung für die Hochschule. Da aber nur sehr wenig Studenten nach dem vierten Semester in den Beruf gingen, stieg die Studentenzahl noch etwas auf insgesamt 394 Studierende.

In der Rede zur dritten Immatrikulationsfeier am 3. Dezember 1948 (69) ging Rektor Schramm nur kurz auf die Folgen der Währungsreform ein, wenn er sagte: "Die ganze Armut des deutschen Volkes und der deutschen Länder, wie sie in der Währungsreform sichtbar wurde, hat sich auch lähmend auf unsere Arbeit gelegt." Er hob in seiner Ansprache viel stärker die Schwierigkeiten hervor, die ihm durch "Neid und Mißgunst" entgegenkamen. Ohne daß er die Gegner des Experiments Germersheim direkt benannte, läßt sich doch aus seinen weiteren Bemerkungen erkennen, daß die philologischen Fächer gemeint waren, die die Verkürzung der historischen Dimension und die größere Realitätsbezogenheit im Germersheimer Studienplan ablehnten. Er nahm dabei den schon von Eden gestreiften Gedanken auf, daß die Ausbildung keineswegs "nur" Dolmetscher ausbilde: "Wir wollten wirkliche Vermittler der Kulturen der europäischen Völker, Kenner der Auslandsverhältnisse, die sich in verschiedenen Berufen zurechtfinden könnten, heranziehen."

Während auf der einen Seite die Situation der Hochschule gegenüber dem Land Rheinland-Pfalz noch nicht geklärt war, wurde die Zusammenarbeit mit den französischen Behörden enger und vertrauensvoller, insbesondere mit Frau Giron. An sie wandten sich alle Mitglieder der Hochschule immer wieder, gelegentlich sogar so oft, daß sie ihre Bitte wieder zurücknahmen, wie der bemerkenswerte Brief des Germersheimer ASTA zeigt. (74) Auch französische Stellen baten gelegentlich Frau Giron um ihre Hilfe, wenn sie sich für einen Bewerber in Germersheim einsetzen wollten. (70-71) Von den zahlreichen Bittschriften an Schmittleins Stellvertreterin ist nur eine beschränkte Auswahl vorgelegt worden. Die Unterlagen in Colmar lassen aber erkennen, daß auch nach der Eingliederung in die Universität Mainz für die Germersheimer Frau Giron, die 1949 mit Schmittlein nach Mainz in die Zitadelle umgezogen war, der beliebte, weil verständnisvolle Ansprechpartner blieb. Noch bis 1951 hat sie beispielsweise zahlreiche Stipendien für die Germersheimer Stipendien gewährt. Ihre Verdienste um die Hochschule können nicht hoch genug veranschlagt werden.

Es entwickelte sich aber nicht nur mit der DEP, sondern mit der französischen Militärregierung selbst eine Zusammenarbeit, insofern ab 1948 Germersheimer Studenten in den Sommerferien Praktika bei den französisschen Behörden absolvierten. (73-76) Gouverneur Brozen-Favereau sprach in seiner Antwort auf die Anfrage der DEP von den "ausgezeichneten" Bedingungen, unter denen die Praktika 1948 verlaufen seien. Eine in Germersheim aufgestellte Liste der für die Arbeit bei der Militärregierung vorgeschlagenen Studierenden (76) läßt gerade wegen der apodiktischen Kürze der Darstellung jedes Falles das Ausmaß der sozialen Not in der damaligen Zeit erkennen.

Im Jahr 1949 spitzte sich die Lage der Hochschule Germersheim dramatisch zu. Von dieser Situation legt ein Bericht des Rektors Schramm an Frau Giron vom 4. März Zeugnis ab. (77) In der Zeitung "Die Freiheit" war ein Artikel (78) erschienen, der deutlich machte, daß die beiden Hochschulen Speyer und Germersheim in ihrer Existenz selbst gefährdet waren. Die "Reform- und Sparkommission" des Landtages hatte zunächst beschlossen, die Verwaltungsakademie in Speyer gänzlich aufzuheben, da die "Sonderausbildung der Referendare in Speyer nicht mehr notwendig erscheint". Für Germersheim faßte die Kommission eine Kürzung der Mittel um 50 % ins Auge, da die Ausbildung der Studierenden zum großen Teil im Ausland stattfinde. In der Tat hatte Rektor Schramm in seiner Ansprache zur Immatrikulationsfeier im Dezember 48 voller Stolz darauf hingewiesen, daß im "Sommer mehr als 40 Studierende der Dolmetscherhochschule ins Ausland geschickt werden konnten, ein Prozentsatz, den keine deutsche Hochschule aufzuweisen hat". (69)

Auf das Argument des Ausschusses, die Kosten für die Hochschule einfach ins Ausland zu verlagern, ging Schramm nicht weiter ein. Er erkannte wohl, daß die größere Gefahr für die Hochschule in Speyer bestand und kritisierte die "immer noch auf dem Papier bestehende verhängnisvolle Verkoppelung der Dolmetscherhochschule mit der Verwaltungsakademie". (77) Daher mag es gekommen sein, daß verschiedene Mitglieder der Kommission bei ihrer Debatte auch für Germersheim die Streichung der Mittel aus dem Haushalt des Landes vorgeschlagen hatten, wie Schramm durch seine "persönlichen Verbindungen" erfahren hatte. Auf diesem Weg erfuhr er auch, daß die Abgeordneten, die "keine blasse Ahnung" - so Schramm - von der Hochschule besaßen, schließlich durch einen Regierungsvertreter umgestimmt werden konnten, die Kürzung der Mittel um 50 % also nicht stattgefunden habe. Insgesamt aber zeigten die Verhandlungen im Ausschuß deutlich, daß die Hochschule wenig Verständnis bei den Politikern des Landes zu erwarten hatte.

Auch das bei der Kontroverse mit dem Finanzminister (53) ein Jahr zuvor schon aufgetauchte und wohl erst einmal vertagte Problem der Übernahme der Lehrkräfte in den Landesdienst fand bei der Regierung in Koblenz keine befriedigende Lösung.

Einen besonders deprimierenden Eindruck muß Rektor Schramm in der Philosophischen Fakultät der Universität Mainz gewonnen haben. Während der Beauftragte des Rektors von Mainz, Prof. Schätzel, noch im August 1948 berichtete (63), daß bei der Sitzung des Verwaltungsrates von Germersheim der Wunsch nach Angliederung an die Universität Mainz nicht geäußert wurde, brachte jetzt, im März 1949, Rektor Schramm die Frage in der Fakultät zur Sprache. Er traf aber auf größeren Widerstand, als er wohl erwartet hatte. Anders ist seine resignierte Bemerkung nicht zu verstehen: "Welche Fakultät einer deutschen Hochschule wäre für ein idealistisches und außergewöhnliches Projekt zu begeistern?"

Wenige Tage nach diesem Bericht an Frau Giron, der - unausgesprochen - wiederum eine Art Hilferuf darstellte, erhielt die Hochschule den Besuch des "Grenzlandausschusses" des Landtags, der sich aus fünfzehn Abgeordneten der verschiedenen Parteien zusammensetzte. (79) "Es war erschütternd festzustellen, wie völlig ununterrichet und voreingenommen die Herren sich bei diesem Besuch zeigten", lautete das Fazit des Rektors. Auch eine Bemerkung des schon früher erwähnten Finanzministers Dr. Hoffmann, der bei den nötigen Sparmaßnahmen als erstes die von der Militärregierung gegründeten Institutionen ins Auge genommen hatte, war dazu angetan, bei den Franzosen Widerspruch und Hilfe auszulösen.

Es hat den Anschein, als habe Rektor Schramm mit seinem Vorgehen Erfolg gehabt. Während die Philosophische Fakultät noch Widerstand leistete, hatte Ministerpräsident Altmeier bereits von der Notwendigkeit, die Hochschule in die Universität einzugliedern, gesprochen. (81) Der Senat der Universität war im Prinzip einverstanden, vertrat jedoch die Ansicht, die Initiative müsse von der Landesregierung ausgehen. Während die Angelegenheit auf deutscher Seite blockiert war, nutzte Schmittlein die Gelegenheit, den Stein ins Rollen zu bringen, indem er die zuständige Militärregierung Rheinland-Pfalz bat, dem Ministerpräsidenten und den Kultusminister das Einverständnis des Oberkommandierenden zu der Integration der Hochschule Germersheim in die Universität Mainz zu signalisieren. (81) Es sollte sich später als sehr bedeutsam erweisen, daß Schmittlein in seinem Schreiben mit der Zustimmung den Vorbehalt verband, daß "Germersheim weiterhin ein autonomes Institut der Universität bleibt", und zwar bei der "Leitung der Veranstaltungen und der Fachrichtung".

Das war ein geschickter Schachzug, denn als Hettier die Boislambert, Gouverneur von Rheinland-Pfalz, sich am 12. Mai 1949 an Ministerpräsident Altmeier wandte und unter Berufung auf dessen vorangegangene Bemerkung das Einverständnis des Oberkommandierenden zu der Eingliederung der Hochschule in die Universität erklärte und Schmittleins Vorbehalt wörtlich übernahm, (82), erhielt er schon am 17. Mai 1949 das Einverständnis des Ministerpräsidenten, (83) der den Hinweis auf die Selbständigkeit der bisherigen Hochschule aufnahm und noch erläuterte: Die Hochschule solle nicht der Philosophischen Fakultät unterstellt werden, sondern als selbständiges Institut ihre Eigenart bewahren. Für die Zukunft von Germersheim war das Beharren Schmittleins auf der Selbständigkeit sehr wichtig, denn auf diese Weise entging Germersheim dem Schicksal, in einer großen Fakultät mit nur seiner einen Stimme aufzugehen und seine Interessen kaum durchsetzen zu können. Der Weg zum selbständigen Fachbereich war damit vorgezeichnet.

Eine kleine Schwierigkeit bei der Eingliederung galt es noch zu überwinden: Der französische Oberkommandierende mußte die seinerzeitige Gründungsverfügung 195 aufheben. Dieser Schritt wurde im Sommer 1949 vollzogen (86-87), und nun stand der Eingliederung nichts mehr im Wege.

Um einen guten Einstand zu haben, rührte Rektor Schramm noch einmal die Werbetrommel (88-89) für Germersheim, und erhielt von Schmittlein auch die erbetenen Mittel.

Die grundsätzliche Einigung war zwar erreicht, aber, wie nicht anders zu erwarten war, steckte der Teufel im Detail, und bei der Ausarbeitung der Statuten des nunmehrigen Instituts erlangte erst der fünfte Entwurf die Billigung des Senats. Nur der Name für das Institut machte noch Schwierigkeiten, bis sich schließlich Rektor Schramm mit seinem Kompromißvorschlag durchsetzen konnte: "Auslands- und Dolmetscherinstitut der Universität Mainz". (90)

Am 10. November 1949 konnte Schramm nunmehr als Direktor endlich Frau Giron melden, daß der Anschluß an die Universität Mainz unter den erwünschten Bedingungen Wirklichkeit geworden war. (91)

Die Einigung, die am 8. November in Mainz erzielt worden war, trug den Wünschen Schmittleins und seiner Mitstreiter Giron und Schramm weitgehend Rechnung. Im SS 1 der Abmachung wurde die Selbständigkeit des Instituts in den Fragen des Haushalts, des Lehrplans und der "pädagogischen Eigenart" bestätigt. Das Institut wurde (SS 2) Rektor und Senat direkt unterstellt. Auch das Problem des Lehrkörpers fand mit der Übernahme in die Universität eine befriedigende Lösung (SS 6). Die Germersheimer Studenten erhielten das Recht auf eine eigene Studentenvertretung (SS7), und der Direktor hatte ein, wenn auch sehr allgemein formuliertes Recht auf Mitsprache bei der Verwaltung und dem Haushalt.

Alles in allem scheinen die Beteiligten das in ihren Augen und zu diesem Zeitpunkt Bestmögliche für Germersheim erreicht zu haben. Jedenfalls läßt sich dies in dem Brief erkennen, den Direktor Schramm an alle damals schon vorhandenen "Ehemaligen" der Hochschule sandte. (93) Nach fast drei Jahren der Selbständigkeit war das in der Planung 1946 schon so bezeichnete Dolmetscherinstitut der Universität Mainz wieder zu seiner Mutteruniversität zurückgekehrt.

Zum Text

Die hier vorgelegte Sammlung von Dokumenten aus der Zeit der selbständigen "Staatlichen Dolmetscherhochschule Germersheim" erhebt nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Edition. Sie hat die alleinige Aufgabe, zum 50. Jubiläum des Fachbereichs Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Universität Mainz in Germersheim die Anfänge der Institution ins Gedächtnis zurückzurufen.

Wo keine Quelle angegeben ist, liegen Dokumente aus dem Besatzungsarchiv in Colmar vor (Ministère des Affaires Etrangères, Archives des l'occupation française en Allemagne et Autriche) und zwar unter den Siglen: AC 136, 3; 186, 1-3; 187, 1-2; 188, 1-3; 189, 1-4; 191, 5. (AC = Affaires Culturelles)

Von der Wiedergabe von Anrede, Briefkopf, Briefschlußformeln und Unterschrift wurde abgesehen. Nur ganz evidente Tippfehler sind korrigiert, sonst wurden die ursprüngliche Schreibweise und Zeichensetzung beibehalten. Auslassungen sind angegeben durch (...).

Der Herausgeber schuldet der Leiterin des Archivs von Colmar, Frau Sandrine Einhorn-Heiser, für ihre freundliche Unterstützung ebenso Dank wie Herrn Kollegen Hudemann von der Universität Saarbrücken für die Hinweise auf die Germersheim betreffenden Fundstellen und Frau Jutta Früholz und Herrn René Meier für die Hilfe bei der Texterstellung.

[1] In: Karl-Heinz Stoll (Hg.), 50 Jahre FASK - Geschichte und Geschichten, Festschrift zum 50. Jahrestag der Gründung des Fachbereichs Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz in Germersheim, Germersheim 1996, S. 25-53.

[2] Die Zahlenangaben in Klammern verweisen auf die Numerierung der Dokumente.

[3] Zitiert nach Defrance, S. 62.

[4] Die Terminologie ist - verständlicherweise - nicht immer eindeutig. In der Übersetzung werden die französischen Ausdrücke nach dem jeweiligen Gebrauch wiedergegeben. So taucht der Begriff "Dolmetscherschule" in den Papieren auch drei Jahre nach Gründung der Hochschule immer noch auf.

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Letzte Bearbeitung: 5. Februar 1997
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