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Was heißt Demokratie in der Universität?

Feier zum Beginn des 53. Wintersemesters, 3. November 1998

Klaus v. Schilling

Die neu belebte Tradition, den Beginn des Wintersemesters in einer öffentlichen Feier zu begehen, auf welcher Fragen von grundsätzlicher Bedeutung erörtert werden können, verführt mich dazu, ein sehr allgemeines Thema anzusprechen: Was heißt Demokratie in der Universität? - Ich will nicht leugnen, dass die Auseinandersetzungen der letzten Semester um die Organisationsregelung, in welchen das Demokratieverständnis eine zentrale Rolle gespielt hat, den Anlaß dazu gegeben haben, doch möchte ich betonen, dass ich keinesfalls den alten Streit wiederbeleben möchte, im Gegenteil: ich bin heilfroh, dass im Sommersemester noch knapp ein Kompromiss gefunden wurde, der jetzt dem Senat vorliegt. Ich möchte auch nicht Positionen, die dabei eingenommen wurden, noch einmal verteidigen oder kritisieren, wohl aber meine ich, dass es nicht falsch ist, die grundlegenden Vorstellungen zum eigenen Selbstverständnis sich zu vergegenwärtigen, um das Gemeinsame im Streit festzuhalten. Ein besseres Miteinander ist ja auch dadurch erreichbar, dass Positionen, die nicht geteilt werden, besser verstanden werden.


Demokratie heißt bekanntlich Herrschaft des Volkes. Diese Begriffsbestimmung gestattet Missverständnisse: in der Universität geht es nicht um Herrschaft - jedenfalls sollte dies nicht der Fall sein, und davon soll auch hier nicht die Rede sein -, und auch die Kategorie des Volkes taugt nicht dazu - oder allenfalls in einer eingeschränkten Variante -, die Gegebenheiten an der Universität zu bezeichnen. Als soziale Kategorie ist sie ambivalent, denn sie beschreibt einmal eine Schicht, deren Herrschafts- oder Mitspracheansprüche durchzusetzen seien, zum anderen die Gesamtheit oder Einheit einer Bevölkerung, welche die Gesellschaft - oder das Volk eben - konstituiert. Allein in der zweiten Bedeutung ist der Begriff für uns relevant: er impliziert die Vorstellung eines Ganzen, dem die Gesamtheit der Angehörigen der Universität - oder eines Fachbereichs - verpflichtet ist und an dem alle zu beteiligen sind.


Der Begriff des Demokratischen ist dem des Republikanischen verwandt. In dieser Bezeichnung ist er von Kant aufgegriffen worden: als ein zentrales Merkmal umschreibt Kant die - ”äußere (rechtliche)” - Freiheit, die er als ”Befugnis” bestimmt, ”keinen äußeren Gesetzen zu gehorchen, als zu denen ich meine Beistimmung habe geben können” (Zum ewigen Frieden). Kant sagt nicht, dass ich beistimmen muss, sondern nur, dass die Gelegenheit zu solcher Beistimmung gegeben sein müsse. Dies heißt einmal, dass Gesetze erst Gültigkeit erlangen, wenn jeder Einzelne an den Dingen des Ganzen beteiligt ist; natürlich kann er überstimmt werden und hat sich dann den Gesetzen zu fügen. Und dies bedeutet zum zweiten, dass der Einzelne sich nur aus der Spannung zu jenem Ganzen, an dem er teil hat, begreifen kann oder darf.


Dies, glaube ich, ist für die Universität von größter Bedeutung. Als Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden etabliert sie - oder wiederum auch ein einzelner Fachbereich - ein solches Ganzes, das auch aus der Perspektive eines jeden Mitglieds gegenwärtig sein muss. Was bedeutet dies? Erstens, dass das Verhältnis zum Ganzen nicht als Unterwerfung zu denken ist, weshalb jegliche Form des Obrigkeitsdenkens oder der Untertanenmentalität fehl am Platze ist; zum zweiten, dass auch eine Abkoppelung vom Ganzen nicht einem demokratischen Selbstverständnis entspricht. Letzteres stellt meines Erachtens die größere Gefahr dar. Sie wird nicht zuletzt dadurch heraufbeschworen, dass die Verpflichtung auf das Ganze in der Gruppenuniversität in unterschiedlichen Formen verwirklicht wird: jeder Einzelne ist Angehöriger einer Gruppe, über welche er seine Zugehörigkeit zum Ganzen realisiert. Darin steckt noch ein ständisches Element, das dem politischen Demokratiebegriff, wie er seit der Aufklärung vertreten wird, zuwiderläuft. Die Gruppen sind nach Qualifikation und Funktion ihrer Mitglieder definiert; die einzelnen Gruppen haben unterschiedliche Beteiligungsrechte, was wiederum unterschiedliche Rollenverständnisse nahe legt. Dagegen möchte ich nicht polemisieren! Weder grundsätzlich, was nur lächerlich wäre, noch, was eher sinnvoll wäre, in der Frage der Repräsentanz der einzelnen Gruppen in den Gremien: nach meiner Erfahrung - ich war schon Mitglied des Fachbereichsrates, als es noch die Drittelparität gab, und habe die Zusammenarbeit damals als weniger durch Gruppeninteressen bestimmt empfunden als heute - wären auch andere Schlüssel denkbar und sinnvoll. Die ständische Gliederung aber - um zu meinem Thema zurückzukommen - provoziert bestimmte Formen der Abkoppelung vom Ganzen; ich möchte beispielhaft drei nennen: etwa indem die privilegierte Stellung der Professoren, die auf besonderer Qualifikation beruht und die etwas so Altmodisches und gleichwohl Ernstes wie Autorität gestatten könnte, zur bloßen Machtausübung pervertiert wird; etwa indem von dozierender Seite die Lehre als bloßer Job verstanden wird, der nur zu leisten ist und der keine weiterreichende Ansprüche stellt; etwa indem von studierender Seite die eigene Rolle darauf reduziert wird, dass Wissen angehäuft wird und Fertigkeiten erworben werden, die dann zu Qualifikationen führen. Diese Gefährdungen verhalten sich komplementär zueinander und können sich, so fürchte ich, wechselseitig steigern; doch können sie auch - darin liegt eine Chance - von allen drei Seiten durchbrochen werden, wechselseitig kann ein demokratisches Selbstverständnis im angedeuteten Sinne eingeklagt werden.


Für die Selbstverwaltung in der ständisch gebrochenen Demokratie bedeutet dies konkret, dass in den Gremien alle Vertreter von Gruppen sich auch als Vertreter jenes Ganzen zu verstehen und so zu verhalten haben - und dies wechselseitig unterstellen sollten. Wird die Beteiligung als bloßes Einbringen von Gruppeninteressen verstanden, so dürfte es ebenso an der Sache vorbeigehen, wie dann, wenn solche Interessen sich hinter einem Ganzen verbergen müssen. - Dies ist gewiss möglich, denn die formalen Regelungen, die Rechte und Pflichten der Einzelnen und Gruppen festlegen und die auch das Handeln bestimmen sollten, sind so schlecht nicht; etwa sieht die Organisationsregelung vor - und dies ist ein Punkt, der in den Auseinandersetzungen nicht strittig war -, dass die Leitungsgremien ”einvernehmlich” beschließen sollen und regelt als Ausnahme nur noch den Fall, dass dann, wenn solche einvernehmliche Regelung nicht zustandekommt, eine Gruppe - die Professoren - in geheimer Abstimmung alleine entscheiden kann. Diese Regelung - nicht die zu vermeidende Ausnahme, sondern die Regel - scheint mir ein gutes Beispiel zu sein, um jene Verpflichtung auf das Ganze in der ständischen Demokratie der Universität zu verdeutlichen. Das Gremium kennt Mitglieder mit verschiedenen Rechten - eben solche, die stets mitbestimmen können, und solche, die nur mitwirken (und in jener geheimen Abstimmung nicht mitstimmen dürfen) -, im Kern aber sind alle gleich und müssen in dieser Gleichwertigkeit sich gegenseitig anerkennen, denn für den Normalfall ist ja die Zustimmung aller Mitglieder vorgesehen. Wie weit dieses Selbstverständnis realisiert wird, ist eine Frage der Praxis, muss sich also in der konkreten Arbeit bewähren; als Maßstab für das Gelingen von Demokratie im ständischen Kontext könnte gelten, wieweit es durch gute Kooperation gelingt, jene Ausnahme überflüssig zu machen.


Ich fürchte gegenwärtig ein wenig, dass die Universität, indem sie sich nur noch als Gruppenuniversität verhält oder als Dienstleistungsbetrieb versteht, jene Ausrichtung auf das Ganze verlieren und dann auch ihren eigentlichen Aufgaben nicht nachkommen kann, etwa jener seit Humboldt geforderten Erziehung zur Autonomie und zur Selbständigkeit des Denkens. - Doch muss die Universität weder ein Relikt aus feudalen Zeiten noch ein bloßer Dienstleistungsbetrieb sein, in welchem Wissen produziert und aus den Köpfen der Lehrenden in die der Lernenden geschaufelt wird, sondern sie kann leben, wenn sie sich als demokratisches Gebilde ernst nimmt.


Nach all dem können Sie mich eines heillosen Idealismus bezichtigen, und mir bleibt dann nur, mich - hilflos - schuldig zu bekennen. In der Form, wie ich ein solches demokratisches Selbstverständnis hier entworfen habe, ist es gewiss nicht immer einzulösen, als Fluchtpunkt jedoch, auf den unser Handeln in der Universität ausgerichtet sein sollte, darf es nicht aufgegeben werden.
 

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