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Lukrativität ist weiblich: Perspektiven der Frauenförderung

Von der Wissenschaft zur Wirtschaft - ein Rück- und Ausblick.

Region & Nation 98 in Germersheim oder: Saumagen, anglophon

Flagge zeigen im Jahr 2000

Phobie vor Anglophonie

Zur Antrittsvorlesung von Professor Dr. Karl-Heinz Stoll



Andreas F. Kelletat

Die Errichtung der neuen Professur für Englische Sprache und Kultur mit dem Schwerpunkt Anglophonie verpflichtet den Dekan des mit Professuren ja nicht zu üppig ausgestatteten Germersheimer Fachbereichs Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft zu Bekundungen von Freude und Dankbarkeit. Aber in solche Hochstimmung mischt sich im vorliegenden Falle denn doch auch ein gar nicht so schwaches Bauchgrimmen.

Das stammt nicht aus dem Bauch des Dekans sondern aus dem des Fachvertreters für Interkulturelle Germanistik bzw. Deutsch als Fremdsprache. Und das Grummeln hat seinen Grund nicht – wie Sie vielleicht freundlichst teilnehmend mutmaßen mögen – in der Auffassung, dass eigentlich seinem Fach, also dem Fach Deutsch, mit derzeit über 1000 Erstfachstudierenden mit einer neuen Professur endlich aus vielerlei Kalamitäten geholfen werden müßte – nein, mein deutsches Bauchgrimmen geht auf anderes zurück, auf die Beobachtung nämlich, dass es mit meinem Fach – Interkulturelle Germanistik bzw. Deutsch als Fremdsprache – weltweit bald sein Bewenden haben könnte. Und das Sterbeglöckchen läutet meinem Fach die Anglophonie.



Phobie vor Anglophonie? Besteht dazu wirklich Anlaß? Ein paar Beispiele aus meinem Fach, seiner Germersheimer und seiner internationalen Varietät:



Wer Englisch als Muttersprache spricht und in Germersheim ein Übersetzerdiplom erwirbt, muss um seine Zukunft nicht mehr sorgen. Von der Europäischen Zentralbank in Frankfurt über die Ludwigshafener Knoll AG bis zum mittelständischen Unternehmen im Niedersächsischen kommen die Anfragen: Habt ihr nicht jemanden, der aus dem Deutschen in seine Muttersprache Englisch professionell übersetzen kann?



Und auch wem nicht Englisch als Muttersprache in die Wiege gesungen wurde, ist vor dieser Sprache keineswegs sicher. Ein arabischer Absolvent, der bei der deutschen Botschaft im palästinensischen Ramallah als Dolmetscher für Arafat-Besucher und anderes sein gar nicht übles Auskommen findet, muss auch den Bericht über die israelischen Siedlungsaktivitäten in den okkupierten Gebieten erstellen – für die Europäische Kommission – und das natürlich auf Englisch: Settlement report. Ein anderer arabischer Absolvent übersetzt gerade einen umfangreichen Vertrag, den ein algerisches Unternehmen mit einem deutschen abschließen wird. Aber er übersetzt ihn nicht aus dem Arabischen ins Deutsche (wofür er in Germersheim ausgebildet wurde), sondern ins Englische. Das ist der Wunsch der arabischen und deutschen Auftraggeber.



Ein germanistischer Kollege und exzellenter Dolmetscher aus dem litauischen Vilnius klagte mir, dass er seit Monaten keinen Dolmetschauftrag mehr bekommen hat, während die Kolleginnen aus der englischen Abteilung wöchentlich nach Brüssel eingeflogen werden, um für die EU-Erweiterungsverhandlungen zu dolmetschen. 1200 DM gibt’s dafür am Tag plus Spesen und gearbeitet wird aus der Muttersprache Litauisch in die Fremdsprache Englisch und umgekehrt. Andere Sprachenkombinationen, z.B. Litauisch-Deutsch, seien bei der EU nicht gefragt. Ein paar Brocken Französisch benötige man, für den Taxifahrer in Straßburg und um am Portier des Europäischen Parlaments vorbeizukommen.



Germanistik-Kollegen aus dem indischen Hyderabad erzählten mir von einer deutschen Industriemesse mit Hunderten deutscher Aussteller. Die indischen Deutsch-Studenten hatten sich als Praktikanten angeboten, endlich gab es mal Deutsch vor Ort. Die deutsche Messeleitung lehnte das Angebot ab und verband die Absage mit der Frage, ob es an der Universität nicht auch Studenten gäbe, die gut Englische könnten, die brauche man für die deutsche Messe nämlich dringend. Meine indischen Germanistik-Kollegen sind ratlos, wie sie mit dem Motivations-Exitus ihrer Deutsch-Studenten umgehen sollen.



Eine Doktorandin im russischen Wladimir bat mich um Unterstützung bei ihrer Bewerbung um ein Stipendium zur Teilnahme an der Internationalen Frauenuniversität, die von Juli bis Oktober 2000 im Rahmen der EXPO in Hannover ein interessantes interdisziplinäres Programm anbietet. Finanziert wird das weitgehend vom DAAD, sprich von Deutschlands Steuerzahlern, aber für die junge russische Germanistin gabs kein Stipendium, denn sie erfüllte nicht das zentrale Aufnahmekriterium der Internationalen Frauenuniversität, nämlich das “TOEFEL certificate“ vorweisen zu können, mit “550 points or better“. Unterrichtssprache während des internationalen EXPO-Semesters in Hannover ist ausschließlich Englisch.



Aus Finnland, Schweden, Norwegen und Dänemark ist zu hören, dass man dort kein einziges Universitätsfach mehr absolvieren kann, ohne sich in englische Fach- und Prüfungsliteratur gründlichst zu vertiefen, Dissertationen werden fast nur noch auf Englisch vorgelegt. Die heranwachsende Elite dieser Länder ist zur Anglophonisierung verdammt, ob sie es will oder nicht.



Die Beispiele könnten schier endlos fortgesetzt werden. Der Befund ist recht eindeutig: In immer mehr Ländern ist einem jungen Menschen, der etwas werden will, zum Studium des Faches Deutsch bzw. Germanistik ernsthaft nicht mehr zu raten, besonders nicht in all jenen Ländern, in denen das Studium jeweils nur eines Faches vorgegeben ist. Nur Deutsch studieren – das ist global fast überall ein sicherer Weg ins Abseits. Das Englische, genauer: seine an das britische oder amerikanische Englisch nur bedingt erinnernden anglophonen Varietäten beherrschen Wirtschaft, Politik und Wissenschaft – und in diesen Bereichden spielt für Übersetzer und Dolmetscher die Musik. Den viel zu vielen Nationalsprachen, vor allem den vielen zu schwierigen Sprachen zu kleiner Nationen, bleibt das Feld der Freizeit- und Unterhaltungskultur, das Mediengedudel, das wird es weiter auf Finnisch oder Thai oder Lettisch geben. Aber über ernsthafte Sachen wird auf Englisch verhandelt.



Hören wir also auf, von “Internationalisierung“ der Wirtschaft, Wissenschaft und Politik zu sprechen. Nennen wir die Sache ruhig beim richtigen Namen: Um Anglophonisierung geht es. Die Rede von der unbedingt zu bewahrenden Vielfalt der Kulturen Europas und der restlichen Welt, sie klingt in meinen Ohren oft nur noch hohl bei jener gesellschaftlichen Führungsschicht, die bei der Planung der Biographien des eigenen Nachwuchses wie ein Fuchs darauf achtet, dass da auch ja ein “Jahr in Amerika“ vorkommt. Hand aufs Herz: Wer von uns würde dem Sohnemann zu einem Studium an unserer Universität raten, wenn als bezahlbare Alternative auch ein Vollstudium “in Amerika“ in Betracht käme?



Diesen epochalen Prozeß der globalen Anglophonisierung der globalen Eliten in unserer Forschung und Lehre fest in den Blick zu nehmen, auch dem dient die Errichtung der neuen Germersheimer Professur für Englische Sprache und Kultur mit dem Schwerpunkt Anglophonie.



Welch vielschichtige Facetten der Prozeß der Anglophonisierung enthält, läßt sich u.a. an Professor Stolls wissenschaftlichem Oeuvre erkennen. Seit vielen Jahren beobachtet er z.B. die Entwicklung der anglophonen Literaturen in Indien, in der Karibik, in Süd-, West- und Ostafrika. Es sind die mit der Anglophonisierung verbundenen Identitätsfragen, denen er genau nachforscht. Und Karl-Heinz Stoll gehört ferner zu jenen Hochschullehrern, die sich dafür interessieren, was eigentlich aus unseren Absolventinnen und Absolventen wird oder werden könnte. Wie sieht das eigentlich aus auf dem Arbeitsmarkt für Übersetzer und Dolmetscher? Und welche Lehren sind daraus zu ziehen für unsere Lehre, unsere universitären Studiengänge?



Eines hab‘ ich persönlich aus manchem Gespräch mit Karl-Heinz Stoll gelernt: Jedem ausländischen Studenten, der an die Johannes Gutenberg-Universität kommt, um den Studiengang Diplomübersetzen oder Diplomdolmetschen zu absolvieren – egal ob dieser Student aus Spanien, Polen, Argentinien oder Marokko stammt – jedem rate ich inzwischen: Befaßt euch neben dem Erstfach Deutsch auch gründlichst mit dem Englischen und seinen anglophonen Varianten.



Ich beneide unseren Kollegen Stoll um seine zukunftssicheren Aufgaben in Lehre und Forschung – und ich wünsche ihm Fortune und Erfüllung in seinem neuen Amt.


 

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