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Von Translatorinnen und Translatoren: Ein Kongressbericht

Susanne Hagemann

Wer verfasste Schlegels Shakespeare-Übersetzung? Wozu Paarformen wie Translatorinnen und Translatoren? Was ist die “Übersetzerdistel”?

“Übersetzung aus aller Frauen Länder: Theorie und Praxis feministischer Übersetzung”, so lautete das Thema eines Kongresses, der unter Leitung von Michaela Wolf und Sabine Messner vom 2. bis 3. Juni 2000 am Institut für Translationswissenschaft der Karl-Franzens-Universität Graz stattfand. Der Kongress war Teil eines weit umfassenderen, vom Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank finanzierten Forschungsprojekts mit dem Titel “Integration von Theorie und Praxis feministischer Translation”. Neben dem Kongress umfasst das Projekt beispielsweise eine Erhebung der Aktivitäten in Forschung, Lehre und Praxis sowie Recherchen zu Richtlinien für fraueneinbindende Sprache. Mit einem Teil der Erhebung sind die Sekretärinnen und Institutsleitungen am FASK in den vergangenen Monaten in Form verschiedener E-Mail-Anfragen in Berührung gekommen: Gibt es am FASK Diplomarbeiten oder Dissertationen zu fraueneinbindender Translation, gibt es einschlägige Lehrveranstaltungen, gibt es …? (Die Germersheimer Antwort auf die Fragen scheint fast durchweg “nein” zu lauten; Graz schneidet besser ab.)

Neben vier “Impulsreferaten” von Mary Snell-Hornby (“Übersetzungswissenschaft im Aufbruch: Frauen als Vordenkerinnen neuer Perspektiven”), Cécile Huber (“Was ist Feministische Linguistik? Wozu eine Feministische Linguistik?”), Daniela Beuren (“Ein translatorisch-feministischer Alltag”) und Luise von Flotow (“A Brief Overview of Work in ‘Gender and Translation’”) bot der Kongress neunzehn kurze “Werkstattberichte” und vier “Workshops”. Die Werkstattberichte waren in acht Gruppen zusammengefasst, welche die große Vielfalt der aktuellen Perspektiven in der feministischen Translationswissenschaft deutlich werden ließen: “Spielräume und Sprachspiele in der Zielsprache” (Gestaltung einer geschlechtsneutralen Übersetzung im Deutschen), “Vermittlung fraueneinbindender Übersetzungspraxis” (bei diesem didaktischen Thema waren zwei Germersheimerinnen, Sabina Matter-Seibel und Susanne Hagemann, unter sich), “Kooperationsfelder für fraueneinbindende Übersetzung” (Bild und Rolle der Übersetzerin heute), “Innenansichten und Außenrepräsentationen” (berufliche Praxis heute), “Geschichte des Übersetzens: Das 18. Jahrhundert” (Bild und Selbstbild literarischer Übersetzerinnen), “Neuübersetzungen im Lichte geänderter Weiblichkeitskonzepte?” (Maskulinisierung und Feminisierung im Zieltext), “Übersetzerinnen im politischen Kontext” (gender und Machtstrukturen), “Identität und Transformation zwischen Original und Übersetzung” (Translation und Identität der Autorin).

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Die Themen der Workshops waren “Kriterien für frauengerechte Übersetzung in der Praxis”, “Berufsverbände für ein besseres Image von Übersetzerinnen”, “Anforderungen an das Fach von seiten der Lehre” und “Neue Fragestellungen in der feministischen Übersetzungswissenschaft”. Worum es im Einzelnen bei den Vorträgen ging, das kann ich hier nur exemplarisch illustrieren. Ein Vortrag befasste sich beispielsweise mit der Shakespeare-Übersetzerin Caroline Schlegel-Schelling geb. Michaelis, von der die bekannteste deutsche Übersetzung von Romeo and Juliet stammt (Name unbekannt? Die Übersetzung wurde – und wird – nicht unter ihrem Namen, sondern unter dem ihres Mannes August Wilhelm veröffentlicht). Ein anderer thematisierte Spielräume und Vorgaben für (und auch gegen) geschlechtsneutrales Übersetzen am Beispiel von Gebrauchstexten Englisch – Deutsch. Ein dritter führte anhand konkreter Beispiele vor, dass die in vielen Übersetzungen zu findende “Verflachung”, die “Zurücknahme” emotional oder stilistisch konnotierter Elemente, eine Anpassung des Textes an die dominante Ideologie mit sich bringen kann. – Zwei der Vorträge basierten übrigens auf Diplomarbeiten, die in den letzten Jahren in Leipzig geschrieben wurden: Einer behandelte nichtdiskriminierende Sprache in englischen Bibelübersetzungen, der andere Leben und Werk der Übersetzerinnen Luise Gottsched und Sophie Mereau. Solche Diplomarbeiten würde ich mir auch für Germersheim wünschen.

Ja, und dann war da noch der zornige Herr, der den Teilnehmerinnen eines Kongresses zur feministischen Übersetzung zu erklären versuchte, die Kritik am “generischen” Maskulinum sei doch Quatsch. Wer von den Anwesenden, bitte schön, fühle sich denn wohl ausgeschlossen, wenn er meine Herrschaften sage?! Leider hatte er das Zielpublikum falsch eingeschätzt …

Nähere Informationen zum Grazer Forschungsprojekt “Integration von Theorie und Praxis feministischer Translation” sind verfügbar unter http://www-gewi.kfunigraz.ac.at/
uedo/research/projekte/femtrans.html


Dort finden sich auch Links zum Kongressprogramm und zu einer in Arbeit befindlichen Bibliographie zur feministischen Übersetzung.

P. S.: Bei der eingangs erwähnten “Übersetzerdistel” (“Übersetzerinnendistel”?) handelt es sich um eine Postkarte mit aufgedruckter stachliger Distel. Die Postkarte wird RezensentInnen zugeschickt, die es versäumt haben, in der Rezension eines übersetzten Textes den Namen der Übersetzerin bzw. des Übersetzers zu nennen: ein Mittel gegen das Totschweigen translatorischer Arbeit.


[WWW-Adresse: Http://www.fask.uni-mainz.de/fbpubl/fax/hagemann0006.htm - 12.06.2000 - HTML-Version: D. Díaz P. ]