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Lukrativität ist weiblich: Perspektiven der Frauenförderung

Von der Wissenschaft zur Wirtschaft - ein Rück- und Ausblick.

Phobie vor Anglophonie

Flagge zeigen im Jahr 2000

Region & Nation 98 in Germersheim – oder: Saumagen, anglophon

Susanne Hagemann

Was ist ein anglophoner Saumagen? Ein Saumagen, den man einer englischsprachigen Konferenz als Palatinate haggis1 zum Abendessen serviert – oder auch eine Metapher für die Beschäftigung mit den regionalen und nationalen Dimensionen der englischsprachigen Literatur. Die Seventh International Conference on the Literature of Region and Nation (FASK, 31. Juli – 5. August 1998) deckte neben dem literarischen auch umfassend den kulinarischen Aspekt ab; und den Teilnehmenden mundete nach eigenem Bekunden beides.

Region & Nation 98 umfasste 59 Kurzvorträge, 3 Plenarvorträge und 3 Diskussionsrunden. Die Teilnehmenden kamen aus allen Erdteilen, von 41 Universitäten in 22 Ländern. Die Themen der 3 Sektionen waren “European Identities: Comparison, Intertextuality, Translation”, “Place and Gender” und “Varia”; die behandelten Texte stammten aus der gesamten anglophonen und Teilen der nichtanglophonen Welt, von Schottland bis Südafrika, von den USA bis Indien, von Deutschland bis Taiwan. Und die Ergebnisse? FAX ist nicht der Ort für eine Auflistung einzelner Denkanstöße. Die Konferenz belegte anhand von zahlreichen Beispielen die intertextuelle und vor allem auch interkulturelle Verflechtung territorialer Identitäten sowie die zentrale Rolle der Geschlechterdifferenz bei der Konstruktion von Regionen und Nationen. Als mindestens so aufschlussreich wie die Diskussion dieser Schwerpunkte erwiesen sich jedoch, in bester postmoderner Tradition, die Lücken, die Aspekte, die nicht im Zentrum standen. Beispielsweise behandelte die überwiegende Mehrzahl der Vorträge, auch derjenigen zu den ,alten‘ englischsprachigen Literaturen, das 20. Jahrhundert, einige das 19., aber nur eine Handvoll das 15. bis 18. Jahrhundert – warum? Die Frage nach dem Zeitverständnis von Region & Nation soll auf einer späteren Konferenz eingehender erörtert werden; ebenso die nach möglichen Theorieansätzen. Genügen die derzeit viel zitierten Modelle, von Bachtin bis Bhabha, oder sollte Region & Nation eine ,eigene‘ Theorie entwickeln? Welche Faktoren müssten in eine solche Theorie einbezogen werden? Bevor jedoch diese und viele andere Themen in Schweden (2000), Südafrika (2002) und anderswo behandelt werden, wird zunächst mit der Publikation ausgewählter Germersheimer Vorträge eine Zwischenbilanz zu ziehen sein. Der Konferenzband wird hoffentlich noch in diesem Jahrtausend bei Peter Lang erscheinen.

Von Germersheim und Umgebung – der halbtägige Konferenzausflug führte nach St. Martin und Speyer – waren die Gäste fast uneingeschränkt begeistert. Das Wetter war ideal, weitgehend trocken und warm, aber nicht heiß; Hotels und Gastronomie wurden sehr gelobt, ebenso die freundliche Atmosphäre der Stadt. Für einen Misston sorgte lediglich ein Auswuchs des Bundestagswahlkampfes: ein hoch gehängtes Plakat mit der Forderung “Kriminelle Ausländer raus”, das verständlicherweise zu einigen Bemerkungen Anlass gab.

Material für Anekdoten hat die Konferenz reichlich geliefert. Da war zum Beispiel der Teilnehmer, der am Anreisetag bereits um 5.30 h in Frankfurt landete, aber bis 15.00 h den genau beschriebenen Treffpunkt für den Konferenzbus nach Germersheim noch nicht ausfindig gemacht hatte. Er wurde verloren umherwandernd von Spätankömmlingen gefunden und mitgenommen. Derselbe Teilnehmer kam uns auf dem Ausflug nach Speyer zwischen Dom und Parkplatz (!) abhanden und tauchte erst am nächsten Morgen mit einer etwas dubiosen Geschichte wieder auf. Er hielt uns dann weiter in Atem mit der Mitteilung, er habe am Vortag das Manuskript seines (noch nicht gehaltenen) Vortrags verloren. Ob es vielleicht im Bus liegen geblieben sei? Warum das Manuskript den Ausflug mitmachen durfte, blieb unklar. Die in Zusammenhang mit dem Verschwinden des Teilnehmers vertretene These der Speyerer Polizei von der Eigenverantwortlichkeit erwachsener Menschen muss in Bezug auf Akademiker offensichtlich mit gewissen Einschränkungen versehen werden ...

Zum Schluss sei noch einmal allen herzlich gedankt, die zum Gelingen des akademischen und des kulinarischen Saumagenmenüs beigetragen haben: vor allem meiner Assistenzköchin Dyrken-Elisabeth Ottmers, aber auch den vielen anderen, die durch finanzielle, personelle, administrative und – nicht zu unterschätzen – moralische Unterstützung dafür sorgten, dass ich mich bei der Organisation dieser Veranstaltung nicht allein gelassen fühlte.


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1Für Uneingeweihte: Haggis ist ein gefüllter Schafsmagen, dessen kulturelle Funktion in Schottland gewisse Ähnlichkeiten mit der des Saumagens in der Pfalz aufweist. Allerdings hatte meines Wissens noch kein britischer Premierminister die Angewohnheit Staatsgästen Haggis vorzusetzen