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Prof. Dr. Karl-Heinz Stoll
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3. Bildung |
[WWW-Adresse:
Http://www.fask.uni-mainz.de/fbpubl/fax/Modul/zukunft.htm
- 26.05.2000 - HTML-Version: D.
Díaz P.
]
Die
anglophone Globalisierung, Lokalisierungen in eine riesige Zahl von
Sprachen und der Einsatz elektronischer Hilfsmittel haben in jedem
Bereich des Übersetzens und Dolmetschens einen radikalen
Paradigmenwechsel zur Folge.
Abb. 1: Sprecher 1997 (in Mio.)
ñ
Chinesisch hat weltweit doppelt so viele Sprecher wie jede andere Sprache, wenn man von den in 1998 Britannica Book of the Year für die einzelnen Länder jeweils sehr differenziert angegebenen Zahlen ausgeht. Für die Rolle des Englischen ist allerdings zu bedenken, dass ich für die vergleichende Darstellung der fünf wichtigsten Weltsprachen und der meistgesprochenen EU-Sprachen in Abb. 1 nur Muttersprachler von Standard (unterer Teil der Säule) bzw. Kreol (mittlerer Teil) plus diejenigen, die Englisch als offizielle Zweitsprache (lingua franca) ihres Landes beherrschen (oberer Teil) addiert, also z.B. nur 31 Millionen der Milliarde Inder (1) und keine Kontinentaleuropäer eingerechnet habe. Fast die Hälfte der Weltbevölkerung spricht eine der fünf größten Sprachen: Chinesisch, Englisch, Hindi, Spanisch oder Arabisch. "There is a massive imbalance of language use in the world: some 96% of the worlds population speak only 4% of its languages." (Crystal 1999:14)
Französisch zählt 113 Millionen
Muttersprachler und offizielle Zweitsprachler" in aller
Welt plus (auf der Grafik nicht aufgeführt) 60 Millionen
Fremdsprachensprecher - mehr als je zuvor in der Geschichte.
Allerdings nimmt Englisch schneller zu und dringt, etwa in der
Diplomatie und bei internationalen Organisationen, zunehmend in
Bereiche vor, in denen früher Französisch dominierte:
"According to a recent issue of the Union of International
Associations' Yearbook, there are about 12,500 international
organizations in the world. A sample showed that 85% made official
use of English - far more than any other language. French was the
only other to show up strongly, with 49% using it officially."
(Crystal 1999:5 f.; vgl. auch anon. 1999:21 und Phillipson 1992:33
und 102) Die Rolle des Deutschen ist nicht ganz so bescheiden, wie es
der vorletzte Platz in dieser Tabelle suggeriert: "[...] for the
foreseeable future, English is likely to continue to be the most
useful language of wider communication throughout the world, and
particularly in Europe, with German a distant second, useful
primarily in Europe." (Conrad 1996:17)
ñ
Der wichtigste Grund für die Verbreitung einer jeden internationalen Sprache ist militärische und wirtschaftliche Macht (weitere Gründe vgl. K.-H. Stoll 1999a:15). Abb. 2 gibt eine Vorstellung von der Wirtschaftskraft hinter den Sprachen.

Hier habe ich die Bruttosozialprodukte der sechs anglophonen Staaten (USA, Großbritannien, Irland, Kanada, Australien und Neuseeland) addiert sowie die aller spanischsprachigen Länder, die der Volksrepublik China, Hongkongs und Taiwans sowie die aller arabischen Staaten. Die Summe für die sechs Anglophonen ist mehr als doppelt so hoch wie die mit jeder anderen Sprache verbundene. Zudem ist auf diesem Diagramm z.B. Indien für Hindi vereinnahmt, aber 1. kann weniger als die Hälfte der Inder Hindi, und 2. ist das Englische für die indische Wirtschaft von größerer Bedeutung.
Insgesamt erwirtschaften Leute, die Englisch,
Japanisch oder Deutsch sprechen, 60% des weltweiten
Bruttosozialprodukts, zählt man Spanisch und Französisch
dazu, sind es 75%.
ñ
Zwischen 1950 und ´94 ist der Welthandel um das 14fache gestiegen, während die weltweite Produktion nur um den Faktor 5,5 zunahm (vgl. Conrad 1996:29). Abb. 3 zeigt die Summen aus Exporten und Importen in Mrd. US $.
Hier wird der Vorsprung der anglophonen Länder noch deutlicher als beim Bruttosozialprodukt. Dabei zeigt das Diagramm nicht einmal, dass für Japan, die arabischen Länder, Korea, Singapur, Taiwan oder China gilt: "[...] they are all focussed on English as their main lingua franca for their world trade." (Fishman 1994:71) Bemerkenswert ist übrigens auch, dass der Außenhandel der Niederlande zweieinhalbmal so umfangreich ist wie der aller GUS-Staaten oder dass die acht Millionen Österreicher doppelt so viel importieren und exportieren wie die Milliarde Inder.

ñ
Bei
Deutschlands Exporten und Importen (Abb. 4) im Jahr 1998 steht
Frankreich an erster Stelle der einzelnen Länder, die USA und
Großbritannien gemeinsam übertreffen es allerdings. Im
Mittelfeld finden sich übrigens auch die Niederlande und
Belgien/Luxemburg; der Handel mit Benelux ist umfangreicher als der
mit Frankreich. Die dynamischsten Entwicklungstendenzen des letzten
Jahrzehnts lagen in den Beziehungen zu den Ländern Mittel- und
Osteuropas; die Exporte Deutschlands in diese Region stiegen 1990-98
von 21,8 Mrd. auf 111,8 Mrd. DM, die Importe von 21,8 Mrd. auf 82,8
Mrd., d.h., das Handelsvolumen übertrifft bereits das mit
Frankreich erwirtschaftete (vgl. Jung 1999:46). ñ
Die Zunahme an Bildungsmöglichkeiten fördert Mehrsprachigkeit, und davon profitiert in erster Linie das Englische. Heute können" (nach eigener Einschätzung) 49% der Bevölkerung in den alten und 26% in den neuen Bundesländern diese Fremdsprache (vgl. Der Spiegel 17/1998:124). Bei Leuten mit höherem Schulabschluss sind es im Westen 94%, im Osten 54% (vgl. Ammon 1998a:283). In der EU sprechen als Muttersprache (in Klammern als Fremdsprache) 25% Deutsch (9%), je 16% Englisch (33%), Französisch (15%), Italienisch (2%) und 9% Spanisch (5%) (Abb. 5).

Derzeit lernen in Europa als Fremdsprache: 60% der Schüler Englisch, 30% Französisch und 5% Deutsch. Das British Council erwartet für das Jahr 2000 eine Milliarde Englischlerner in den 109 Ländern, in denen es vertreten ist (vgl. Ammon 1998a:103). Das Land mit der gewaltigsten Zuwachsrate ist derzeit China (vgl. Rubal-Lopez 1996:38); in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion lernen 50 Millionen Englisch (vgl. Crystal 1997:103); selbst ein Land wie Algerien hat 1996 Französisch als erste Fremdsprache in den Schulen durch Englisch ersetzt (vgl. Crystal 1997:115).
Nach einer UNESCO-Statistik von 1997 absolvierten in den Jahren 1993-95 weltweit 1,5 Millionen Studierende ein Auslandsstudium; davon 44% in anglophonen Gastländern - wobei Australien, Irland und Kanada die höchsten Steigerungsraten aufwiesen, Großbritannien eine Abnahme um 4%. Je 11,5% Ausländer studierten in Frankreich bzw. Deutschland plus Österreich, alle anderen Zielländer beherbergten jeweils einen Anteil von weniger als 5%. An den Universitäten der Niederlande ist Englisch als Medium der Lehre weit verbreitet, in Deutschland gibt es dazu Ansätze (vgl. Ammon 1998b:passim).
An den Colleges in den USA erwirbt man in den
üblichen zwei Jahren Fremdsprachenunterricht nur elementare
Kenntnisse, und auch dies nimmt ab: "Overall demand for foreign
languages is down - enrolments per 100 students have dropped from
16.1 in 1960 to 7.6 in 1995. Spanish is taking over from French and
German." (GLOBAL ENGLISH NEWSLETTER 5, 1999) Der Anteil
der Deutsch-Studierenden an den Fremdsprachenlernern in US Colleges
sank von 19,2% im Jahr 1968 auf 8,5% im Jahr 1995: Der
weltbekannte und vielberedete language gap der Amerikaner [...] hat
diese ganze Nation in dieser Beziehung faul gemacht."
(Domaschenew 1994:38) Auch in Großbritannien, "a country
which is notoriously deficient in foreign language learning and
teaching" (Phillipson / Skutnabb-Kangas 1994:80), sinkt derzeit
die Zahl der Fremdsprachenlerner. Faulheit rächt sich: "[...]
a third of British exporters miss opportunities because of poor
language skills." (Crystal 1997:16)
ñ

Der Anteil englischsprachiger Bücher an der
weltweiten Buchproduktion (Abb. 6) ist mehr als doppelt so hoch wie
der in jeder anderen Sprache. Deutsche Bücher stehen immerhin an
dritter Stelle. Englische Bücher werden in 60 Ländern
publiziert, die meisten, über 100.000 Titel p.a., in
Großbritannien (vgl. Graddol 1997:9), dann kommen natürlich
die US, schon an dritter Stelle folgt Indien (vgl. Phillipson
1992:30). Englische Zeitungen werden in 84 Ländern
veröffentlicht, wobei die höchsten Steigerungsraten in
Afrika und Asien zu verzeichnen sind (vgl. Rubal-Lopez 1996:42 f.) .
ñ
- Buchübersetzungen ins Deutsche
Beim Anteil der im Jahr 1997 aus den jeweiligen Sprachen ins Deutsche übersetzten Bücher (Abb. 7) steht Englisch mit 73% einsam an der Spitze, dann folgen Französisch mit 9,4%, Italienisch mit 3,3% und Niederländisch mit 2,7% (vgl. Forschung & Lehre 9/98:450). Erstaunlicherweise werden aus dem Lateinischen mehr Bücher übersetzt als etwa aus dem Arabischen, Japanischen oder Portugiesischen.

Im Bereich Belletristik wurde die Zahl von 1981
Büchern aus dem Englischen ins Deutsche gebracht, aus dem
Französischen 216, dem Italienischen 103, dem Spanischen 71, dem
Niederländischen 49, dem Russischen 43, dem Schwedischen 28, dem
Portugiesischen 22, dem Japanischen 15 und dem Lateinischen 5.
Erfahrungsgemäß ist ein großer Teil dessen, was vom
Börsenverein des Deutschen Buchhandels unter Belletristik"
subsumiert wird, Trivialliteratur. Das an den Universitäten so
oft gelehrte Übersetzen ernsthafter Literatur ist offenbar ein
wirtschaftlich negligeables Segment des gesamten Übersetzungsmarkts
(dass es zudem schlecht bezahlt wird, sei am Rande erwähnt).
ñ
Wissenschaftliche Publikationen

ñ
Bei
Publikationen in den naturwissenschaftlichen Fächern Biologie,
Chemie, Physik, Medizin und Mathematik (Abb. 8) lagen die
prozentualen Anteile der Sprachen Englisch, Deutsch und Französisch
zu Beginn des Jahrhunderts ungefähr gleichauf; um 1910/1920 nahm
das Deutsche die erste Stelle ein - Où sont les neiges? 1996
hatte Englisch einen Anteil von 90,7%, Französisch von 1,3% und
Deutsch von 1,2%: Die Spitzenforschung spricht Englisch."
(Ammon 1998b:221) Am meisten anglisiert sind die theoretischen
Naturwissenschaften. Die Nischensprache" Deutsch spielt
international noch eine Rolle in Orchideenfächern"
wie Finno-Ugristik und Assyriologie, außerdem - wenngleich hier
der Anteil englischer Publikationen durchweg über 50% liegt - in
Klassischer Archäologie und Philologie, Theologie,
Musikwissenschaft und Philosophie (vgl. Ammon 1998a:415 f. und
1998b:170-179).
Darüber hinaus ist Englisch die lingua franca
universalis von Wirtschaft, Politik, Tourismus und
Kommunikationsindustrien. Insgesamt können" etwa
anderthalb Milliarden, ein Viertel der Weltbevölkerung, diese
Megasprache (vgl. Graddol 1997:10 f.) - im Vergleich zu nur"
1,1 Milliarden mit Chinesisch. "Never before in human history
has one language been spoken (let alone semi-spoken) so widely and by
so many." (Fishman 1998-99:26) Englisch verschafft Zugang zu
internationaler Information und Kommunikation, ist "lingua
franca of a global elite" (Graddol 1997:38), Statussymbol,
Voraussetzung für soziale und geographische Mobilität.
ñ
Das global village liegt in Terranglia.
Aber: Ein "triumphalist thinking" der
Englischsprachigen, wie David Crystal (1997:16) es kritisch nennt,
ist fehl am Platze, denn Hand in Hand mit anglophoner Globalisierung
gehen - auch sprachliche - Regionalisierung, Differenzierung,
Fragmentarisierung.
ñ
- Menschenrecht auf Muttersprache
Kaum jemand, der Englisch als internationale Verkehrssprache benutzt, gibt im familiären oder regionalen Bereich seine Muttersprache auf. Je offener die Welt wird, desto mehr suchen die Menschen nach Halt, Schutz und Identität in ihrer nahen Umgebung. Heute sind weltweit 1.200 (der 6.700 existierenden) Sprachen standardisiert (vgl. Fishman 1998-99:32; Graddol 1997:39); die Bibel wurde in über 1.400 Sprachen übersetzt; Geschäftsleute gehen von dem Motto aus: "Think globally, act locally." Literaten, Entwicklungshelfer und Missionare setzen auf lokale Sprachen. Im Internet findet man Diskussionsgruppen z.B. zu Hawaiian Pidgin oder verschiedenen Indianersprachen.
Und es erhebt sich Widerstand gegen die Dominanz des Englischen wie anderer großer Sprachen - auch in Großbritannien (vonseiten der Waliser und Schotten, aber auch der Immigranten aus Indien/Pakistan und der Karibik) sowie in den USA (wo über 23 Millionen nicht-englischer Muttersprachler mit über 300 Sprachen leben). Der "linguistic imperialism" oder "linguicism" ( Phillipson 1992:54-56) wird des Linguizids, der Glottophagie, des "linguistic cannibalism" (Phillipson 1992:106) beschuldigt; es erhebt sich der Ruf nach "linguistic human rights" (vgl. z.B. Phillipson 1992:93-98), dem Menschenrecht auf die Muttersprache.
Und in der Tat bestehen enge Beziehungen zwischen
sprachlichem und politischem Dominanzstreben, wie z.B. schon der
volle Name der 1883 begründeten »Alliance française
pour la propagation de la langue française dans les colonies
et à l´étranger« andeutet. Das British
Council wurde 1934 etabliert, "to counteract cultural propaganda
on the part of Nazi Germany and Fascist Italy" (Phillipson
1992:35; vgl. auch 137-152), insbesondere im Nahen Osten, auf dem
Balkan und in Südamerika. Auch die Germersheimer Staatliche
Dolmetscherhochschule wurde ausdrücklich als »instrument
de pénétration de notre culture« (zitiert nach
Schunck 1996:40) 1947 von der französischen Militärregierung
ins Leben gerufen. Sprachenpolitik ist auch Außenpolitik
und Wirtschaftspolitik. [...] Wer in internationalen Beziehungen
seiner Sprache Geltung verschaffen kann, hat Vorteile im regionalen
oder globalen Wettbewerb." (Stark 1999:Kap. 8, 6)
ñ
Bezüglich des Widerstands gegen das Englische erfahren wir immer wieder Details vom hehren staatlichen Kampf gegen das Franglais. Seit Mai 1994 droht das »Loi Toubon« mit Geldstrafen von bis zu 6.000 DM bei Verwendung des Englischen z.B. in der Werbung. Der polnische Senat hat im August 1999 ein Gesetz verabschiedet, das Bußgelder bis zu 50.000 DM für die öffentliche Benutzung von nicht-polnischen Begriffen vorsieht (vgl. Möbius 1999) - seither amüsiert sich die Nation über die Frage, wie sex shop" wohl auf Polnisch heißen solle (vgl. GLOBAL ENGLISH NEWSLETTER 5, 1999). Der von dem Dortmunder Wirtschafts- und Sozialstatistiker Walter Krämer Ende 1997 gegründete und schnell auf sechstausend Mitglieder angewachsene Verein zur Wahrung der deutschen Sprache" (VWDS) (vgl. Möbius 1999) kämpft gegen Denglisch" bzw. Engleutsch" und will die
,Sanderisierung (nach der [...] Modeschöpferin Jil Sander, die sich in einem FAZ-Interview als ganz besonders ,contemporary ausgab, da sie ,das future-denken habe, weshalb ihre ,audience sie auch ,supporte) [...], dieses ganze pseudo-kosmopolitische Imponiergefasel [...] in seiner ganzen Peinlichkeit entlarven. (Krämer 1998:418)
In Ländern wie Indien, Nigeria oder Kenia dient die Dominanz des Englischen in Wirtschaft und Politik natürlich auch dem Machterhalt der herrschenden Eliten: "In post-colonial countries [...] English-medium education provides one of the mechanisms of distributing social and economic power." (Graddol 1997:38) Folglich benutzt der Kenianer Ngugi wa Thiong´o, der mit englisch geschriebenen Romanen bekanntester ostafrikanischer Autor wurde, seit einigen Jahren nur Gikuyu, a) um seine Landsleute zu erreichen und b) aus ideologischem Protest gegen neokolonialistische Dominanz und Ausbeutung, die für ihn einhergehen mit dem Gebrauch des Englischen als Sprache der kenianischen Helfershelfer des westlichen Monopolkapitalismus. Frühere Gikuyu-Werke übersetzte er selbst ins Englische, seinen letzten Roman, Matigari, ließ er übersetzen.
Es gibt nicht nur Widerstände gegen die Dominanz
des Englischen, sondern auch anderer Sprachen. Das ehemalige
Jugoslawien wie die Sowjetunion sind auch sprachlich zerfallen. In
Riga beträgt der russische Bevölkerungsanteil zwar 52%, man
sieht aber kaum einen kyrillischen Buchstaben. Für Ausländer
empfiehlt sich bei Kommunikationsversuchen Englisch oder Deutsch.
ñ
- Muttersprachenprinzip und Ziellandprinzip
Die Niederlassungsfreiheit in der EU, die Öffnung Mittel- und Osteuropas sowie die Globalisierung der Wirtschaft haben in Deutschland zu drastischen Veränderungen im Angebot geführt. Früher gab es fast nur deutsche Übersetzer und Dolmetscher, heute herrscht eher das Muttersprachenprinzip: Translationen ins Englische, Französische oder Russische werden von Engländern, Franzosen oder Russen angefertigt. Im Bereich Russisch tobt übrigens seit einigen Jahren ein ruinöser Preiskampf wegen des Überhangs an Übersetzern aus den neuen Bundesländern, zahlreichen Spätaussiedlern sowie des relativ geringen Bedarfs. Russland ist politisch eine Weltmacht, sein Bruttosozialprodukt entspricht dem von allen 48 Ländern südlich der Sahara zusammen - allerdings ist Belgiens Bruttosozialprodukt ebenso groß wie das dieser 48 Länder. Helmut Schmidt in einem Leitartikel der Zeit: Russland hat zwar zwanzigmal so viele Einwohner wie die Schweiz, das russische Sozialprodukt ist aber kleiner als das schweizerische." (1998:1) Nur 2% der deutschen Exporte gehen nach Russland - da gibt es keinen großen Translationsbedarf. Etablierte Russisch-Übersetzer waren gezwungen, ihre Spezialisierung ganz aufzugeben und sich z.B. auf die Vermarktung britischer Mobiltelefone in Deutschland umzuschulen. Wie ich höre, setzt sich allerdings in letzter Zeit bei manchen Bedarfsträgern die Erkenntnis durch, dass die billigsten Angebote nicht notwendigerweise die preiswertesten sind.
Die zunehmende Anwesenheit von Ausländern auf dem deutschen Markt erzeugt Probleme der Bewertung ihrer sehr unterschiedlichen Qualifikationen und Leistungsfähigkeit. Die Ausbildungsstätten sind hier aufgefordert, Informationen über ausländische Studiengänge zu sammeln, Instrumentarien der Überprüfung, Anerkennung, Aus- und Weiterbildung zu etablieren.
Die Durchsetzung des Muttersprachenprinzips führt auch dazu, dass für viele deutsche Translatoren die Arbeitgeber der Zukunft (und z.T. sie selbst) in Finnland, Südamerika oder Japan ansässig sein werden. Großfirmen und Übersetzungsagenturen ergänzen allerdings das Muttersprachenprinzip durch das Ziellandprinzip: Muttersprachler übersetzen grundsätzlich in ihrem eigenen Land, so dass ihre soziokulturelle Einbindung in das Umfeld der Zielsprache gesichert bleibt. Probleme mit der Ausgangssprache (wenn z.B. ein Spanier nicht weiß, was er mit Begriff 630-Mark-Gesetz" anfangen soll) werden im Intranet des Unternehmens durch Networking mit Kollegen in Deutschland behoben.
Die Durchsetzung des Muttersprachenprinzips ist
grundsätzlich zu begrüßen. Idealiter würde es
beinhalten, dass jedes Land im eigenen Interesse nicht nur einen
entscheidenden Teil der Ausbildung eigener Bürger übernimmt,
die aus verschiedenen Fremdsprachen in die Landessprache übersetzen
und dolmetschen, sondern auch derjenigen Ausländer, die
Translationen aus dieser Sprache in ihre jeweiligen eigenen
Muttersprachen anfertigen. Die Pflicht [zur] translatorischen
Grundversorgung", wie C.I.U.T.I.-Präsident Forstner das
nennt (1999:85), entspricht einer alten Forderung der »Conférence
internationale permanente d´Instituts Universitaires de
Traducteurs et Interprètes«, ist aber noch weit von
einer Umsetzung entfernt (vgl. Forstner 1999:84-86).
ñ
- Mehr Translationen in mehr Sprachen
Die Globalisierung der Wirtschaft erfolgt über das Englische - aber die so in Gang gekommene Kommunikation erhöht den internationalen Absatz. Der Bedarf an Werbung, Produktdokumentationen und Gebrauchsanweisungen aus und in zunehmend mehr Sprachen wird immer umfangreicher, differenzierter.
Die USA sind die Heimat des Internet, dessen Sprache ist (noch) zu 80% Englisch (vgl. Crystal 1999:11), schon derzeit aber befinden sich 40% der Nutzer in anderen Ländern. Dort sind die Steigerungsraten wesentlich höher: "[...] last year, it grew 200 percent in Brasil, up to 300 percent in India, and over 500 percent in China." (Fishman 1998-99:33) Insgesamt beträgt die Steigerungsrate 70% p.a. gegenüber 43% in den USA (GLOBAL ENGLISH NEWSLETTER 4, 1988). Folglich wächst die Vielsprachigkeit des Mediums, z.B. gibt es derzeit schon Usenet Gruppen in mehreren hundert Sprachen (vgl. Crystal 1999:12). "The global language-translation market on the Web is expected to grow from $10.3 billion in 1998 to $17.3 billion by 2003 [...] a company with a Web site translated into German, Spanish, Japanese, French, Italian, Portuguese and English can reach 93 percent of the online population." (Cohen / Ward 1998) In Europa hat der E-Commerce" derzeit eine jährliche Wachstumsrate von über 40%, und "multilingual sites are hot"! (Cohen / Ward 1998) Softwarefirmen wenden für die Internationalisierung und Lokalisierung ihrer Programme bis zu 20mal soviel auf wie für die eigentliche Softwareentwicklung; das Textverarbeitungsprogramm Word", welches fast 2.500 Seiten umfasst, ist in 35 Sprachen verfügbar (vgl. Zimmer 1999:38). "The logic of globalisation is to sell more widely by localising products." (Graddol 1997:49)
Die anglophone Globalisierung der Märkte führt
also zu mehr Translation im Englischen und in vielen anderen
Sprachen. "There has never [in human history] been such a strain
placed on the conventional resources of translating and
interpreting." (Crystal 1997:12) In Deutschland werden jährlich
über 30 Millionen Seiten Übersetzungen produziert, in den
EU-Staaten 100 Milionen; weltweit hat der Markt ein Volumen von 200
Millionen Seiten (Schmitt 1998:5). Die Wachstumsrate der
Fremdsprachenindustrien in Europa belief sich 1994-97 auf 55%, die
Zahl der Beschäftigten nahm allerdings nur um 18% zu - ein
Hinweis auf die enorme Produktivitätssteigerung durch den
Einsatz elektronischer Hilfsmittel. Von 1997 bis 2004 ist nach der
von der EU-Kommission in Auftrag gegebenen, 1999 veröffentlichten
ASSIM Study ein Umsatzwachstum von 47% zu erwarten; bei einigen
Sprachen wie Ungarisch oder Polnisch verdoppelt sich das
Übersetzungsaufkommen alle zwei Jahre.
ñ
In der EU sind alle 11 Amtssprachen gleichberechtigt,
d.h., man arbeitet dort mit 110 Sprachenpaarkombinationen: Jeder
Unionsbürger muss sich in seiner Landessprache informieren und
äußern können." (Amt für amtliche
Veröffentlichungen der Europäischen Gemeinschaften 1998:4)
In der geltenden Fassung der Bestimmungen der Verordnung Nr. 1
des Rates von 1958 zur Regelung der Sprachenfrage" (vgl. Amt für
... 1998:5) ist festgelegt, dass Schriftstücke eines jeden
Bürgers an die EU-Organe in jeder Amtssprache seiner Wahl
abgefasst werden können und in derselben Sprache zu beantworten
sind. Rechtsakte müssen in den nationalen Amtssprachen aller
Mitglieder verfügbar sein. Dieses Recht wurde 1997 in den
Vertrag von Amsterdam aufgenommen und erhielt damit gewissermaßen
Verfassungsrang." (Amt für ... 1998:4) Der
Übersetzungsdienst der EU-Kommission produzierte im Jahr 1997
eine Million Seiten. Am häufigsten sind Übersetzungen ins
Deutsche, und da aus dem Englischen und Französischen (Abb. 9).

Die EU unterhält seit 1973 die terminologische Datenbank Eurodicautom mit mehr als 1,2 Millionen Begriffen in mehreren Sprachen. Insgesamt sind dies etwa 5 Millionen Benennungen, etwa 300.000 davon sind Abkürzungen und Akronyme. [...] Die Datenbank ist über das Internet auch externen Benutzern zugänglich." (Amt für ... 1998:8) Anfang 1998 begann der Übersetzungsdienst der Kommission mit der Einführung eines Translation Memory Programms. Für grobe Informationen über den Inhalt eines Textes steht das Übersetzungssystem Systran zur Verfügung, das bis zu 2.000 Seiten pro Stunde bearbeiten kann. Es funktioniert am besten vom Französischen ins Englische und Spanische, vom Englischen ins Französische und Spanische sowie vom Französischen ins Italienische. Für Deutsch sind die Kombinationen mit Englisch und Französisch in beiden Richtungen verfügbar (vgl. Amt für ... 1998:10).
Die EU hat mit 3.500-4.000 beamteten Linguisten", darunter etwa 900 Dolmetschern (vgl. Brackeniers 1996:12), den weltgrößten Sprachendienst. Der Gemeinsame Dolmetscher-Konferenzdienst beschäftigt 450 fest angestellte und zahlreiche freiberufliche Dolmetscher. Nur wenige Sitzungen werden nach der Vollsprachenregelung bedient. Meist wird aus allen Amtssprachen in drei Arbeitssprachen gedolmetscht. Dabei wird unterstellt, dass alle Sitzungsteilnehmer zumindest eine dieser drei Sprachen verstehen können." (Volz 1994:90) Beim Ministerrat werden pro Sitzung durchschnittlich 17 Dolmetscher eingesetzt; bei Plenar-, Fraktions- und Ausschusssitzungen des Parlaments wird aus allen Sprachen in alle gedolmetscht (vgl. Schloßmacher 1997:107-119).
Seit Herbst 1999 gibt es 12 offizielle EU-Beitrittskandidaten. Geht man davon aus, dass Malta und Zypern keine eigenen Amtssprachen einbringen, wird es in absehbarer Zeit 21 Amtssprachen - und damit 420 Sprachenpaarkombinationen geben! Mit jeder neuen Sprache müssen 250-300 Linguisten" neu eingestellt werden (vgl. Brackeniers 1996:13). Selbst bei ausgiebigem Einsatz von Relaisdolmetschen würde die Zahl der Dolmetscher die der Sitzungsteilnehmer oft um ein Vielfaches übersteigen.
Selbstverständlich gibt es Bestrebungen, die
Sprachenvielfalt einzuschränken. Im Alltag der EU-Verwaltung
dominieren seit dem Beitritt Großbritanniens 1973 Französisch
und Englisch; Deutsch liegt mit weitem Abstand auf Platz drei. Nach
Studien von 1991 und 94 wird Französisch noch am häufigsten
benutzt, jüngere Beamte bevorzugen aber Englisch. Im
Europa-Parlament hat das Englische das Französische bereits
überholt (vgl. Haselhuber 1991:42; Schloßmacher
1997:47-92).
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Die Kooperations- und Assoziierungsabkommen der EU mit den Staaten Mittel- und Osteuropas wurden ausschließlich in Englisch verhandelt und paraphiert (vgl. Schloßmacher 1997:174), obwohl in einigen dieser Länder Deutsch die am meisten verbreitete Fremdsprache ist. In internationalen Beziehungen der EU wird Deutsch nicht verwendet. Bei einer Umfrage unter EU-Beamten, auf welche Arbeitssprachen man offiziell reduzieren solle, erhielt die Version Englisch-Französisch-Deutsch die meisten Stimmen, die Parlamentarier allerdings waren eher für eine Beibehaltung des jetzigen Systems eines multilingualen Vollsprachenregimes" (Schloßmacher 1997:159-167; vgl. auch Forstner 1999:77). Die 1999 unter der finnischen Ratspräsidentschaft durchgeführten Versuche Deutschlands und Österreichs, auch bei informellen Treffen eine Dreier-Lösung - notfalls mit Boykotten - durchzusetzen, führten zwar zu einem Einlenken der Finnen; bei der Sitzung der Finanzstaatssekretäre Mitte Oktober im italienischen Kurort Fiuggi stellten sich allerdings die Spanier auf den Standpunkt, wenn man sich schon nicht mit Französisch und Englisch begnüge, dann müsse auch Spanisch gedolmetscht werden, woraufhin die Dolmetscher, mangels Platz für so viele Kabinen im Tagungsraum, in ein entferntes Hinterzimmer ohne Sichtkontakt zu den Rednern verbannt wurden (vgl. Didzoleit 1999:114).
Auffallend ist schließlich auch, dass das sonst immer hochgehaltene ,Sitz-Prinzip bei der Sprachenwahl - also Einbeziehung von Französisch, weil der Sitz der Institution im französischen Sprachgebiet liegt [...], im Falle der Europäischen Zentralbank in Frankfurt keine Gültigkeit mehr hat. Die EZB verwendet praktisch nur Englisch." (Stark 1999:Kap. 8, 13 f.) Dabei gehört Großbritannien nicht der Währungsunion an und nur 10% der Mitarbeiter stammen aus diesem Land (vgl. GLOBAL ENGLISH NEWSLETTER 4, 1998). Es mutet schon seltsam an, wenn bei Pressekonferenzen dieser Institution vor deutschen und in Deutschland akkreditierten Journalisten ausschließlich englisch geredet wird.
Der Europarat hat 40 Sprachen von Minderheiten wie Gälisch, Bretonisch, Katalanisch, Sorbisch und Letzeburgisch anerkannt und in seiner 1992 verabschiedeten Charta für regionale und Minderheitensprachen gefordert, deren Gebrauch in Bildung, Justiz, Verwaltung und Medien zu ermöglichen (vgl. Phillipson 1992:19).
In den Häusern des global village werden viele Sprachen gesprochen. Die "cyber-neighbors" (Austermühl 1999:440) haben Verständigungsprobleme. Und das Dorf wächst über die Grenzen hinaus.
Insgesamt zeichnet sich in der Praxis folgender Bedarf ab: Bei der EU braucht ein Linguist" mindestens drei Fremdsprachen aber nur passiv. Manche freiberufliche Dolmetscher in Deutschland haben sich ausschließlich auf Englisch aktiv und passiv und zudem z.B. auf medizinische Fachkongresse spezialisiert. Bei den meisten kleinen" Sprachen wäre der Versuch einer solchen Spezialisierung illusorisch da sind Allround-Sprachmittler gefragt. Es zeichnet sich nach jüngsten Äußerungen von EU-Beamten ab, dass sogar die EU in Zukunft von ihrem jahrzehntelang geheiligten Muttersprachenprinzip" abzuweichen gedenkt: Von den Linguisten" aus zukünftigen Beitrittsländern wird erwartet werden, dass sie auch aus ihren Muttersprachen in eine oder mehrere der großen" Sprachen dolmetschen oder übersetzen. Schließlich muss in der Praxis bisweilen von einer Fremdsprache in eine andere übersetzt werden - für die bei uns ausgebildeten Ausländer ist dies schon während des Studiums die Regel.
Auch Arten und Zwecke professioneller polyglotter Dienstleistungen werden immer differenzierter: Da gibt es cover-to-cover Maschinenübersetzungen für eine erste Information, pre-editing und post-editing; bei manchen Eilaufträgen gilt: "Quick and dirty is better than perfect and too late." Am anderen Ende des Spektrums stehen Patentschriften, die Satz für Satz von einem Team aus Jurist, Ingenieur und Übersetzern verschiedener Muttersprachen verlesen und durchgesprochen werden. Es gibt formalisierte juristische Amtshilfeersuchen und kreative Internetwerbung, stereotype Geschäftsbriefe und komplexe wissenschaftliche Texte, Untertitelung und Synchronisation von Filmen, Technical Writing, Knowledge Management, Sprachbedarfsermittlung von Unternehmen durch Language Audit sowie Simultanübersetzungen (d.h. zeitgleich mit den Ausgangsdokumenten erstellte). Die Lokalisierung von Software macht heute erst 20% des Marktes aus, hier sind allerdings mit einer Verdreifachung des Volumens binnen fünf Jahren die größten Wachstumsschübe zu erwarten (vgl. ASSIM 1999).
Beim Dolmetschen reicht das Spektrum von spontaner
Hilfe im Urlaub über community interpreting bis zu Kongressen in
Pionierbereichen der Forschung, deren Terminologie in keinem
Wörterbuch zu finden ist.
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Der Arbeitsplatz der Übersetzer hat sich drastisch geändert. Vor 10-20 Jahren imponierten in Übersetzungsbüros Wände voller Fach- und Wörterbücher ("Books do furnish a room!"). Besucht man die neuen Geschäftsräume der Zentrale von Transline International in Reutlingen (mit 150 angestellten und 2000 freien Mitarbeitern in 20 Ländern eines der größten deutschen Unternehmen in der Branche), sieht man nur Computer, kein Buch. Insgesamt gehören für mehr als die Hälfte der Agenturen und Freiberufler in Europa elektronische Wörterbücher und Enzyklopädien, Terminologieverwaltungs- und Translation Memory Systeme sowie der Zugriff auf die Netzwerke der Translationsindustrie zur Standardausrüstung. Dabei sind allerdings laut ASSIM Study die deutschen und österreichischen Übersetzer außer den Griechen in Europa noch diejenigen mit dem umfangreichsten paper support - an erster Stelle unter den on-line Nutzern stehen Belgien/Luxemburg.
Konferenzdolmetscher nutzen während des Simultandolmetschens Terminologie-Datenbanksysteme mit onomasiologischen Suchalgorithmen zur dynamischen Generierung multidimensionaler Sichten aus vorstrukturierten Daten" wie DOLTERM (Ch. Stoll 2000) auf ihrem Notebook und haben auf diesem außerdem Dutzende Bände von Lexika, Enzyklopädien und Fachliteratur für die kurzfristige Vorbereitung im Hotelzimmer oder in der Kabine jederzeit zur Hand.
Die überwiegende Mehrheit unserer Absolventen ist nicht mehr wie dies vor zwanzig Jahren noch die Regel war - auf einen lebenslangen Bürojob bei einer Firma oder Behörde vorzubereiten, sondern auf eine Tätigkeit als Freiberufler oder Mitarbeiter einer Agentur. Die großen Firmen decken ihren gestiegenen Translationsbedarf nur in Sonderfällen (die SAP scheint hierfür ein Beispiel zu sein) durch Aufstockung der festen Mitarbeiter; meist betreiben sie vermehrtes Outsourcing (Daimler-Chrysler z.B. kauft trotz großer in-house-Abteilung zwei Drittel seiner Übersetzungen von außen ein). Gerade im Übersetzerberuf ist heute der Freelancer oft ein E-lancer: Der Teletranslator empfängt, recherchiert, organisiert und erledigt seine Arbeit per Internet und Intranet. Oft trägt er schwer an unregelmäßigen Arbeitszeiten und mangelnder sozialer Absicherung.
Von 1980-94 verfünffachte sich die Zahl der
Übersetzungsbüros in Deutschland auf jetzt 6.000 (vgl.
Schmitt 1998:6). Laut ASSIM Study arbeiten derzeit in Europa ca.
100.000 Translatoren, der größte Teil von diesen, nämlich
82.000, als Freiberufler oder Mitarbeiter von Agenturen. Die Studie
gibt der Translation als cottage industry nur geringe
Überlebenschancen. Angesichts zunehmender Großaufträge
etwa aus Computerbranche, Medizintechnik, Autoindustrie oder Audio-
und Videoproduktion, die sowohl von der Textmenge wie vom Zeitdruck
und der Vielfalt der Zielsprachen her von keiner Einzelperson mehr zu
bewältigen sind, zeigt sich in den letzten Jahren denn auch eine
Tendenz zum Zusammenschluss von Dolmetschern und Übersetzern zu
Teams und Sozietäten. In Deutschland arbeiten ca. 250
freiberufliche Konferenzdolmetscher in einem peer review Netzwerk
zusammen.
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Ein gewichtiger Trend ist die Etablierung von multinational operierenden Übersetzungsagenturen mit bis zu 600 festen Mitarbeitern und zahlreichen Freiberuflern in aller Welt, die sich auf Textaufkommen von vielen tausend Seiten, vielsprachige Lokalisierungen, Multi-Media CD-ROMs oder die Organisation von internationalen Videokonferenzen spezialisiert haben. Diese Investorengruppen treten auf mit professioneller Werbung, operieren mit enormem Kapitaleinsatz für die technische Ausrüstung und verfügen über Spezialisten für Datenverarbeitung, Grafik, Redaktion etc. Unter den größten sind Berlitz Interactive Group, International Communications, Bowne Golbal Solutions und WorldPoint.
Berlitz bietet u.a. 6.000 Dolmetscher für mehr als 200 Sprachen" an wenn man weiß, dass der Internationalen Assoziation der Konferenzdolmetscher AIIC weltweit knapp 2400 Mitglieder in 77 Ländern angehören, schwant einem, was Berlitz wohl unter Dolmetscher" versteht. "WorldPoint, based in Honolulu, claims to link over 6,000 translators around the world." (GLOBAL ENGLISH NEWSLETTER 5, 1999) Die Firma liefert, wie sie selbst amerikanisch bescheiden angibt, Websites in allen Sprachen der Welt. Die eigene Website weist allerdings (nur) 13 Sprachen auf, und der größte Teil dessen, was man - mal unter German", mal unter deutsch" - finden kann, wird eben doch auf Englisch dargeboten. Auf der Homepage von International Communications ist zu erfahren, dass diese durch Systran übersetzt worden sei - und: ICA hat verlagert:", worauf die neue Adresse mit dem Straßennamen WaldWeg" in Dallas, Texas folgt.
Bowne Global Solutions kaufte deutsche, französische und spanische Lokalisierungsunternehmen auf, verfügt weltweit über 18 Niederlassungen und übersetzt in 30 Sprachen. Im amerikanischen Prospekt von 1999 preist sich die Firma vollmundig an als: "[...] the world leader in localization [...] the world´s largest software localization firm [...]. Our highly experienced language specialists [...] are the best in their business". Im deutschen Prospekt fehlen die amerikanischen Superlative; obige Passage wird dort lobenswert pragmatisch wiedergegeben als: Ein erprobtes und erfahrenes Team von Experten [...] arbeitet [...] eng mit Ihnen zusammen." Ganz besonders hebt die Firma ihre Schnelligkeit, Qualitätskontrolle, technische Ausrüstung, Anpassung an die Gegebenheiten der jeweiligen Zielkultur durch Muttersprachler und ihren "market-savvy advice" hervor. Die Niederlassung in Unterhaching beschäftigt 100 fest angestellte (davon 12 Übersetzer) und 500 externe Mitarbeiter.
Einzelne Freiberufler und kleine Büros haben größte Schwierigkeiten, mit diesen Agenturen zu konkurrieren. Andererseits sind bei vielen von ihnen am häufigsten die Aufträge von 1-20 Seiten, und mit so etwas geben sich die großen Agenturen gar nicht erst ab. Außerdem sind Agenturen für den Kunden am teuersten: Nur ein Drittel der Kosten werden tatsächlich für das Übersetzen aufgewendet.
Insgesamt sind in der Praxis immer mehr
Spezialisierung, Internationalisierung und Computerisierung zu
beobachten.
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Welche Auswirkungen der Paradigmenwechsel in der Praxis auf die Gestaltung universitärer Ausbildungsgänge für Übersetzer und Dolmetscher hat, wird am Beispiel des Fachbereichs Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg - Universität Mainz in Germersheim (FASK) dargestellt.
Die umfangreichen Rolle der Computerisierung auch in der Ausbildung kann hier nur sehr summarisch angedeutet werden. Die Beherrschung computergestützter Hilfsmittel und Medien ist für Translatoren selbstverständlich. Heute bieten alle deutschen Ausbildungsstätten Überblicksvorlesungen und praktische Kurse an zu den Vorteilen und Grenzen von Hilfsmitteln wie Terminologieverwaltung, Translation Memory und Maschinenübersetzung. Die Ausrüstung der Universitäten entspricht weitgehend dem Stand der Technik, und wir unternehmen permanent sehr teure Anstrengungen, um nicht hinterherzuhinken. Von den Universitäten entwickelte Systeme der computergestützten Terminologieverwaltung werden von einigen Firmen und Übersetzungsbüros eingesetzt und waren die Grundlage einer Reihe von Wörterbuchpublikationen. Allerdings können wir kaum Schritt halten mit dem Umfang, in dem die führenden Übersetzungsanbieter ihre Dokumentationstechnologie entwickeln. Hier brauchen die Universitäten Unterstützung in Form von Seminaren und Vorstellungen von Systemen durch die Praxis.
Viel zu wenig Gebrauch wurde bisher von Möglichkeiten des Fernunterrichts gemacht, der im Deutschen auch Teleteaching" genannt wird, im englischen Sprachraum aber distance learning heißt. Der virtual classroom via ISDN oder Internet, Websites im Internet und E-mail networks können Studenten und Doktoranden ermöglichen, an spezialisierten Kursen in anderen Ländern teilzunehmen und so das lokale Curriculum zu ergänzen. In Germersheim wird gerade ein Pilotprojekt mit Online-Lehrmaterialien für die Weiterbildung in Terminologiearbeit vorbereitet, das in Zukunft auch z.B. für Sprachkurse oder interkulturelles Training adaptiert werden kann.
Von der Tagung des britischen
Übersetzerverbandes ITI des Jahres 1999 war zu erfahren: "Many
translators dictate their translations to audio typists, as this
allows them to translate several thousand words per day. New
technologies such as multilingual speech recognition could help
enhance their productivity." (GLOBAL ENGLISH NEWSLETTER
5, 1999) Es scheint, als ob das Diktieren von Übersetzungen, das
einzuüben wir vor Jahren zugunsten der manuellen Eingabe am
Computer aufgegeben haben, wieder hochaktuell wird wobei
allerdings ein neuer, effizienzsteigernder, dolmetscherischer Umgang
mit den Texten gelehrt werden müsste (vgl. Ch. Stoll 2000).
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Der Differenzierung und Internationalisierung des Arbeitsmarktes konnte die unseren Studien- und Prüfungsordnungen von 1977 zugrundeliegende Vorstellung von einer einheitlichen Ausbildung für Übersetzer bzw. Dolmetscher nicht mehr gerecht werden. Unsere seit WS 1999/2000 in Kraft befindlichen _ modularisierten Studiengänge ermöglichen eine Aktualisierung, Flexibilisierung und Internationalisierung des Lehrangebots.
Aktualisierung heißt z.B., dass wir gerade
Informatik als neues Ergänzungsfach und als Fachsprachenmodule
(zusätzlich zu Medizin, Technik, Recht, Wirtschaft) eingeführt
haben, Übersetzen für Medien betreiben und dem aktuellen
Bedarf der EU an den Sprachen neuer und zukünftiger Mitglieder
entgegenkommen wollen. Ich denke, wir müssten uns darüber
hinaus auch mehr als bisher um Veranstaltungen zur Förderung
unternehmerischer Fähigkeiten wie Firmengründung,
Finanzierung, Haftpflicht, Qualitätssicherung,
Projektkoordination, PR, Organisation der Rahmenbedingungen beim
Dolmetschen, Marketing und Management bemühen, Bereiche, in
denen sicherlich qualifizierte Referenten aus der Praxis Aktuelleres
und Relevanteres zu sagen haben als altgediente Dozenten. Die
Flexibilisierung des Lehrangebots beinhaltet breitere und
individualisierte Wahlmöglichkeiten für die Studierenden.
Nach den neuen Germersheimer Studien- und Prüfungsordnungen sind
die in jeweils eigenen Modulen angebotenen Studieninhalte (in
Klammern jeweils die Zahl der Module): fremdsprachliche Kompetenz
(4), Kulturwissenschaft (3), Sprach-/Translationswissenschaft (3),
Ergänzungsfach (1), gemeinsprachliches und fachsprachliches
Übersetzen (9). Bei den Dolmetschern treten an die Stelle von
sechs Modulen Übersetzen die sechs Dolmetschmodule. Zu diesen
Pflichtmodulen kommen zwei frei wählbare. Es ist so - im Rahmen
der Regelstudienzeit von neun Semestern - möglich, durch
verschiedene, individuelle Kombinationen z.B. bis zu vier
Fremdsprachen oder drei Ergänzungsfächer zu belegen oder in
einer Sprache das Dolmetscher-, in einer anderen das
Übersetzer-Diplom zu erwerben. Internationalisierung bedeutet
Erleichterung der Anrechnung anderswo erbrachter Studienleistungen
durch ECTS (European Credit Transfer System).
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Die Modularisierung in Verbindung mit ECTS erhöht
die Mobilität der Studierenden, insofern sie sich einzelne
Komponenten auch an verschiedenen nationalen und internationalen
Universitäten zusammensuchen" können. Gefahren
birgt sie, insofern die Ausbildungskomponenten weniger als bisher
vorgegeben sind und die Studierenden Module auswählen könnten,
die den Erfordernissen der Praxis nicht entsprechen (auch in der
Vergangenheit gab es natürlich Studierende mit Kombinationen wie
Arabisch und Chinesisch!) oder bei denen sich die Bedarfssituation
ändert. Hier sind durch verstärkte Einbeziehung von
erfahrenen Vertretern der Übersetzungspraxis wie der
Bedarfsträger Einblicke in die realen und aktuellen
Erfordernisse der Berufswelt zu gewährleisten. Möglichkeiten
lebenslanger Weiterbildung sind imperativ.

Die Internationalisierung des Marktes führte zu einer drastischen Zunahme ausländischer Studierender (Abb. 10); am FASK kommen zur Zeit 44% der 2.500 Studierenden aus 88 Ländern in aller Welt (dabei ist Polen das am stärksten vertretene einzelne Land) - vor 20 Jahren gab es gerade mal 200 ausländische Studierende. Unter den Neuimmatrikulierten des Wintersemesters 1999/2000 beläuft sich der Anteil nicht-deutscher Studierender auf 65%!
Die große Zahl der Studierenden aus dem Ausland suggeriert auf den ersten Blick eine erfreuliche Tendenz, allerdings schafft sie 1. (trotz NC) für unseren Fachbereich große Kapazitätsprobleme, 2. sind viele wirtschaftlich interessante Regionen wie z.B. Indien (9 Studierende), Indonesien (1) oder Japan (0) spektakulär unterrepräsentiert. Anglophone Muttersprachler (d.i. die untere, dunklere Hälfte der grauen Säule) sind zwar in bescheidener Anzahl vertreten, aber viel zu wenige angesichts der Tatsache, dass wegen der weltweiten Dominanz des Englischen viele deutsche Firmen und Behörden händeringend native speakers suchen. Ganze zwei US-Amerikaner haben meines Wissens in der 54-jährigen Geschichte unseres Fachbereichs das Dolmetscherexamen bestanden!
Allein in Europa gibt es derzeit 152 akademische Institutionen, die sich auf die Ausbildung von Translatoren spezialisiert haben, mit einer Gesamtzahl von 44.000 Studierenden. Weltweit existieren ca. 300 Ausbildungsstätten. Nur 26 von diesen erfüllen allerdings die Aufnahmekriterien für eine Mitgliedschaft in der C.I.U.T.I. In aller Welt werden derzeit neue Ausbildungsprogramme eingerichtet. Meist gehen diese aus philologischen Fakultäten hervor und haben zunächst ein philologisch ausgebildetes Personal. Die Erfahrungen der etablierten Ausbildungsstätten, insbesondere in den Bereichen Translationswissenschaft und -didaktik, Kulturwissenschaft sowie computerunterstütztem Übersetzen werden durch Partnerschaften mit Dozenten- und Studierendenaustausch weitergegeben. Promovenden aus Ägypten, Ghana, Indien, Island, der Türkei, den USA haben in Germersheim einschlägige Dissertationen verfasst bzw. arbeiten daran.
Wenn in Polen und Finnland keine Translatorenausbildung für Portugiesisch oder Neugriechisch existiert (und aufgrund des geringen Bedarfs auch nicht etabliert werden kann), EU und Wirtschaft aber polnische und finnische Muttersprachler mit solchen Fächern suchen, ergibt sich für Deutsch-Translatoren die Möglichkeit, bei der Vertiefung ihrer Deutschkenntnisse in Germersheim eine zusätzliche Diplomprüfung für Portugiesisch oder Neugriechisch abzulegen (oder zumindest Bescheinigungen über die Teilnahme an Modulen in Sprachkompetenz zu erwerben und sich auf dieser Basis dann vielleicht nach Portugal oder Griechenland weiterzuhangeln). Germerheimer Studierende, die Polnisch oder Finnisch als Diplom-Fach oder Sprachmodul gewählt haben, sollten wiederum in Polen oder Finnland eine sprachliche und kulturwissenschaftliche Vertiefung erlangen. Es gilt also, die internationale Zusammenarbeit der Ausbildungsstätten in Zukunft noch beträchtlich zu intensivieren, mehr Fernkurse und andere Fortbildungsmöglichkeiten anzubieten.
Die nächstliegende Aufgabe für den Fachbereich besteht darin, möglichst bald international bekannte Abschlüsse wie den Bachelor und den Master anzubieten.
1. Ein B.A. nach sechs Semestern, bei dem die C-Sprache (Zweite Fremdsprache) nur noch passiv betrieben wird, käme der Internationalisierung des Berufs entgegen: Studierende aus Brasilien oder China sind eben nicht in Deutschland, um sich außer mit Deutsch intensiv mit Französisch oder Arabisch zu befassen; sie streben meist einen Abschluss im Deutschen mit (passiven) Grundkenntnissen im Englischen an.
2. Ein Master-Grad nach neun Semestern könnte
z.B. Module in Translationsdidaktik, Sprachdatenverarbeitung,
Vertiefung des Ergänzungsfachs oder Fachsprachenforschung
beinhalten. Und wir sollten den internationalen Standard einer
postgraduate Dolmetscher-Ausbildung erfüllen, indem wir einen
Master-Abschluss im Konferenzdolmetschen entwickeln.
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- Kompetenzen des Translators

Abb. 11: Übersetzer
früher
Das Bild des Übersetzers der Gegenwart und Zukunft sieht anders aus als das, welches manche verinnerlicht haben. Heutige Übersetzer brüten nicht in einer Bibliothek über theologischen oder literarischen Texten, einen Leu zu Füßen wie Hieronymus, der Wappenheilige des Germersheimer Fachbereichs (Abb.11), ein Tintenfass gegen die Wand werfend wie Luther oder periodisch vor dem Photo des zu übersetzenden Genies die Zunge herausstreckend wie der Joyce-Übersetzer Wollschläger, noch sind sie die grauen Mäuse im Hinterzimmer mit der Funktion ambulanter Wörterbücher. Erfolgreiche Übersetzer sind vielmehr Leute, die mit allen verfügbaren Computer-Tools die Verarbeitung riesiger Textmengen Software-Lokalisierung und E-Commerce managen (Abb. 12).
Abb. 12: Übersetzer heute
Der typische Dolmetscher ist kein schillernder Paradiesvogel mit sagenumwitterter Vergangenheit, der in acht Sprachen vorwärts und rückwärts Kriege verhindert und mit brillanter Rhetorik Staatsoberhäupter aus brenzligen Situationen herausmanövriert, sondern ein solider Arbeiter auf wissenschaftlichen Fachkongressen, der für einen neuen Kongress ein Glossar von 1.000-2.000 Begriffen zu bewältigen hat (vgl. Ch. Stoll 2000).
Aber: Ist dies wirklich das ganze Bild? Hätte ich, wie oben, von Marktlage und Funktionswissen her argumentierend, vor 25 Jahren den Translator der Zukunft gezeichnet, wäre ein fest angestellter Spezialist für Stahlreduktion oder Kernkraftwerksbau mit Russisch und Englisch herausgekommen - und der ist heute arbeitslos oder hat sich gründlich umorientiert. Was also ist das Bleibende in diesem Beruf, das ein Universitätsstudium vermitteln kann?
Translatorische Kompetenz baut sich auf aus Sprachbeherrschung, Kulturwissenschaft, Sprach-/Translationswissenschaft, Ergänzungsfach sowie Übersetzen bzw. Dolmetschen. Theoretische Fundierung und wissenschaftliche Methodik bei der Vermittlung dieser Bereiche bieten die Voraussetzung für ein selbstständiges Einarbeiten in weitere. Was meine bisherigen Ausführungen vernachlässigt haben, ist die Rolle der Kulturwissenschaft. Laut Germersheimer Studienordnung bietet sie eine Verzahnung der Sprachbeherrschung mit theoretisch fundierten Kenntnissen in Kultur und Gesellschaft im Bereich von Grund- und Fremdsprachen, vornehmlich im Hinblick auf Texte neuerer Epochen." Ich denke, hier geht es vor allem um die Vermittlung von Orientierungswissen ich habe nichts dagegen, ganz altmodisch Bildung zu sagen. Texte aus verschiedenen Kulturen vermitteln verschiedenartige Konzepte und Werthaltungen, "[...] the subject of cultural studies is value, or rather, many values and the way in which values themselves are symbolized and rendered tangible by human making." (Inglis 1993:130) Das interkulturelle, plurale Orientierungswissen des Translators erwächst aus einer Desorientierung, einer Relativierung und Dezentrierung überkommener persönlicher, nationaler, eurozentristischer Haltungen und Vorurteile.
Der Grund für Beschäftigung auch mit Literatur im Rahmen eines Translationsstudiums ist für mich nicht die Gefahr, dass ein Dolmetscher bei einer Atomrechtskonferenz eine Anspielung auf Shakespeares Tempest überhören oder ein Übersetzer mit dem neuesten Roman des Nobelpreisträgers Wole Soyinka betraut werden könnte. Allerdings sind Dramentexte von Harold Pinter, Edward Bond oder Wole Soyinka als Quellen für das Studium gesprochener zeitgenössischer Varietäten der englischen Sprache leichter verfügbar als z.B. Tonbandaufnahmen von einem Markt in London oder Lagos. Der wichtigste Grund aber ist die Tatsache, dass in der Literatur komplexe Lebenswelten, Wertungen, kollektive Sinndeutungen, rekurrente Wertvorstellungen und nationale Mythen fassbar werden. Sie bietet einen direkten Zugang zu fremden Kulturen und Mentalitäten und damit auch zur Erweiterung der eigenen Persönlichkeit: "Without a doubt literature actually provides the liveliest, most imaginative and most complex connection between language and reality. Appealing and stimulating in its palpability, a literary text offers a personal, psychologically profound and thereby a livelier approach to a foreign world than an expository text." (Stilz 1987:103)
Die Konstante im schnelllebigen Wandel der fachlichen Facetten des Berufsmarkts scheint mir die Suche nach interkulturell kommunikationsfähigen und -bereiten Persönlichkeiten, die nachvollziehen können, was Menschen in verschiedenen Ländern und Kulturen umtreibt. Sich in die Perspektiven anderer zu versetzen ist eine Voraussetzung von Übersetzen.
Das global village liegt in Terranglia, aber in den Häusern werden viele Sprachen gesprochen. Die "cyber-neighbors" haben Verständigungsprobleme, und das Dorf wächst über die Grenzen. Wir wollen Leuten helfen, ihren Weg im Dorf zu finden und keine "global village idiots" (Schwend 1997:264) zu werden.
Anmerkung:
Crystal
(1997:133) schätzt die Zahl der Englischsprachigen in Indien
höher als die Encyclopædia Britannica, nämlich
approaching 50 million [...], within the next generation there
will be more speakers of English in India than there will be in
Britain.
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[WWW-Adresse:
Http://www.fask.uni-mainz.de/fbpubl/fax/Modul/zukunft.htm
- 26.05.2000 - HTML-Version:
D. Díaz P. ]