Englisch Muttersprache

Amtssprache oder halboffizielle Sprache



Seit dem 13.10.99 sind wir 6 Mrd. Menschen auf der Welt.

Davon "können" 1½-2 Mrd. EN - bzw. etwas, was sie für EN halten. EN wird in rund 60 Ländern täglich benutzt von 340 Mio. als Muttersprache und von 400 Mio. als Zweitsprache. Für 1,7 Mrd. Menschen ist es offizielle Landessprache; die 3 ebenfalls weltweit verbreiteten Sprachen: FR, AR und SP, erreichen alle zusammen nur die Hälfte dieser Zahlen.

Die Proportionalkarte oben zeigt EN als Mutter-, Amts- oder halboffizielle Sprache. Die Größe der Länder entspricht dem Anteil ihrer Gesamtbevölkerung an der Weltbevölkerung. Darüberhinaus – und das ist kaum in einer Graphik zu erfassen - ist EN die lingua franca universalis von Wirtschaft, Politik, Tourismus, Wissenschaft und Kommunikationsindustrien. 80% der Texte im Internet sind EN. Bei internationalen Konferenzen wird fast nur noch EN verwendet. Alle Verträge zwischen der EU und den neuen Beitrittskandidaten in Mittel- und Osteuropa wurden auf EN verhandelt und abgefaßt.

Das global village liegt in Terranglia.

Wäre es nicht sinnvoll, wir würden alle einfach nur EN lernen?

Hand in Hand mit der anglophonen Globalisierung geht die Regionalisierung: Die Globalisierung der Wirtschaft erfolgt über das EN - aber die so in Gang gekommene Kommunikation erhöht den internationalen Absatz, und damit steigt der Bedarf an Produktdokumentationen und Gebrauchsanweisungen aus und in immer mehr Sprachen.

Z.B. wird beim jährlichen Kongress der SAP nur DE-EN, EN-DE gedolmetscht. Das mit Hilfe der Veranstaltung verkaufte Softwaresystem R/3 liegt allerdings in 24 Sprachen vor. SAP ist im Augenblick die deutsche Firma mit der größten Übersetzungsabteilung, nämlich 130 Leuten am Firmensitz in Walldorf bei HD; diese erzeugen indessen nur en. und de. Texte. Die übrigen Sprachen werden in den Niederlassungen in aller Welt lokalisiert, und da sind viele Hundert weitere Übersetzer zugange.

Die USA sind die Heimat des Internet, dessen Sprache ist daher (noch) zu 80% EN, schon derzeit aber befinden sich 40% der Nutzer in anderssprachigen Ländern. Dort sind die Steigerungsraten viel höher: Die Vielsprachigkeit dieses Mediums wächst, und es wird erwartet, dass in 10 Jahren der Anteil des EN auf ca. 40% gefallen sein wird.

Im "Electronic Commerce" sollten potentielle Kunden in ihrer eigenen Sprache angesprochen werden. Wenn, wie ich neulich in einem Fernsehmagazin erfuhr, eine Firma aus Mecklenburg-Vorpommern ihre Marmelade per Internet auf dem brasilianischen Markt plazierte, war dies natürlich nur über einen PT Text möglich.

Die anglophone Globalisierung der Märkte führt also zu einem größeren Translationsbedarf im EN und in vielen anderen Sprachen: In Deutschland werden jährlich über 30 Mio. Seiten mit Übersetzungen bedruckt, in den EU-Staaten 100 Mio.; weltweit beträgt das Marktvolumen 200 Mio. Seiten; die Wachstumsrate beläuft sich auf 15% p.a.

Die EU beharrt auf der Gleichberechtigung aller derzeit 11 Amtssprachen – d.h., man arbeitet da mit 110 Sprachenpaarkombinationen. Die EU unterhält den weltweit größten Sprachendienst - 15% der 17.500 Bediensteten sind "Linguisten". Seit Mitte Oktober ´99 gibt es 12 neue Beitrittskandidaten, d.h., in absehbarer Zeit wird es 21 Amtssprachen und damit 420 Sprachenpaarkombinationen geben! Aus politischen Gründen ist nicht mit der generellen Einführung von nur 2, 3 oder 4 Amtssprachen zu rechnen, aber es dürfte bei mehr Gelegenheiten einen reduzierte Sprachendienst geben. In jedem Fall aber müssen auch in Zukunft Berge von EU-Rechtsverordnungen in die Sprachen aller Mitglieder und Kandidaten übersetzt werden. Der Markt in Europa wird größer, es wird optische Geräte aus Lettland und Schiffe aus Polen auf dem deutschen Markt geben, und daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Lieferverträge, Produktdokumentationen und Gebrauchsanweisungen zu übersetzen.

Für Tätigkeiten bei der EU wird die - nur passive - Beherrschung von mindestens 3 Fremdsprachen gefordert. Viele freiberufliche Dolmetscher benötigen ausschließlich EN aktiv und passiv, manche spezialisieren sich zudem z.B. auf medizinische Kongresse. Bei den meisten "kleinen" Sprachen hingegen wäre eine Spezialisierung nur auf Dolmetschen oder Wirtschafts- bzw. Technikfachtexte illusorisch – da sind Allround-Sprachmittler gefragt. Oft muss von einer Fremdsprache in eine andere übersetzt werden - für bei uns ausgebildete Ausländer ist dies schon während des Studiums die Regel.

Auch Arten und Zwecke von Übersetzungen werden immer differenzierter: Da gibt es einerseits cover-to-cover Maschinenübersetzungen für eine erste Information - andererseits die Satz für Satz von einem Team aus Jurist, Ingenieur und Übersetzern verschiedener Muttersprachen durchgekauten Patentschriften; es gibt formalisierte Geschäftsbriefe und kreative Internetwerbung; wissenschaftliche Artikel und Comics; Dolmetschen im Krankenhaus und auf einem Kongress zu einem Architekturwettbewerb; Technical Writing und riesige Mengen zu lokalisierender Software; schließlich warten in Deutschland jährlich 70.000 Filmminuten auf die Übersetzung in 30 Sprachen.

Auch die Arbeitsverhältnisse sind höchst verschiedenartig. Ministerien, Bundeswehr oder Firmen wie die SAP haben große Übersetzungsabteilungen. Multinational operierende Übersetzungsagenturen mit bis zu 600 festen Mitarbeitern und zahlreichen Freiberuflern in aller Welt bieten z.B. mehrsprachige Lokalisierung sehr großer Textaufkommen durch Muttersprachler an, Multi-Media CD-ROMs oder die Organisation von internationalen Videokonferenzen. Sie treten auf mit professioneller Werbung, operieren mit enormem Kapitaleinsatz für die technische Ausrüstung, haben Spezialisten für Datenverarbeitung, Grafik, Redaktion etc. Und schließlich gibt es Freiberufler und kleine Büros, die größte Schwierigkeiten haben, mit solchen Agenturen zu konkurrieren. Andererseits sind bei ihnen am häufigsten Aufträge von 1-20 Seiten, und damit geben sich die großen Agenturen gar nicht erst ab. Außerdem sind die Agenturen für die Kunden am teuersten: Nur 1/3 der Kosten sind fürs eigentliche Übersetzen anzusetzen.

Insgesamt zeigt sich in der Praxis eine Tendenz zu wachsender Spezialisierung und Internationalisierung.