Forum LiteraturÜbersetzen GErmersheim (Forum Translating Literature Germersheim)

Kurzprotokoll der Veranstaltungen ab Sommersemester 1999

Professor Dr. Rainer Kohlmayer

Wintersemester 2010/2011

 Professor Dr. Rainer Kohlmayer hielt am 15. Dezember einen Vortrag unter dem Titel „‘Üb’Ersetzen!‘ Wortspiele als Übersetzungsprobleme“. Im ersten Abschnitt stellte er den Karl Krausschen Befehl „Üb’Ersetzen!“ in den politischen Kontext der Fackel aus dem Jahr 1934 sowie in den literarischen Kontext von Kraus‘ Shakespeare-Nachdichtungen und Kraus‘ These von der Unübersetzbarkeit von Dichtung. Im zweiten Abschnitt wurde die deutsche Sprache als Spielmaterial für Wortspiele behandelt, ausgehend von A. W. Schlegels Behauptung, die deutsche Sprache wolle „immer nur arbeiten, niemals spielen“. Im dritten Abschnitt präsentierte der Redner zwei Beispiele aus der eigenen wortspielerischen Übersetzungspraxis, verbunden mit der These, dass die deutsche Sprache der Gegenwart aus vielen Gründen flexibler, vielfältiger, lebendiger, spielerischer geworden und durchaus in der Lage sei, alle möglichen Wortspiele wirkungsvoll zu ‚ersetzen‘.

Wintersemester 2008/2009

Dr. Michael Raab sprach vor zahlreichem studentischem Publikum über „Übersetzungen neuer Stücke und den Umgang der Theater damit“. Völlig frei sprechend, erklärte er gesten- , anekdoten- und abwechslungsreich die Arbeit des Dramaturgen, erläuterte an Hand von interessanten Beispielen die vielfältigen Probleme, die beim Übersetzen britischer Gegenwartsdramen entstehen und trug schließlich eine längere Szene eines dialektgefärbten englischen Originals und dessen umgangssprachlich eingedeutschte Version vor, belohnt mit einem Schlussbeifall, wie man dies nur vom Theater her gewohnt ist. In der anschließenden Fragestunde setzte sich das Vergnügen fort, als der wortgewandte Theaterpraktiker und erfahrene Bühnenübersetzer über sämtliche Aspekte seiner Arbeit, angefangen von finanziellen Dingen über die Begegnung mit Autoren bis zu Konflikten mit Bühnenverlagen und Regisseuren bereitwillig und witzig Antwort gab. Viele wünschten sich eine baldige Wiederholung bzw. Fortsetzung des lebhaften und erhellenden Gesprächs. 

Dr. Bernd Bauske sprach über „Bibelübersetzung in Spanien gestern und heute“, wobei er besonders die historischen Schwierigkeiten erläuterte, mit denen Publikations- und Missionierungsversuche nicht-katholischer Bibelübersetzer zu kämpfen hatten. Der Vortrag schnitt eine (vielleicht allzu große) Fülle bibelphilologischer Fragen an. Die Anwesenden waren jedenfalls von der Belesenheit und Detailkenntnis des Vortragenden beeindruckt, waren aber auch etwas eingeschüchtert von dem Blick in die Komplexität der philologischen Forscherwerkstatt. Die Bibelübersetzung ist und bleibt aber eines der heikelsten und attraktivsten Themen der Translationswissenschaft.

Sommersemester 2008

Professor Dr. Ulrich Kautz (Germersheim) schlug mit seinem Vortrag „Rare Gabe Torheit. Chinesische Herausforderungen an deutsche Übersetzer und Leser“ das zahlreiche Publikum über zwei Stunden lang in seinen Bann. Zunächst stellte er den prominenten Autor Wang MENG (ehemals chinesischer Kulturminister) und dessen Buch „Rare Gabe Torheit“ vor, erläuterte die Verstrickungen von Ästhetik und Politik, wies auf die beschämende Verlagsgeschichte des Buches hin, das bisher im Westen keine angemessene Rezeption gefunden hat. Dann las er, um den Autor selbst auch zu Wort kommen zu lassen, einige Seiten vor – und dies wurde zu einer glänzenden Demonstration übersetzerischen Könnens: Barocke Sprachfülle und psychologisches Verständnis der Innensicht einer frustrierten Frau waren sprachmächtig ins Deutsche gebracht. Man konnte im Grunde nur staunen über die Schwierigkeit der Aufgabe und über die Sprachgewalt des Übersetzers. Die faszinierte Zuhörerschaft stellte noch eine Menge Fragen, die Ulrich Kautz (kürzlich mit dem chinesischen Staatspreis für Verdienste um die chinesische Literatur im Ausland“ ausgezeichnet) gut gelaunt, humorvoll und fachlich kompetent beantwortete.

Wintersemester 2007/2008

 Prof. Dr. Andreas Gipper sprach unter dem von Odo Marquard entlehnten Vortragstitel „Transzendentalbelletristik“ über das Übersetzen philosophischer Texte, das ja seit Schleiermacher als die schwierigste Disziplin der Übersetzungskunst gilt. Gipper veranschaulichte dies zunächst an Beispielen der Übertragung Heideggerscher Passagen ins Französische, bevor er seine eigene sprachlich-philosophische Verdeutschungsarbeit an Texten und Begriffen des italienischen Zeitgenossen und Geistesverwandten Heideggers, Giovanni Gentile, verdeutlichte: wenn Philosophen konsequent aus dem Material und der Begrifflichkeit der eigenen Sprache heraus denken (z. B. Heideggers Sein / Dasein usw.; oder Gentiles atto / fatto / fato usw.), steht der Übersetzer vor einer schier unlösbaren poetisch-literarischen Übersetzungsaufgabe. Das Publikum folgte fasziniert dem genauen Bericht über das laute Denken des ersten ‚philosophischen’ Übersetzers in dieser Vortragsreihe. In der Diskussion kam die Frage nach der Möglichkeit philosophischer ‚Universalien’ auf bzw. nach ‚leicht’ zu übersetzenden Philosophen (Wittgenstein?). Insgesamt: eine Sternstunde der „FLÜGE“.

Dr. Karin Zuschlag, eine der wenigen Spezialistinnen für die systematische Verbindung zwischen Narratologie und Übersetzungstheorie, sprach über das Problem der Übertragung von Lokalkolorit in der Trivialliteratur, und zwar am Beispiel der Kriminalromane von Donna Leon. Die Originalsprache dieser Romane ist Englisch, sie spielen aber in Venedig, was durch die Einstreuung italienischer Floskeln, Namen und Realien etwa auf Touristenniveau glaubwürdig gemacht wird. Die Übersetzungen ins Deutsche und Französische gehen bei der Behandlung des Lokalkolorits unterschiedlich und auch inkonsequent vor, wobei aber die Übersetzungen ins Französische eher zur völligen Einbürgerung neigen. Die relative Konzeptionslosigkeit der Versionen hängt vermutlich mit der Qualitätstoleranz der Leser von Trivialliteratur zusammen. In der Diskussion wurde das Problem der Namenwiedergabe usw. besprochen.

Sommersemester 2006

Prof. Dr. Andreas F. Kelletat sprach über „Die ‚Translation’ eines griechischen Heiligen ins Schwedische und Deutsche“, wobei es im Grunde um die Interpretation zweier mehr oder weniger hermetischer Christophorus-Gedichte von Gunnar Ekelöf und – vor allem - Manfred Peter Hein ging. Der Referent, seit Jahren der beste Kenner und Exeget der wortkargen Gedichte Heins, breitete eine Fülle enzyklopädischer Bezüge zur Legende des „hundsköpfigen“ Christophorus aus, ohne den Anspruch zu erheben, den Sinn des Gedichts irgendwie fixieren zu wollen. Gerade die Ambiguität und Verweigerung der Sinngewissheit seien Kennzeichen der modernen Lyrik.

 

Dr. Michaela Prinzinger, vor allem bekannt als Übersetzerin des Edelkrimi-Autors Petros Markaris (im Diogenes-Verlag) sprach – in Abwandlung des ursprünglich angekündigten Vortrags („Landschaft, Dialekt, Mentalität: Regionale Literaturen in der Übersetzung am Beispiel Kreta“) - über eine ganze Reihe von praktischen Übersetzungsproblemen, angefangen vom Umgang mit Realien (z. B. den Straßennamen von Athen) über Probleme des Stils und die Arbeit der Verlags-Lektorate (wobei Diogenes ausdrücklich gelobt wurde) bis zu präzisen Angaben über das Finanzgebaren elitärer Hochliteratur-Verlage. Auf den lebhaften Vortrag folgte eine lebhafte Diskussion, an der sich viele ZuhörerInnen beteiligten.

Wintersemester 2005/2006

Prof. Dr. Birgit Menzel sprach über das Thema „Schriftsteller unterwegs. Deutschland und die Deutschen in der russischen Gegenwartsliteratur.“ An neueren, bisher unübersetzten Romanen zeigte sie, wie das Deutschlandbild, das in der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts traditionell eher mit Ordnungsstereotypen verbunden war, jetzt („nach Auschwitz“) eher allegorisiert und in nicht-mimetische Gewaltfantasien integriert wird. In der Diskussion wurde die Frage angeschnitten, inwiefern Gewalt ein spezifisch ‚westliches’ Literatur-Thema sei, das jetzt auch in die osteuropäische Literatur überschwappe.

Der Germersheim-Absolvent Dipl.-Übers. Julian Löffler sprach über Jean Amilas Krimi „Mond über Omaha“, den eine Germersheimer Übersetzergruppe (Dr. Bauske, Löffler, Wuttke) Ende 2005 im Saarbrücker Conte-Verlag herausbrachte. Er stellte den Roman in den Zusammenhang der anspruchsvollen französischen Krimi-Literatur und erläuterte den dahinter erkennbaren Diskurs von anarchisch-vitalistischem Individualismus (gegenüber den Zwängen des sozialen Systems).

Dr. Bernd Bauske ergänzte die Erläuterung der Amila-Übersetzung durch zwei (zum Teil) überraschende Gesichtspunkte. Im ersten Teil seines Vortrags baute er das Szenario auf, das man im kulturwissenschaftlichen Unterricht vermutlich mit der Thematik des Krimis (D-Day, Landung der Alliierten in der Normandie usw.) verknüpft hätte, präsentierte also historische, musikalische und religiöse Bild- und Tondokumente, um diese dann – gleichsam als symbolisches translationsdidaktisches Happening – als für den Übersetzungsvorgang „irrelevant“ ins Wasser (des eigens dafür mitgebrachten Kübels) zu kippen. Im zweiten Teil stellte er die Dinge vor, die für die Übersetzung tatsächlich relevant gewesen seien: die unterschiedlichen Strukturen der französischen und deutschen Sprache. - Vielleicht muss ab und zu das Kind mit dem Bad ausgeschüttet werden, weil sonst die Übersetzer-Studis vergessen könnten, dass die kulturwissenschaftlichen Bäume immer nur auf dem Boden und im Wald der Sprache wachsen können?

Sommersemester 2005

Im Sommersemester gab es wieder einmal eine rein literarische Veranstaltung mit zwei Schriftstellern, die seit Jahren schreibend und fördernd in der pfälzischen Regionalliteratur engagiert sind. Barbara Franke, die derzeitige Vorsitzende des Literarischen Vereins der Pfalz, stellte diesen vor und erklärte die Präsentations- und Publikationsmöglichkeiten, die jungen Talenten offenstehen. Die Lesung einer Geschichte aus ihrem soeben erschienenen dritten Buch ("Helena außer sich"), vor allem aber der Vortrag ihrer Gedichte hinterließen einen tiefen Eindruck bei den jungen ZuhörerInnen. Michael Dillinger trug Texte verschiedener Gattungen vor, Autobiographisches, eine Kurzgeschichte sowie einen dramatisch-kabarettistischen Text (dialogisch mit Barbara Franke gelesen), dessen schwarzer Humor besonders beifällig aufgenommen wurde. Es war ein rundum schöner Abend, bei dem zwischen den Autoren und dem jungen Publikum ein geradezu freundschaftliches Miteinander entstand.

Eine Auswahl von Vorträgen dieser Reihe ist inzwischen im Druck erschienen:

Rainer Kohlmayer / Wolfgang Pöckl (Hrsg.) (2004): Literarisches und mediales Übersetzen. Aufsätze zu Theorie und Praxis einer gelehrten Kunst. Peter Lang: Frankfurt am Main usw. 232 Seiten. Vgl. die Rez. Von Gabriele Blaikner-Hohenwart in: Moderne Sprachen 49, 2005, S. 183-186.

Wintersemester 2004/2005

Peter Schultze-Kraft hielt einen Vortrag mit dem Titel "Die Übersetzung als Kunstwerk. Ein ,Außenseiter' über seine Erfahrungen mit lateinamerikanischer Literatur". Aus der Fülle der interessanten Dinge, die er über seine Übersetzer- und Vermittler-Tätigkeit berichtete, sollen nur die zwei hervorgehoben werden, die auch in der Diskussion angesprochen wurden. Zum einen komme es beim Transfer kolumbianischer Gegenwartsliteratur oft zu einer ("fruchtbaren") Zusammenarbeit zwischen dem Übersetzer und deutschen Schriftstellern, die - ohne Kenntnis des Originals - den deutschen Text (und gelegentlich auch den Originalautor!) stilistisch verbesserten. Zum andern verteidigte Peter Schultze-Kraft energisch eine ethisch konservative Ästhetik: Er lehne es ab, "frauen- oder menschenfeindliche Texte" zu übersetzen. In der Diskussion ging es (vereinfacht) darum, ob Literatur nicht auch ,brutal' wirklichkeitsgetreu sein dürfe.

Sommersemester 2004

Prof. Dr. Andreas Kelletat brach in seinem Vortrag "Wieviel Germanistik brauchen Literaturübersetzer mit der Arbeitssprache Deutsch?" eine Lanze für die ästhetisch-literarische Sensibilisierung der Studierenden. Die Kenntnisse in der Zielsprache Deutsch dürften sich nicht auf die paar fundamentalen Dinge beschränken, die in den bisher vorgelegten kontrastiven Übersetzungs-Lehrbüchern geboten würden. Nötig sei für Literaturübersetzer vielmehr die Anerziehung und Aneignung eines sicheren literarisch-kulturellen Geschmacks im Deutschen, wie er sich nur nach ausgedehnter Lektüre und intensiven Textvergleichen (vor allem von Übersetzungsvarianten) entwickle. Die Germanistik habe für das Literaturübersetzen ins Deutsche viel zu bieten. In der Diskussion wurde betont, daß die Übersetzer auch in der Lage sein müßten, die spezifische Ästhetik des Originalwerks zu erkennen, da man sonst möglicherweise nur den herrschenden Geschmack der Zielkultur bediene.

PD Dr. Michael Schreiber sprach unter dem Titel "Von Herrn Schweinichen und anderen komischen Figuren" über das Problem, wie man beim Literaturübersetzen mit den Anredeformen und Personennamen umgeht. An einer Fülle interessanter Beispiele erläuterte er die unterschiedlichen Lösungen, die es bei Übersetzungen aus dem Romanischen Sprachraum bisher gab. Zwar zeichne sich ab, daß derzeit im Deutschen die Originalnamen eher beibehalten würden, aber für das Problem der redenden Namen sei keinerlei übersetzerischer Fortschritt oder einheitliche Strategie auszumachen. Es herrsche hier eine gewisse Willkür bzw. die Neigung zu individuellem und punktuellem Vorgehen. In der Diskussion wurde der translation loss bei redenden Namen mehrfach bedauert, ohne daß sich eine ,Strategie' andeutete.

Die Übersetzerin Birgit Hildebrand widmete sich dem wohl schwierigsten Problem im Bereich des Literaturübersetzens. Ihr präziser und wissenschaftlich reflektierter Vortrag "Zwingende Grenzüberschreitungen" galt ausschließlich der Frage, wie man mit Dialekten umgeht, die im Originaltext eine wesentliche Funktion haben. Die schlichte Wiedergabe durch einen deutschen Dialekt lehnte sie ab, da ein deutscher Dialekt eben immer eine unpassende geographische Verortung bedeute und nur in komischen Texten funktioniere. Sie plädierte für eine sprachliche Konstruktion, die mit Archaismen, umgangssprachlichen Floskeln, großräumig-regionalen Besonderheiten und dgl. arbeitet. Obwohl Frau Hildebrands Argumentation durchaus dem Stand der Forschung und auch der Mehrheitsansicht der praktizierenden Literaturübersetzer entsprach, blieb der Eindruck von erheblichem translation loss (Stichwort "Authentizität") im Raume hängen.

Wintersemester 2003/2004

Im Wintersemester fanden zwei sehr gut besuchte Veranstaltungen statt.
Der 90-Minuten-Film "Spurwechsel. Ein Film vom Übersetzen", zu dessen Entstehung die Germersheimer Slavistik (Prof. Dr. Menzel) mit beigetragen hatte, wurde zu einem wahren Bildungserlebnis für zahlreiche Studierende. Es ist unmöglich, die Fülle von intelligenten Beobachtungen und Anregungen, welche die zehn ÜbersetzerInnen im Film vermitteln, hier zusammenzufassen. Aber man kann den Eindruck etwa so formulieren: Zehn starke Persönlichkeiten, die leidenschaftlich an ihrem Beruf hängen und größtenteils darin ausgesprochen glücklich sind. Trotz der Länge des Films gab es anschließend noch eine interessante Fragestunde mit einer der Produzentinnen (Gabriele Leupold).


Dr. Vera Gerling vom Düsseldorfer Studiengang Literaturübersetzen verglich zwei deutsche Versionen von Carpentiers Erzählung "Viaje a la semilla" (1944) mit dem Original und miteinander, wobei sie die These vertrat und an einer Reihe von Beispielen belegte, beiden Übersetzungen lägen unterschiedliche, aber in sich kohärente Diskurse zugrunde. Beide würden die literarische Komplexität des Originals reduzieren und in europäische Interpretationsschemata pressen. Die anschließende Diskussion drehte sich hauptsächlich um die Frage, ob die literaturästhetische Sicht nicht doch ergänzt werden müsse durch sprachkontrastive Gesichtspunkte und durch die Berücksichtigung übersetzerischer (In-)Kompetenzen.

Sommersemester 2003

 

Prof. Dr. Peter Schunck sprach über "Montesquieu auf Deutsch. Erfahrungen und Erkenntnisse eines Übersetzers". In einem lebhaften, anekdotenreichen Vortrag breitete der frühere Germersheimer Ordinarius die Fülle kulturellen Hintergrundwissens aus, das für seine Übersetzung von Montesquieus "Persischen Briefen" (Stuttgart, Reclam, 1991) relevant war und in die zahlreichen Anmerkungen des Buches eingeflossen ist - entsprechend Schuncks These, dass Montesquieu ohne diese kulturhistorischen Verknüpfungen heute nicht mehr zu verstehen sei. Montesquieus "Roman" habe einfach zu erhebliche "Sachbuch"-Anteile.


Dr. Dörte Andres hielt einen Vortrag über "Ingeborg Bachmann: 'Simultan'. Die Dolmetscherin als literarische Figur". Frau Andres versuchte, die literarische Interpretation der Kurzgeschichte, in der die Lebenskrise einer fiktiven Dolmetscherin dargestellt wird, mit der Realität des Dolmetschberufs zu konfrontieren. Sie kritisierte das von Bachmann gezeichnete deprimierende Bild und präsentierte ein optimistischeres Bild, das ihrer eigenen Berufserfahrung entsprach. In der Diskussion wurde das Problem behandelt, inwiefern man literarische und reale Welt überhaupt vergleichen könne bzw. inwiefern Bachmanns Dolmetscherin eine bloße Metapher sei.


Dr. Bernd Bauske äußerte sich in seinem Vortrag zu Problemen der "Koranübersetzung", wobei er neuere Übersetzungen aus der iberoromanischen Welt verglich. Anscheinend gibt es dort (nach Rückerts poetisch verdeutschenden Versuchen im 19. Jahrhundert) einen relativ erfolgreichen Versuch, die suggestive Sprachgewalt des Originals im Katalanischen "wirkungsmächtig" nachzubauen. Ein weiterer interessanter Punkt des Vortrags war: Was sollen Übersetzer tun, wenn in verschiedenen arabischen Versionen (bedeutungsrelevante) Unterschiede der Vokalzeichen auftreten? In der Diskussion wurde heftig gestritten, wie üblich beim brisanten Thema Koranübersetzung.

Wintersemester 2002/2003

Der vielfach gefeierte Montaigne-Übersetzer Hans Stilett (Dr. Hans Adolf Stiehl) wurde seinem Ruf gerecht: In seinem Vortrag "Von der Unmöglichkeit, Montaigne zu übersetzen... Und warum ich es trotzdem tat" berichtete er stimm- und sprachgewaltig über die Vorgeschichte und die Probleme seines großen Unternehmens. Wohl allen Zuhörern wurde deutlich, dass hier über Jahrhunderte hinweg eine geradezu leidenschaftliche Identifikation des Übersetzers mit seinem wahlverwandten Autor zu spüren war, was sich doppelt auswirkte - einmal in der Intensität der Recherche, um auch noch den ausgefallensten Anspielungen und Wortspielen des Originals auf die Spur zu kommen, zum andern in der rhythmischen und rhetorischen Imitation des Originals, wobei Stilett ein kerniges, klangvolles Deutsch produzierte. Wie gut ihm das gelang, lässt sich auch auf einer CD hören, wo der Burgschauspieler Otto Sander einige Essays in Stiletts Version liest.

In der zweiten Veranstaltung hielt PD Dr. Ulrich Kautz (Germersheim) einen auf angenehmste Weise humoristisch gewürzten Vortrag mit dem Titel "'Derf denn der das?' - Franz Kuhn, Bahnbrecher der chinesischen Literatur in Deutschland, im Widerstreit der Meinungen". An einer Reihe von Beispielen zeigte Kautz, wie Franz Kuhn fern allen übersetzerischen Dogmen seinen persönlichen ("dritten") Weg ging. Kautz würdigte ihn vor allem als Meister seiner deutschen Muttersprache, in der er zwar oft einen allzu blumigen Stil geschrieben, aber sich insgesamt als außerordentlich findiger, flexibler Vermittler erwiesen habe. Franz Kuhn ist ein gutes Beispiel dafür, dass Literatur-Übersetzer durchaus ein starkes Ego haben können. Jedenfalls meinte Kautz, der Sachse Kuhn hätte auf die Frage, ob er das alles "derf", sofort geantwortet: "Nu freilich! Nadierlich derf ich das!"

Sommersemester 2002

Prof. Dr. Andreas F. Kelletat befasste sich unter dem Titel "Die Übersetzung des Islam ins Abendländische" mit der von Ignoranz oder Ablehnung geprägten Darstellung des Religionsgründers Mohammed in der christlichen Kunst und Literatur des letzten Jahrtausends. Der Fülle von negativen Darstellungen - z.B. Mohammed in Dantes Hölle - vermochte er nur wenige Zeugnisse und Zeugen einer gewissen Annäherung entgegenzustellen, z.B. Goethe und Rilke. - In der lebhaften Diskussion ging es einmal um die Fragen, ob es denn in der Vergangenheit nicht auch tolerantere Auseinandersetzungen oder gar Synthesen zwischen Christentum und Islam gegeben habe, und ob und wie eine friedliche Koexistenz monotheistischer Religionen und Kulturen in der Gegenwart möglich sei. Angesichts des bisherigen Geschichtsverlaufs und der Situation im Nahen Osten konnte von interkulturellem Optimismus keine Rede sein.

Prof. Dr. Rainer Kohlmayer hielt einen Vortrag über das Thema "Literaturübersetzen lernen. Vom Vergnügen des kreativen Nachahmens". Nach kurzer Beschreibung der Situation der Literaturübersetzer und einer knappen theoretischen Positionsbestimmung ("Verstehen als Konsequenz des Willens zum Verstehen") stellte er die didaktischen Prinzipien dar, wonach die antike Rhetorik die muttersprachliche Ausbildung der Textproduzenten förderte. Er zeigte, wie in der Rhetorikausbildung (und im Kreativen Schreiben) die inhärente Kreativität der Nachahmung didaktisch eingesetzt wurde (und wird). An einem D-E-F-Textbeispiel erläuterte er die Grade der Nachahmung bzw. der Untreue der Übersetzer gegenüber einem Original, das durch zahlreiche Satzzeichen die Performanz des Textes deutlich markiert hatte. Er plädierte für Lesenlernen und ästhetische Sensibilisierung in der Übersetzerausbildung.

Dr. Elke Kinkel lieferte in ihrem Vortrag "Thomas Mann in Amerika. Die Übersetzungen des Doktor Faustus" eine Kurzfassung ihrer Düsseldorfer Dissertation. Sie befasste sich zunächst mit Thomas Manns Verhältnis zu den USA, sprach dann über die "äußere" Übersetzungsgeschichte der Werke Manns (Verlage etc.), um zum Schluss auf einen Vergleich zwischen Helen Lowe-Porters älterer und John Woods' kürzlich erschienener Übersetzung des Doktor Faustus einzugehen. - Die Diskussion drehte sich um die Kriterien, nach denen eine historische Übersetzung zu beurteilen sei: Inwieweit sind Übersetzungsmängel der individuellen (In-)Kompetenz der Übersetzer oder aber der notwendigen Anpassung an die Mentalitäts- und Sozialstrukturen ihrer Zeit anzulasten?

Wintersemester 2001/2002

Frau Araceli Marin y Presno stellte, am Beispiel von Niclaus Ulenhart (1617), einige Ergebnisse und Thesen aus ihrer zur Zeit entstehenden Dissertation über die deutschen Übersetzungen von Cervantes' Exemplarischen Novellen zur Debatte. Zunächst erläuterte sie die höchst komplizierte Text- und Druckgeschichte des Originals (eine Vorbedingung für historische Übersetzungsstudien), um dann Ulenharts vollständige Übertragung der Novelle in das Prager Großstadt-Milieu seiner Zeit zu beschreiben. Die Diskussion kreiste um die Fragen, auf Grund welcher Kriterien man diese Bearbeitung noch als "Übersetzung" bezeichnen dürfe, welche (satirische?) Motivation hinter Ulenharts religionsbezogenen Änderungen stecke und wie Ulenharts eigenständiges Vorwort zu interpretieren sei. Insgesamt ein dankbares Thema mit vielfältigen Verzweigungen.

Karin Schindler füllte mit ihrem Vortrag über Pippi Langstrumpf in Frankreich das Amphitheater und demonstrierte, dass die Triumphbögen der Übersetzungskritik am besten auf den Schlachtfeldern übersetzerischer Katastrophen gedeihen. Frau Schindler lastete aber den relativen Misserfolg von Astrid Lindgrens Büchern in Frankreich keineswegs nur den allzu braven Übersetzern an, sondern arbeitete eine ganze Palette von Ursachen ab, angefangen von den verlegerischen Vorgaben über die Vermarktung und Bebilderung bis zur spezifisch französischen Pädagogik, die kindliche Anarchie missbillige. Die lebhafte Diskussion der Pippi-Langstrumpf-KennerInnen aus aller Welt zeigte, dass der multikulturelle Vergleich von Kinderbüchern interessante Forschungsmöglichkeiten bietet.

Gizella und Sandra Hemmer berichteten über ihre Verdeutschung eines ungarischen Bestsellers - Hopparesimi! von Zoltán Zemlényi - (1987 bzw. 1999) sowie über die mutige Gründung des Hemmer-Verlages (siehe Internet). Wieder einmal zeigte sich, wie sehr die emotionale Beteiligung eine der Grundvoraussetzungen des Literaturübersetzens zu sein scheint. Die mehrjährige Arbeit an der Übersetzung des sprachartistischen Tagebuchs des 16jährigen Jungen, der durch einen schrecklichen Unfall zum Schriftsteller wurde, ist nur durch existentielles Engagement zu erklären. Literaturübersetzen speist sich aus anderen Quellen als Fachübersetzen. Mit berechtigtem Stolz konnten die Übersetzerinnen auf ihren Listenplatz für den Leipziger Übersetzungspreis verweisen.

Sommersemester 2001

Prof. Dr. Jürgen Blänsdorf (Mainz) sprach über seine versgetreue Neuübersetzung der römischen Komödie Amphitruo von Plautus, die bei Reclam erschienen ist. Es war faszinierend zu hören, wie zuerst der metrisch durchgestaltete lateinische Originaltext beim Vorlesen zu einem klanglich-rhythmischen Erlebnis wurde, um dann in Blänsdorfs deutscher Version rhythmisch und lexikalisch überraschend modern und quicklebendig zu werden. Blänsdorfs übersetzerische Methode veranschaulichte den Kompromiss zwischen philologischer Treue gegenüber dem Originalton und beherztem Griff in den Wortschatz der Gegenwart.

Dr. Bernd Bauske (Germersheim) elaborierte und untermauerte seine bereits im SS 2000 vorgetragenen Thesen über die Unübersetzbarkeit von Texten aus Minderheitensprachen, speziell aus dem Asturischen. Das Kernproblem sei, dass die kulturelle und sprachpolitische Situation, aus der heraus diese Texte entstünden, für das Textverständnis wesentlich sei. Da in der deutschen Übersetzung diese Situation nicht mitgeliefert werden könne, gehe eben Wesentliches oder das Wesentliche verloren. Man diskutierte anschließend über den Nutzen von Übersetzerkommentaren im Nachwort und die Frage, inwieweit Situationen überhaupt zum literarischen Text hinzugehörten bzw. übersetzbar seien.

Klaus Hähnel (Germersheim) legte einen Werkstattbericht über seine Übersetzung von Natalie Schneiders Autobiographie "Tödlicher Ausgang" vor. Dabei wurde deutlich, wie stark der Übersetzer in die schriftstellerische Arbeit eingriff oder einbezogen wurde. Hähnel sprach zum Beispiel mit einer gewissen Distanz von der seiner Meinung nach allzu emotionalen Expressivität mancher Originalpassagen, die er in der Übersetzung gekürzt oder gedämpft habe. Die Frage blieb im Raum stehen, ob der Übersetzer dadurch nicht auch die "weibliche Stimme" des Originals ersetzt habe.

Wintersemester 2000/2001

Prof. Dr. Brigitte Schultze (Mainz) sprach über Interjektionen als Herausforderung für Übersetzer, wobei sie die linguistische mit der literaturwissenschaftlichen Analyse verband. Anhand eines vielfältigen Korpus ("Max und Moritz" in verschiedenen Sprachen) arbeitete sie die Übersetzungsprobleme, die sich aus der verbalen plus nonverbal-körpersprachlichen Einbettung der Interjektionen in die jeweilige Kultur ergeben, heraus. Dass die Interjektionen in der Tat einen Grenzfall der Übersetzbarkeit darstellen, war auch der Tenor der anschließenden Diskussion. Die Frage blieb im Raum stehen, inwiefern die Geschichte der (körperbezogenen) Interjektionen mit dem 'Zivilisations'-Prozess (im Sinne von Norbert Elias) zu verbinden wäre.

Dr. Sylvya Reinart gab einen Überblick über Theorie und Praxis der Filmuntertitelung und -synchronisation. Sie legte die Methoden sowie die Vor- und Nachteile der jeweiligen Übersetzungsverfahren dar. Derzeit scheint die Kosten-Nutzenanalyse die Welt in (bevölkerungsärmere) Untertitelungs- und (bevölkerungsreichere) Synchronisationsländer zu spalten. In der Diskussion wurde der Begriff der Authentizität, der von beiden Verfahren reklamiert wird, problematisiert: Bei der Untertitelung kann es zu Verlusten bzw. Störungen beim Erfassen von Bild und Lesetext kommen, bei der Synchronisation zu Interferenzen zwischen Bild und Hörtext. Untertitelungserfahrene Stimmen aus dem Publikum warnten vor naiven Arbeitsplatz- und Gewinnerwartungen. - Dennoch stellt die Untertitelung für die Ausbildung am Fachbereich ein vor allem didaktisch attraktives Verfahren dar, da dabei die kulturelle Verankerung des Textes anschaulich vorgeführt werden kann.

Prof. Dr. Wolfgang Pöckl hielt einen beispielreichen Vortrag über die deutsche Villon-Rezeption, wobei er auf sein umfangreiches Buch zu diesem Thema verweisen konnte. Villon erwies sich als Musterbeispiel eines Autors, dessen hierzulande vorherrschendes literarisches Image vor allem von den deutschen Übersetzern und Bearbeitern des 20. Jahrhunderts konstruiert wurde. Kraftmeierei, Alkohol- und Liebesexzesse seien ihm entsprechend der rebellischen Mentalität der 20er und 30er Jahre angedichtet worden. W. Pöckl schickte die berauschten Villon-Bearbeiter in die philologische Ausnüchterungszelle. Er erläuterte auch ein optisch darstellbares Verfahren (aus seinem Buch), das den Übersetzungsvergleich objektivieren könne.

In der Diskussion ging es unter anderem um die Spannung zwischen übersetzerischem Elan, der sich aus retrojektiver Identifikation speist, und philologischer Redlichkeit, die solche ahistorischen Identifikationen verbietet.

Hans-Joachim Schaeffer legte einen Werkstattbericht über seine Neuübersetzung der Lusiaden von Camoes vor. Er ließ Stärken und Schwächen der Vorgänger-Übersetzungen, die sich seiner Ansicht nach zu sklavisch dem Reimjoch unterworfen hätten, kritisch Revue passieren. Seine eigene Lösung bestand darin, die Strophen- und Versform sowie möglichst auch die Zeilenentsprechung der rund 1000 Stanzen beizubehalten, aber in den Reimen Zugeständnisse zu machen, also gelegentlich rührende oder auch unreine Reime zuzulassen; außerdem wählte er einen relativ nüchternen gegenwartssprachlichen Stil. Die bisherige Resonanz scheint ihm Recht zu geben: Umfangreiche und positive Rezensionen in der FAZ und Süddeutschen bestätigen das beachtenswerte Phänomen, dass es ihm gelungen ist, das portugiesische Nationalepos aus dem 16. Jahrhundert in das literarische Gespräch der Gegenwart einzubringen. In seinem Werkstattbericht beeindruckte die starke subjektive Motivation, der allein ein solches Lebenswerk zu verdanken ist.

Sommersemester 2000

Prof. Dr. Ulrich Prill sprach über das Problem der Lyrikübersetzung. Das von ihm (bzw. von seiner Arbeitsgruppe) vertretene Konzept bestand darin, sich zitatartig am jeweiligen historischen Epochenstil der deutschen Zielkultur zu orientieren. Durch solche punktuellen An-Klänge (z.B. an "romantische" Eichendorff-Gedichte) ergeben sich für die deutschen Leser konnotationsreiche Sinnbezüge, ohne dass das ganze Gedicht seine fremde Eigenart verliert. In der interessanten Anschlussdiskussion blieb unter anderem die Frage offen, ob man auch bei der Übersetzung zeitgenössischer Lyrik eine zielkulturelle Positionierung anstreben solle.

Dr. Paul Kußmaul sprach über "kreative Prozesse" und Stufen der Kreativität beim Übersetzen, wobei er von einem Korpus punktuell gut ("kreativ") übersetzter Einzelstellen ausging. In der lebhaften Diskussion wurde einmal der Begriff der Kreativität, zum andern die Qualität einzelner Übersetzungsbeispiele problematisiert. In seinem im Herbst 2000 erschienenen Buch referiert Paul Kußmaul ausführlicher über seine Theorie des kreativen Übersetzens.

Gabriele Weingartner las zwei "literatur-literarische" Kurzerzählungen (über Kafkas Schwester und über Robert Walser). Die Texte wurden von den Anwesenden als hermetisch bzw. als außerordentlich schwierige Übersetzungsaufgabe empfunden. In der langen Anschlussdiskussion verteidigte Frau Weingartner energisch ihre präzise Erzähltechnik (perspektivische Innensicht); der übliche Vorwurf aus der angelsächsischen Welt, dass die deutsche Literatur zu introvertiert (und dadurch wenig exportfähig) sei, war ihr gleichgültig. Im Publikum überwog jedenfalls die Bewunderung für das nuancierte (und dabei biographisch-historisch abgesicherte) Erzählvermögen der Autorin (deren neuer Roman "Bleiweiß" im Herbst 2000 bei C.H.Beck erschienen ist.

Dr. Johannes Westenfelder hielt einen Vortrag über die Eindeutschungsprobleme, die sich dem Übersetzer von Georges Brassens stellen. Er breitete eine Fülle von Material über die zahllosen literarischen und sonstigen Anspielungen aus, die der gebildete Franzose aus Georges Brassens' anspruchsvollen Liedertexten heraushören könne, wobei die Banalität der gedruckten deutschen Versionen immer wieder offenbar wurde. Johannes Westenfelder kam zu der Schlussfolgerung, die Brassens-Chansons seien auf Grund ihrer massiven Verankerung in der französischen Tradition nicht ins Deutsche übertragbar. Der paradoxe Höhepunkt des Vortrags war dann aber, dass Westenfelders eigene Version eines ("besonders einfachen", so J.W.) Brassensliedes, zur Gitarre vorgetragen, unmittelbar ankam und mit großem Beifall aufgenommen wurde. ("Bitte mehr davon", war etwa das Resümee der Diskussion).

Dr. Bernd Bauske sprach, ausgehend von einem historischen Rückblick, über die Unmöglichkeit des Übersetzens aus Minderheitensprachen der romanischen Welt. In diesen literarischen Texten gehe es nämlich nicht nur um Literatur, sondern immer auch um kulturpolitische Identitätsbildung und z.T. geradezu krampfhafte Selbstbehauptung gegenüber der jeweils vorherrschenden Sprache (bzw. Nachfolgersprache des Lateinischen). Da im Deutschen keine vergleichbare Sprachsituation herrsche, könnten diese Texte nicht angemessen übersetzt werden. In der Diskussion raufte man sich über das Problem, ob die kulturellen Basisstrukturen von Texten verschiedener Sprachen nicht generell unterschiedlich seien bzw. ob "gute Texte" (was immer das ist) nicht trotzdem übersetzenswert seien.

Wintersemester 1999/2000

Prof. Dr. Andreas F. Kelletat stellte in seinem - anlässlich des Goethegedenkjahrs verfassten - Vortrag über Goethe als Leser und Übersetzer ausländischer Literatur die breite Belesenheit Goethes und seine umfangreiche Kenntnis ausländischer Literaturen dar. Besonders Goethes Bedeutung für den Brückenschlag zum Islam sowie sein Projekt der Weltliteratur wurden materialreich beschrieben.

PD Dr. Holger Siegel legte zwei Beispiele extremer Übersetzungsschwierigkeit aus seiner eigenen Übersetzertätigkeit vor. Die Prosatexte des serbischen Dadaisten Moni de Buli ließen auf der semantischen Ebene offensichtlich wenig Sinnkohärenz erkennen, enthielten aber ganz erstaunliche, symmetrisch angeordnete phonetische Klangstrukturen, die erkannt und erhalten sein wollten. Der Übersetzer musste zum Nachdichter werden.

PD Dr. Rainer Kohlmayer kritisierte die gängigen Übersetzungstheorien als zu kopflastig und plädierte für eine stärkere Berücksichtigung des Einfühlungsvermögens (Empathie), das ja auch in der Psychiatrie oder im Schauspielgewerbe als grundlegende Verstehensvoraussetzung gelte. Literatur entstehe meist als "lautes" Schreiben, Literaturübersetzen sei in der Regel psychophysische Arbeit der "Verkörperung", was auch aus Selbstaussagen bekannter Literaturübersetzer hervorgehe.

Sommersemester 1999

Prof. Dr. Wolfgang Pöckl stellte in seiner Antrittsvorlesung sein umfangreiches Forschungsprogramm vor: Die Erforschung des historisch-sozialen Kontextes des Übersetzens; Übersetzungsgeschichte dürfe nicht nur eine dürre Theoriegeschichte sein.

Herr Günter Weis bot am Beispiel von Kinderbüchern einen faszinierend vielfältigen Einblick in die Praxis des Übersetzens. Institutionelles (Verlagswesen), sprachliches und kulturelles Wissen und Können gehen Hand in Hand.

Dr. Susanne Hagemann plädierte am Beispiel von Tolkiens Herr der Ringe für ein feministisches Interventionsrecht: Da das Übersetzen zahlreiche Anpassungen an die Zielkultur impliziere, sei es unter Umständen auch gerechtfertigt, an einem weitgehend frauenverdrängenden oder gar frauenfeindlichen literarischen Text feministisch-modernisierende Korrekturen vorzunehmen, wofür sie einige konkrete Eingriffsmöglichkeiten vorschlug.

Dr. phil. habil. Ulrich Kautz lieferte aus der Fülle seiner chinesisch-deutschen Literaturübersetzungen aufschlussreiche Beispiele für die Überbrückung des oft enormen sprachlichen und historisch-kulturellen Wissensabstands zwischen Originaltext und deutschem Normalpublikum. Sicheres Stilgefühl im Deutschen und unauffällig paraphrasierende Implantate zur Erweiterung des Hintergrundswissens der Leser erwiesen sich als wichtige Grundlagen seiner Übersetzertätigkeit.