(Zuerst erschienen in: TEXTconTEXT 13 = NF 3.1, 1999, 25-47.)
Ein Translator ist bei der Ausübung seiner Tätigkeit auf eine Reihe unterschiedlicher Hilfsmittel angewiesen. Diese können herkömmlicher oder moderner Art sein. Unter herkömmlichen Hilfsmitteln verstehe ich Karteikarten, Wörterbücher, gedrucktes Informationsmaterial, Vor-Ort-Recherchen in Bibliotheken etc. Moderne Hilfsmittel sind dagegen CD-Roms, im Datennetz (Internet) angebotene Terminologiesammlungen, Wörterbücher und Informationen sowie elektronische Recherchen.
Die Fähigkeit, mit Hilfsmitteln umzugehen, ist ein wesentlicher Bestandteil translatorischer Kompetenz. Ein Schwerpunkt der Ausbildung liegt somit in der Vermittlung translatorischer Arbeitstechniken. Holz-Mänttäri + Vermeer (1985:4) fordern die "Erarbeitung fachspezifischer Verfahren". Hierzu zählen Studien- und Arbeitstechniken, Daten- und Textverarbeitungstechniken, Klassifikations- und Dokumentationstechniken sowie Berufsorganisationstechniken.[2]
Seit Beginn der 80er Jahre hat sich die Tätigkeit des Translators in bezug auf die translationsrelevante Recherche und die Anfertigung eines Translats gewandelt. Er kann heute Hilfsmittel nutzen, von denen er früher nur träumen konnte. Dies betrifft die Tätigkeit des translatorischen Handelns selbst, die Kommunikation mit Kollegen, Auftraggebern etc. sowie die Abwicklung von Übersetzungs- und Dolmetschaufträgen.
Eingeleitet wurde diese Entwicklung durch den Einzug des Computers in das Büro des Translators und die Entwicklung immer neuer Anwenderprogramme für die verschiedensten Bereiche. Textverarbeitung, Terminologieverwaltung und Desktop-Publishing werden bereits seit einiger Zeit als Hilfsmittel für Translatoren genannt. In jüngster Zeit kommt eine weitere Entwicklung hinzu: Die weltweite Datenvernetzung (mit Schlagwörtern wie Global Village, Datenhighway bzw. Datenautobahn, Internetsurfen etc.) bewirkt eine Veränderung gesellschaftlicher und kommunikativer Strukturen, die auch - oder gerade - vor dem Translator nicht haltmacht. Der Translator als Experte für interkulturelle Kommunikation muß sich dieser neuen Herausforderung stellen, wenn er konkurrenzfähig bleiben will. Das Internet bietet dem Translator dabei eine Fülle bisher nicht erahnter Möglichkeiten. Doch liegt hier auch eine Gefahr: Die täglich steigende Zahl von Informationen auf den sogenannten Web Sites kann auch dazu führen, daß sich der Translator in dem Gestrüpp der Informationen verirrt. Mit anderen Worten: Er muß sich seinen Weg durch diesen Dschungel bahnen, um seinen Translationsauftrag funktionsgerecht erfüllen zu können. Er darf sich nicht mit Nebensächlichkeiten aufhalten, sondern muß ökonomisch und zielgerecht seinen Weg verfolgen. Andernfalls ist er schnell rettungslos verloren, und der eingangs angesprochene Traum wird bald zum Alptraum. (Vgl. auch Risku 1998 zu Arbeitsplanung, Makrostrategie etc.)
Als erster Anhaltspunkt für den richtigen Pfad durch den Dschungel dient dem Translator dabei die Auftragsspezifizierung des Auftraggebers (mit Informationen wie Auftragsziel, Zeitlimit, eventuellen Hintergrundinformationen etc.). Dann muß er - schnell - das Terrain sondieren, um in Erfahrung zu bringen, wie und wo er die nötigen Informationen findet (bzw. finden kann). Dabei darf er den Auftrag nicht aus dem Blick verlieren. Gefragt ist also pfadfinderisches Spurenlesen.
Im folgenden wird ein Modell der Text- und Datenverarbeitung vorgestellt. Anschließend wird aufgezeigt, in welchen Bereichen sich das Internet auf die translatorische Tätigkeit auswirkt und welchen Stellenwert es in einem translatorischen Curriculum im Bereich der Text- und Datenverarbeitung hat.
Lehrveranstaltungen in der Text- und Datenverarbeitung gehören inzwischen
zu jeder translatorischen Ausbildung. Viele Institute für Übersetzer-
und Dolmetscherausbildung verfügen über sogenannte PC-Pools,
in denen die Studierenden die Möglichkeit haben, ihre Übersetzungen
direkt am Computer anzufertigen, Terminologiesammlungen zu erstellen und
Recherchen durchzuführen. Die Veranstaltungen selbst decken unterschiedliche
Themen ab, die von der einfachen Textverarbeitung bis zu spezifischen Anwendungen
wie etwa der maschinellen Übersetzung reichen. Zwar sind diese
Lehrveranstaltungen in der Regel keine Pflichtveranstaltungen, doch
haben die Studierenden erkannt, daß sie im Berufsleben ohne entsprechende
Kenntnisse nicht konkurrenzfähig sind. Ob und in welchem Maße
tatsächlich alle im folgenden Modell aufgeführten
Veranstaltungen Bestandteil der Ausbildung sind, ist an dieser Stelle nicht
relevant.[3] Auch der im Beruf stehende Translator
wird nicht unbedingt alle Möglichkeiten nutzen, sondern sich
bezogen auf seine individuelle Berufssituation auf die eine oder/und andere
spezialisieren. Mir geht es in diesem Modell lediglich darum aufzuzeigen,
in welchen translatorisch relevanten Bereichen der Computer eingesetzt werden
kann, in welcher Reihenfolge die Veranstaltungen sinnvollerweise
durchgeführt und an welcher Stelle spezielle Internet-Veranstaltungen
eingeordnet werden können. (Vgl. Abb. 1.)
Zu Beginn müssen die Studierenden in die Grundlagen der EDV eingeführt werden. Dabei sollten sowohl theoretische als auch praktische Kenntnisse der Funktionsweise von Hard- und Software vermittelt werden, damit Studierende selbständig Möglichkeiten und/oder Grenzen des Computereinsatzes bei der translatorischen Tätigkeit beurteilen lernen. Die Grundprinzipien, nach denen ein Computer, sein Betriebssystem und die unterschiedlichen Anwendungen laufen, müssen bekannt sein. Auch bei der Anschaffung eines translationsgerechten Computers und entsprechender Anwendungen sind diese Kenntnisse von Vorteil. Obgleich die Studierenden heute meist mehr Vorkenntnisse mitbringen als noch vor einigen Jahren, kommt es immer wieder vor, daß gerade diese Grundkenntnisse fehlen: Wie sollte z. B. die Mindestkonfiguration eines PCs aussehen? Welche Voraussetzungen sind erforderlich, um die gewünschten Anwendungen ausführen zu können? Wie ist z. B. eine Textverarbeitung aufgebaut? Die bewußte und reflektierte Vorgehensweise führt dazu, daß auftretende Probleme leichter gelöst werden können.
An die Grundlagenvermittlung schließen sich Veranstaltungen im Bereich der Textverarbeitung an, die den Studierenden unter dem Blickwinkel ziel- und adressatengerechter Textproduktion die Möglichkeiten der Texterstellung, -korrektur und -gestaltung näher bringen sollen. Dabei kann explizit auf Optionen der Textverarbeitung eingegangen werden, die speziell bei der Produktion eines Translats eine Rolle spielen bzw. den Translationsprozeß erleichtern können (das automatische Einfügen von kulturspezifisch unterschiedlichen Datums- und Zeitangaben, das Zusammenspiel von Spracheinstellung, Rechtschreibüberprüfung und Silbentrennung, das Einfügen von Sonderzeichen, die Erstellung von Dokumentvorlagen und Autotext-Einträgen etc.) In diesem Zusammenhang stellt sich beispielsweise auch die Frage: Welche gestalterischen Merkmale muß ein Translat erfüllen? Welche Art von Hervorhebung einer Textstelle (Kursivdruck, Fettdruck etc.) ist z. B. in einer gegebenen Kultur üblich? Das Layout eines Textes kann die Wahrnehmung des Textinhalts positiv oder negativ beeinflussen. Die Wahl der Schriftart hängt mit dem Textinhalt zusammen. Und vieles mehr.
Das Desktop-Publishing, also die professionelle Gestaltung reproreifer bzw. druckfertiger Textvorlagen (zur druckfertigen Übersetzung vgl. Schopp 1993) stellt eine Weiterführung der Textverarbeitung im Bereich des Textlayouts dar, quasi eine Spezialisierung in der Textgestaltung. Letzteres ist insofern relevant, als sich das Berufsbild des Translators beträchtlich gewandelt hat. So liefert der Translator heute dem Auftraggeber nicht nur die Übersetzung, sondern z. B. den fertigen Werbeprospekt. Er ist der Experte für zielkulturgerechte Textproduktion inklusive des Layouts von Texten (vgl. Holz-Mänttäri 1984:115; Holz-Mänttäri 1993 zum Textdesign).
Dies erklärt, weshalb die Studierenden bereits bei einführenden
Veranstaltungen der Textverarbeitung für derartige Fragen
sensibilisiert werden müssen. Gegebenenfalls lassen sich
Übungen zur Textverarbeitung noch einmal in einführende Veranstaltungen
und Kurse für Fortgeschrittene gliedern. Auch themenspezifische
Veranstaltungen z. B. in Form von Blockveranstaltungen sind denkbar:
Ein weiterer Bereich ist die Terminologieverwaltung. Herkömmliche
Karteikartensammlungen mit terminologischen Informationen werden heute
abgelöst durch sogenannte Terminologieverwaltungssysteme, mit deren
Hilfe kommentierte Fachdateien erstellt werden können.
Am Anfang stehen eine Einführung in die Fachsprache und translationsrelevante Aspekte der Terminologiearbeit. Es folgen Grundlagen der Terminologielehre (Terminologienormung, Organisation und Methodik translationsgerechter Terminologiearbeit etc.) sowie ein Überblick über die Terminologieverwaltungssysteme. Darauf aufbauend wird den Studierenden vermittelt, wie Terminologiebestände eigenständig zu recherchieren und in einer Terminologiedatenbank funktionsgerecht zu archivieren sind. (Vgl. das 3-Phasen-Modell bei Ahrens 1997.) Dabei muß ihnen immer wieder bewußt gemacht werden, daß Terminologie kulturspezifisch geprägt ist. Denn diese Kulturgebundenheit bestimmt auch die Methodik der Terminologiearbeit: Terminologie wird begriffsorientiert und zunächst unabhängig für Ausgangs- und Zielkultur erarbeitet. Erst im Anschluß erfolgt eine Zuordnung ausgangs- und zielkultureller Begriffe. Andernfalls besteht die Gefahr, daß kulturspezifische Merkmale der Zuordnung zum Opfer fallen und es zu einer Verfälschung der Aussage oder sogar zu Fehlern kommt.
Terminologieverwaltungssysteme bieten z. B. die Möglichkeit, neben Sachinformationen (wie Benennung, Synonym, Definition etc.) auch adressatenspezifische Angaben (Firmenjargon etc.) aufzunehmen. Es lassen sich unterschiedliche Kategorien von Informationen unterscheiden, die in einer translationsrelevanten Terminologiedatenbank aufgeführt werden müssen und/oder können. (Zum Aufbau einer Terminologiedatenbank vgl. Schmitt 1989 und Mayer 1998).
Terminologieverwaltung kann - vorsichtig ausgedrückt - auch als eine Art Vorstufe für maschinelle Übersetzungssysteme und/oder Translation Memories betrachtet werden, da in allen drei Fällen terminologische Bestände impliziert sind. Die Qualität einer maschinellen Übersetzung hängt von Umfang und Organisation der im jeweiligen MÜ-System integrierten Wörterbücher ab. Kenntnisse in der Terminologieverwaltung können bei der Beschäftigung mit maschineller Übersetzung und Translation Memories von Vorteil sein.
Eine häufig verwendete Alternative zur Terminologieverwaltung sind computergestützte Übersetzungstools, z. B. sogenannte Translation Memory Systems. Dabei handelt es sich um Systeme, in denen Übersetzungen bzw. Übersetzungsvarianten archiviert werden. Ein Translation Memory System 'merkt' sich einmal übersetzte Sätze oder Satzteile und bietet diese bei ähnlichen Übersetzungen als Übersetzungsvorschlag an. Werden später gleiche oder ähnliche Texte oder Textelemente übersetzt, kann auf die gespeicherten Informationen zurückgegriffen werden. Diese Systeme bieten u. a. den Vorteil der Einheitlichkeit und Terminologiekonsistenz, wenn mehrere Übersetzer an der Erstellung des Zieltextes beteiligt sind.
Lehrveranstaltungen im Bereich der maschinellen Übersetzung sind vermutlich
diejenigen Veranstaltungen, die momentan noch am wenigsten verbreitet sind.
Jedoch sollten auch sie nicht vernachlässigt werden, nicht zuletzt,
um den Studierenden die teilweise immer noch kursierende Angst zu nehmen,
ihr Arbeitsplatz sei gefährdet. Sicher hat die automatische
Übersetzung ihre Grenzen, doch kann sie auch hilfreich sein und sogar
Arbeitsplätze schaffen. Die maschinelle Übersetzung wird häufig
für die Anfertigung von Rohübersetzungen bemüht, um festzustellen,
ob ein Text für jemanden von Interesse ist. Anhand einer interessant
scheinenden Rohübersetzung wird eventuell positiv über die Vergabe
eines Übersetzungsauftrags entschieden. Darüber hinaus lassen sich
bei themenspezifischer Textwahl durchaus gute Ergebnisse erzielen. (Vgl.
z. B. die Übersetzung englischer Wetterberichte ins Französische
mit Hilfe des Systems Taum METEO der kanadischen Regierung.) Mögliche
Themen sind:
Diese Kenntnisse ermöglichen es den Studierenden zu entscheiden, in
welchen Fällen sich der Einsatz eines maschinellen Übersetzungssystems
lohnt, und kompetent zu argumentieren, wenn die Frage nach maschineller
Übersetzung aufgeworfen wird. In diesem Zusammenhang muß auch
auf Aspekte der Humanübersetzung hingewiesen werden, die für die
maschinelle Übersetzung relevant sind bzw. wertvolle Hinweise liefern
können. (Vgl. dazu Hauenschild + Heizmann 1997).
In Rudyard Kiplings Dschungelbuch geht es um den Jungen Mowgli, der von seinen Freunden systematisch in die Gesetze der Wildnis eingeweiht wird. So ist er in der Lage, sich im Dschungel zurechtzufinden und zu überleben.
Ähnlich wie Mowgli muß der Translator die Gesetze des Internet-Dschungels kennen und befolgen lernen, wenn er sich dort zurechtfinden will. Denn angesichts der Fülle der im Internet angebotenen Informationen und der täglich steigenden Zahl der Web Sites ist es schwierig und mitunter auch zeitaufwendig, bei einer Recherche tatsächlich brauchbare Ergebnisse zu erzielen. Zwar wird die Beschaffung von Informationen einerseits erleichtert, da elektronisch vorliegende Texte über das Internet schneller abrufbar sind und die Recherche somit zeitsparender ist als beispielsweise eine Fernleihe über die nächstgelegene Bibliothek; auch werden Informationen angeboten, an die früher nur schwer oder gar nicht heranzukommen war. (Ein einfaches Beispiel: Bekommt der Translator von einer Firma einen Übersetzungsauftrag, so hat er die Möglichkeit, sich über die Homepage der Firma Hintergrundinformationen über den Auftraggeber und dessen Corporate Identity etc. zu besorgen.) Andererseits müssen aber neue Recherchetechniken eingeübt werden. Läßt man sich ziel- und orientierungslos auf das Abenteuer Internet ein, so mag man vielleicht anfangs über die Menge und Vielfalt der Informationen staunen. Doch wird auch bald die Lust daran vergehen. Denn genauso vielfältig wie die Informationen sind die möglichen Suchstrategien. Nur die Beachtung bestimmter Regeln bei der Recherche führt zum Erfolg. Kenntnisse über Art und Weise möglicher Recherchestrategien und Möglichkeiten der Telekommunikation sind Voraussetzung für eine effektive Nutzung des Internets. Der Translator kann sich diesem neuen Medium nicht verschließen, wenn er - wie bereits erwähnt - konkurrenzfähig bleiben will.
Um die neuen Möglichkeiten der Auftragsabwicklung, Informationsrecherche und Kommunikation über das Internet nutzen zu können, müssen zunächst die rein technischen Voraussetzungen erfüllt sein: Der Translator muß sich einen Arbeitsplatz schaffen, der den neuen Anforderungen angepaßt ist. Darüber hinaus muß er wissen, welche Möglichkeiten ihm offenstehen und wie er sie - skoposadäquat - einsetzen kann: Wann ist welche Strategie sinnvoll? In welchen Fällen ist z. B. bei einer Recherche eine Suchmaschine hilfreich? Welche Suchmaschine sollte in einem gegebenen Fall eingesetzt werden? Welche Möglichkeiten gibt es außerdem? Etc.
Für translatorische Ausbildungsinstitutionen bedeutet dies: Die angehenden Translatoren müssen im Laufe ihres Studiums auf die neue Situation vorbereitet werden, indem ihnen in modern ausgestatteten Computerzentren - PC-Pools - die nötigen theoretischen und praktischen Kenntnisse und Fähigkeiten für einen möglichst optimalen Einsatz des Computers vermittelt werden.
Auf die rein technischen Voraussetzungen (Welche Hard- und Software-Mindestausstattung ist nötig um dem heutigen Standard zu entsprechen etc.?) soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden, da dies auch vom jeweiligen Anwender und dessen Wünschen und Anforderungen abhängt. (Detaillierte Informationen zur Hardware-Ausstattung finden sich bei Orschel 1998; eine Liste translationsrelevanter Software liefert Schmitt 1998.) Auch Einzelheiten zum Internetzugang sollen hier nicht weiter behandelt werden. (Zu Internetzugangsarten vgl. Zimmermann 1998.)
Wichtig ist, daß sich der Translator genau vorabinformiert, welche Hard- und Software-Voraussetzungen für seine persönlichen Zwecke, Anforderungen und Wünsche erforderlich sind.
Doch nun zu den Auswirkungen des Internets auf die translatorische Tätigkeit und den daraus resultierenden Folgen für die Ausbildung.
Der Einfluß der weltweiten Datenvernetzung und der damit verbundenen
Möglichkeiten zeigt sich in den folgenden drei Bereichen translatorischer
Tätigkeit:
Die Punkte (1) und (2) sind fester Bestandteil jeder translatorischen Handlung. Bei Punkt (3) - der Öffentlichkeitsarbeit - bleibt es dem einzelnen (noch?) überlassen, ob und in welchem Maß er sich auch in dieser Hinsicht dem neuen Medium Internet öffnet. Da jedoch eine gute Öffentlichkeitsarbeit nicht zuletzt auch der Anerkennung jedes translatorischen Handelns dient, wird sie hier ebenfalls dargestellt. Auch kann eine professionelle Präsentation translatorischer Tätigkeit(en) im Internet die gesellschaftliche Anerkennung des Translators in der Gesellschaft verbessern. (Zum Status des Translators vgl. Wußler 1998.)
Translatorisches Handeln als Kooperation zwischen Auftraggeber und Translator und Translator und Kollege(n) setzt Interaktion als "das in-beziehung-treten von 'partnern' in gegebener situation" (Vermeer 1983:14) voraus. Das Internet und die Möglichkeiten der Telekommunikation fördern diese Interaktivität, indem die an einem Translationsprozeß beteiligten Personen durch sie direkter und unmittelbarer miteinander in Beziehung treten bzw. kommunizieren (können).
Die Kommunikation über das Internet hat derart zugenommen, daß bereits vor einigen Jahren Verhaltensregeln im Internet, die sogenannte "Netiquette" (vgl. Rinaldi 1994) - Ratschläge zum verantwortungsvollen Einsatz des elektronischen Datenaustauschs - aufgestellt wurden.
Auftragsabwicklung und Kommunikation werden durch den Einsatz neuer Technologien stark beeinflußt und gefördert. Anrufbeantworter und Faxgerät gehören seit geraumer Zeit zur Standardausrüstung eines Translators. Mittlerweile werden jedoch Übersetzungsaufträge auch per Modem vergeben. Durch sogenannte Datenübertragungsdienste wie z B. FTP (= File Transfer Protocol) werden Dateien von einem Rechner zum anderen übertragen. Dies geht in einigen Fällen soweit, daß sich ein Translator - sofern nicht von ihm erwartet wird, daß er räumlich an seiner Arbeitsstelle anwesend ist und er über die nötige Technologie verfügt - seinen Arbeitsplatz quasi nach dem Freizeitwert aussuchen kann, wie mir ein Kollege kürzlich vorschwärmte. Umfangreiche Daten können in komprimierter Form per WinZip verschickt werden. Die Studierenden müssen diese Form des Ein- und Auspackens von Dateien lernen. Sie müssen wissen, wie sie Daten am besten weiterleiten.
Die wohl wichtigste Anwendung ist die elektronische Post. Per E-Mail können jederzeit Nachrichten und Daten zwischen den Gesprächspartnern ausgetauscht werden, auch ohne daß der Computer (anders als das Faxgerät) ständig eingeschaltet ist.
Daneben gibt es Diskussionsforen - Mailing Lists -, wie z. B. Lantra-L, ein Forum für übersetzungsrelevante Fragen. Um Zugang zu einem solchen Diskussionsforum zu erhalten, muß der Translator die Aufnahme durch einen Subscribe-Befehl beantragen. Jeder Diskussionsbeitrag wird an einen Moderator geschickt, der ihn an alle Teilnehmer weiterleitet. Der Moderator fungiert quasi als Filter für Nachrichten. Er entscheidet über die Weiterleitung, kann z. B. Beiträge zurückhalten, die nicht in das Forum passen, oder sorgt dafür, daß eine Kongreßmitteilung, die mehrfach eintrifft, nur einmal an alle Abonnenten der Liste weitergeleitet wird. Diskussionsforen ermöglichen einen schnellen Erfahrungsaustausch unter Kollegen.
Sogenannte Newsgroups stellen eine weitere Kommunikationsmöglichkeit dar. Dabei handelt es sich ebenfalls um Diskussionsforen, bei denen jedoch im Gegensatz zu einer Mailing List Beiträge ungefiltert weitergeleitet werden, was u. U. zu einer geringeren Qualität der Beiträge führen kann.
Ein Aspekt, der sowohl unter der Auftragsabwicklung als auch der Informationsbeschaffung zu sehen ist, ist die Möglichkeit des Auftraggebers, sich online den Translator zu suchen, den er für seine Zwecke benötigt. Translatoren sind häufig in verschiedenen Berufsorganisationen und Übersetzungsagenturen vertreten. Diese Organisationen wiederum stellen ihre Dienste im Internet zur Verfügung, indem sie z. B. die Nutzung von Datenbanken anbieten, über die ein Auftraggeber sich einen Translator nach verschiedenen Kriterien, wie Arbeitssprache und/oder Wohnort, oder auch gezielt nach einem empfohlenen Translator suchen kann. Auch die Vermittlung von Translatoren durch internationale Übersetzungs- und Dolmetschagenturen ist über das Internet möglich.
Der große Vorteil des Internet liegt darin, daß Informationen 24 Stunden am Tag verfügbar sind, ein hohes Maß an Aktualität bieten - dies hängt natürlich von den jeweiligen Autoren und dem sogenannten Webmaster ab - und jederzeit heruntergeladen werden können.
Texte im Internet entsprechen dem Prinzip der Hypertextstruktur, d. h., in Text oder Graphiken, Audio- und Videosequenzen sind Verweise (Links) zu anderen Dokumenten eingebettet. Diese Links sind einerseits interessant, da sie die Verbindung zu weiteren Informationen darstellen, andererseits bergen sie u. U. auch die Gefahr, daß man beim kontinuierlichen Verfolgen der Verweise immer tiefer in das Dickicht der Informationen gerät und irgendwo endet, wo man doch eigentlich gar nicht hin wollte.
Das heißt, der Translator muß eine neue Art des Lesens (und Ordnens von Informationen) lernen. Er wird (auf)gefordert, mit einer zunehmenden Fülle von Texten, Graphiken und Animationen (Ton und Video) fertig zu werden. Entscheidungsprozesse müssen getroffen werden: Welchem Link soll der Translator (immer gebunden an seinen Auftrag) nachgehen? Die Links können eine weltweite Recherche einleiten: Sie führen zu Informationen, die auf demselben Rechner liegen, oder zu Texten, die von einem anderen Rechner im Internetverbund angeboten werden. Auf diese Weise kann eine in Deutschland begonnene Informationsrecherche z. B. über Rechner in Frankreich, Spanien, Amerika bis hin nach Australien führen. Weltweite Kommunikation.
Hintergrundinformationen, wie Paralleltexte, Wörterbücher, Terminologiedatenbanken und sonstige Dokumentationen in der jeweiligen Ausgangs- und Zielsprache, sind schnell verfügbar bzw. abrufbar. (Bei dieser Aussage liegt die Betonung auf der speziellen Situation des einzelnen Translators. Zu ergänzen wäre, daß Informationen häufig auch multilingual zur Verfügung stehen.)
Bei der Informationsrecherche ist es von entscheidender Bedeutung, daß sich der Translator mit den Recherchetechniken auskennt und sie gezielt einsetzen kann. Auf Grund der Menge und Vielfalt der Informationen sind (fast schon) pfadfinderische Strategien nötig, um genau die Information zu finden, die man sucht. Sonst ist das Resultat der bereits mehrfach gehörte Einwand: "Man verliert viel zuviel Zeit beim Suchen." Kennt sich der Translator nicht mit bestimmten Suchstrategien aus, so wird er kaum - oder zumindest erst nach langer Suche - relevante Informationen finden.
Ein einfaches Beispiel: Ich suche Informationen zu einer fachbezogenen Zeitschrift und gebe als Suchbegriff den Namen der Zeitschrift an. Resultat: Es werden alle Dokumente gezeigt, in denen dieser Name auftaucht, sprich: z. B. jedes (vorausgesetzt natürlich: online-verfügbare) Literaturverzeichnis, in dem die Zeitschrift zitiert wird. Das beflügelt nicht gerade. Das Problem bei der Suche ist also: Durch einfache Stichworte werden zu viele Suchbegriffe gefunden; die Trefferquote ist zu hoch, um allen gefundenen Informationen nachzugehen. Häufig ist ein Teil der Informationen auch irrelevant. Mit anderen Worten: Der Translator muß wissen, wie er die Trefferquote einschränken kann. Er muß entsprechende Suchbefehle kennen, wie z. B. die Kombination verschiedener Suchbegriffe, die Verknüpfung von Suchbegriffen durch logische Operatoren (und, oder, nicht, und nicht) etc.
Die Suche und Abfrage von Informationen kann über Suchprogramme, die Eingabe eindeutiger sogenannter URL-Adressen (URL = Uniform Ressource Location), die genannten Links oder auch eine Kombination von Raten und Kombinieren ablaufen.
Im Internet lassen sich zunächst einmal zwei Suchsysteme
unterscheiden:
Kataloge dienen einer (vom Umfang etwas eingeschränkten) thematischen Suche, Suchmaschinen werden genutzt, um nach Namen, Individualbegriffen, Internet-Adressen, aber auch thematischen Aspekten zu suchen.
Eine weitere Möglichkeit liegt durchaus auch im Raten und Kombinieren: Die Grundstruktur einer Adresse, z. B. http://www.name.de, weist darauf hin, daß u. U. bei der Suche nach bestimmtem Firmen-/Organisations-/Institutions- etc. Material auch einfach mal der betreffende Name in der Adresse eingefügt werden kann. Häufig benutzte Adressen können als Bookmarks gespeichert werden.
Eine weitere Möglichkeit der Informationsbeschaffung ist der Zugang zu Bibliothekskatalogen. Bibliographische Recherchen, die früher oft mühsam waren und ganze Tage in Anspruch nahmen, sind nun innerhalb von Minuten möglich. Fast alle großen Bibliotheken verfügen heute über einen Online Public Access Catalogue (OPAC). Diese sekundären Quellen - sekundär, da sie nicht selbst die Information (in diesem Fall das Buch) enthalten, sondern lediglich einen Nachweis (hier: die Literaturangabe) anderer Informationen darstellen - werden ergänzt durch primäre Quellen, die die Informationen selbst enthalten, wie z. B. Archive und virtuelle Bibliotheken. Texte, einschließlich Tabellen und Graphiken werden hier elektronisch gespeichert. Mehrere Bibliotheken führen ihre Dienstleistungen in einem einheitlichen elektronischen Angebot zusammen (z. B. in der virtuellen Bibliothek Karlsruhe/Deutschland). Werke der Weltliteratur, wie z. B. Shakespeare, sind über das Internet abrufbar. (Vgl. das 1971 initiierte Gutenberg-Projekt, in dessen Rahmen Texte der Weltliteratur der Öffentlichkeit in elektronischer Form zugänglich gemacht werden.)
Auch Hochschulen bieten nach und nach Material zu Studiengängen und Lehrveranstaltungen über das Internet an: Allgemeines Informationsmaterial, Kursunterlagen, Style Sheets und Leitfäden für wissenschaftliches Arbeiten etc. können heruntergeladen werden.
Das Electronic Publishing spielt eine immer größere Rolle. Bei gedruckten Werken ist häufig mit einer größeren Zeitspanne zwischen Manuskriptvorlage und endgültiger Drucklegung zu rechnen. In der elektronischen Version können noch in letzter Minute - und auch nach der eigentlichen Publikation in regelmäßigen Abständen - aktuelle Änderungen und/oder Ergänzungen vorgenommen werden.
Eine besonders für Translatoren wichtige Informationsquelle stellen zweifellos online-verfügbare Übersetzungsdienste und Terminologiedatenbanken, wie z. B. die Datenbank EURODICAUTOM der EU-Kommission, dar. Auch die meisten Ausbildungsinstitutionen, Berufsorganisationen etc. haben heutzutage ihre eigene Homepage mit Links zu Datenbanken und sonstigen translationsrelevanten Informationen im Internet. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Initiative, Terminologiediplomarbeiten online zur Verfügung zu stellen. (Vgl. die Terminologiedatenbank am Institut für Übersetzer- und Dolmetscherausbildung der Universität Innsbruck.) Diese Arbeiten - die bisher meist in den Archiven der jeweiligen Institutsbibliothek liegen und für Außenstehende nicht oder nur unter erschwerten Bedingungen zugänglich sind -, können eine gute Recherchequelle sein, da sie sich intensiv mit einem speziellen Thema befassen.
Übrigens, ein nicht zu unterschätzender Faktor: Angesichts des weltweiten Online-Informationsangebots ist es wichtig, den Studierenden die Zitierweise elektronischer Quellen zu vermitteln. Hierzu findet sich auch im Internet eine ganze Reihe von Quellen (vgl. z. B. Excerpts from International Standard ISO 690-2. Information and documentation - Bibliographic references - Part 2: Electronic documents or parts thereof [1999]).
Das Internet bietet dem Translator die Möglichkeit, eine eigene Homepage im Global Village anzubieten, um für die jeweils angebotenen Dienstleistungen zu werben. Nebenbei bemerkt: Auch auf diesen Seiten finden sich häufig weitere Links unter dem Stichwort Online-Ressourcen für Übersetzer und Dolmetscher. Eine seriöse Homepage mit relevanten Informationen und Hilfen zur Nutzung weiterer Informationsquellen dient auch der Anerkennung translatorischer Tätigkeit.
Kenntnisse über Organisation und Struktur des Internet und diverser Suchmittel und -strategien sind auch hier schon deshalb erforderlich, damit es nicht zu unliebsamen Überraschungen führt, wenn eine eigene Homepage in das Internet gestellt wird. Ich denke dabei an eine Kollegin, die einen Übersetzungsdienst im Internet unter dem Namen Web Translation Service anbieten wollte und feststellen mußte, daß auf eine entsprechende Suche die Trefferquote je nach Suchbefehl zwischen 68 und 84.340 Einträgen lag.
Die Erstellung einer eigenen Homepage kann der Translator entweder selbst vornehmen, oder er läßt dies durch entsprechende Dienste oder Personen erledigen, die sich darauf spezialisiert haben. In diesem Fall liefert er die Textgrundlage, indem er die entsprechenden Texte, Graphiken und Informationen - in elektronischer Form, versteht sich - zur Verfügung stellt. Die Dateien werden dann in den html-Code (html = Hyper Text Markup Language) - die Sprache des Internet - konvertiert und über ein Netzwerk oder einen Internet-Provider im Internet angeboten.
Die Erstellung von Homepages wirkt sich auch auf die Weiterentwicklung von Textverarbeitungsprogrammen aus. So ist es z. B. in der Textverarbeitung Word for Windows 97 möglich, einen Text als html-Datei zu speichern. (Was allerdings nicht bedeutet, daß nicht trotzdem noch spezielle html-Editierprogramme verwendet werden müssen.) Dazu gehören auch bestimmte Formatierungen, wie z. B. die Einbettung von Hintergrundfarben und Animationen in den Text. Hier können Kenntnisse des Desktop-Publishing - natürlich speziell auf Online-Dokumentationen bezogen - von Nutzen sein. Bei der optischen Gestaltung von Web Sites gelten andere Richtlinien als für gedruckte Texte. Das im Gegensatz zu Druckversionen unterschiedliche Leseverhalten von Online-Texten (vgl. oben) muß bei Texterstellung und -gestaltung berücksichtigt werden: Die Informationen müssen anders strukturiert werden. Komplizierte Graphiken auf der Eingangsseite, die die Ladezeit einer Web Site verzögern, führen dazu, daß der Anwender schnell die Geduld verliert und darauf verzichtet, die betreffende Seite aufzurufen. Informationen gleicher Art sollten auch farblich auf gleiche Weise hervorgehoben werden. Und vieles mehr. Übrigens, auch ständige Aktualisierungen können das Interesse an einer Internet-Seite steigern. Sofern der Translator selbst die Erstellung der Seiten vornimmt, muß er mit der entsprechenden Software, sogenannte html-Editierprogrammen vertraut sein.
Damit die einmal erstellte und im Internet angebotene Seite nun aber auch angezeigt wird, wenn jemand bestimmte Suchbegriffe angibt, muß sie bei den bereits erwähnten Suchmaschinen und -katalogen angemeldet werden. Dies kann entweder direkt bei den einzelnen Suchmaschinen erfolgen oder aber wiederum, indem bestimmte Dienste in Anspruch genommen werden, die diese Arbeit erledigen. Dabei lassen sich Dienste unterscheiden, die kostenlos sind, andere, die zwar kostenlos sind, jedoch erwarten, daß sie durch eine sogenannte Bannerwerbung auf der Homepage genannt werden, und Dienste, die sich ihre Tätigkeit vergüten lassen. Bei letzteren geschieht dann die Anmeldung bei mehreren 100 nationalen und internationalen Suchmaschinen, während die kostenlosen Dienste die Homepage bei ca. 30-70 Suchmaschinen anmelden.
Für die Ausbildung bedeutet dies: Der Translator sollte mit den Grundlagen der Kodierung von Texten im html-Code vertraut sein, sofern er selbst die html-Version seiner Texte erstellt; auch Kenntnisse im Web-Design sind in diesem Fall nötig. Unabhängig davon, ob er selbst oder ein anderer die Homepage erstellt, sollte er mit den Darstellungsmöglichkeiten und der Struktur von Texten im Internet vertraut gemacht werden, um eine professionelle Darstellung seiner Tätigkeit zu gewährleisten. Der Translator weiß selbst am besten, wie seine Tätigkeit aussieht und welche Informationen für potentielle Auftraggeber relevant sind.
In Übersetzer-/Dolmetscherkreisen wird häufig beklagt, daß es sich bei "Übersetzer"/"Dolmetscher" nicht um eine geschützte Berufsbezeichnung handelt. Jeder, der meint eine Sprache zu können, darf sich Übersetzer nennen. Der Translator wird in diesen Fällen oft mit dem Argument vertröstet, daß ihm immer noch der Schutz durch die Bezeichnung Diplom-Übersetzer oder Diplom-Dolmetscher bleibt. Hier stellt sich die Frage, wie der potentielle Auftraggeber dies sieht: Entscheidet er sich für den ausgebildeten Translator oder für den 'Freizeitübersetzer', der ihm die Übersetzung billiger anbietet? Aufklärungsarbeit kann und muß in erster Linie der Translator selber leisten. Die eigene Homepage ist in dieser Hinsicht eine gute Hilfe. Sie sollte jedoch professionell erstellt und gestaltet sein. Die Erstellung fehlerfreier Texte ist eine Selbstverständlichkeit. Ein positiver Eindruck des Lesers einer Homepage kann schnell zunichte gemacht werden, wenn er - auf der Eingangsseite einer Übersetzungs- und Dolmetschagentur - liest: "[XYZ] ist eine prefessionelle [sic] Übersetzungs- und Dolmetschagentur mit ...".
Voraussetzung einer Ausbildung, die den angehenden Translator darauf vorbereitet, sich im Dschungel der Informations- und Kommunikationsvielfalt zurechtzufinden, ist die Ausstattung der Ausbildungsinstitutionen mit moderner Hard- und Software. Es werden moderne Multimedia-Rechner mit Internet-Zugang benötigt. Dabei sollte in einer Lehrveranstaltung möglichst jedem Studierenden ein eigener Computer zur Verfügung stehen. Die jeweils erträgliche Anzahl der Studierenden pro Kurs richtet sich nach dem jeweils erforderlichen Übungsmaß. Die Ausbildungsinstitutionen müssen ständig den Blick auf die Berufspraxis richten und versuchen, den Studierenden die erforderliche Medienkompetenz mit auf den Weg zu geben, indem sie für die Einrichtung bzw. Erweiterung moderner Computerzentren nötigenfalls auch kämpfen. Die Ausbilder müssen sich den neuen Anforderungen stellen.
Die zentrale Frage für Ausbildungsinstitutionen lautet dann: Welche Kenntnisse können bzw. müssen wie vermittelt werden? Ganz allgemein lautet die Antwort: Die Studierenden müssen lernen, wie sie die neuen Medien nutzen und sich - allgemein und translationsbezogen - im Internet zurechtfinden können. Es geht in erster Linie nicht darum, ihnen zu zeigen, wo spezielle Informationen, z. B. zur Textilindustrie, vorhanden sind. Derart spezielle Recherchen lassen sich gezielter in Fachübersetzungsübungen als exemplarisches Beispiel für einen ganz speziellen Translationsauftrag durchführen. (Fachübersetzungsübungen sind hervorragend für Lehrveranstaltungen direkt am Computer geeignet.) Mir scheint es zunächst wichtiger zu sein, den Studierenden Quellen für Online-Ressourcen (z. B. Homepages von Ausbildungsinstitutionen mit Links zu anderen Ausbildern, Berufsorganisationen, Bibliothekszugängen, Terminologiesammlungen, fachübersetzungsrelevanten Dokumentationen, Veranstaltungen etc.) zu zeigen und sie mit Recherchetechniken vertraut zu machen. Von dort aus können die Studierenden sich den Weg durch den Dschungel weiter bahnen. Dabei lassen sich je nach Art der Lehrveranstaltung durchaus unterschiedliche Informationsquellen heranziehen. Der Hinweis auf Quellen mehr allgemeiner Art, z. B eine Seite mit Links zu verschiedenen Wörterbüchern, bietet sich für eine fächer-/sprachenübergreifende Lehrveranstaltung im Bereich der Text- und Datenverarbeitung an; der Hinweis auf Wörterbücher speziell zu einem Fachgebiet gehört eher in eine Fachübersetzungsübung.
In bezug auf Recherchetechniken müssen die Studierenden eine entsprechende Internet-Recherchekompetenz erwerben, die es ihnen ermöglicht zu entscheiden, auf welchen Pfad sie sich begeben. Ist es - in einer gegebenen Auftragssituation - z. B. besser, eine Suchmaschine oder einen Suchkatalog anzusprechen? Welchen Suchbefehl gebe ich ein, um Terminologie und/oder Paralleltexte zu einem bestimmten Fachbereich zu finden?
Die Infomationsrecherche kann also in drei Phasen betrieben werden. In einer ersten Phase müssen den Studierenden die Grundlagenkenntnisse der Nutzung der neuen Technologien vermittelt werden: allgemeine Recherchestrategien. In einer zweiten Phase wird die Recherche translationsrelevant, d. h. spezifisch auf die Bedürfnisse des Translators, ausgerichtet: Recherche nach Online-Ressourcen für Übersetzer /Dolmetscher. In einer dritten Phase schließlich können/müssen diese Kenntnisse in andere Lehrveranstaltungen (Landeskunde, Fachübersetzung, Ergänzungsfächer) integriert und ganz gezielt betrieben werden. Eine besonders gute Möglichkeit, die Recherchierkompetenz unter Beweis zu stellen, ist die Anfertigung von Seminar- und Diplomarbeiten.
Zeitlich betrachtet lassen sich Veranstaltungen in unterschiedlichen Phasen der Text- und Datenverarbeitung einordnen, wie die folgende Skizze der Computerausbildung für Translatoren zeigt (vgl. Abb. 2). Die Recherchekompetenz kann bereits zu Beginn einsetzen, z. B. in einer einführenden Veranstaltung zum wissenschaftlichen Arbeiten. Sie sollte allerdings erst einsetzen, nachdem bereits computerbezogene Basiskenntnisse vorhanden sind. Thema einer solchen Veranstaltung wäre eine allgemeine Einführung in Wesen und Struktur des Internet sowie eine Einführung in allgemeine Suchstrategien. Später kommen dann Veranstaltungen mit weiterführenden translationsrelevanten bzw. gezielten Recherchetechniken (in Verbindung mit Textverarbeitung und Terminologiearbeit) und Möglichkeiten der Auftragsabwicklung und Öffentlichkeitsarbeit hinzu.
Ausgehend von den oben genannten Bereichen, in denen das Internet für
die translatorische Tätigkeit relevant ist, lassen sich folgende Komponenten
aufführen:
Vorausgehen sollte eine Einführung in Wesen und Struktur des Internet:
Was ist das Internet? Wo liegen seine Möglichkeiten, seine Grenzen?
Auch ein geschichtlicher Überblick und ein Einblick in die oben
erwähnte "Netiquette" (Rinaldi 1994) können das Verständnis
für das neue Medium fördern. (Zu Techniken des Internet vgl. Scheller
et al. 1994.)
Übrigens, der Homepage eines Translators kommt insofern eine besondere
Bedeutung zu, als sie in allen drei Bereichen eine Rolle spielen kann: Sie
fördert die Kommunikation, indem sie den Kontakt zu Translatoren/Kollegen
ermöglicht; sie kann bei der Recherche von Nutzen sein, da der jeweilige
Besitzer der Homepage häufig Links zu verwandten Themen aufführt;
sie dient der Öffentlichkeitsarbeit, da sie Aufschluß gibt über
die Tätigkeit und die Dienstleistungen eines Translators und dadurch
auch seinen Status in der Gesellschaft verbessern kann.
Abb. 2 stellt zusammenfassend dar, an welcher Stelle des Curriculums spezielle
Internet-Veranstaltungen eingeführt werden können. Ziel ist es,
die Studierenden zu befähigen, selbständig und professionell mit
dem Medium Internet umzugehen, und es für translatorische Zwecke nutzen
zu können.
Eine vielversprechende Initiative im Bereich der Text- und Datenverarbeitung für Translatoren stellt auch das von der EU geförderte Projekt LETRAC (Language Engineering for Translator Curricula, LE4-8324) dar, dessen Ziel es ist, die Sprachdatenverarbeitung zu einem integrierten Bestandteil der Übersetzer- und Dolmetscherausbildung zu machen. Das Bewußtsein um die Bedeutung der sprachtechnologischen Komponenten in der translatorischen Tätigkeit soll gestärkt werden, um auf allen Seiten größere Akzeptanz in bezug auf die Text- und Datenverarbeitung bei der translatorischen Tätigkeit zu erzielen. Ausbildungsinstitutionen könnten hier bezüglich der Mittel für eine translationsgerechte Ausstattung ihrer PC-Pools profitieren. An dem Projekt (Laufzeit: Januar 1998 - März 1999) sind sechs europäische Universitäten (Deutschland: Universität des Saarlandes, Saarbrücken; Universität Mainz, Fachbereich Angewandte Sprach- und Kulturwissenschaft in Germersheim; Spanien: Universitat Pompeu Fabra, Barcelona; Portugal: Universidade do Porto, Porto; Griechenland: $I¾miot Pamepirs-lio (Ionian University), Korfu; Dänemark: Århus Business School, Århus), die CIUTI und der Übersetzungsdienst der Europäischen Kommission beteiligt. Hauptkoordinator ist das Institut der Gesellschaft zur Förderung der Angewandten Informationsforschung e. V an der Universität Saarbrücken.
Die gegenwärtige translatorische Ausbildung - so die Annahme - wird den neuen medientechnischen Anforderungen im Beruf nicht mehr gerecht und führt zu einer zunehmenden Diskrepanz zwischen Beruf und Ausbildung. Durch Untersuchungen, Analysen und Evaluierung der Ergebnisse im Rahmen des Projekts sollen diese Lücke geschlossen und gleichzeitig (unter Berücksichtigung des unterschiedlichen juristischen und kulturellen Umfelds der beteiligten Länder) eine gemeinsame Basis mit Standardmodulen für eine sprachtechnologische Ausbildung von Translatoren geschaffen werden. Die meisten Ausbildungsinstitutionen bieten zwar - wie bereits erwähnt - Lehrveranstaltungen in Text- und Datenverarbeitung an, doch bedingt durch unterschiedliche Studien- und Prüfungsordnungen, die jeweilige technische Ausstattung und auch das vorhandene Lehrpersonal (mit unterschiedlicher Vorbildung und unterschiedlichen Interessen) hat sich hier noch kein Standard durchgesetzt, der als Maßstab gelten könnte. Die bisherige Ausbildungssituation hat sich mehr aus der Grundannahme "ohne Computer geht es heute nicht mehr" heraus entwickelt und wurde dann ad hoc nach den jeweiligen Gegebenheiten ausgebaut. Diese Aussage soll natürlich bisher Unternommenes und Erreichtes nicht schmälern. Doch fehlen bisher detaillierte Marktanalysen, die Aufschluß darüber geben, welche sprachtechnologischen Komponenten in welchem Umfang und für welche Situation (für welchen Zweck) relevant sind.[4] LETRAC untersucht die gegenwärtige Ausbildungssituation der Sprachdatenverarbeitung für Übersetzer, den Einsatz relevanter Hard- und Software im Beruf und die Anforderungen potentieller Arbeitgeber. Zu diesem Zweck wurde u. a. eine umfangreiche Fragebogenaktion mit unterschiedlichen detaillierten Fragebögen für Industrie, Übersetzungsagenturen, freiberufliche Übersetzer, Ausbilder und Studierende durchgeführt. Durch diese Differenzierung der Adressaten, an die sich die Fragebögen wenden, können die unterschiedlichen Bedürfnisse berücksichtigt werden. Die Ergebnisse der Untersuchungen werden (wiederum unter Berücksichtigung des juristischen und kulturellen Hintergrunds des jeweiligen Landes) miteinander verglichen, analysiert und evaluiert. Auf der Grundlage der so gewonnenen Erkenntnisse soll eine Studienkomponente entwickelt werden, in deren Rahmen die Lehrveranstaltungen systematisiert und den aktuellen Bedürfnissen der Praxis angepaßt werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Veränderung des Übersetzer-/Dolmetscherarbeitsplatzes, die bereits in den Ausführungen zur Auswirkung des Internets auf die translatorische Tätigkeit deutlich wurde. Der Translator hat es nicht mehr nur mit seinem lokalen Umfeld zu tun, sondern muß sich im globalen Netz bewegen können.
Information Technology und Language Engineering repräsentieren die beiden Hauptkomponenten des Projekts: In diesem Zusammenhang werden die Bereiche Telekommunikation, Internet, Desktop-Publishing, Terminologiemanagement und maschinelle Übersetzung genannt:
"Tomorrow's translator will not only work with what his local machine or company network provides him with, but will have to know how and where to find resources on the web. He must be able to handle these resources and information systems in general, he has to use desktop publishing systems, machine translation systems, machine aided translation systems, CD-ROM dictionaries, terminological databases, terminology management systems, controlled languages, tools for controlled languages, syntax and spelling checkers, translation memories and many more. It would even be desirable that translators as the users of these tools and techniques participate in the development of these tools and techniques." (The Letrac Project (1998), http://www.fask.uni-mainz.de/inst /iaspk/letrac.html
Es geht also zum einen um die Nutzung des Internet als wichtige Informationsquelle, zum anderen um Konzepte und Anwendungen der Sprachdatenverarbeitung. Wichtig scheint mir hier auch die Aussage, Translatoren sollten nach Möglichkeit bei der Entwicklung der erforderlichen Tools und Techniken mitwirken. Denn: Der Translator weiß am besten, was er benötigt. Er sollte sich nicht scheuen, dies auch öffentlich zu äußern, anstatt resigniert zu sagen "das scheint wohl nicht möglich zu sein".
Zur Sprache kommen auch Fälle, in denen der Translator die Aufgaben eines Technical Writers übernimmt. Er übersetzt keinen Ausgangstext im herkömmlichen Sinn, sondern erstellt auf Grund von Informationen einen Text in einer gegebenen Zielkultur. Durch entsprechende Lehrveranstaltungen, kann der angehende Translator eine Zusatzqualifikation erwerben.
Ende März hat LETRAC eine Empfehlung über Art und Umfang der Ausbildungsmodule veröffentlicht. Einzelheiten können der LETRAC Homepage (http://www.iai.uni-sb.de/LETRAC/home.html) entnommen werden.
Ahrens, Helga (1997) "Der Computereinsatz in der Ausbildung von Übersetzern und Dolmetschern unter Berücksichtigung translationsrelevanter Aspekte", in: Fleischmann, Eberhard + Kutz, Wladimir + Schmitt, Peter A. (eds.) Translationsdidaktik. Grundfragen der Übersetzungswissenschaft. Tübingen: Narr, 344-351.
Alanen, Anukaisa (1996) The translator and the current services of the Internet [Proseminar paper], http://www.uta.fi/ ~tranuk/prosemc.htm (Stand: April 1996).
Excerpts from International Standard ISO 690-2 Information and documentation - Bibliographic references - Part 2: Electronic documents or parts thereof (1998), http://www.nlc-bnc.ca/iso /tc46sc9/standard/690-2e.htm (Stand 10.2.1999).
LETRAC Language Engineering for Translators Curricula (1998), http://www.iai.uni-sb.de /LETRAC/home.html (Stand: Februar1998).
The Letrac Project (1998), http://www.fask.uni-mainz.de/inst/iaspk/letrac.html (Stand: 19.11.1998).
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© Helga Ahrens 1999
(Die Autorin dankt dem TEXTconTEXT-Verlag Heidelberg für die Genehmigung zur Publikation im Internet.)
[1] Überarbeitete Fassung eines Vortrags anläßlich des EST-Kongresses vom 23.-26. September 1998 in Granada.
[2] In diesem Zusammenhang plädiere ich dafür, daß eine Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten zur Pflichtveranstaltung im translatorischen Curriculum deklariert wird, da es den Studierenden hier nachweislich an entsprechenden Kenntnissen (z. B. beim Bibliographieren und Zitieren sowie bei der formalen Gestaltung eines Referats etc.) fehlt. Im Gegensatz zu den Veranstaltungen der Text- und Datenverarbeitung, deren Bedeutung die Studierenden erkannt haben, scheint die Beschäftigung mit wissenschaftlicher Arbeit eher einen abschreckenden Effekt zu haben.
[3] So lassen sich je nach technischer Ausstattung und personeller Besetzung Unterschiede feststellen: Am Institut für Übersetzen und Dolmetschen der Universität Saarbrücken ist beispielsweise die maschinelle Übersetzung stärker vertreten. Am Institut für Translationswissenschaft der Universität Tampere (Finnland) stehen Veranstaltungen im Desktop-Publishing auf dem Lehrplan.
[4] Ein Indiz für die Bedeutung der Text- und Datenverarbeitung sind übrigens auch die Umfragen des BDÜ zur Erstellung des Mitgliederverzeichnisses, in denen neben Angaben zur 'Themenspezialisierung' auch Hard- und Softwareausstattung der Übersetzer und Dolmetscher abgefragt werden.
Letzte
Bearbeitung: 12. Mai 1999
Erstellt
und bearbeitet von Helga
Ahrens.
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des FASK *
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Informationen zur EDV